10 Jahre Napster Als mein Computer singen lernte

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Es war eine Revolution: Vor zehn Jahren machte der Student Shawn Fanning Computer zu Jukeboxen. Seine Musikbörse Napster war Pop, sie machte den Weg frei für MP3 und iPods - Sebastian Heilig über die erste Mega-Community des Internets. Und ihren jähen Absturz. Von

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"Ihr bleibt jetzt also zuhause und schaut euch diese bunten Balken an?", fragte mich meine Mitbewohnerin Paula Samstagnacht, zu einer Uhrzeit, zu der man Studenten eher in Clubs oder Kneipen vermutet. Mit "Balken" meinte Sie die Darstellung für Download-Fortschritte innerhalb der Internet-Musiktauschbörse Napster. Ich verstand ihre Frage nicht. Die Disco war hier.

Ein großer deutscher Telefonnetzbetreiber hatte gerade ein neues Angebot gestartet: Gegen einen geringen Aufpreis durfte man den ganzen Sonntag soviel telefonieren, wie man wollte. Sonntage fangen nun mal um 0 Uhr an, und es hatte sich schon länger herumgesprochen, dass man Computer auch in Telefonbuchsen stöpseln kann. Meine Beziehung zu Computern beschränkte sich bis dahin auf "Word" - ab jetzt ging es aber um "Soul", verdammt. "Wir kommen später vielleicht nach", antwortete mein Freund Ingo verlegen. Waren wir gerade dabei, uns in Nerds zu verwandeln?

Hacken, was das Zeug hält

Shawn Fanning, der Erfinder von Napster, war ein Nerd. Er ernährte sich von Pizza und war immer blass. Shawns Hobbys: Programmieren und Hacken. Ein Geek-Wunderkind, das sich als Sohn eines alleinerziehenden Hippie-Mädchens aus der amerikanischen Unterschicht hochgekämpft hatte. Sein Onkel leitete ein Online-Schachportal und bot damit alles an technischem Equipment, was man benötigte, um im Internet Unfug zu treiben. Fanning hackte, was das Zeug hielt. Den Stein des Anstoßes lieferten ihm seine Studienkollegen, die unzufrieden waren mit der Suche nach kostenloser Musik im Internet: Wenn es welche gab, dann nur auf kurzlebigen Webseiten mit exotischen Endungen. 1998 brach Fanning sein Informatikstudium ab und konzentrierte sich ganz auf die Entwicklung einer Software, die es ermöglichen sollte, Musik bequem über das Internet zu tauschen.

Shawn hatte ja keine Ahnung, was er da anrichten würde. Napster wurde Ende der neunziger Jahre zur am schnellsten wachsenden Community des Internets. Kurz vor der Stilllegung 2002 gab es weltweit rund 38 Millionen Nutzer. Revolutionär war der Peer-to-Peer Ansatz ("P2P"): Kaum war Napster auf dem Computer installiert, durchforstete das Programm die Festplatte nach Musikdaten. Eine Liste dieser Daten ging an einen zentralen Server. Im Gegenzug hatte man Einblick in die Listen anderer Teilnehmer oder konnte über eine Suchfunktion gezielt nach Titeln oder Künstlern suchen. Und es gab sie alle! So viel Naivität im Umgang mit privaten Daten scheint aus heutiger Sicht ein Horror, Vorratsdatenspeicherung war ein Fremdwort. Auch die rechtliche Situation war zunächst völlig ungeklärt. Doch mein Freund Ingo war Jurastudent, das hat mich beruhigt.

Unerschöpfliche Jukebox

Was viel schwerer wog, war die Tatsache, dass hier ein Traum erfüllt wurde: Napster war eine unerschöpfliche Jukebox. Hier waren sie versammelt, die sympathischen Fanatiker, die ihren Freundeskreis permanent mit Mixtapes nervten und ständig versuchten, andere vom eigenen Lieblingssong zu überzeugen, Teenager auf der Suche nach der aktuellen Scooter-CD und jede Menge Messis - Leute, denen das Sammeln wichtiger war als die Musik selbst. Natürlich ging es auch darum zu konsumieren, ohne zu bezahlen.

