Nachgehakt Was wurde aus der Fuchsjagd in Großbritannien?

Vor zehn Jahren probten die Briten den Aufstand: Hunderttausende demonstrierten, dennoch verbot die Regierung die Fuchsjagd. Seither wurden mehr Tiere getötet denn je - die Upper Class will von ihrem Brauch nicht lassen.

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Anfang des Millenniums rückte ein Thema auf die Tagesordnung des britischen Parlaments, über das die Abgeordneten zwischen 2002 und 2004 mehr als 700 Stunden lang hitzig debattieren sollten. Es war - neben dem gleichzeitig aufflammenden Irakkrieg - das beherrschende politische Thema im offenbar gar nicht so Vereinigten Königreich.

Auf den Straßen marschierten zunehmend wütende Demonstranten. Im September 2002 motivierte die Lobbygruppe Countryside Alliance 400.000 Menschen zum energischen Protest. Die Gegner der diskutierten Gesetzesvorlage wurden immer lauter.

Am Tag der finalen Abstimmung, am 15. September 2004, schafften es mehrere von ihnen, ins Plenum des House of Commons einzudringen - der erste Zwischenfall dieser Art seit 1641. Auf dem Parlamentsvorplatz kam es derweil zu Straßenschlachten mit der Polizei, die Mühe hatte, die Gesetzesgegner unter Kontrolle zu halten.

Was war es, das ausgerechnet die "upper crust" der britischen Bürger derart auf die Palme brachte? Es ging um eine Institution: die Fuchsjagd hoch zu Ross, mit Hundemeute. Die Debatte über deren Verbot offenbart, wie tief die Gräben zwischen den Klassen in Großbritannien waren - und noch immer sind.

Prinz Charles droht mit Auswanderung

Als das Unterhaus den Hunting Act von 2004, der die Fuchsjagd mit Hundemeuten weitgehend verbieten sollte, schließlich mit deutlicher Mehrheit verabschiedete, verweigerte das House of Lords die Gegenzeichnung des Gesetzes. Allen Nachbesserungen und Kompromissvorschlägen erging es genauso.

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Am Ende griff die Labour-Regierung von Premier Tony Blair zum parlamentarischen Äquivalent eines Holzhammers: Das Gesetz trat im Februar 2005 unter Berufung auf den Parliament Act von 1949 in Kraft. Der stellt die höhere Bedeutung des Unterhauses klar und ermöglicht die Überstimmung jeder Gesetzesblockade durch das Oberhaus.

Doch auch das beendete den Widerstand gegen den Hunting Act nicht. Zahlreiche Prominente sprachen sich dagegen aus, auch aus dem Königshaus: Charles soll gesagt haben, würde die Jagd verboten, könne er gleich auswandern und "den Rest meiner Tage Ski fahren". Seine Schwester Anne ließ sich nach dem Parlamentsbeschluss bei der Fuchsjagd erwischen. Und Queen Elisabeth wütete noch nach Tony Blairs Abwahl, dessen Fuchsjagdverbot habe "das Land gespalten".

Immerhin: Geschickte Lobbyarbeit sorgte für Löcher im Gesetz, die sicherstellten, dass die Jagdgesellschaften und ihre Meuten dennoch in Bewegung blieben. Anfang 2015 zählt die "Master of Foxhounds Association", der größte Verband von Hundemeuten-Betreibern, insgesamt 186 registrierte und organisierte Jagdmeuten ("Packs" oder "Hunts"), die fast die gesamte Landfläche Großbritanniens in Reviere teilen.

Trotz Verbots: Behörden schauen weg

Laut Countryside Alliance ist die Zahl der berittenen Fuchsjäger seit dem Verbot "kräftig" gestiegen, auf aktuell rund 45.000. Zum großen Halali am sogenannten Boxing Day - der zweite Weihnachtstag ist Hauptjagdtag der Fuchsjäger - traten 2014 fast 300 Hundemeuten und 250.000 Zuschauer an. Auch die Anzahl der getöteten Füchse stieg seit Verhängung des Verbots Jahr für Jahr an.

