Ziegenstall statt Playstation "Ich lebe (fast) so wie früher"

Wenn Johannes, 12, es im Winter warm haben will, muss er den Ofen mit Holz anheizen. Zum Einkaufen fährt er in der Pferdekutsche. Hier erzählt Johannes, wie er ohne Auto, Handy und Fernseher klarkommt, und warum er mit niemandem tauschen will.


Wir fahren zwar kein Auto, aber wir haben Wassili und Max. Das sind unsere beiden Kutschpferde. Zusammen wiegen sie etwa 1,5 Tonnen und sind je anderthalb Meter groß. Wenn wir zum Einkaufen in den nächstgrößeren Ort müssen, spannen wir sie einfach vor die Kutsche.

Das kommt aber nicht so häufig vor, denn die meisten Lebensmittel stellen wir selbst her: Milch, Eier, Käse, Kräuter, Gemüse, Obst oder Fleisch von unseren eigenen Tieren.

Wir leben auf einem uralten, abgelegenen Bauernhof im Schwarzwald. Wir, das sind meine Eltern, mein Onkel, mein älterer Bruder Elias und ich. Außerdem sieben Kühe, die Pferde Wassili und Max, 30 Milchziegen und ein paar Hühner.

Auf unserem Hof gibt es keine Handys, keine Heizung, noch nicht mal einen Fernseher. Unsere Möbel sind aus dem 19. Jahrhundert, sogar unser Telefon und die Lichtschalter sind richtig alt: über 80 Jahre! Wir leben hier ein bisschen so, wie die Menschen vor hundert Jahren gelebt haben.

Und das mit voller Absicht: Meine Eltern finden, dass die meisten Menschen in zu großem Überfluss leben. Großstädte sind ihnen zu hektisch. Meine Eltern sagen, man kann auch glücklich sein, wenn man auf Luxus verzichtet und von dem lebt, was man selbst herstellt.

Altmodisch, aber auch aufregend

Wir kochen und heizen mit Holz, das wir mit Wassili und Max aus dem Wald schleppen. Und im Winter, wenn nachts das Feuer ausgeht, wird es manchmal kalt. Mein Leben ist zwar altmodisch, aber auch aufregend.

Wenn ich auf einen der Hügel hinter unserem Haus klettere und mich umgucke, sehe ich erst mal nichts. Jedenfalls keine Autos und kaum Menschen. Dass der nächste Nachbar Hunderte Meter entfernt wohnt, ist für mich ganz normal. Ein einsames Tal mit Wäldern und Wiesen, Berge drum herum: Abenteuerland. Wir bewirtschaften 60 Hektar, das ist so groß wie 82 Fußballfelder.

Vor kurzem wurde bei uns sogar ein Kinofilm gedreht. Der spielt im vergangenen Jahrhundert. Für die Filmleute war das sehr praktisch. Sie brauchten keine Kulissen zu bauen. Sie fanden es sogar romantisch bei uns.

Für mich und meine Familie ist das Leben hier aber oft auch hart. Jeder muss auf dem Hof mithelfen. Ich hasse nichts mehr als Wäsche aufzuhängen. Dafür melke ich gerne die Ziegen, treibe die Kühe von der Weide oder füttere die Pferde mit Heu.

Die Stadt vermisse ich nicht

Meinem Bruder dagegen gefällt das einfache Leben nicht immer. Ich glaube, er ist gerade in der Pubertät. Jungs in dem Alter hängen lieber mit ihren Freunden in der Stadt ab. Immerhin gibt es jetzt einen Internetanschluss. Der ist auch wichtig für die Schule.

Wenn Freunde uns besuchen, dann müssen sie weit laufen. Kurz hinter St. Blasien, der nächsten kleinen Stadt, hört nämlich die asphaltierte Straße auf. Ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter. Und immer bergauf.

Diese Strecke muss ich jeden Tag in die Schule gehen. Im Sommer fahre ich manchmal mit dem Rad hinunter, rauf muss ich dann richtig treten. Im nächsten Winter will ich auf Skiern zur Schule.

Den Trubel in der Stadt vermisse ich nicht. Hinter dem Hof hat mein Vater uns einen kleinen Badesee angelegt, ich brauche also kein Freibad. Und einen Fußballplatz haben wir auch. Der ist etwas rumpelig, hat aber einen automatischen Rasenmäher. Die Ziegen sorgen dafür, dass das Gras immer schön kurz ist. Das ist zwar irgendwie altmodisch - aber auch ganz schön praktisch.

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