Einmal angefixt, luden wir wie im Rausch. Und wir lernten dabei viel über Musikgeschichte: So erfuhr ich zum Beispiel, dass "Don't You Worry 'Bout A Thing" im Original gar nicht von Incognito war, sondern von Stevie Wonder. Überhaupt war sehr viel von Stevie Wonder, auch viel Mist. Ingo interessierte sich vor allem für französische Chansons, "Aux Champs Elysees", zum Beispiel, von Joe Dassin. Wir entdeckten den Hit bei einem User namens Asrid. Komischer Name dachten wir noch, aber das Musikarchiv von Asrid erwies sich als Goldgrube. Das Thema Usernamen und Pseudonyme war für uns neu. Im Internet hießen wir Ingo. Asrid fand unser Sortiment nicht so spannend, wie sie uns über den programminternen Messenger wissen ließ. Wir fanden nie heraus, ob es sich um eine Schwedin mit Rechtschreibschwäche oder einen Iraker handelte. Er/Sie loggte sich aus und brach den Joe-Dassin-Download kurz vor Schluss ab. Ingo war sauer, "Scheiß Community", dachte ich.

"Seien wir ehrlich: Napster ist cool"

Live fast, die young. Was für Rock 'n' Roll gilt, galt auch für Napster. Das Unternehmen bekam eine Milliardenklage des Branchenverbandes der großen Plattenfirmen, was zunächst nur dazu führte, dass neue Filter in das System eingebaut wurden. Gab man nun beispielsweise "Metallica.mp3" als Suchbegriff ein, wurden keine Treffer erzielt. Tippte man jedoch "etallicaM.mp3" ein, kam jedes Metaller-Herz weiterhin auf seine Kosten. "etallicaM.mp3" wurde auch deshalb besonders gerne eingegeben, weil die Schwermetaller jeden Pressetermin nutzten, um die Napster-Gemeinde lautstark zu verfluchen.

"Seien wir ehrlich: Napster ist cool." Mit diesen Worten überraschte ausgerechnet Bertelsmann Chef Thomas Middelhoff bei der Musikmesse Popkomm 2000. "Sie werden diese Technologie nicht mehr stoppen können." Napster kooperierte jetzt also mit Bertelsmann. Aus der Sicht von Internet-Piraten war das eher uncool. Der Launch einer neuen Beta-Version im Januar 2002 war gleichzeitig der Todesstoß für die Community. Gerade 20.000 ausgewählte Nutzer durften auf ein begrenztes Sortiment von lächerlichen 110.000 Songs zugreifen. Musik der großen Labels war nicht dabei, lediglich einige Indie-Labels waren an der Zusammenarbeit interessiert. Der offizielle Start von Napster 2.0 war am 9. Oktober 2003, das Angebot war breiter (etwa 500.000 Songs), aber dafür kostenpflichtig. Längst kursierten Gerüchte von neuen, dezentralen Netzwerken, bei denen es keinen Hauptverantwortlichen mehr gab, die Verantwortung wurde dort von den Usern demokratisch geteilt.

Download begleitet vom Chor der Schwarzmeerflotte

Irgendwann in jener Nacht kam Paula nach Hause, zumindest unsere Wohn-Community war wieder komplett. Sie bat uns, die Musik leiser zu machen. Ingo und ich hatten vor dem Rechner ein paar Bier getrunken und begleiteten lautstark den Chor der Schwarzmeerflotte beim Singen der russischen Nationalhymne. Ich kann mich nicht mehr erinnern, warum wir das runtergeladen haben, vermutlich um die Zeit zu überbrücken, bis der Konzertmitschnitt von den Sex Pistols endlich seinen langen, langen Weg über das 56k-Modem auf unseren Rechner gefunden hatte.

Ohne Shawn Fanning, den Che Guevara der "mp3 Revolution", gäbe es heute womöglich keinen iPod. Die Internet-Verbindungen sind mittlerweile viel schneller, die Programme deutlich komfortabler. Schüler laden sich keine Songs mehr runter, sondern gleich ganze Alben inklusive Cover, wahlweise auch Diskographien, aktuelle Kinofilme oder Computerspiele. Die rechtliche Debatte ist seit Napster nicht abgeebbt, fest steht nur, dass das bloße Horten von Datenmengen angesichts neuer Streaming-Technologie, individueller, nutzergenerierter Radiosender und kostenloser Podcasts an Reiz verloren hat, und auch an Rock 'n' Roll.

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