Verwundet vom Krieg: Rettung für die Kriegskinder

Von Boris Breyer

Vor über einem Jahr griff Javed, 9, in Afghanistan in eine Mine und wurde schwer verletzt. In seiner Heimat konnten sich die Ärzte nicht richtig um ihn kümmern. Doch dann brachte eine Hilfsorganisation ihn nach Deutschland. Jetzt lebt er in einem Dorf für kriegsverletzte Kinder aus der ganzen Welt.

Javed hat gelernt, einen Stift zu halten. Damit malt er eine Katze auf ein Blatt Papier. Daneben schreibt er in großen Buchstaben: "Miau". Eigentlich ist das ja einfach. Aber Javed hat keine gesunden Hände mehr.

Eine Explosion in Afghanistan riss ihm die Finger ab, an einer Hand blieben drei Stummel.

Javed ist ein hübscher Junge, neun Jahre alt, schwarze Haare, schelmisches Lächeln. Jetzt sitzt er auf der Terrasse vor dem Reha-Zentrum im Friedensdorf Oberhausen und strahlt, als hätte er gerade einen Schönschreib-Wettbewerb gewonnen.

Das Dorf, in dem Javed aufwuchs, liegt in der Provinz Laghman im Osten Afghanistans. Dort herrscht Krieg. Deutschland, die USA und viele weitere Länder kämpfen dort gegen die Taliban. Manchmal vergraben die Taliban Minen, um ihre Gegner in die Luft zu sprengen; manchmal sind die Minen sogar als Spielzeug getarnt.

Eine Mine explodierte beim Fußballspielen

Vor gut einem Jahr spielte Javed mit anderen Jungs in den Gassen Fußball. Als er einen verschossenen Ball holen wollte, explodierte eine Mine. Splitter bohrten sich in seinen Körper, ins Auge; schlimm getroffen hat es auch die Beine. Javed wurde notdürftig versorgt, aber die Wunden entzündeten sich. Es tat sehr weh.

Javeds Vater brachte ihn in die Hauptstadt Kabul, zu den Mitarbeitern von "Friedensdorf International", einer Hilfsorganisation. Die entschieden, den Jungen nach Deutschland zu schicken. Hier können die Ärzte besser helfen als in Afghanistan.

Aber oft dauert es Monate, bis die Kinder gesund genug sind, um wieder in die Heimat zurückzukehren. Für die Kinder (und für ihre Eltern) ist das nicht leicht.

Aufregend ist es natürlich trotzdem. Am Flughafen traf Javed zum ersten Mal in seinem Leben auf ein großes Flugzeug. Ein paar Stunden später, in Deutschland, sah Javed einen Krankenwagen mit Blaulicht, rote Jacken, weiße Ärztekittel. In einem Krankenhaus wurde er von Männern mit Handschuhen aus Plastik auf eine Trage gelegt, wachte Stunden später aus der Narkose auf.

Danach wurde Javed noch viermal von einem Spezialisten für Wiederherstellungs-Chirurgie operiert. Javed kann jetzt wieder Spielkarten oder einen Stift halten - er klemmt sie sich zwischen die Stummel der rechten Hand.

Javed wundert sich über Deutschland

Viermal im Jahr fliegt "Friedensdorf International" verletzte Kinder nach Deutschland: Jungs aus Afghanistan, Mädchen aus Tadschikistan, Kinder aus den Kriegsgebieten unserer Welt. Dort, wo sie herkommen, gibt es zu wenig Ärzte, Medizin, Krankenhäuser. Fast 300 Krankenhäuser in Deutschland arbeiten mit den Helfern zusammen. Sie behandeln die Kinder kostenlos. Ärzte amputieren entzündete Beine, schließen offene Wunden, entfernen Bombensplitter. Dann müssen sich die Kinder von den Operationen erholen. Während dieser Zeit wohnen sie in einem Dorf für kriegsverletzte Kinder in Deutschland, dem Friedensdorf in Oberhausen.

Javed lebt in einem von sechs Häusern, es gibt einen großen Garten, einen Spielplatz, Werkstätten und sogar einen Basketballplatz.

Mit zwei Jungs teilt er sich das Zimmer: drei Betten, ein Schrank, ein kleiner Tisch - nicht sehr gemütlich. Aber es ist immer noch viel mehr als das, was die Kinder von zu Hause kennen. Javed wundert sich manchmal, in was für einem Land er gelandet ist: wo es Zahnpasta gibt, fließendes Wasser aus der Wand oder Toiletten mit Wasserspülung.

Tagsüber lenken ihn die vielen anderen Kinder ab, doch abends hat er oft Heimweh. Dann liegt Javed in seinem Stockbett und weint.

Javed muss jetzt noch lernen, seine operierten Handstummel richtig zu benutzen. Wenn er das kann, wird er das Friedensdorf verlassen und zum zweiten Mal in den Flieger steigen. Doch sein Bett wird nicht lange leer bleiben: Ein anderes verletztes Kind, irgendwo auf der Welt, wird es schon bald benötigen.

Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier. Bekommen kann man das Heft im SPIEGEL-Shop - und überall im Zeitschriftenhandel.

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