Studentenstreik 1997 Protest in der Gummizelle

Überfüllte Seminare, fehlende Bücher, überforderte Dozenten: 1997 führte die Misere an den Universitäten zu einem der größten deutschen Studentenstreiks aller Zeiten. Doch der Protest verpuffte - weil ihm die Gegner fehlten.

DPA

Von David Frogier de Ponlevoy


Es ist die erste Versammlung von streikwilligen Studenten. Sie passt in den größten Vorlesungsraum der geisteswissenschaftlichen Fakultät. Was nicht sehr groß ist. Vielleicht 200 Marburger Studenten - von 20.000. Ein Prozent. Auf dem Pult steht eine Studentin und ruft den Anwesenden zu: "In Gießen wird gestreikt!" Jubelgeschrei. "Bremen hat sich uns angeschlossen!" Jubelgeschrei. "Bochum will sich uns anschließen!" Jubelgeschrei. Dann folgt eine Liste mit einem Dutzend deutscher streikwilliger Städte, untermalt von studentischem Jubelgeschrei. Währenddessen stehe ich mitten in der Menge und denke: "Wahnsinn. Wir können etwas bewegen. Wir werden Zeitgeschichte schreiben."

Fünf Minuten später bin ich wieder draußen an der frischen Luft und frage mich, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Noch nicht einmal Marburg "streikt" in Wirklichkeit zu diesem Zeitpunkt. Von den anderen Städten ganz zu schweigen. Die Proteste von 1997 beginnen für mich mit einer Lektion darin, wie ansteckend euphorische Begeisterung und Massenbewegungen sein können. Drei Jahre später wird mir das noch einmal begegnen: in einem Theaterkurs, in dem der Leiter seine Schüler zu einer griechischen Phalanx zusammenstellt und sie durch gemeinsames Geschrei und Getrommel erleben lässt, warum die Soldaten in der Antike, die damals vorne rannten, sich unbesiegbar fühlen, obwohl sie als Erste von den Feinden aufgespießt wurden.

"Akademiker sind nicht links"

Dem bundesweiten Studentenstreik wurde schon 1997 gerne vorgeworfen, dass er nicht politisch gewesen sei. Dass die Generation Golf eben mehr Geld für die Unis gefordert habe. Die Zigaretten-Karikatur "Lucky Streik" wurde zum Sinnbild, "glücklicher Streik". Gießen veranstaltete mit Geigern ein Streichkonzert und nannte es "Streikkonzert", in Marburg wurden Zündhölzer als "Streikhölzer" bedruckt. Das war humorvoll, und man könnte sagen es war unpolitisch.

War es auch ziellos?

Ich war damals im ersten Semester. Alles war neu, alles gewöhnungsbedürftig, aber schon in der ersten Woche wurde deutlich, dass irgendetwas nicht ganz stimmte: Es gab Vorlesungen mit 100 Teilnehmern bei 40 Sitzen. Es gab eine Professorin, die ihr Seminar absichtlich auf 7 Uhr morgens legte und trotzdem noch 60 Anwärter vor sich hatte. In anderen Seminaren wurden die Plätze ausgelost. In der Uni-Bibliothek klebten auf den Fächern der wissenschaftlichen Zeitschriften in langen Reihen die Zettel "abbestellt". Der SPIEGEL druckte später ein Foto von diesen Marburger Regalen.

Als die Nachbar-Uni aus Gießen in den Streik eintrat, schwappte die Diskussion auch nach Marburg. Die Kernfrage lautete: Wie wollen wir studieren? Es gab keine großen politischen Projekte, an denen man sich abreiben konnte. Vom Bologna-Prozess war noch keine Rede. Studiengebühren waren nur ein fernes Echo. Der gemeinsame Nenner, auf den sich alle einigen konnten, lautete: mehr Geld für die Universitäten, mehr Lehrkräfte, mehr Bücher, mehr Zeitschriften. Im Vergleich mit den 68ern, die gegen den Vietnamkrieg und die Gesellschaftsordnung protestieren konnten, wirkte das ziemlich zahm. "Akademiker sind nicht links", wurde später Georg Fülberth zitiert, der mittlerweile pensionierte marxistische Marburger Politikprofessor. Selbst die 68er seien möglicherweise in ihrem Links-Sein überschätzt worden.

