Ella Fitzgerald - 100 Jahre Jazz Dab dabidu

Sie war die First Lady des Jazz. Vor 100 Jahren wurde Ella Fitzgerald geboren: jene Frau, die ihre Stimme wie ein Instrument einsetzte - und dank Marilyn Monroe Zutritt zum weißen Showbiz erhielt.

Hollywood Picture Press/ face to face

Nach einem Matinee-Auftritt in Washington D.C. 1974 eilte Dietrich Fischer-Dieskau zum Flughafen. Der Weltstar der klassischen Liedkunst flog nach New York zu einem Konzert von Ella Fitzgerald. Ein Jazzfan war Fischer-Dieskau nicht, anders als sein Kollege Thomas Quasthoff. Aber einen Abend mit Ella Fitzgerald, Duke Ellington und seinem Orchester in der Carnegie Hall - das wollte er sich nicht entgehen lassen.

Opernsänger Fischer-Dieskau bewunderte Ella Fitzgerald. Denn die Jazz-Diva verfügte über einen größeren Stimmumfang als die meisten Opernsängerinnen und konnte ihre Stimme spielerisch über drei Oktaven hinauf- und hinabwandern lassen. Sie improvisierte atemberaubende Dialoge mit Instrumentalsolisten und bezauberte Experten und Publikum mit schlichten Liedern - die "beliebteste Jazzsängerin mit Nicht-Jazz-Publikum", so die britische "Virgin Encyclopedia of Jazz". "Ella" hatte weltweit Anhänger, die ihren Nachnamen kaum kannten.

Am 25. April wäre Ella Fitzgerald hundert Jahre alt geworden. Weil 1917 das Geburtsjahr etlicher Jazz-Größen ist und weil damals die erste Jazz-Schallplatte aufgenommen wurde, zelebrieren jazzbegeisterte Menschen und Medien derzeit 100 Jahre Jazz.

Im Februar 1917 spielte die Original Dixieland Jazzband des Trompeters Nick LaRocca bei der "Victor Talking Machine Company" in New York die Titel "Lively Stable Blues" und "Dixie Jass Band One-Step" ein. Damit begann die weltweite Verbreitung eines neuen Musik-Genres.

All That Jazz: Das große Jahr 1917

Auf Tonträgern nachzuhören ist die Entwicklung von Stilen wie New Orleans Jazz, Swing, Bebop, Cool Jazz, Hardbop, Free Jazz und Fusion. Platten erzählen auch die Geschichten von Menschen, die den Jazz prägten - und von denen einige 1917 zur Welt kamen.

Dazu gehört Thelonius Monk, der als innovativer Pianist den Bebop mit entwickelte und Standards wie "Round Midnight" komponierte. Mongo Santamaria kam 1950 aus Havanna nach New York und bereicherte als Perkussionist den Jazz durch afrokubanische Rhythmen. Der Trompeter Dizzy Gillespie verband musikalische Kreativität mit erfrischender Show. Alle drei wurden wie Ella Fitzgerald 1917 geboren.

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Ella Fitzgerald: Ihre Stimme war ihr Instrument

In Gillespies Bigband erfand Ella Fitzgerald ihre Scat-Chorusse zu populären Stücken wie "How High The Moon" und "Lady Be Good" - statt Texte zu singen, ahmte sie lautmalerisch nach, was Saxofonisten und Trompeter auf ihren Instrumenten spielten. Musiker bescheinigten Ella bewundernd, sie setze ihre Stimme "like a horn" (wie ein Blasinstrument) ein.

Anders als ihre Kollegin Billie Holiday (1915-1959), die das Publikum mit tragischen Geschichten in ihren Bann zog, vermittelte Ella Fitzgerald vor allem Lebensfreude. Dabei hatte sie eine ähnlich düstere Kindheit und Jugend erlebt wie die zwei Jahre ältere Holiday.

Ein Kinderlied als Swing-Nummer toppte die Charts

Ella kannte ihren Vater kaum, wurde von ihrem Stiefvater missbraucht; sie verlor mit 14 ihre Mutter und floh aus einem Heim in Virginia nach New York. Dort lebte sie zeitweilig auf der Straße, stand in einem Bordell Schmiere und arbeitete als Assistentin für Glücksspieler.

Doch anders als Billie Holiday verfiel Ella Fitzgerald nie Drogen und Alkohol und sprach auch kaum über ihre harten Anfänge. Am 21. November 1934 beteiligte sich die etwas pummelige 17-Jährige mit weichen Knien an der "Amateur Night" im Apollo-Theater von Harlem, einer Talentschau, bei der auch James Brown und die Jackson Five später ihre Karrieren begannen. Als beste Sängerin gewann sie den Preis von zehn Dollar. Doch das damit verbundene Engagement im Apollo kam nicht zustande; der Manager fand Ella nicht attraktiv genug.

