10 Jahre Columbine-Massaker Der Tag, an dem die Unschuld starb

10 Jahre Columbine-Massaker: Der Tag, an dem die Unschuld starb Fotos
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Sie erschossen zwölf Mitschüler, einen Lehrer - dann richteten sie sich selbst: Am 20. April 1999 stürmten Eric Harris und Dylan Klebold die Columbine High School in Colorado und richteten das bis dahin schlimmste Schulmassaker in der Geschichte der USA an. Dabei war die Tat nie als Amoklauf geplant. Von Marc Pitzke, New York

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Die Frau fragte höflich nach einer Handfeuerwaffe. Sie stand im "Alpha Pawn Shop", einem Pfandleiher unweit von Denver. Der Verkäufer zeigte ihr mehrere Modelle in der Vitrine, sie entschied sich für einen Revolver vom Kaliber .38. Während der Verkäufer mit den Formalitäten abgelenkt war, holte sie zwei Patronen aus der Tasche und lud die Waffe. Die erste schoss sie in die Wand. Die zweite schoss sie sich in die rechte Schläfe.

Carla June Hochhalter, 48, nahm sich am 22. Oktober 1999 das Leben. Das Datum ihres Selbstmords war kein Zufall. Fast genau sechs Monate zuvor war ihre Tochter Anne Marie bei dem Massaker in der Columbine High School so schwer verletzt worden, dass sie seither an den Rollstuhl gefesselt war.

Am Vormittag des 20. April 1999 starben an der Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado, in einem idyllischen Vorort Denvers zu Füßen der Rocky Mountains, zwölf Schüler sowie ein Lehrer, kaltblütig erschossen von ihren Mitschülern Eric Harris, 18, und Dylan Klebold, 17. 23 Jugendliche wurden teils schwer verletzt.

Das erste Massaker, das sich live im Fernsehen abspielte

Der zehnte Jahrestag von Columbine, wie die Tragödie hier nur heißt, dürfte viele der alten Wunden neu aufreißen. Vor allem, da die Politik bis heute weder die Waffengesetze verschärft hat noch die Sicherheit an den Schulen. Seit Columbine hat es Aberdutzende weitere "school shootings" gegeben - nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern weltweit.

Es war aber die Columbine-Tragödie, die das Phänomen ins öffentliche Bewusstsein katapultierte. Sie wurde zum soziologischen Symbol - und zum Fanal für Nachahmer. Nicht zuletzt, weil Columbine das erste Massaker dieser Art war, das sich live im Fernsehen abspielte.

News-Moderatoren waren sprachlos angesichts der Szenen des Grauens, wie etwa die Bilder von Patrick Ireland, 17, der sich, blutüberströmt, in den Kopf getroffen und halb gelähmt, aus dem zerschossenen Fenster der Cafeteria im ersten Obergeschoss in die Arme des Sondereinsatzkommandos der Polizei stürzte. "Ein Alptraum", erinnerte sich Pauline Rivera vom lokalen TV-Sender KMGH später. Sie nannte es den Tag, "als die Unschuld starb".

Klischees, Sagen, Mythen

Dabei lässt sich Columbine kaum abhaken als irrer Akt zweier Außenseiter, wie das so oft geschieht. Harris' und Klebolds wahre Motive wurden nie völlig geklärt. Trotz all der dicken FBI-Berichte, Tatort-Rekonstruktionen, Verhöre von Angehörigen. Trotz der zahllosen Emails, Tagebücher, Pläne und Bekenner-Videos, die die beiden der Nachwelt hinterlassen haben. Was blieb, waren Klischees, Sagen, Mythen.

Die meisten dieser Mythen - die sich schon um die Tat rankten, als die Schüsse noch nicht verhallt waren - sind längst widerlegt. Die Täter hätten zu einer schwarz gewandeten "Trenchcoat-Mafia" gehört. Sie seien aus der Goth-Szene gekommen. Sie seien Einzelgänger gewesen oder schwul. Columbine sei eine Schule voller Hass gewesen. Nichts davon war wahr. Doch die Medien stürzten sich gierig auf jede Fehlinformation. Selbst die "Denver Post", die mit ihrer Berichterstattung über die Ereignisse den Pulitzerpreis gewann.