Sturm der revolutionären Massen

Mein Eindruck: Die Studenten waren 1997 so zersplittert wie es eine gemischte Gruppe aus allen Winkeln der Gesellschaft eben sein kann. Als mehrere Fachschaftsvertreter sich Ende Oktober trafen, um über Ziele und Aktionen zu beraten, forderte einer "Studiengebühren, weil das mehr Geld und mehr Wettbewerb" bringe. Ein anderer nuschelte mit Pathos in der Stimme: "Planen? Da kann man doch nichts planen! Wenn die revolutionären Massen das Vorlesungsgebäude stürmen, dann muss sich die akademische Elite eben hintendran stellen." Zwei Tage später war das Vorlesungsgebäude tatsächlich von einer kleinen Gruppe besetzt. Es kam zu Handgreiflichkeiten zwischen Studenten, weil andere um ihr Semester fürchteten.

Der 1997er-Streik, heißt es, sei der größte seit 68 gewesen. Die Gründe dafür könnten recht banal sein: Weil Massenbewegungen mitziehen und weil sich jeder einreihen konnte. Die Weltrevolutionäre und die Wettbewerbsverfechter. Sie alle liefen 1997 unter demselben Banner, weil sie die Unzufriedenheit an der Ausstattung der Universitäten einte. Unpolitisch war das eigentlich nicht. Es beflügelte die politischen Diskussionen unter den Studenten. Nach draußen drang allerdings nur diffuses Rauschen.

Absurd und typisch deutsch

Am 7. November trat der erste Marburger Fachbereich (die Pädagogen) offiziell in Streik. Alle anderen diskutierten dasselbe. Bei den Historikern, in deren Fachschaft ich damals war, kam es zu einem kuriosen Problem: Irgendeine längst vergessene Vorgänger-Fachschaft hatte in der Satzung tatsächlich einen Passus über "Streik" hinterlassen. Darin stand, dass der Fachbereich erst nach einer Urabstimmung bestreikt werden dürfe. Während also rundherum andere Fachbereiche im Chaos versanken, riet die Fachschaft Geschichte brav alle Studenten zur Wahlurne.

Das ist absurd oder vielleicht auch "typisch Deutsch", hatte aber den positiven Nebeneffekt, dass unter den Geschichtsstudenten so intensiv und so flächendeckend über Sinn oder Unsinn und die Ziele der Proteste diskutiert wurde wie vermutlich an keinem anderen Fachbereich in Marburg. Am Ende scheiterte die Urabstimmung - wegen mangelnder Beteiligung. Und denen, die sich engagierten, dämmerte es: So viele Kommilitonen man auch um sich versammelt sah - es war trotzdem nur eine Minderheit. Da war es wieder, das Gefühl zwischen Allmachtsphantasie und Ernüchterung.

Gummiwand statt Phalanx

Am 12. November 1997 liefen 10.000 Studenten auf einer Demonstration durch die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden. Ende November folgte eine noch größere Demo in Bonn, Sitz des Bildungsministeriums. Am Ende waren in der ganzen Republik "im Streik". Was das in der Realität bedeutete, ließ sich auch an Marburg sehen: Viele Fachbereiche machten nach wie vor weiter. Als die Studentenproteste im November und Dezember die Medien beschäftigten, fielen sie auch schon wieder in sich zusammen. Aufgespießt, so wie die griechische Phalanx, wurden die Aktivisten nicht. Konnten sie gar nicht. Denn sie liefen gegen eine Gummiwand. Alle klatschten Applaus. Die Professoren fanden die Forderung nach mehr Geld völlig richtig, die Politiker fanden das Engagement der Studenten völlig richtig, und zur Bevölkerung drangen die Ziele nicht so richtig durch. Wenn die Lokführer streiken, dann bringt das Ärger und kostet Geld. Wenn Studenten streiken, schaden sie niemandem. Eigentlich merkt es noch nicht einmal jemand.

