1. Mai 2008 in Hamburg Kaffeetrinken gegen Nazis?

1. Mai 2008 in Hamburg: Kaffeetrinken gegen Nazis? Fotos
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Eigentlich wollte Eva Jost es sich zu Hause bequem machen und sich in die Sonne legen. Dann raffte sie sich doch auf, zur Demonstration gegen einen NPD-Aufmarsch in ihrem Stadtviertel zu gehen - sie hat es nicht bereut. Von

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Den Ausschlag gab meine Mutter morgens am Telefon: "Du bleibst heute aber zu Hause, oder?" Ich hatte gerade recht enthusiastisch verkündet, dass ich gedächte, heute nicht zum Schreibtisch zu pilgern, sondern stattdessen ausgiebig die Sonne über Hamburg anzubeten. Und eigentlich hatte ich in der Tat vor, selbiges auf der Terrasse zu tun, um die Wirkung der Sonne durch das psychedelische Innenleben unseres Siebziger-Jahre-Strandkorbs noch zu verstärken.

Warum meine Mutter nicht wollte, dass ich auf die Straße gehe? Weil sich die Herren und wenigen Damen der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) vor einigen Monaten überlegt hatten, am 1. Mai durch Barmbek zu marschieren. Ausgerechnet Barmbek: traditionelles Arbeiterviertel, traditionell sozialdemokratisch, traditionell Ort der Mai-Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) - der daraufhin entschied, nach Sankt Pauli auszuweichen. Und für meine Mutter: Ausgerechnet der Stadtteil, in dem ihre Tochter lebt, welche auf der Fuhlsbütteler Straße bitte weder unter die Stiefel marschierender "Nationaldemokraten" kommen noch versehentlich die Steine zielunsicherer Gegendemonstranten an den Kopf bekommen sollte.

Was meine Mutter nicht weiß, ich aber noch gut in Erinnerung habe: Flaschen werfende Kapuzenpulliträger, Polizisten mit dem Knüppel aus dem Sack und vor einem Wasserwerfer eine hilflos umherblickende Frau mit Kinderwagen, die wie ich auf einer ebensolchen Gegendemonstration dem falschen Pulk von Leuten hinterhergelaufen ist. Verschwommen im Hintergrund: feixende Neonazis, die frisch gescheitelt und in Reih und Glied vorbeimarschieren und sich ob des Chaos' gratulieren, welch' guten Eindruck sie doch nun hoffentlich bei den Zaungästen dieser Demonstration hinterlassen haben.

Hirn vom Himmel

Das war vor einigen Jahren an einem 1. Mai in Frankfurt, und seitdem ist mein Bedarf an Demonstrationen einigermaßen gedeckt. Ich mag weder in Massen auftretende grüne Uniform- noch schwarze Kapuzenpulliträger sonderlich, obwohl ich nach wie vor große Lust habe, Hirn vom Himmel und auf frisch gescheiteltes Haupthaar regnen zu lassen (und noch größere Lust, vorher ein faules Ei darauf zu zerschlagen).

Ich hatte heute also tatsächlich vor, bequem zu Hause zu bleiben und allenfalls im Zuge meiner Sonnenanbetung vorsichtig beim Universum nachzufragen, ob es nicht auch für braundenkende Mitmenschen noch die Möglichkeit der Erkenntnis und Einsicht gäbe.

Allerdings: Was meine Mutter diesmal nicht beabsichtigt, aber getan hatte: An meiner Zivilcourage gekitzelt und sie aus ihrem dösigen Halbschlaf geweckt. Denn: Wer bin ich eigentlich, dass ich auf der Terrasse in die Sonne blinzele und nicht auf der Fuhlsbütteler Straße, wie sonst eigentlich an jedem Tag, und das, weil da heute die NPD durchmarschiert und ich mir deren Anblick ersparen möchte?

Meine Fuhle!

Schließlich ist das doch "meine Fuhle" in all ihrer herrlichen Ranzigkeit: Mein verkümmerter Baum vorm Edeka, an dem ich vorgebe mein Fahrrad anzuketten, mein Obst- und Gemüseladen, wo ich mir regelmäßig Früchte aufschwatzen lasse, deren Namen ich nicht kenne; ja sogar mein Orion-Shop, mit der enthusiastischen Verkäuferin, die mir Knister-Zucker für Oral-Exzesse empfiehlt und die alle Saarländer in ihr Herz geschlossen hat.

An einem Tag, an dem durch diese Straße "Nationaldemokraten" laufen, möchte ich ihnen nicht demonstrativ signalisieren, dass ich hier zu Hause bin (und ebenso alle anderen, die sich in diesem auf den ersten Blick nicht sonderlich heimeligen Stadtteil beheimatet fühlen), aber sicherlich nicht sie, die den absonderlichsten Begriff von "Heimat" pflegen?

Ich habe den Taubengruß vom Fahrradsattel gewischt und bin losgefahren.

"Ich bin dabeigewesen"

Natürlich hat mich befremdet, was mich schon in Frankfurt gestört hat: Da war die Frau mittleren Alters, im Ton-in-Ton Twinset und mit goldenen Ohrringen, die sich "schon aufs Eingekesseltwerden" eingestellt hatte und ob der zu diesem Zeitpunkt friedlichen Stimmung ihre Enttäuschung nicht ganz verhehlen konnte. Da waren die Clowns in Bundeswehruniformen, bei denen trotz roter Pappnase "Solidarisieren, Mitmarschieren" für mich auch nur nach "Marschieren" klang.

Und ich neige nach wie vor dazu, der jungen Dame zuzustimmen, die zu dem schmalschultrigen Jungen sagte: "Fein, jetzt 'ast Du einen Stein gegen die Busscheibe geworfen, aber 'ast Du damit die Welt gerettet? Non." Und das nicht nur, weil sie einen knie-erweichenden französischen Akzent hatte und der Stein recht knapp an meinem Kopf vorbeigeflogen kam.

Ich habe auch heute keine für mich geeignete Möglichkeit des Protests gefunden, die einerseits auf Steine und Kapuzenpullis verzichtet, andererseits aber mehr ist als Demonstrations-Tourismus mit dem Kaffee-auf-die-Hand in der Hand. Aber aller Skepsis zum Trotz und gerne mit ein bisschen Kettcar'schem Pathos: Ich bin dabeigewesen. Und: "Nationaldemokraten" habe ich heute auf der Fuhle nicht gesehen. Nicht einen.

War wohl einfach kein Platz für sie.

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