Der größte Mythos: Dass das alles von Anfang an als Amoklauf geplant gewesen sei. Denn tatsächlich hatten Harris und Klebold einen ganz anderen Plan. Dutzende Bomben sollten Hunderte Schüler, Lehrer und Rettungskräfte töten. Die Waffen dienten nur als Reserve und, um Fliehende "abzuschießen".

Doch weil die meisten der selbstgebastelten Sprengsätze versagten, begannen Harris und Klebold zu schießen - um 11.19 Uhr, während der Lunchpause. Rachel Scott und Richard Castaldo, beide 17, saßen auf der Wiese vor der Schule und wurden als erste getroffen. Scott starb sofort, Castaldo überlebte. Er ist bis heute gelähmt.

Als einer der ersten getroffen, als Letzter gestorben

Harris und Klebold wählten ihre Ziele willkürlich. Es waren entsetzliche Momente, geprägt von undenkbarer Grausamkeit. Manchmal kehrten die Täter zu ihren verwundeten Opfern zurück und feuerten erneut. Der angeschossene Daniel Rohrbough, 15, versuchte davonzukriechen. Klebold tötete ihn mit einem Schuss in den Rücken.

Die furchtbarsten Szenen spielten sich in der Bibliothek ab. Dort hatten sich 52 Schüler, zwei Lehrer und zwei Angestellte unter Tischen und Pulten versteckt. Harris und Klebold zerrten ihre Opfer hervor oder schossen einfach blind. Einige ließen sie um ihr Leben betteln. Allein dort kamen zehn Schüler um, zwölf wurden verletzt. Dieses Morde wurden live über Telefon mitangehört: Lehrerin Patti Nielson hatte den Notruf gewählt, die Telefonistin hielt sie die ganze Zeit in der Leitung.

Basketball-Coach Dave Sanders, 43, war der einzige Lehrer, der umkam. Er brachte mehr als 100 Schüler in Sicherheit, bevor er sich, in die Brust getroffen, in ein Klassenzimmer voller verängstigter Jugendlicher schleppte. Als die Beamten - in der Annahme, die Täter lebten noch - die Schule schließlich stürmten, ließen sie Sanders erst liegen. Beim Eintreffen der Sanitäter war er tot - als einer der ersten getroffen, als Letzter gestorben.

Harris und Klebold hatten sich jedoch bereits rund 90 Minuten nach Beginn der Gewaltorgie durch Kopfschüsse das Leben genommen. Doch noch Stunden später herrschte Ungewissheit, ob sich irgendwo Komplizen verbargen. Erst um 16.30 Uhr wurde Entwarnung gegeben.

Hakenkreuze und gebrochene Herzen

Unzählige Bücher, Studien, Doktorarbeiten haben sich daran versucht, die Beweggründe der beiden zu erkunden. Niemand hat sie bisher überzeugend entschlüsseln können.

Das profilierteste, aktuellste Werk stammt vom Journalisten Dave Cullen, der seit 1999 an dem Fall sitzt. In "Columbine" beschreibt er auf 417 Seiten jedes blutige Detail, neue Antworten gibt er freilich nicht. Janet Maslin warf Cullen in der "New York Times" vor, das Elend zu "vermarkten". In der Tat wird das Buch von einer massiven Multimedia-PR-Aktion begleitet. Cullen selbst war zu beschäftigt mit seiner Lesereise, um sich interviewen zu lassen: "Werde im Flieger sitzen", mailte er.

Fest steht: Die beiden Täter passten nicht ins klassische Schema der Schul-Amokläufer. Sie wurden nicht gemobbt. Sie waren keine Außenseiter, waren sogar fast beliebt. Die Trenchcoats trugen sie nur einmal, am Tag des Massakers, um damit ihre Waffen zu tarnen.

Ihre Tagebücher und Videos offenbarten zwar eine qualvoll-jugendliche Isolation. "Ich hasse die ganze Scheißwelt", schrieb Harris. Was die Aufzeichnungen aber auch und mehr noch zeigten und Psychologen seither bestätigten: Beide litten unter schweren seelischen Störungen.

