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17. April 2008, 17:01 Uhr

007-Erfinder

Gestatten, Fleming - Ian Fleming

Von und Christopher Peter

Martinis, Glücksspiel, schöne Frauen: Wie seine Romanfigur liebte James-Bond-Erfinder Ian Fleming das süße Leben und diente als Geheimagent. Anlässlich seines 100. Geburtstags zeigt ein Londoner Museum jetzt die besten Requisiten aus den 007-Filmen - vom Goldcolt bis zum Klappmesser-Schuh.

Operation Erbarmungslos: Der deutsche Bomber vom Typ Heinkel He 111 stürzt über dem Ärmelkanal ab. Rettungsboote der Nazis eilen zur Hilfe. Da schlägt die Falle zu. Die vermeintlichen Bomberpiloten entpuppen sich als Spezialkommando des britischen Geheimdienstes. Sie überwältigen die Retter, kapern das Boot - und reißen das Codebuch mit den Entschlüsselungstabellen für den deutschen Nachrichtenverkehr an sich. Ein entscheidender Schlag gegen Hitler-Deutschland ist gelungen.

Ein "absolut genialer Plan", fanden die Dechiffrierungsspezialisten, die versuchten, die bereits zuvor erbeutete deutsche Enigma-Verschlüsselungsmaschine in Blechley-Park zu decodieren - doch umgesetzt wurde er nicht. Der Mensch hinter der Idee: Ian Fleming, im Zweiten Weltkrieg persönlicher Assistent des Geheimdienstchefs der Marine. Was die Briten an den exzentrischen Plänen des Agenten-Ausbilders nicht umsetzten, fand Raum in seinen Bestsellern rund um den Doppelnullagenten James Bond. Anlässlich seines 100. Geburtstages am 28. Mai würdigt das Imperial War Museum den 1964 verstorbenen Schöpfer des berühmtesten Agenten ihrer Königlichen Majestät mit der am Donnerstag beginnenden Ian-Fleming-Ausstellung "For Your Eyes Only" ("Nur für Ihre Augen bestimmt"). Eine Reise in die Innenwelt des James Bond.

Denn der Romanheld lässt sich nicht verstehen ohne den Menschen Fleming. Beide sind Schotten, lieben Luxus, Sport und schöne Frauen - zudem haben beide in jungen Jahren ihren Vater verloren. "James Bond verkörpert das Idealbild des Menschen, der Ian Fleming gern gewesen wäre", sagt Ausstellungskurator James Taylor. Hier der Geheimdienstmitarbeiter, dem so oft die Hände gebunden waren, dort der Agent mit der Lizenz zum Töten.

Todbringende Requisiten aus den Bond-Filmen

Die Ausstellung zeigt persönliche Exponate des Schriftstellers wie etwa den Schreibtisch, an dem die Bond-Romane entstanden, Roman-Manuskripte und seinen 357-Magnum-Revolver; zudem bietet sie jede Menge Bond-Devotionalien: Halle Berrys orangefarbenen Bikini aus "Stirb an einem anderen Tag", Daniel Craigs blutverschmiertes Hemd aus "Casino Royale und das Space-Outfit aus "Moonraker".

Und natürlich dürfen auch die 007-spezifischen Tötungsinstrumente nicht zu kurz kommen. Etwa die vergiftete Schuhspitze der KGB-Agentin Rosa Klepp aus "Liebesgrüße aus Moskau", die Harpune aus "Thunderball" und die Atombombe aus "Die Welt ist nicht genug". Doch den Kuratoren geht es um weit mehr als eine Bond-Nabelschau. Sie treten an, um die Beziehung zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Fleming auszuloten: Wo endete die historische Wirklichkeit, wo begann die Phantasie des Schriftstellers zu arbeiten?

