Skispringer Thomas Morgenstern: "Die Angst fliegt mit"

Der Österreicher Thomas Morgenstern, 25, ist einer der besten Skispringer der Welt. Den Kinderreportern Vienna, 11, und Andreas, 11, erzählte er, wie es sich anfühlt, die große Sprungschanze hinunterzusausen und dann durch die Luft zu fliegen.

Dein SPIEGEL: Wie wird man Skispringer?

Morgenstern: Als ich ein kleiner Junge war, sind die anderen gern Slalom gefahren. Ich nicht. Ich habe lieber Schanzen gebaut und bin da drübergerast. Mit neun Jahren habe ich dann eine richtige Sprungschanze ausprobiert - und war gleich begeistert. Ab da bin ich mit dem Papa mehrmals in der Woche nach Villach zum Training gefahren.

Dein SPIEGEL: Hattest du Angst, als du das erste Mal auf einer großen Schanze standest?

Morgenstern: Man fängt ja nicht gleich auf der größten Schanze an. Ich habe mit einer 15-Meter-Schanze begonnen und dann immer größere genommen. Aber bei jeder Steigerung ist schon eine gewisse Angst vorhanden. Auch jetzt noch, wenn ich über 200 Meter weit fliege.

Dein SPIEGEL: Wovor hast du dann Angst?

Morgenstern: Nicht vor dem Sprung. Es ist die Angst vor Dingen, die man nicht beeinflussen kann, so wie den Wind oder eine defekte Bindung. Oder man vergisst irgendetwas, deswegen kontrollieren wir alles doppelt und dreifach.

Dein SPIEGEL: Was denkst du, wenn du springst?

Morgenstern: In der Anlaufspur kommen wir in wenigen Sekunden auf bis zu 100 Stundenkilometer. Da ist es am besten, wenn ich die einstudierten Bewegungen automatisch mache, also an etwas ganz anderes denke. In der Luft merke ich früh, ob der Sprung sehr weit geht. Ich muss auf den Wind reagieren, indem ich mit den Handflächen oder den Skiern ein wenig steuere. Sobald wir fliegen, wird auch die Luft zu Wind. Das ist so, als würde man auf der Autobahn die Hand aus dem Autofenster halten. Wir sind dann bis zu elf Meter über dem Boden.

Dein SPIEGEL: Wie lange bist du da oben?

Morgenstern: Das habe ich noch nicht gestoppt, aber ich denke so sechs bis acht Sekunden. Wenn man aber voll konzentriert ist, fühlt sich ein Sprung fast ewig an. Und die ganze Zeit schaut man dorthin, wo man landen will, an diesen Punkt, wo der Hang flacher wird, da versuchst du dich hinzuziehen. Beim Skifliegen landen wir mit 130 Stundenkilometern, dafür braucht man viel Kraft in den Beinen.

Dein SPIEGEL: Warum gibt es Haltungsnoten?

Morgenstern: Skispringen lebt vom Stil. Das würde alles nicht so schön und spektakulär ausschauen, wenn wir in der Luft einfach irgendwas Chaotisches mit den Händen oder Füßen machen würden.

Dein SPIEGEL: Warum sind die Österreicher die besten Skispringer?

Morgenstern: Wir haben ein tolles System mit vielen Stützpunkten, wo man sich stetig weiterentwickeln kann, besonders als junger Springer. Die Trainer sind super, es ist für alles gesorgt. Aber wir müssen aufpassen: Die Deutschen werden gerade immer besser.

Dein SPIEGEL: Hast du in deinem Haus einen eigenen Raum für die ganzen Pokale?

Morgenstern: Das habe ich beim Planen des Hauses tatsächlich überlegt. Aber ich habe es dann gelassen. In das Zimmer würde ich ja nie reingehen, es wäre quasi verschenkt. So habe ich jetzt alles in einer Vitrine und bin schon stolz, wenn ich draufschaue.

Dein SPIEGEL: Was willst du nach dem Springen einmal machen?

Morgenstern: Das überlege ich gerade auch. Ich bin ein begeisterter Rennfahrer und durfte schon mal auf Rennstrecken herumrasen. Die Kräfte, die dich in Kurven in den Sitz drücken, sind unglaublich. Das ist sehr anstrengend, und das Herz schlägt so hoch. Das ist wie Ausdauertraining. Eine andere Möglichkeit wäre das Fliegen, einen Pilotenschein habe ich schon gemacht. Das reizt mich auch sehr. Aber ein paar Jahre als Skispringer habe ich ja hoffentlich noch.

Dein SPIEGEL: Skispringer sind alle so dünn. Darfst du manche Sachen nicht essen?

Morgenstern: Meine Lieblingsspeisen, Kärntner Nudeln und Pizza, kann ich immer essen. Ich schaue auch nicht auf Kalorien, in Sachen Ernährung bin ich kein Spezialist. Ich versuche einfach, mein Gewicht zu halten. Es gab bei Skispringern tatsächlich schon Probleme mit Magersucht. Je leichter man ist, desto weiter fliegt man ja. Aber jetzt gibt es Regeln: Man darf eine bestimmte Grenze beim Gewicht nicht unterschreiten.

Dein SPIEGEL: Wie viel musst du mindestens wiegen?

Morgenstern: Ich bin 1,84 Meter groß und darf mit Material 70,7 Kilogramm schwer sein. Meine Ausrüstung wiegt 3 Kilo, bei mir sind es also rund 68 Kilo. Das ist dünn, aber nicht in einem medizinisch problematischen Bereich. Wenn ich weniger wiege, muss ich mit kürzeren Skiern springen. Das ist ein Nachteil.

Dein SPIEGEL: Du hast früher viel Fußball gespielt. Bist du froh, dass du jetzt als Skispringer gewinnst und nicht mit dem österreichischen Fußball-Team verlierst?

Morgenstern: Wer weiß, wie sich das Fußball-Team mit mir entwickelt hätte? Nein, im Ernst: Im Fußball hätte ich den Weg an die Spitze wohl nie geschafft. Es ist schon richtig, wie alles gekommen ist.

Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnisgibt es hier. Bekommen kann man das Heft im SPIEGEL-Shop - und überall im Zeitschriftenhandel.

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Zur Person
  • AFP
    Thomas Morgenstern war neun, als er 1996 das erste Mal auf einer richtigen Schanze stand. Von da an wollte er nur noch springen, und schon bald hatte "Morgi" damit großen Erfolg. 2003 wurde er gleich zweimal Junioren-Weltmeister, schon mit 16 behauptete er sich erstmals in einem Weltcup-Springen gegen die erwachsene Konkurrenz - inzwischen sind es 21 Siege im Weltcup. 2006 gewann er Olympia-Gold in Turin, 2011 zudem drei WM-Titel und die Vierschanzentournee. Auch den Sommer-Grand-Prix holte er sich in diesem Jahr. Thomas Morgenstern ist derzeit der beste Skispringer der Welt.
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