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Als ich Kind war: "Hitler hat mir die Kindheit gestohlen"

Der Schauspieler Joachim Fuchsberger, 84, wuchs auf, als Adolf Hitler in Deutschland herrschte. Schon als kleiner Junge musste Fuchsberger beim "Deutschen Jungvolk" mitmarschieren.

Joachim Fuchsberger: "Ich habe schreckliche Dinge erlebt" Fotos
DPA

Unser Haus in Heidelberg hatte zwei Balkone, dazwischen war eine Regenrinne. Ich war ein wildes Kind, und deshalb versuchte ich, an der Regenrinne von einem Balkon zum anderen zu klettern. Dabei bin ich beinahe abgestürzt.

Auch in der Schule gab es öfter mal Ärger. Einmal wurde ich erwischt, als ich Steine in ein Schaufenster geworfen hatte. Na ja, ich war wohl wirklich nicht sehr brav. Aber ich hatte Spaß.

Trotzdem habe ich als Kind schreckliche Dinge erlebt.

Die dreißiger und vierziger Jahre waren eine schlimme Zeit in Deutschland. Damals haben die Nationalsozialisten die Macht übernommen. Menschen, die anderer Meinung waren, eine andere Religion hatten oder auch nur anders aussahen, wurden von den Nationalsozialisten brutal unterdrückt und sogar umgebracht.

Irgendwann kam mein Vater in Uniform nach Hause

Das Erste, an das ich mich erinnere, waren die Fahnen. Die fand ich schön. Sie waren rot, mit einem weißen Kreis und in der Mitte des Kreises einem schwarzen Kreuz mit Haken an den Enden. Das war das Symbol der Nationalsozialisten, aber das wusste ich natürlich nicht, ich war erst fünf Jahre alt.

Anfang der dreißiger Jahre flatterten mehr und mehr dieser Fahnen aus den Fenstern in unserer Siedlung. Wir hatten auch so eine. Zur gleichen Zeit sah ich häufiger Menschen in Reih und Glied durch die Straßen marschieren und singen, alle waren gleich angezogen: braunes Hemd, schwarzer Schlips und hohe Stiefel. Die Uniform gefiel mir nicht.

Irgendwann kam auch mein Vater mit so einer Uniform nach Hause, sie stand ihm nicht gut. In unserem Wohnzimmer hing ein Bild von diesem Mann mit dem Schnauzbart: Adolf Hitler, der Führer der Nationalsozialisten. Statt "Guten Morgen" mussten wir jetzt "Heil Hitler" sagen.

Wir hatten einen Kinderarzt, den ich sehr mochte. Er hieß Dr. Hirsch. Wenn ich krank war, bekam ich von ihm immer eine Rolle Lakritz. "Lakritz tut gut", hat er gesagt. Eines Tages hatte ich Fieber, und es kam ein anderer Arzt, einer, den ich nicht mochte. Statt Lakritz bekam ich von ihm eklige Medizin eingeflößt. Aber mein Vater sagte "Dr. Hirsch darf nicht mehr kommen, er ist Jude."

Ich habe das nicht verstanden. Ich wusste nicht, dass die Nationalsozialisten die Juden hassten. Und weil mein Vater Mitglied dieser Partei war, durfte er keinen jüdischen Arzt holen.

Wir wurden regelrecht dressiert

Mit zehn wurde ich auch in eine Uniform gesteckt. Ich wurde nicht gefragt, ob mir das gefällt. Wie alle Jungen zwischen 10 und 14 Jahren musste ich dem "Deutschen Jungvolk" beitreten, einer Jugendorganisation der Nationalsozialisten. Die Organisation der Mädchen hieß "Bund Deutscher Mädchen". Die Älteren mussten in die "Hitlerjugend".

Beim Jungvolk sollten wir lernen, unseren Vorgesetzten zu gehorchen und uns der Partei unterzuordnen. Wir wurden regelrecht dressiert.

Jeden Mittwoch und Samstag mussten wir in Uniform antreten. Wir wurden gezwungen, in Sechserreihen im Gleichschritt durch die Stadt zu marschieren und bescheuerte Lieder wie "Schwarzbraun ist die Haselnuss" zu singen. Es wurde auch viel Sport gemacht, vor allem Leichtathletik, laufen, springen, werfen.

Oft gab es politische Schulungsabende, an denen uns die Lehren der Nationalsozialisten eingebläut wurden: dass unser Führer Adolf Hitler alle Feinde vernichten und mit unserer Hilfe das Deutsche Reich errichten würde. So ein Blödsinn.

Manchmal gab es Liederabende zusammen mit den Mädchen vom Bund Deutscher Mädchen. Das gefiel mir.

Eines Nachts kamen die Bomber

Wir haben auch Schießen gelernt und Kriegsübungen abgehalten. Mir hat all das nicht gefallen. Ständig wurden wir angeschrien, wir mussten strammstehen und im Dreck herumkriechen. Vor allem ärgerte mich, dass ein Junge aus meiner Klasse mich rumkommandieren durfte, weil er einen Rang über mir stand.

1939 begann Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg. 1942, ich war gerade 15 Jahre alt, wurde ich in Düsseldorf zur Brandwache auf dem Rathausturm eingeteilt, zusammen mit meinem Freund Harry. Wir sollten melden, wo Brandbomben gefallen sind.

Eines Nachts kamen die Bomber, die halbe Stadt brannte. Harry und ich dirigierten vom Turm aus die Feuerwehr zu den Feuern. Dann wurde unser Turm von einer Brandbombe getroffen. Im letzten Moment konnten wir aus dem Gebäude fliehen.

Wenn ich heute an meine Jugend denke, würde ich sagen: Hitler und seine Nationalsozialisten haben mir die beste Zeit meiner Kindheit gestohlen.

Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier. Bekommen kann man das Heft im SPIEGEL-Shop - und überall im Zeitschriftenhandel.

Protokoll: Jörg Böckem

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