Im Auftrag Ihrer Majestät

Beide, sowohl der Romanheld als auch sein Schöpfer, sind Kinder der englischen Oberschicht. Der Sohn eines berühmten Offiziers durchlief die Kaderschmieden Großbritanniens: zuerst Eton, dann die Königliche Militärakademie Sandhurst. Er sprach fließend Französisch, Russisch und Deutsch, versuchte sich als Journalist, Banker und Börsenmakler. Doch seine wahre Leidenschaft galt Martinis, Glücksspiel, Golf und schönen Frauen.

Im Zweiten Weltkrieg ersann er als rechte Hand des Geheimdienstchefs der britischen Marine allerlei - meist nicht realisierte - Pläne, um den deutschen Gegner zu schwächen. Neben der "Operation Erbarmungslos" wollte er etwa den gefangen genommenen Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess durch den Satanisten Aleister Crowley verhören lassen. Der Plan: Geheimwissen über den Astrologieglauben der Nazi-Führung herauszufinden. Zudem heckte er die Idee aus, den Schiffsverkehr auf der Donau durch mit Zement gefüllte und versenkte Kähne lahmzulegen oder Deutschland mit Falschgeld zu destabilisieren. Einer seiner Ideen jedoch trug Früchte - seine Blaupausen zur Organisation eines amerikanischen Geheimdienstes nach britischem Vorbild halfen beim Aufbau der CIA.

007, übernehmen Sie!

Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam Fleming sein Alter Ego - James Bond wurde Anfang der fünfziger Jahre geboren: "Er nahm ganz plötzlich Gestalt an; als eine Mischung aus den Geheimagenten und Sonderkommando-Typen, denen ich während des Krieges begegnet bin", sagte Fleming einmal. Ein Held, der mehr Glück hat als sein Schöpfer.

Etwa im Casino des portugiesischen Estoril: Während des Zweiten Weltkrieges traf Fleming auf feindliche Agenten. Statt sie am Spieltisch zu schröpfen, ging er selbst mit leeren Taschen nach Hause. Bond wäre so was nie passiert. In seinem ersten Roman "Casino Royal" wendete sich das Glück. Ebenso, wie im erst 2006 verfilmten Bond mit Daniel Craig gewinnt natürlich der Gentleman-Zocker.

Der Kalte Krieg bestimmte das Leben von 007. Der Zweite Weltkrieg das des Bond-Autoren. Nicht umsonst haben viele der Bösewichter wie Goldfinger oder Blofeld deutsche Namen. Ebenso wie für das Nachkriegsengland der Zusammenhalt und der Krieg gegen die Deutschen identitätsstiftend war, so war diese Zeit für Fleming "das erste Mal gewesen, dass er in seinem Leben eine wirkliche Bestimmung entdeckte", sagte Ausstellungskurator James Taylor. Der Boheme, der stets durch Intelligenz, Innovationsgeist und Charme brillierte, starb 1964 mit nur 56 Jahren in seiner Villa auf Jamaika an Herzversagen.

Neuer Bond-Roman zum 100. Geburtstag

Eines ist jedoch sicher: So schnell ist seine Schöpfung James Bond nicht totzukriegen. Anlässlich seines 100. Geburtstages am 28. Mai erscheint der 15. Bond-Roman aus der Feder des britischen Erfolgsautors Sebastian Faulks. "The Devil May Care" wird an Flemings letztes, posthum veröffentlichtes Werk "Octopussy" anschließen. Ein angeschlagener, alternder und verletzlicher Bond werde für eine "letzte historische Mission" zurückkehren, so der Autor - mehr verrät er nicht.

Entstanden sei der Roman übrigens in sechs Wochen - und zwar nach derselben Methode, mit der auch Fleming seine Werke verfasst habe: "In seinem Haus in Jamaika schrieb Fleming am Morgen 1000 Worte, dann ging er Schnorcheln, nahm einen Cocktail, Lunch auf der Terrasse, ging wieder Tauchen, schrieb weitere 1000 Worte am späten Nachmittag, dann mehr Martinis und bezaubernde Frauen."

Keine Methode, um alt zu werden - aber eine, um sich in die Unsterblichkeit zu schreiben.

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