Die Jäger nutzen geschickt die Löcher im Gesetz. Laut der Foxhounds Association operieren ihre Mitglieder im legalen Rahmen: Neben Schleppjagden, bei denen menschliche "Füchse" mit Hilfe eines Köders eine Fährte legen, praktizieren sie seit 2005 vor allem die Jagd virtueller Füchse. Sie legen bei "Spurenjagden" eine Fährte mit Fuchsurin.

Lobbyisten der traditionellen Fuchsjagd verhehlen nicht, dass dies auch dazu dient, die Fähigkeiten der hochgezüchteten Jagdmeuten zu erhalten - für eine Zeit nach dem Bann. Tierschützer werfen den Organisatoren der Spurenjagden vor, dass die Abrichtung auf Fuchsgeruch vor allem dazu diene, hier und heute "versehentlich" doch Füchse zu erlegen.

Denn das passiert oft genug und wird auch nicht bestraft: Vom Gesetz verboten ist nur die absichtliche Jagd mit mehr als zwei Hunden. In zehn Jahren gab es gerade einmal 18 Verfahren gegen Mitglieder von Gesellschaften, die mit Meute jagten. Von 21 Klagen gegen Personen wurden 13 entweder fallengelassen oder in Revisionsverfahren kassiert.

Die Zahlen, behaupten Gegner der Fuchsjagd, seien vor allem deshalb so niedrig, weil die Behörden gern wegsähen und auch Anzeigen wenig enthusiastisch verfolgten. Die Liga gegen grausame Sportarten setzt ein Kopfgeld von 1000 Pfund für jedermann aus, der erfolgreich eine illegale Jagd zur Anzeige bringt. Arm wird sie dabei nicht.

Kein Kläger, keine Beklagten

Den Jägern macht das entsprechend wenig Sorgen. Zum einen sind die Strafen meist niedrig, zum anderen definiert das Gesetz genügend Ausnahmen, hinter denen man sich verschanzen kann. In Schottland etwa dürfen auch Hundemeuten eingesetzt werden, so lange der Fuchs am Ende nur erschossen und nicht zerfetzt wird. Versehentliche Tötungen durch die Meute werden auch hier nicht bestraft.

Ähnlich könnte eine kommende Regelung in Wales aussehen. Im Rahmen der zunehmenden Devolution, der Abtretung auch gesetzgeberischer Kompetenzen an die einzelnen Nationen des Vereinigten Königreiches, könnte das Fuchsjagdverbot in Wales Ende Februar sogar völlig fallen.

Die "Federation of Welsh Farmers Packs" argumentiert seit Jahren, in Wales sei die Fuchsjagd mit Meute kein Societysport, sondern eine Notwendigkeit: Seit dem Verbot steige jedes Jahr die Anzahl gerissener Lämmer. 2013 legten die Welsh Packs eine Studie dazu vor, die der konservative Premier David Cameron für geeignet hielt, den Hunting Act noch einmal zu überarbeiten.

Bizarre Schlupflöcher

Der Premierminister ist da richtig motiviert: Cameron selbst ging bis zu seiner Wahl mit dem Heythrop Hunt auf Fuchsjagd. Sollte Wales Ende Februar das Fuchsjagdverbot ganz oder teilweise zurücknehmen, wäre England das letzte Gebiet, in dem es noch volle Wirkung hätte. In dem unter Regionalverwaltung stehenden Nordirland darf sowieso "traditionell" gehetzt werden - was in Zeiten wachsenden Tierschutzbewusstseins immer schwieriger zu rechtfertigen ist.

Umfragen zufolge spricht sich eine satte Mehrheit der Briten gegen die Fuchsjagd aus. Längst machen sich da auch die Fuchsjagdbefürworter Argumente zu eigen, die nach Tierschutz klingen. Die traditionelle Jagd bedeute für die Füchse weniger Stress, sagen sie, als die per Ausnahmen im Gesetz ermöglichten Alternativen. Denn die Hatz dauere ja länger, wenn nur zwei Hunde daran beteiligt seien.