Immerhin führte der Apollo-Auftritt zu einer Vorsingprobe beim Schlagzeuger Chick Webb. Er suchte für sein Orchester eine Sängerin und engagierte Ella, obwohl sie nicht der erhoffte Blickfang war. Dafür verblüffte sie durch ihre Musikalität. Ein Naturtalent!

Mit Chick Webbs Band landete Ella Fitzgerald ihren ersten Hit. "A-Tisket, A-Tasket", ein Kinderlied über ein Mädchen, das sein gelbes Körbchen ("a little yellow basket") verloren hat, wurde als Swing-Nummer ein Hit, der 17 Wochen die Charts toppte.

Die Stimme als Instrument

Amerika liebte ihre sanfte, unverwechselbare Stimme. Webbs Orchester profitierte vom Ella-Boom, der Bandleader reduzierte die Instrumentalstücke und stellte seine Sängerin als Star heraus. Billie Holiday lästerte über die Rivalin: "So eine tolle Band, und dann mit Ella - dieser Schlampe." Nach Chick Webbs frühem Tuberkulose-Tod 1939 spielte seine Band noch drei Jahre unter dem Namen "Ella Fitzgerald and Her Famous Orchestra".

Vom US-Star zum Weltstar wurde Ella Fitzgerald durch den Impresario Norman Granz, der All-Star-Bands zusammenstellte und unter dem Namen "Jazz at the Philharmonic" auf Tourneen um die Erde schickte. Ella reiste unter anderem mit Dizzy Gillespie, Charlie "Bird" Parker, Count Basie und dem Oscar Peterson Trio.

Frank Sinatra feat. Ella Fitzgerald: The Lady Is A Tramp (1967)

Mit dessen (neun Jahre jüngerem) Bassisten Ray Brown war sie von 1948 bis 1952 verheiratet. Das Paar adoptierte einen Sohn; ansonsten ist wenig bekannt über die Künstlerin, "die niemals mit ihrem Privatleben Schlagzeilen machte", so der amerikanische Musikkritiker Henry Pleasants.

Die Welt des weißen Showbusiness blieb ihr lange versperrt. Selbst beliebte schwarze Musiker wurden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren systematisch aus Clubs, Hotels und Restaurants ausgeschlossen. Es war Marilyn Monroe, die ihr einen Auftritt im Mocambo verschaffte, einem berühmten Club in Hollywood. "Danach musste ich nie wieder in einem kleinen Jazzclub spielen", schrieb Fitzgerald später.

"Ihr Talent ist wie der Horizont"

Jahrzehntelang blieb Ella ungemein erfolgreich. So gewann sie 13 Grammys, verkaufte rund 40 Millionen Alben und erfuhr als "First Lady des Jazz" zahlreiche akademische Ehrungen. Sie spielte Platten mit Louis Armstrong und Duke Ellington ein; sie trat im Duo mit dem Gitarristen Joe Pass und mit über 100-köpfigen Sinfonieorchestern auf.

"Am besten entfaltet sich Ella Fitzgerald, wenn sie nur von einem Klaviertrio begleitet wird", schrieb Michael Naura 1980. Den Jazz-Pianisten und -Autor entzückte "die eigentümliche Mischung aus Kind und Mutter in ihrer Stimme".

Dabei war die Sängerin damals schon 63 und beherrschte noch immer "die einzigartige Eigenart des Jazz, die Realität sekundenschnell in ihre Musik zu integrieren". Als blitzlichternde Fotografen ihren Auftritt störten, scattete Ella in makelloser rhythmischer Diktion: "Flashlights hurting my eyes - dab dabidu, dab dabidu!"

In den Neunzigerjahren war sie von ihrem Diabetes- und Augenleiden gezeichnet und trat trotzdem noch auf, bis ihr 1993 als Diabetesfolge beide Unterschenkel amputiert werden mussten. Nach drei gescheiterten Ehen starb sie 1996 in ihrer Villa in Beverly Hills im Alter 78 Jahren.

Wie ihr musikalischer Weggefährte Dizzy Gillespie Ellas Können als Sängerin einmal beschrieb: "So weit kann man nicht gucken", sagte er. "Ihr Talent ist wie der Horizont: Je näher du ihm kommst, desto weiter entfernt er sich."

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