Lewinsky-Affäre Schmuddelsex und Marschflugkörper

Oralsex im Oval Office und ein blaues Kleid mit Spermaflecken: Im August 1998 gestand US-Präsident Bill Clinton nach langem Leugnen seine Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky - der Skandal brachte den mächtigsten Mann der Welt an den Rand der Amtsenthebung.

REUTERS

Von , Washington


Ein ganzes Politikerleben hat Bill Clinton die Miene des ertappten Sünders perfektioniert: Der Mann, dem man nicht wirklich böse sein kann, weil er doch so nett um Vergebung bittet. Oft hat er sie aufgesetzt, doch an diesem 17. August 1998, einem Montag, ist von dieser Miene nichts zu sehen.

Es ist 10 Uhr abends im "Map Room" des Weißen Hauses, Clinton spricht direkt in die TV-Kamera. Hier im "Map Room" hat Präsident Franklin D. Roosevelt einst den Fortgang des Zweiten Weltkriegs verfolgt, und auch Clinton sieht seine Rede als Teil einer Schlacht. Er hat dem Wahlvolk ein bitteres Geständnis zu machen: Er hat tatsächlich eine Affäre mit der 22-jährigen Praktikantin Monica Lewinsky gehabt, einer dunkelhaarigen Arzttochter aus dem reichen Beverly Hills, für die der Job im Weissen Haus die erste Karrierestation sein sollte. Von dort war sie freilich bald ins Pentagon versetzt worden, denn ihre Vorgesetzten monierten "unreifes" Verhalten, sobald der Präsident in der Nähe sei. Der selbst sah das anders; laut Besuchsprotokollen ließ Clinton die junge Frau 37 Mal ins Weisse Haus kommen, als Lewinsky dort schon gar nicht mehr arbeitete.

"Es war falsch", hören Millionen Amerikaner ihren Präsidenten sagen, "es war ein persönliches Versagen, für das ich allein und komplett verantwortlich bin." Nur vier Minuten dauert Clintons Ansprache. Es sind wahrscheinlich die wichtigsten Minuten seiner politischen Karriere, und der gewiefte Polit-Stratege weiß das. Tagelang hat er an der Ansprache gefeilt. Die Liste der Anklagepunkte, die der hartnäckige Staatsanwalt Kenneth Starr - vom US-Kongress als Sonderermittler eigentlich zur Aufdeckung eines anderen Clinton-Skandals um anrüchige Grundstücksgeschäfte eingesetzt - für ein mögliches Amtsenthebungsverfahren zusammengetragen hat, ist lang: Behinderung der Justiz, Falschaussage, Amtsmissbrauch. Der stets griesgrämig dreinblickende Starr wird rasch zu Clintons Nemesis. Er wolle ja gar nicht in Clintons Privatleben wühlen, wiederholt er stoisch - aber dessen ausweichende Antworten entsprächen dem Leugnungsmuster in anderen Skandalen und liessen ihm gar keine ander Wahl.

Schmierige Details, genüsslich aufbereitet

Clintons Rede ist das offene Eingeständnis einer kolossalen Lüge, an die Clinton sich mehr als ein halbes Jahr geklammert hat. Im Januar 1998 hatte die Internet-Klatschseite "Drudge Report" herausposaunt, "Newsweek" wolle eine Story über eine Affäre des Präsidenten mit einer Praktikantin nicht drucken. Seither debattierte Amerika über ein blaues Kleid mit verdächtigen Flecken, Zigarrenetuis und deren ungewöhnliche Verwendung im Oval Office. Selbst die Farbe der Krawatten, die der Präsident von seiner Praktikantin geschenkt bekam, wird zum Thema. Jedes schaurig-schmierige Detail wurde von den US-Kabelsendern und Internet-Seiten rund um die Uhr genüsslich aufbereitet.

Ganz Amerika, ja die ganze Welt redet im Frühjahr und Sommer 1998 über nichts anderes als Bill Clinton und Monica Lewinski - nur einer schweigt, Clinton selbst. Genauer: Er leugnet. Nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe hatte Clinton zu Protokoll gegeben, mit der Praktikantin sei nichts gewesen: "Ich hatte keine sexuelle Beziehung mit dieser Frau, Miss Lewinsky." Er könne sich nicht mehr erinnern, ob er jemals mit ihr allein im Oval Office gewesen sei. Daran hält der Präsident stur über ein halbes Jahr fest, selbst gegenüber engsten Beratern.

