Sprachstörung: Ich stottere. Na und?

Heiko, 13, hat eine Sprachstörung. Hier erzählt er, wie er damit umgeht und warum es so wichtig ist, einem Stotterer nicht ins Wort zu fallen.

Mein Name ist Heiko, ich wohne in Köln, und ich fände es gut, wenn mehr Menschen Bescheid wüssten übers Stottern. Wie das ist, wenn einem die Worte im Hals steckenbleiben und alle einen ansehen und man weiß, jetzt kommt's ganz doof raus. So geht es mir nämlich. Und ich bin nicht der Einzige.

Immerhin stottern in Deutschland rund 820.000 Menschen. Viele trauen sich nicht, über ihre Sprachstörung zu reden. Ich bin da anders. Und selbst wenn ich in einer schlechten Phase stecke, stottere ich anderen noch die Hucke voll. Das behauptet jedenfalls meine Mutter. Ich gehe auch ans Telefon. Für andere Stotterer ist das der absolute Horror! Aber ich war nicht immer so selbstbewusst. Ich musste mir auch erst ein dickes Fell zulegen.

Das Stottern hat bei mir schon früh angefangen, mit ungefähr fünf Jahren. Wie ich später gehört habe, ist das wohl ein typisches "Einstiegsalter" bei Jungen. Ich weiß aus der Zeit nur noch, dass ich mir im Kindergarten öfter in die Hose gemacht habe, weil ich mich aus Angst vor dem Stottern nicht traute, die Erzieherinnen zu fragen, ob ich aufs Klo kann.

Ich stottere, wenn ich mich unter Druck fühle

Eigentlich kann man das Stottern bei Vorschulkindern gut in den Griff kriegen. Bei mir klappte das nicht. Dann heißt es: Wer einmal stottert, der stottert ein Leben lang. Dabei gibt es aber gute Phasen und schlechtere Phasen.

Wenn ich in einer schlechten Phase stecke, muss ich mich darauf konzentrieren, die Übungen anzuwenden, die ich bei meiner jetzigen Logopädin lerne. Dabei geht es zum Beispiel darum, Wörter nicht hart, sondern weich zu stottern, um nicht so stark aus dem Sprachrhythmus zu kommen. Also wenn ich das Wort "das" sagen will, nicht fünfmal an dem "d" hängenzu- bleiben, sondern vielleicht nur zweimal.

Oder ich versuche, beim Sprechen von Anfang an so in das nächste schwierige Wort zu gleiten, dass es fast ohne Verzögerung über die Lippen kommt. Das klingt vielleicht nicht so schwer, ist aber wahnsinnig anstrengend.

Bei mir ist das so, dass ich meistens mehr stottere, wenn ich mich unter Druck fühle. Zum Beispiel in der Schule. Ich gehe aufs Gymnasium, in die siebte Klasse. Wenn mich der Lehrer etwas fragt, und dann warten da 32 Leute auf die Antwort - das macht mir Druck. Dabei weiß meine Klasse Bescheid. Wenn ich beim Reden ins Stolpern gerate, ist es für mich wichtig, dass man mir weiter aufmerksam zuhört und nicht ungeduldig wird. Wenn man mir helfen will, verkrampfe ich nur noch mehr.

Als hätte man eine Sperre im Hals

Beim Stottern fühlt es sich nämlich so an, als hätte man eine Sperre im Hals. Das Wort steckt da fest. Und je öfter ich ansetze, um es herauszubekommen, desto mehr Luft atme ich ein. Dabei kommen sich dann Atmung und Wort in die Quere.

Früher in der Grundschule bin ich deshalb auch manchmal gehänselt worden. Ich wollte nicht zeigen, wie sehr mich das trifft, aber das war schwer.

Heute fühle ich mich meistens wirklich so stark, wie ich nach außen tue. Bestimmt auch, weil ich gute Freunde habe und viel Sport mache. Ich gehe zweimal in der Woche zum Hockey-Training und spiele außerdem noch Fußball. Auch wenn es merkwürdig klingt: Jemand, der sehr sportlich ist und stottert, wird natürlich mehr respektiert als jemand, der stottert und keinen Ball fängt.

Manchmal komme ich beim Reden so in Fahrt, dass ich ganze Vorträge halte. Und zwar ohne ein einziges Mal stottern zu müssen! Das passiert immer dann, wenn mich ein Thema richtig begeistert. Etwa wenn ich von den griechischen Sagen erzähle oder mich über Fußball-Bundesligaspiele aufrege. Dann vergesse ich alles um mich herum - auch, dass ich stottere.

Natürlich wäre es toll, wenn das Stottern plötzlich ganz weg wäre. Aber ich denke, das wird nicht passieren, und daher habe ich mich so akzeptiert, wie ich bin.

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