Im Januar 1998 war fast alles vorbei. Hallen lassen sich nicht monatelang besetzen, und Diskussionen nur unter Studenten drehen sich irgendwann im Kreis. Die Politiker versprachen Zuschüsse oder bastelten an "Hochschulprogrammen".

War der Protest sinnlos? Ich glaube, dass er einer ganzen Generation junger Studenten geholfen hat, einmal ausführlich darüber zu diskutieren, welche Art von Universität sie eigentlich wollen. So gesehen war es auch ein Protest, der bis heute in den jüngsten Studentenprotesten nachwirkt.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gregor Rosen, 01.11.2007
1.
Wie war das 1996? Als ich den AK-HOPO, den Arbeitskreis Hochschulpolitik an der Albert-Ludwigs-Universität ins Leben rief, um eine bessere Uni zu erdenken? Es kamen immerhin fünf Interessenten und tatsächlich hatten wir eine Reihe guter Ideen, wie die Universität wirtschaftlicher organisert werden könnte, wie Bildung wieder gleichberechtigt neben die Forschung gestellt werden könnte und vieles mehr. Natürlich haben wir unsere Vorschläge auch eingereicht - interessiert hatte sich niemand - der ganz normale Frust jedes politische engagierten Menschen. Und dann das!!! Der Streik. Endlich, so schien es uns, interessierten sich auch die anderen für unsere Themen und sie taten sogar etwas. Und sie taten viel! Es wurde ein Dauerlernen im Kollegiumgebäude II durchgeführt, Riesige Schilder und Transparente gemalt, Räume besetzt und Versammlungen abgehalten oder auch mal gestört. Bocksprünge um das Münster oder Wasserwaten durchs Bächle - für jeden war etwas dabei. Und diejenigen Frauen, die besonders stolz auf ihre Brüste waren, hatten endlich einen guten Grund, diese wirklich jedem zu zeigen, auch wenn das selbst von den Studenten als anachronistisch empfunden wurde. Seine Magnifizenz, Rektor Jäger, bei dem unsere Vorschläge des AK-HOPO wohl eher im Papierkorb als in der Ablage gelandet sein dürften, verteilte an die Besetzer der Uni, also diejenigen, die sein Hausrecht verletzten, Schokonikoläuse. Gelernt und gearbeitet wurde trotzdem und das fand ich auch prima. Streik passt nicht, wenn man nur für sich selbst arbeitet - aber das Wort war nun einmal schon in der Welt. Protest wäre richtig gewesen. Und wir wollten ja nicht weniger, sondern mehr lernen. Also blieben wir und lernten - manch ein Student erklärte gar, er hätte nie so viel in seinen Lehrbüchern gelesen, wie eben zur Streikzeit. Nur das Ziel fehlte. Irgendwie wollten alle, dass es irgendwie besser wird. Nur wie eine gute Uni aussehen sollte, darüber bestand Zwist. Sollte sie privatisiert oder im Sinne von mehr Mitbestimmung der Studierenden demokratisiert werden? Brauchten wir mehr Geld von Außen oder Studiengebühren? Sollte die Fächerauswahl im Sinne der Wahlfreiheit vergrößert oder im Sinne der von mehr Effizienz verkleinert werden? Diejenigen, die sich in den Untiefen der Unipolitik auskannten - wir waren vielleicht 20 oder 30 von 20.000 Studierenden, lagen sich plötzlich bei aller erbitterter Gegnerschaft in den Armen. Wir freuten uns über das Interesse, obwohl wir uns inhaltlich keinen Milimeter näher gekommen waren. Einig waren wir uns alledings darin, dass es prima ist, wenn die Studierenden anfangen zu überlegen, was sie eigentlich wollen. Wir irrten uns - denn sie fingen nicht an zu überlegen, sie wussten es längst. Sie wollten schlicht und