Harris, der Wortführer des Duos, war ein eiskalter Psychopath mit, wie Cullen schreibt, "einem lächerlichen Überlegensheitskomplex". Der eher schüchterne Klebold dagegen war depressiv und stand unter Psychopharmaka. Harris malte Hakenkreuze in seine Bücher. Klebold malte gebrochene Herzen.

Gewaltvisionen im Internet

"Dies sind keine normalen Kids, die von Mobbing zur Rache getrieben wurden", schreibt der Psychologe Peter Langman in seinem Buch "Why Kids Kill - Inside the Minds of School Shooters" über Harris und Klebold. "Dies sind Kids mit ernsten psychologischen Problemen."

Erste Warnzeichen waren den Behörden bereits seit Jahren bekannt gewesen. 1996 startete Harris eine Website, auf der er Gewaltvisionen und Morddrohungen protokollierte. Die Mutter seines früheren Freundes Brooks Brown alarmierte Ende 1997 das Sheriffbüro. Der zuständige Beamte unternahm aber nichts. Die fraglichen Akten verschwanden auf mysteriöse Weise und tauchten erst 2001 wieder auf.

Stattdessen bekam Brooks Brown Probleme: Er war Harris und Klebold vor dem Massaker auf dem Parkplatz der Schule begegnet. "Hau ab", warnte Harris ihn. Brown blieb Columbine an dem Tag fern. Lange wurde er zu Unrecht als Komplize verdächtigt, von Polizei, Medien, Nachbarn. Später schrieb er selbst ein Buch und assistierte 2002 beim Oscar-gekrönten Anti-Waffen-Film "Bowling for Columbine" des linken Dokumentarfilmers Michael Moore.

"Es wird wirklich einfacher"

Eine Woche nach dem Massaker errichtete ein Schreiner aus Chicago auf einem Hügel an der Schule 15 Holzkreuze - 13 für die Opfer, 2 für die beiden Täter. Sofort zerfiel Columbine in zerstrittene Lager. Viele protestierten gegen die Kreuze für Harris und Klebold. Die Kreuze wurden verunziert. Schließlich zerstörte der Vater eines getöteten Schülers sie eines Nachts. Er bat ein Kamerateam von CNN dazu.

Dann begann die Zivilklagen - gegen die Eltern, die Schule, die Polizei. Einige verklagten sogar die Hersteller brutaler Videospiele, wie sie die Täter gemocht hatten. Die meisten Verfahren endeten mit Entschädigungen. Dave Sanders Witwe Angela erhielt 1,5 Millionen Dollar. Patrick Ireland bekam 117.500 Dollar.

Andere zeigten auf Luvox, das Antidepressivum, das Klebold genommen hatte. Dessen Umsätze fielen so stark, dass es 2002 vom Markt genommen wurde. Seit 2007 ist es wieder im Handel - mit der Warnung, dass es "Suizidgedanken verstärken" könnte.

Columbine löste eine landesweite Debatte um Waffenkontrolle aus. Doch eine Verschärfung der Gesetze, von Colorado initiiert, erstarb im US-Kongress, dank des Drucks der reichen Waffenlobby NRA. Auch das bisher tödlichste Massaker an der Virginia Tech University, bei dem ein Student auch unter Berufung auf Columbine im April 2007 32 Menschen erschoss, änderte wenig. Der Amoklauf von Binghamton vor zwei Wochen (13 Tote) belebte die Diskussion zwar erneut. Doch weder US-Präsident Barack Obama noch seine Demokraten engagieren sich dabei offen.

Nicht alle leiden dauerhaft. "Es wird wirklich einfacher", sinnierte Brooks Brown neulich in seinem Blog. "Einige werden dir sagen, dass Zeit alle Wunden heilt. Wie sich herausstellt, haben sie Recht." Die Ironie: Er arbeitet heute als Web-Producer und Videospiel-Designer.

