Religion Warum lässt Gott Erdbeben und Tsunamis zu?

Als der Papst im September nach Deutschland kam, besuchte er auch einen alten Freund: Robert Zollitsch, den Erzbischof von Freiburg. Die Kinderreporter Aleksandra und Raphael fragten Zollitsch, was der Papst nach Feierabend macht und was man tun muss, um in den Himmel zu kommen.


Dein SPIEGEL: Herr Erzbischof, mag der Papst eigentlich Fußball?

Robert Zollitsch: Das habe ich ihn noch nie gefragt. Ich kenne ihn schon seit über 40 Jahren, und wir reden über vieles - über Fußball aber noch nicht. Ich kann mir vorstellen, dass er für Bayern München ist. Papst Benedikt war ja mal Erzbischof von München.

Dein SPIEGEL: Wenn Sie den Papst treffen wollen, bekommen Sie immer eine Audienz?

Robert Zollitsch: Wenn es in seinen Kalender passt, dann ja. Der Papst bekommt immer sehr viel Post von Menschen, die gerne mit ihm sprechen möchten. Staatspräsidenten und Regierungschefs wie Angela Merkel bekommen eine Privataudienz. Alle anderen empfängt der Papst immer mittwochs bei der großen Audienz auf dem Petersplatz, da kann jeder hinkommen. Und wenn man Glück hat, schafft man es, mit dem Papst ein bisschen Small-Talk zu halten. Michael Schumacher war auch mal dabei, er hatte einen Platz in der ersten Reihe und konnte ein paar Minuten mit Papst Benedikt sprechen.

Dein SPIEGEL: Was macht der Papst, wenn er mal keinen Besuch hat?

Robert Zollitsch: Er liebt Musik. Nach dem Abendessen spielt er oft Klavier, das kann er sehr gut. Außerdem geht er gern spazieren: in den Vatikanischen Gärten oder auf seiner Dachterrasse. Im Urlaub wandert der Papst auch, zuletzt in den Dolomiten oder in Südtirol.

Dein SPIEGEL: Trägt er dabei auch sein weißes Gewand?

Robert Zollitsch: Natürlich. Der vorherige Papst, Johannes Paul II., hat einmal gesagt: "Ein Papst ist immer Papst." Das kann man nicht ablegen. Und daran hält sich auch Papst Benedikt. Dabei ist es gar nicht so einfach, in so einem langen Gewand zu marschieren.

Dein SPIEGEL: Wie kann eigentlich ein einzelner Mensch Gottes Stellvertreter auf der Erde sein, wenn Gott uns laut Bibel alle gemacht hat?

Robert Zollitsch: Genau genommen ist der Papst nicht der Stellvertreter von Gott, sondern von Jesus Christus. Er hat die Kirche gegründet und dem Apostel Petrus eine besondere Aufgabe gegeben: nämlich die Verantwortung für die Christen zu tragen. Und genau das tut der Papst als Nachfolger des Petrus auch. Es wäre nicht gut, wenn es mehrere Päpste gleichzeitig geben würde. Da käme es leicht zum Streit.

Dein SPIEGEL: Wollen Sie auch mal Papst werden?

Robert Zollitsch: Oh, nein. Die Verantwortung ist riesengroß. Ich denke nicht, dass mich das erwischen wird.

Dein SPIEGEL: Woher wissen Sie eigentlich, dass es Gott gibt?

Robert Zollitsch: Ich bin in einer katholischen Familie aufgewachsen. Gott gehörte schon immer zu meinem Leben. Ich bespreche alles mit ihm: wenn ich mich über etwas freue, aber auch, wenn ich mich mal ärgere. Dann merke ich, dass Gott mich liebt und mir Ruhe und Kraft gibt.

Dein SPIEGEL: Wenn Gott die Menschen liebt, wie kann er zulassen, dass es Erdbeben und Tsunamis gibt?

Robert Zollitsch: Gott hat zwar die Welt geschaffen, aber er hat nicht jedes Detail geregelt. Die Erde steckt in einer Entwicklung, und dazu gehören eben auch tragische Situationen wie Erdbeben und Hochwasser. Für uns Menschen ist es eine Erinnerung daran, dass wir nicht alles kontrollieren können und dass wir nur ein Teil dieser großen Welt sind. Wir sollten solche Ereignisse als Herausforderung sehen, Menschen in Not zu helfen und ihnen beizustehen.