Am Abend des 17. August 1998 nun muss er also der Nation seine Lüge eingestehen. Doch kaum, dass die Wahrheit auf dem Tisch ist, beginnt er sofort, kämpferisch um Verständnis zu werben. "Ich musste Fragen beantworten, die kein Amerikaner beantworten müssen sollte. Sogar Präsidenten haben das Recht auf Privatleben." Schließlich blickt Clinton trotzig nach vorne. "Es ist Zeit, das hinter uns zu lassen. Wir müssen uns um andere wichtige Dinge kümmern." Dass Clinton so wenig schuldbewusst auftritt, überrascht die meisten Beobachter. Noch unmittelbar vor der TV-Ansprache hatte Clinton mit Starrs Ermittlern lautstark diskutiert, ob Oralsex eigentlich unter die Definition einer "sexuellen Beziehung" falle.

Höhnische Vorwürfe

Doch mit seiner kämpferischen Haltung hat der Vollblutpolitiker die Stimmung in den USA mal wieder richtig eingeschätzt. Genau wie seine Frau: Die hatte ihn in den ersten Tagen nach Enthüllung der Affäre auf die Couch verbannt, danach aber immer zum Durchhalten angefeuert. Und tatsächlich: Die Amerikaner beginnen, der endlosen Schmuddelgeschichte überdrüssig zu werden. Nicht wenige sehen darin eine Kampagne der ultrakonservativen Republikaner, die den US-Kongress dominieren. Sie haben genug von dem Zustand der Lähmung, in den die Affäre die Supermacht USA gestürzt hat. Amerika sehnt sich nach einem Präsidenten, der endlich wieder regiert.

Und als dieser zeigt sich Clinton demonstrativ: Kurz nach seinem Schuldeingeständnis lässt er 75 Marschflugkörper auf Terroristenstützpunkte im Sudan und Afghanistan feuern - vorgeblich als Vergeltung für Anschläge auf US-Botschaften in Afrika. Das bringt Clinton höhnische Vorwürfe ein, durch Raketendonner vom Sex-Schmuddel ablenken zu wollen. Doch es funktioniert. Mit ihrer Mehrheit im Repräsentantenhaus strengen Clintons republikanische Gegner zwar im Dezember 1998 noch ein Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton ein. Doch im Februar 1999 beerdigt der Senat das Verfahren. In Umfragen sind die Republikaner da längst unbeliebter als der untreue Lügen-Präsident. Clintons zweite und letzte Amtszeit endet auf einer Woge der Popularität.

Die Praktikantin mit der Helmfrisur

Der Glanz des Namens Clinton blieb sogar stark genug, um auch noch seine Frau zuerst in den Senat und dann bist fast ins Weiße Haus zu tragen. In Hillarys Vorwahlkampf gegen Barack Obama spielte die Lewinsky-Affäre erstaunlich selten eine Rolle. "Das geht Sie überhaupt nichts an", bellte Tochter Chelsea einmal, als ein Wähler danach fragte - und erntete dafür Beifall von den Medien. Hillary nutzte Verweise auf die Affäre sogar geschickt für den Wahlkampf: Sie wisse ja aus eigener Erfahrung, was für Schlingel Männer sein könnten, scherzte sie vor Frauengruppen.

Corbis

Und dennoch haben sich die Schatten der Affäre nicht ganz verzogen. Viele Politikexperten glauben, dass Bill seine Frau dieses Jahr die Kandidatur gekostet haben könnte, weil er im Wahlkampf gereizt und aggressiv auftrat und Gerüchte um neue Sex-Eskapaden nicht verstummten. Doch vielleicht ist das nur die Ouvertüre zum letzten Comeback des Polit-Genies. Auf dem Nominierungsparteitag für Obama Ende August wird Bill genau wie Hillary eine Hauptrolle spielen. Schon kursieren Gerüchte, die Clinton-Dynastie könne im Falle einer Niederlage Obamas in vier Jahren wieder zum Kampf ums Weiße Haus antreten.

Ach ja, und Monica Lewinsky? Die ist heute erstaunlich konsequent aus der Öffentlichkeit verschwunden. In Erinnerung bleiben ihr blaues Kleid, schlüpfrige Witze über Zigarettenetuis und Fotos eines verliebt strahlenden Mädchens mit Helmfrisur neben dem mächtigsten Mann der Welt. Zuletzt wurde vermeldet, dass Lewinsky, die zwischenzeitlich nur noch als Handtaschendesignerin von sich reden gemacht hatte, in London einen zweiten Uni-Abschluss gemacht hat. Das Fach der Ex-Praktikantin, die Charme und Abgründe eines Machtmenschen so intensiv erlebte: Sozialpsychologie.



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