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1.
Alexander Theodoridis 19.04.2009
Es wird erwähnt, dass die Schüler psychische Probleme (z.B. Depressionen) hatten. Unter der Seite www.psychose.de wird die BIPOLARE ERKRANKUNG erklärt. Es ist keine Schizophrenie. Es ist vielmehr die Krankheit der Leute, die unter manisch-depressiv bekannt sind. Meistens wird von Ärzten die Depression diagnostiziert, weil die im Vordergrund steht. Das Verschreiben von üblichen Antidepressiva in diesem Fall ist ein fataler Fehler. Der Depressive wird zum Maniker. Jede Hemmung entfällt. Es ist auch typisch für die Krankheit dass sie in jungen Jahren zum ersten mal auftritt. Meiner Meinung nach haben wir hier mit mindestens einem Schüler zu tun, der unter dieser Krankheit litt. Entsprechend haben wir dann mit der Krankheit auch in Deutschland zu tun (Winnenden). Das Kind (denn das war ein Kind) litt auch unter Depressionen, die auch so diagnostiziert wurde. Man kann nie wissen ob die Diagnose richtig war. Aber sicher ist, dass die Interpretation von Medien, Ballerspiele seien schuld usw, nicht stimmen. Zugegeben, in so einem Fall geben diese Spiele den richtigen Kick. Aber das wichtigste war die nicht mehr existente Behandlung des Täters (warum auch immer) bzw. die falsche Diagnose. Man kann vieles verbieten, was einen schadet in einer bestimmten Situation. Die Selektion wäre aber ein anderes Thema. Ich muss sagen ich kenne mich mit der Literatur über Columbine nicht aus. Aber diese psychische Probleme sind für mich entscheidend. Denen sollte man auf den Grund gehen, auch bei Kindern in Deutschland. Sind das exogene Psychosen, die von Missachtung, Erfolgslosigkeit usw. ausgelöst sind, oder ist es eine richtige endogene Krankheit, die richtig therapiert werden muss? Das sind die wichtigsten Fragen meiner Meinung nach.
2.
Christian Busch 19.04.2009
Die Berichterstattung über Schulamokläufe, wie dieser hier über Littleton, führt doch gerade bei zukünftigen Tätern dazu, dass es zu solchen Taten kommt. Haben denn die Medien (damit ist nicht alleinig der Spiegel gemeint) noch immer nicht verstanden, dass der potenzielle Täter die öffentliche Berichterstattung über vergangene sog. schoolshots, als Motivation für einen solchen nutzt? Wo bleibt die Verantwortung, es ist doch gerade erst zwei Monate her, als alle fragten, wie es zu solchen Ereignissen in Deutschland kommen kann? Für potenzielle Täter sind Eric Harris und Dylan Klebold Vorbilder, auch eine negative Berichterstattung über die Beiden, führt zur weiteren Verbreitung Ihrer Tat. Diese schrecklichen Tage an den die Taten stattfanden, sollten meiner Meinung nach nicht in der Presse erwähnt werden, der Vorbeugung wegen!
3.
Chief Wiggum 19.04.2009
Quo vadis, Spiegel online? Im Text: "Fest steht: Die beiden Täter passten nicht ins klassische Schema der Schul-Amokläufer. Sie wurden nicht gemobbt. Sie waren keine Außenseiter, waren sogar fast beliebt." Im zugehörigen Video: "Die Amokschützen sind verlachte Außenseiter, von ihren Mitschülern nicht anerkannt. Die meisten ihrer Opfer dagegen sind Sportskanonen, die Harris und Klebold offenbar besonders verabscheuten." Sehr konsequent. Und sich dann noch von oben herab über die Recherchen anderer äußern: "Doch die Medien stürzten sich gierig auf jede Fehlinformation. Selbst die 'Denver Post', die mit ihrer Berichterstattung über die Ereignisse den Pulitzerpreis gewann." Ouch...
4.
Carl O. Jones 19.04.2009
Wer Amokläufern so ein Denkmal setzt wie Marc Pitzke in diesem Artikel, der braucht sich über den nächsten nicht zu wundern. Aber den kann man dann ja auch wieder publizistisch auschschlachten..... Widerlich!
5.
Christoph Jakob Rauxel 19.04.2009
Dass der Artikel dem Video am Ende der Photostrecke (spiegeltv) wiederspricht, ist wohl keinem Redakteur aufgefallen, was...? Z.B.: Entweder die Täter waren "fast schon beliebt", wie der Artikel es sagt, oder die krassen Außenseiter, zu denen der Videobeitrag sie macht.
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