Katharina Wagner "Ich wuchs im Opernhaus auf"

Katharina Wagner, 33, hat berühmte Vorfahren: Ihr Urgroßvater ist der deutsche Komponist Richard Wagner. Hier erzählt sie, ob sie als Kind auch Popmusik hören durfte, was an Opern Spaß macht und wofür sie manchmal Hausarrest bekommen hat.

AP

Wenn mich andere Kinder früher fragten, was mein Vater beruflich macht, sagte ich immer: "Er leitet einen Betrieb." Das stimmte auch, aber es war kein normaler Betrieb.

Mein Urgroßvater ist Richard Wagner, einer der größten deutschen Komponisten. Er hat ein Festspielhaus in Bayreuth gebaut - und das leite ich heute gemeinsam mit meiner Halbschwester Eva. Das Festspielhaus steht auf einem grünen Hügel, dort bin ich aufgewachsen.

Jeden Sommer war Festspielzeit. Dann kamen Tausende Besucher zu uns, um Wagners Opern zu hören, darunter viele bekannte Künstler und Politiker. Auch Fernsehsender waren da und filmten meine Familie. Die meisten Bayreuther kannten mich also. Aber falls mich mal einer nicht kannte, musste er das alles auch nicht sofort erfahren.

Denn meistens behandelten mich die anderen Kinder dann seltsam. Manche waren besonders freundlich zu mir. Ihnen gefiel, dass ich in einem großen Haus mit Schwimmbad lebte und bekannte Musiker als Vorfahren hatte. Doch es gab auch die anderen: Was ein paar Kinder damals taten, würde man heute wohl als Mobbing bezeichnen. In den Pausen schmissen sie zum Beispiel meine Brötchen auf den Boden. Wahrscheinlich waren sie bloß neidisch auf mich. Aber ich konnte ja nichts für meine Familie.

Damals wünschte ich mir Geschwister

Als ich das meinem Vater erzählte, sagte er: Wehr dich ruhig. Er erlaubte mir, unhöflich zu werden. Also wehrte ich mich, natürlich nicht mit Fäusten, aber mit Worten. Mein Vater Wolfgang Wagner war 58 Jahre alt, als ich geboren wurde. Ich fand es gut, einen so alten Papa zu haben. Denn er wusste über viele Dinge Bescheid und gab mir immer gute Ratschläge. Auch wenn er mit den Festspielen viel zu tun hatte, nahm er sich die Zeit, mit mir Mittag zu essen. Um 13 Uhr saßen wir am Tisch und unterhielten uns über alles, was los war.

Ich bin als Einzelkind aufgewachsen, obwohl ich eine Halbschwester habe. Aber sie ist 33 Jahre älter als ich. Und außerdem hatten unsere Familien früher kaum Kontakt. Damals wünschte ich mir immer Geschwister. Einer meiner Mitschüler war auch Einzelkind und genoss das sehr. Er zählte auf: Du musst nichts teilen, dir wird nichts weggenommen, alle Aufmerksamkeit liegt auf dir. So hatte ich das bis dahin noch gar nicht gesehen.

Die meiste Zeit verbrachte ich mit meinem Kindermädchen Evi. Sie war wie eine zweite Mama für mich. Normalerweise war sie lieb und lustig, aber sie konnte auch anders. Dann nämlich, wenn meine beste Freundin und ich etwas anstellten - und das kam häufig vor. Wir mischten unreife Pflaumen ins Kompott. Wer darauf biss, verzog das Gesicht, so sauer waren die - und wir prusteten los. Wir versteckten Sachen im Haus und ließen andere Leute danach suchen. Und wir stellten uns Mutproben: Wer traut sich, Hundefutter zu essen? Es schmeckt salzig. Ab und zu bekamen wir Hausarrest. Aber auch im Haus konnten wir viel unternehmen: laut Musik hören zum Beispiel, von Hardrock bis Techno. Ich durfte alles hören. Aber meinem Vater war es wichtig, dass ich die Opern meiner Vorfahren kennenlerne. Bis ich 18 Jahre alt war, spielte ich täglich Klavier, mindestens eine halbe Stunde am Tag. Und ab und zu begleitete ich meinen Vater zu Orchesterproben.

Ich durfte selbst mitspielen

Wagner-Opern können ziemlich lang sein: Die Aufführung "Der Ring des Nibelungen" dauert etwa 16 Stunden. Mein Vater hat mich aber nie gezwungen, bis zum Schluss zu bleiben. Ich war nur stückchenweise dabei, mal für einen Akt oder für einen halben, eben genau so lange, wie ich Lust darauf hatte. Außerdem hat mir mein Vater vorher genau erklärt, worum es in dem Stück geht. Bei Werken von Richard Wagner handelt es sich oft um dramatische Geschichten aus der germanischen Sagenwelt, mit Helden, Geisterschiffen und Drachen. Deshalb fand ich Probenbesuche nie nervig, sondern immer spannend.

Manchmal durfte ich auch selbst mitspielen. Bei Opern sind Kinder häufig Teil vom Volk und rennen über die Bühne. Zuerst bekam ich Rouge auf die Wangen. Dann ging es in Rock, Schürze und Bluse ins Rampenlicht. Wie die anderen Kinder war ich sehr aufgeregt. Denn unser Festspielhaus ist bei Aufführungen immer voll bis in die hintersten Reihen.

Auf der Bühne zu stehen hat mir schon Spaß gemacht. Aber Sängerin oder Schauspielerin wollte ich nie werden. Ich beobachtete lieber meinen Vater bei der Arbeit. Würde ich es genauso machen? Kann man es anders machen? Das fragte ich mich dann. Heute bringe ich selbst Opern auf die Bühne - wie meine Vorfahren.

Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier. Bekommen kann man das Heft im SPIEGEL-Shop - und überall im Zeitschriftenhandel.

Protokoll: Anne-Katrin Schade



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