Nuri Sahin "Ich kriege bestimmt Heimweh"

Nuri Sahin, 22, war der Star in der Meister-Mannschaft von Borussia Dortmund. Im Sommer wechselte er zu Real Madrid. Die Kinderreporter Julius, 12, und Lennart, 14, sprachen mit ihm über Abschiedsschmerz, Spanischunterricht und darüber, wie es ihm in der Schule erging.


Dein SPIEGEL: Du bist mit Borussia Dortmund deutscher Meister geworden und jetzt zu Real Madrid gewechselt. Die sind in Spanien aber nur Zweiter. Ist das nicht ein Abstieg?

Nuri Sahin: Lustige Frage. Ja, das könnte man so sehen. Aber Real ist der größte Fußball-Club der Welt, die ganz große Bühne. Jeder, der Fußball spielt, würde gern mal zu Real Madrid. Und ich habe jetzt die Chance dazu, das ist doch toll. Ich freue mich auf den Verein, auf die Spieler - und auf das gute Wetter in Spanien.

Dein SPIEGEL: Kannst du schon Spanisch?

Nuri Sahin: Ein kleines bisschen. Hallo, wie geht's, links, rechts, solche Sachen kann ich schon. Bis es losgeht, werde ich hoffentlich noch besser.

Dein SPIEGEL: Mesut Özil ist letztes Jahr von Werder Bremen zu Madrid gewechselt. Hast du schon mit ihm telefoniert?

Nuri Sahin: Ja, wir telefonieren häufig. Mesut und ich sind gute Freunde. Er hat mir gesagt, wie es bei Real so zugeht und wie die Mannschaft und der Trainer drauf sind.

Dein SPIEGEL: José Mourinho, dein neuer Trainer, wirkt im Fernsehen immer sehr streng - ganz anders als der kumpelige Jürgen Klopp. Wird das eine große Umstellung?

Nuri Sahin: Jürgen Klopp ist wirklich ein ganz besonderer Mensch. Aber ich habe auch über Mourinho gehört, dass er mit der Mannschaft sehr familiär und freundschaftlich umgeht. Da mache ich mir keine Sorgen.

Dein SPIEGEL: Viele Fans nehmen es dir übel, dass du gegangen bist. Sie denken, du lässt die Dortmunder im Stich. Kannst du sie verstehen?

Nuri Sahin: Ja, das kann ich. Aber bei meiner Verabschiedung habe ich gespürt, dass die meisten auch Verständnis für mich haben und sich sogar ein bisschen für mich freuen.

Dein SPIEGEL: Was haben denn die anderen Spieler gesagt?

Nuri Sahin: Ich habe es ihnen erzählt, einen Tag bevor es in der Zeitung stand. Es war mir wichtig, dass sie das von mir persönlich erfahren. Wir sind in den letzten Jahren enge Freunde geworden. Deshalb waren viele traurig. Aber ich glaube, sie sind auch ein bisschen stolz, dass es einer von uns zu Real geschafft hat. Viele wollen mich in Spanien besuchen kommen.

Dein SPIEGEL: Mit wem bleibst du in Kontakt?

Nuri Sahin: Mit so vielen wie möglich. Speziell mit Dede, Mario Götze, Marcel Schmelzer, Mats Hummels, Manni Bender, Kevin Groß-kreutz ... Ich könnte jetzt alle aufzählen.

Dein SPIEGEL: In der Champions League könntest du deine alten Kollegen bald wiedertreffen. Wie wäre es, mit Real Madrid gegen Borussia Dortmund zu spielen?

Nuri Sahin: Ich hoffe, das passiert nicht. Es wäre für mich sehr schwer, gegen meinen Verein zu spielen, gegen meine Freunde, am besten noch in meinem Stadion. Das wäre wirklich schlimm für mich. Aber wenn es so kommt, dann hoffentlich erst im Finale.

Dein SPIEGEL: Hast du keine Angst, bei so einem großen Club mit vielen Weltstars auf der Bank zu sitzen?

Nuri Sahin: Nein, eigentlich nicht. Ich habe in den letzten Jahren hart gearbeitet und viel gelernt - und mir ein großes Selbstbewusstsein aufgebaut. Damit werde ich mich hoffentlich in Madrid durchsetzen.

Dein SPIEGEL: Wie viele Paar Fußballschuhe hast du?

Nuri Sahin: Im Moment so acht oder neun, einen ganzen Schrank voll. Die halten bei mir immer so zwei bis drei Monate, dann brauche ich neue. In den letzten sechs Jahren in der Bundesliga waren das bestimmt über 200 Paar. Die alten verschenke ich immer an Fans oder für einen guten Zweck.

Dein SPIEGEL: Wird dir Deutschland fehlen?

Nuri Sahin: Ja, ich bekomme bestimmt Heimweh. Deutschland ist meine Heimat, hier kenne ich mich aus. Dortmund als Stadt werde ich vermissen, aber auch Meinerzhagen, wo ich aufgewachsen bin. Und auch viele typisch deutsche Sachen: die großen Straßen, die Ordnung hier und natürlich auch die Menschen. Die Fans sind toll.

Dein SPIEGEL: Du hast türkische Eltern, bist aber in Deutschland geboren. Warum spielst du eigentlich nicht für unsere Nationalelf?

Nuri Sahin: Ich wurde mit 15 gefragt, ob ich Länderspiele für die Türkei machen wollte. Da habe ich ja gesagt. Das lief in der Jugend auch ziemlich gut. Ich fand es dann unfair, zwei Jahre später zu sagen: "Es war schön mit euch, aber ich wechsel jetzt zu Deutschland." Außerdem hatte ich Deutschland irgendwie schon mit Borussia Dortmund und der Bundesliga abgedeckt. Deshalb war die Türkei dran.

Dein SPIEGEL: Wie hast du Bundesliga und Nationalmannschaft mit der Schule unter einen Hut gekriegt?

Nuri Sahin: Das war schwierig. Ich bin mit zwölf zur Borussia gekommen und musste dann fünf- bis sechsmal pro Woche zum Training nach Dortmund, mit Fahrt hin und zurück waren das jedes Mal sechs Stunden. Als es mit der Nationalmannschaft losging, war ich manchmal einen ganzen Monat lang nicht in der Schule. Bei den Klassenfahrten war ich nie dabei, musste fast jede Arbeit nachschreiben. Das war aber manchmal auch ganz praktisch: Wenn ich alleine geschrieben habe, konnte ich ab und zu spicken.

Dein SPIEGEL: Was machst du am liebsten, wenn du frei hast?

Nuri Sahin: Playstation spielen, zum Beispiel - am liebsten mit den anderen aus meiner Mannschaft. Wir hatten in Dortmund alle eine Playstation. Auch im Trainingslager haben wir abends zusammen gezockt.

Dein SPIEGEL: Was habt ihr denn auf der Playstation gespielt?

Nuri Sahin: Fußball natürlich!



© Dein SPIEGEL 8/2011
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