Dein SPIEGEL: Haben Sie denn nie an Gott gezweifelt?

Robert Zollitsch: Doch, auch solche Momente gab es. Ich gehöre ja noch zu denen, die das Ende des Zweiten Weltkriegs mitbekommen haben. 1944, da war ich sechs Jahre alt, kamen Soldaten in unser Dorf Filipovo, das liegt im heutigen Serbien. Sie haben über 200 Männer grausam umgebracht, auch meinen Bruder, er war 16 Jahre alt. In solchen Momenten habe ich mich gefragt, warum Gott so etwas zulässt. Gleichzeitig haben wir aber auch viel gebetet. Da habe ich gemerkt, dass Gott auch in dieser schweren Zeit bei uns war und uns getröstet hat.

Dein SPIEGEL: Kann man in den Himmel kommen, wenn man nicht an Gott glaubt?

Robert Zollitsch: Ich denke schon. Es gibt ja auch viele Menschen, die Gott nie kennengelernt haben, nicht in ihrer Kindheit und später auch nicht. Wenn diese Menschen ehrlich handeln und Gutes tun, dann können auch die in den Himmel kommen.

Dein SPIEGEL: Wenn man betet, spricht man Gott zum Beispiel mit "Vater Unser" an. Warum ist Gott ein Mann?

Robert Zollitsch: Genau genommen ist Gott weder Mann noch Frau, weder Vater noch Mutter. Er hat keinen Körper wie wir. Aber er ist wie ein guter Vater, wie eine gute Mutter, die sich um uns sorgen und für uns da sind.

Dein SPIEGEL: In den letzten Monaten wurde in den Zeitungen sehr viel über Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche geschrieben. Müssen wir jetzt Angst haben, wenn wir in ein katholisches Ferienlager fahren?

Robert Zollitsch: Nein, ihr braucht keine Angst zu haben. Leider hat es diese schlimmen Fälle gegeben, in der Kirche, aber auch in Sportvereinen. Wir haben viel getan, um das aufzuklären. Alle, die in den Ferienlagern Verantwortung tragen, auch die Kinder wissen Bescheid. Alle sind sensibler geworden.

Dein SPIEGEL: Warum sollten Kinder überhaupt in die Kirche gehen? Dort sind doch nur alte Menschen.

Robert Zollitsch: Ja, das ist richtig, man sieht dort viele ältere Menschen. Aber es gibt auch Angebote für Kinder: Schülergottesdienste, Jugendgottesdienste und Kindergottesdienste. Mir macht die Arbeit mit den jungen Menschen viel Freude. Aber ich freue mich auch, dass die Älteren da sind. Kinder sollten sich davon nicht abschrecken lassen. Es ist doch schön, wenn man nicht nur unter sich ist.

Dein SPIEGEL: Warum gibt es bei den Katholiken keine weiblichen Priester?

Robert Zollitsch: Das ist eine Tradition, die es seit Beginn der Kirche gibt. Die kann man nicht einfach so ändern, obwohl manche das gern möchten. Jesus hat damals nur Männer zu seinen Aposteln erwählt. Und die Priester sind ihre Nachfolger.

Dein SPIEGEL: Warum sind Sie Priester geworden?

Robert Zollitsch: Im Gymnasium habe ich lange überlegt, was ich werden möchte. Jura studieren und in die Politik gehen, hat mir eine Freundin geraten. Ich hätte gern Geschichte studiert, das finde ich interessant. Ich habe aber dann gemerkt, dass Gott mir so viel bedeutet, dass ich das anderen Menschen weitergeben wollte.

Dein SPIEGEL: Als Priester muss man auf vieles verzichten. Wünschen Sie sich manchmal eine Frau und Kinder?

Robert Zollitsch: Ja, ich hätte mir gut vorstellen können, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ich bin ja auch in einer Familie aufgewachsen. Ich habe - trotz der schlimmen Ereignisse - gute Erinnerungen an meine Kindheit und weiß, wie wichtig Mutter, Vater und Geschwister sind. Aber ich habe erkannt, dass mein Einsatz für Gott die größere Aufgabe für mich ist, und habe die Möglichkeit, eine Familie zu haben, dafür aufgegeben.

Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier. Bekommen kann man das Heft im SPIEGEL-Shop - und überall im Zeitschriftenhandel.

Mehr zum Thema


© Dein SPIEGEL 10/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.