Klavierspieler Lang Lang Ich wollte immer Nummer Eins sein

Lang Lang, 28, ist einer der besten Klavierspieler der Welt. Doch den Erfolg musste er sich hart erarbeiten - mit stundenlangem Training seit seinem zweiten Lebensjahr. Sein Vater gab sogar seinen Beruf auf, um Lang in Peking das Studium zu ermöglichen.

AFP

Eine Folge von "Tom & Jerry" hat schon früh mein Leben verändert: In einer Episode versteckt sich die Maus Jerry vor dem Kater Tom in einem Klavier, und Tom spielt dann ein Lied auf dem Instrument, um Jerry zu fangen. Toms Finger bewegen sich wahnsinnig schnell, und die Musik dazu ist wunderschön. So schnell wollte ich meine Finger auch bewegen und ein so tolles Stück spielen können. Damals war ich nicht mal zwei Jahre alt, trotzdem stand ab diesem Tag für mich fest: Ich will Pianist werden. Meine Eltern hatten ein kleines, einfaches Klavier zu Hause stehen, sie waren nämlich früher auch einmal Musiker.

Ich habe dann jeden Tag geübt, und irgendwann hat mein Vater gesagt, dass ich Talent und ein sehr gutes Ohr für Musik habe. Ich bekam Unterricht.

Mit sechs Jahren sah mein Tagesablauf so aus: 5.45 Uhr aufstehen, eine Stunde Klavier spielen. 7 Uhr Schule, mittags kurz essen und dann 45 Minuten Klavier spielen, wieder Schule. Nachmittags zwei Stunden üben, dann schnell abendessen, dabei durfte ich auch mal Fernsehen schauen. Danach wieder zwei Stunden Klavier spielen, Hausaufgaben, schlafen.

Neben dem Klavier hatte ich noch andere Hobbys: Fußball mochte ich und Comics. Aber vor lauter Schule und Klavier üben hatte ich kaum Zeit zum Spielen, was ich heute schade finde. Ich war auch ein sehr schüchterner Junge und hatte nur wenige Freunde.

"Ich wollte abends gar nicht mehr aufhören zu spielen"

Als ich sieben Jahre alt war, bin ich mit meinem Vater auf einen Klavierwettbewerb außerhalb unserer Stadt gefahren, das war das erste Mal, dass ich überhaupt unseren Heimatort verlassen habe. Der erste Preis war ein richtiges Klavier, kein so kleines, wie wir zu Hause hatten. Also wollte ich unbedingt gewinnen. Aber ich bin nur Siebter geworden, da war ich so wütend, dass ich geschrien und geweint habe. Auch den Trostpreis, einen gelben Stoffhund, wollte ich nicht annehmen. Von diesem Tag an habe ich noch mehr geübt als vorher.

Bald war ich in unserer Heimatstadt ein berühmter Klavierspieler. Doch die beste Klavierschule in China ist das Konservatorium von Beijing. Mein Vater wollte unbedingt, dass ich dort aufgenommen werde, deswegen hat er seinen Job als Polizist aufgegeben und ist mit mir in die Großstadt gezogen. Meine Mutter konnte nicht mitkommen, sie musste weiterhin als Telefonistin arbeiten, um unsere Familie zu ernähren.

Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Mutter und war furchtbar traurig. Mein Vater und ich sind in eine kleine, dreckige Wohnung in Beijing gezogen und hatten kaum genug Geld zum Essen. Wenn ich im Winter Klavier geübt habe, hat mein Vater mir meine und seine Winterjacke umgehängt und meine Hände und Füße warmgerubbelt. Ich wollte abends gar nicht mehr aufhören zu spielen, damit ich nicht im kalten Bett frieren musste.

"In Deutschland waren die Leute netter"

Ein Jahr lang habe ich für die Aufnahme im Konservatorium von Beijing geübt. Jedes Jahr bewerben sich dort 2500 Kinder aus ganz China, es gibt aber nur 12 Plätze. In der Nacht vor der Prüfung konnte ich gar nicht schlafen, und kurz vor meinem Vorspiel war ich furchtbar nervös. Ich hab mir dann vorgestellt, dass meine Lieblingscomicfigur, der Affenkönig aus einem chinesischen Cartoon, neben mir auf dem Klavierschemel sitzt. Dann ging es viel besser, und ich habe so gut ich konnte gespielt. Es hat funktioniert: Ich war die Nummer eins von allen Bewerbern.

Später durfte ich zu einem Wettbewerb nach Deutschland. Ich war zwölf Jahre alt, und mein Vater und meine Klavierlehrerin sind mit mir gekommen, es war das erste Mal, dass ich geflogen bin. In Deutschland haben mir besonders der blaue Himmel und die saubere Luft gefallen, und die Leute waren auch viel entspannter als in Beijing. Dort ist immer alles so hektisch. Ich war bei einer sehr netten deutschen Gastfamilie untergebracht, ihr Sohn hatte einen Gameboy, mit dem durfte ich auch spielen, das war das Beste. Auch diesen Klavierwettbewerb habe ich gewonnen.

Als ich 14 Jahre alt war, bin ich an einer sehr guten Musikschule in den USA angenommen worden, dem Curtis-Musikinstitut, und bin mit meinem Vater nach Philadelphia gezogen. Das Leben war sehr anders als in China: Die Jugendlichen hörten keine klassische Musik, sondern HipHop und Rap, und die Lehrer waren auch nicht so streng.

Jahrelang habe ich für wenig Geld in amerikanischen Dörfern gespielt, bis meine große Chance kam: Der Klavierspieler im berühmten Symphonieorchester von Chicago war erkrankt, und ich habe morgens einen Anruf bekommen, dass ich noch am selben Abend für ihn einspringen solle. Das war mein großer Durchbruch: Nach meinem letzten Ton brachen 30.000 Zuhörer in tobenden Applaus aus.

Seit diesem Tag lebe ich sozusagen in Hotelzimmern und darf vor Zuhörern in der ganzen Welt spielen. Dieses Glück, zu dem mir die Musik verholfen hat, möchte ich gern an andere Kinder weitergeben. Mir ist in den vergangenen Jahren so viel Gutes passiert, daran möchte ich andere teilhaben lassen. Deswegen habe ich eine Stiftung gegründet und unterstütze junge Musiker, wir üben und spielen gemeinsam auf Konzerten. Auch wenn ich HipHop und Rap mittlerweile echt cool finde - Jugendliche sollten auch klassische Musik lieben lernen.

Aufgezeichnet von Marie-Astrid Langer

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