Zudem sei es auch humaner, die Füchse durch Hunde töten zu lassen, als etwa durch Raubvögel: Die bizarrste Ausnahme im Hunting Act erlaubt es tatsächlich, den Fuchs per Hundemeute aufzuscheuchen, damit ihn ein abgerichteter Raubvogel erlegen kann. Und wieder bleibt auch hier die versehentliche Tötung durch Hunde unbestraft.

Kein Wunder also, dass Tim Bonner, Sprecher der Fuchsjagdlobby Country Alliance, vor wenigen Tagen gegenüber der BBC ein positives Fazit zu zehn Jahren Fuchsjagd-Verbot zog. Das befürchtete Ende alter Traditionen sei ausgeblieben. Im Gegenteil: "Ich glaube, die Leute waren angenehm überrascht, wie die Dinge in den vergangenen zehn Jahren gelaufen sind."

Die Füchse wohl weniger.

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Sir Henry I., 16.02.2015
1. Die alte Frage: Tierschutzrecht vs. Jagdrecht
Auch in der aktuellen Debatte zur Änderung des Jagdrechts in NRW wird hitzig diskutiert zwischen Landesjagdverband und Tierschutzorganisationen, die beim Umweltminister Johannes Remmel wohl die bessere Lobby haben. So wird es dem Jäger wohl bald nicht mehr erlaubt sein, wildernde Hunde oder Katzen zu erschießen. Hetz- oder Meutejagden sind in Deutschland schon lange nicht mehr erlaubt, die Fuchsjagd wurde bereits in den Sechzigerjahren verboten. Als Abwandlung ist lediglich noch die Schleppjagd erlaubt, quasi auf die ausgestopfte Fuchsattrappe. Daß diese den Meutehunden überaus viel Spaß macht, ist unübersehbar. Hunde stammen vom Wolf ab und haben immer noch diesen Urinstinkt, im Rudel zu jagen. In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, daß die ersten Wolfsrudel seit dem achtzehnten Jahrhundert wieder in Deutschland jagen und Schafe reißen; jüngst so beobachtet in der Lüneburger Heide. Wie wollen die Tierschützer dieser Entwicklung Einhalt gebieten? Ganz ohne die Jäger geht es wohl doch nicht... Dr. Hendrik Groteheide, Kreis Gütersloh, NRW.
Antonietta Tumminello, 16.02.2015
2. gegen die Jagd !
Jahr für Jahr ballern Jäger in Deutschland über 5 Millionen Wildtiere tot. Für das einzelne Tier ist dies meist mit furchtbaren Qualen verbunden, die im Grunde gegen das Tierschutzgesetz verstoßen - von dem die Jäger bezeichnender Weise ausgenommen sind - und die durch nichts zu rechtfertigen sind. Denn die Jagd ist aus ökologischer und biologischer Sicht nicht notwendig, ganz im Gegenteil: Jagd schädigt mehrfach das ökologische Gleichgewicht.
Petit Larousse, 16.02.2015
3. Jägerei
im Grunde ist über die Jägerei längst alles gesagt....wer sich im 21. Jahrhundert immer noch daran beteiligt, ist - gelinde gesagt - ein Primat.
Karlheinz Wehner, 16.02.2015
4. Dieser Erscheinung liegt ein psychisches Problem zugrunde.
Ein Teil der Menschheit braucht das Gefühl, Sieger bzw. König zu sein. Dem liegt wohl ein unbewältigtes Minderwertigkeitsgefühl zugrunde. Diese Gruppe zieht sich durch alle Völker, alle Ethnien, alle Gesellschaftsschichten. Intelligenz und Bildung spielen auch keine Rolle. Verstand und Erwachsensein ist viel seltener als allgemein angenommen. Zu Näherem fragen Sie bitte ihren Psychiater.
Klaus Heimann, 16.02.2015
5. @Antonia Tumminello
Wo haben sie denn diese Weisheiten her? Eine Quellennennung dazu wäre interessant, aber bitte von seriösen Quellen.
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