einfach gute Lernbedingungen und wie man dahinkommen könnte, war den allermeisten völlig egal. Die Diskussion über den Weg diente eigentlich nur dazu, die von allen wahrgenommene programmatische Lücke zu schließen. Als aber herauskam, dass diese Lücke mangels Einigkeit nicht zu schließen war und man vor der Frage stand, entweder aufzuhören oder aber den Konflikt unter den Studierenden auszutragen, da kam dann Weihnachten und alle fuhren wie immer zu ihren Eltern zum gemütlichen feiern. Unsere Eltern ließen sich gerne erzählen, was wir denn so erlebten und freuten sich mit uns über unsere vielen bunten Erlebnisse. Und nachdem wir es dann erzählt hatten und unsere Erzählungen in den Zeitungen gelesen hatten und die Zeitungen dann nach Neujahr im Altpapier verschwunden waren, fuhren wir wieder zur Uni und lernten eben weiter, so gut es ging. Mir war von Anfang an klar, dass 1997 nicht 1968 war. Wir waren vielleicht unzufrieden, aber eben in der Masse unpolitisch. Die Einzigen, die Führung vorzugeben versuchten, waren die Linken Politikstudenten im 25ten Semester, organisiert im u-asta und bei buf, denen aber keiner von uns glaubte, dass sie wirklich gerne schneller studieren wollten. Es hätte etwas kommen können, wenn die 1997 politisierten Studierenden 1999 oder 2000 noch einmal einen Anlass bekommen hätten, auf die Straße zu gehen. Aber so kam es nicht. Spaß hat es trotzdem gemacht und gelernt haben wir ja auch eine Menge.
Hendrik Schwalb, 01.11.2007
2.
Der Autor hat den Ablauf der "Streiks" richtig eingeordnet. Universitäten sind eben keine Betriebe, deren Bestreikung, oder eben auch nur teilwiese Lahmlegung, irgendeinen Arbeitgeber oder die Öffentlichkeit beeindrucken kann. Kleines Detail nebenbei: Meist waren die Aktionen an den Universitäten und Hochschulen kurz vor einem Datum beendet, das gar nichts mit politischem oder gesellschaflichen Protest zu tun hat: Dem Weihnachtsfest. Pünktlich zum großen Familienfest verschwanden fast alle Studiosi von Ihren Streikposten, und wurden dort auch im neuen Jahr nicht mehr gesehen ....
moritz schroeder, 01.11.2007
3.
Kaum noch jemand scheint sich an den bundesweiten Studentenstreik 87/88 zu erinnern. Als 89 die Mauer fiel, war den "87er Streikern" klar, dass quasi alle politischen und finanziellen Zusagen die mit dem Streik errungen wurden, sich einfach in Luft auflösen würden. So war es dann auch. Und so wurde auch 87 vergessen. 97 war lange nach meiner Zeit, die Forderungen schienen ähnlich, denn durch die Wiedervereinigung wurden die universitären Herausforderungen jahrelang nicht angepackt (und seitdem ist bis auf öffentlichwirksames Elite-etikettieren auch nicht viel passiert). Was ich von den Aktionen mitbekam war, das diese größtenteils wie zahme Kopien von 87 wirkten. Auch schien den Studis eine gemeinsame Thematik zu fehlen. Die Illusionslosigkeit ist ja auch nicht besonders motivierend. 87 war vielleicht das erste große parteiunabhängige Aufbegehren. Wir legten viel Wert darauf, nicht vor den Karren irgendeiner Partei gespannt zu werden. Am hartnäckigsten versuchte es in Berlin Ströbele von den Grünen. Ich kann mich noch an sein verdutztes Gesicht erinnern, als er aus einem TU-Hörsaal von Studentenvertretern hinausgedrängt wurde. Weihnachten war auch 87 beinahe dem Streik zum Verhängnis geworden
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.