Sport-Stacking Der Becher-Meister

Sport Stacking ist weltweit wohl die einzige Sportart, die Kinder besser können als Erwachsene. Der Weltmeister Ryan Powell aus Hessen ist zwölf Jahre alt.

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Konzentriert blickt Ryan auf seine Finger, die auf einer Gummimatte liegen. Vorn eine Stoppuhr, dahinter neun bunte Plastikbecher. Er holt einmal tief Luft, dann legt er los. Es rumst und klappert, Ryans Hände sirren durch die Luft. Wie aus dem Nichts entstehen drei Becherpyramiden - die dann genau so schnell wieder verschwunden sind. Es sieht aus wie im Zeitraffer.

Mit einem Klatschen landen Ryans Finger auf der Stopp-Taste. 2,2 Sekunden. Das ist schnell, aber für Ryan nicht schnell genug. "Mist", sagt er: "Vorführeffekt." Im Februar waren es nur 1,75 Sekunden. Weltrekord. So schnell hatte niemand vor ihm neun Becher zu Türmen gebaut.

In anderen Sportarten wie Tennis, Schwimmen oder Fußball sind die richtig Guten oft 20 Jahre alt oder noch älter. Im Becherstapeln ist das nicht so. Beim Sport Stacking, wie es auf Englisch heißt, stapeln die Kinder den Erwachsenen was vor.

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Hoch hinaus: Die Sport-Stacking-Disziplinen
Ryan lebt in Waldsolms in Hessen, und er ist im besten Weltrekordalter: Ryan ist zwölf. "Sobald man 17 oder 18 ist, kann man Weltrekorde normalerweise vergessen", sagt Mark Rohkemper, Trainer der größten deutschen Stapel-Wettkampfmannschaft "Flashcups". "Es gibt Ausnahmen, aber Kinder und Jugendliche sind einfach viel geschickter als Erwachsene und können schneller reagieren." Und der Trainer hat noch eine andere Theorie: "Erwachsene denken zu viel. Kinder machen einfach - und sind damit sehr erfolgreich."

Der Erfolg stapelt sich in Ryans Zimmer auf einem großen Holzregal: Pokale - große, kleine, goldene, silberne. "Über 50 Stück", sagt Ryan, "grob gezählt." Ein bisschen peinlich ist ihm das schon, so viel Aufmerksamkeit. "Sport Stacking machen ja auch nicht so viele wie Fußball oder Handball", sagt er. Immer wieder muss er anderen Menschen seine Sportart erklären. Meistens gucken die dann komisch. Plastikbecher aufeinanderstapeln - das soll Sport sein?

Etwa 1000 Stacker, wie sich die Becherstapler nennen, gibt es in Deutschland. Die meisten sind jünger als 16. Das liegt daran, dass Sport Stacking oft in Schulen als AG angeboten wird. Angeblich ist es gut für die Konzentration und soll dafür sorgen, dass die Schüler im Unterricht besser aufpassen können.

Vom Becherstapeln Muskelkater kriegen

So hat auch Ryan das Becherstapeln entdeckt. Einmal die Woche trainiert er jetzt in einer Sporthalle mit anderen Stackern, sonst zu Hause am Küchentisch. Eine Matte mit Stoppuhr und zwölf Plastikbecher, mehr braucht man dafür nicht. Sogar Muskelkater kann man vom Becherstapeln kriegen. "Dafür müsste ich vier, fünf Stunden am Stück üben", sagt Ryan. "Das mache ich aber normalerweise nicht."

Sport Stacking zu lernen ist gar nicht so schwer. "Am Anfang muss man sich nur merken, in welcher Reihenfolge man die Bechertürme aufbauen muss", sagt Trainer Mark Rohkemper. "Das geht in 20 Minuten." Danach muss man nur noch schnell werden. Ein paar Wochen Training reichen, um sich bei einem Wettkampf nicht zu blamieren. "Bis man zu einer Weltmeisterschaft darf, muss man aber schon ein bisschen länger üben."

In den USA, wo Sport Stacking erfunden wurde, haben sich schon viele mit dem Stapelfieber angesteckt. Dort fanden bisher auch immer die Weltmeisterschaften statt. Ein ganz schön weiter Weg für Ryan und seine Eltern. Normalerweise fahren sie gern nach Irland in den Urlaub und besuchen die Familie von Ryans Vater. Aber wegen der WM sind die Ferien oft schon verplant. Umso besser, dass die besten Sport Stacker der Welt sich nächstes Jahr im April in Deutschland treffen, genauer gesagt in Butzbach in Hessen. "Vielleicht kommen dann auch mal ein paar mehr Zuschauer", sagt Ryan. Er wünscht sich, dass mehr Menschen in Deutschland Sport Stacking machen. "Dann gucken die nicht immer so entgeistert, wenn man erzählt, dass man in seiner Freizeit Türme aus Plastikbechern baut."

Königsdisziplin Dreier-Pyramide

Hier werden drei Pyramiden mit je drei Bechern auf- und wieder abgebaut. Das ist die leichteste und schnellste Disziplin. Der Weltrekord liegt bei 1,68 Sekunden, ein zehnjähriger Amerikaner hat Ryans Zeit vor kurzem geknackt.

Ein bisschen schwieriger: Man baut eine Dreier-Pyramide, eine aus sechs Bechern und am Schluss eine aus dreien. Die weltbeste Zeit schaffte ein 15-jähriger Amerikaner: 1,96 Sekunden.

Die Königsdisziplin: Zunächst baut man wie beim 3-6-3 zwei Dreier- und eine Sechser-Pyramide. Danach baut man zwei Sechser nebeneinander und zum Schluss eine große Pyramide aus zehn Bechern und stellt links und rechts einen einzelnen Becher hin. Den Weltrekord von 5,93 Sekunden teilen sich zwei Elfjährige.

Hierbei stehen zwei Stacker nebeneinander und legen sich einen Arm um die Schultern, so dass jeder nur eine Hand benutzen kann. Dann bauen sie zusammen einen Cycle. Den Weltrekord von 7,09 Sekunden hält Ryan mit seinem Partner Timo Reuhl. (Sehen Sie hier ein YouTube-Video von Timo und Ryan.)

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