Anthony Quinn Der Traumtänzer

Die Rolle des lebenshungrigen Griechen machte ihn unsterblich und brachte den Sirtaki in die Welt. Vor 100 Jahren wurde Anthony Quinn geboren. Erinnerungen an einen Ausnahmeschauspieler.

imago/Entertainment Pictures

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Zwei Männer am Strand von Kreta. Hinter ihnen rauscht das Meer, vor ihnen erhebt sich die griechische Berglandschaft. Der eine verschwitzt, zerzaustes Haar, breitet seine Arme aus, als wollte er die ganze Welt umarmen. Schleppend hebt er die Füße. Gemeinsam beginnen sie zu tanzen. Gerade sind die beiden gescheitert, haben ihre Existenz verloren. Doch sie feiern das Leben, lachen wild und wirbeln zur immer schneller werdenden Musik umher.

Der stets am Abgrund Tanzende, den Anthony Quinn 1964 in "Alexis Sorbas" verkörperte, war die Rolle seines Lebens. Quinn war Sorbas, und Sorbas war Quinn. Ein Darsteller, so eng verflochten mit seinem Charakter, dass sie eins zu sein schienen.

Die ersten Schritte auf dem Weg zum Ausnahmekünstler verdankte Quinn seiner Großmutter. Als Kind im Armenviertel von El Paso aufgewachsen, wurden die wöchentlichen Kinobesuche mit der älteren Dame zu einer Flucht in eine bessere Welt. "Eines Tages wirst du größer als Antonio Moreno sein", sagte die Großmutter bei einer Vorführung. "Du wirst da oben sein."

"Aus mir wird etwas Großes werden"

Als Quinn elf Jahre alt war, starb der Vater bei einem Autounfall. Inzwischen war die Familie in ein Armenviertel der Filmstadt Los Angeles gezogen. Mit miesen Jobs versuchte der Sohn, die Familie zu ernähren. Als Preisboxer, Obstpflücker, Straßenprediger und Schlachthausarbeiter.

Doch bloßes Überleben reichte Quinn nicht. Sein Entschluss: "Und selbst wenn ich die Welt mit einem Maschinengewehr niedermähen, oder selbst wenn ich, um den Lauf der Dinge zu ändern, Priester werden müsste, aus mir wird etwas Großes werden."

Durch eine Lehre bei dem Stararchitekten Frank Lloyd Wright wollte er dem Elend entfliehen. Wright schloss den stotternden und lispelnden Jungen ins Herz. Er überredete Quinn zu einer Zungenoperation und zahlte den Eingriff. Zum therapeutischen Sprechunterricht musste Quinn an eine Schauspielschule - der Tanz war eröffnet.

Fiasko beim Starregisseur

Statt als Architekt schlug Quinn sich im Anschluss mit Neben- und Statistenrollen in B-Movies herum, abends jobbte er als der "beste Bodenpolierer" in den Autohäusern von L. A. Bis ein Fiasko am Set von Regisseur Cecil B. DeMille ihn im Jahr 1936 aus der Armut rettete.

In "Held der Prärie" hatte Quinn eine Sprechrolle ergattert, weil er behauptete, er sei echter Cheyenne-Indianer. Quinn, der auf einem Pferd reiten und ein Indianerlied singen sollte, war wildentschlossen, seine Chance zu nutzen. Dreimal vermasselte er die Szene. DeMille schrie und tobte. Quinn sei "ein blödes Arschloch" und ein "Scheiß-Indianer". Doch der erklärte dem Starregisseur: "Die Rolle ist falsch angelegt, nie würde ein Indianer so am Feuer eines Weißen warten."

Statt dem Rausschmiss folgte die Beförderung. DeMille änderte die Szene und besorgte Anthony Quinn seinen ersten Studiovertrag. Am Set lernte Quinn zudem Katherine, die Adoptivtochter des Regisseurs, kennen. Kurz darauf heirateten die beiden. Doch trotz des berühmten Schwiegervaters blieb es für Quinn zunächst bei Nebenrollen.

Wie eine sich häutende Schlange

Der Durchbruch kam erst 16 Jahre später. In "Viva Zapata!" spielte Quinn wieder eine Nebenrolle, diesmal aber an der Seite von Marlon Brando. Für seinen Part als Bruder des Revolutionärs nominierte ihn die Academy für einen Oscar. Statt zur Verleihung fuhr der Schauspieler aber zum nächsten Dreh nach Mexiko. Das Hotel hatte keinen TV-Empfang, und so lagen er und sein Kollege Gary Cooper abends auf einem Hügel und schauten betrunken in die Sterne, als ein Kellner heraneilte: "Anruf für Mr. Quinn aus New York". Er hatte den Oscar für die beste Nebenrolle! Gierig leerten sie eine Flasche Champagner.

Die Auszeichnung katapultierte den Schauspieler international an die Spitze. In "La Strada" von Federico Fellini spielte er den großen Zampano, einen Straßenkünstler, der mit seiner Muskelkraft Ketten sprengte. Roh, das Überleben auf der Straße gewöhnt. Quinn erinnerte das an seine Kindheit, an die Not, die Angst. Für die Rolle des Malers Gauguin in "Vincent van Gogh" erhielt er den zweiten Oscar. Trotzdem nahm das Publikum oft nur den Übermacho wahr. Angesprochen auf dieses Stereotyp sagte er im SPIEGEL-Interview einmal: "Ich wollte viel mehr sein."

Seine Lieblingsmetapher für das Schauspiel wurde die sich häutende Schlange. Schauspieler, meinte er, sollten sich alle zehn Jahre ändern. Er probierte es mit dem Theater, drehte einige Flops nur für Geld. Und nicht nur Rollen, auch Partnerinnen streifte er wie eine Schlangenhaut ab. Das Ergebnis: 13 Kinder mit fünf Frauen. Trotzdem blieb Quinn einsam. Orson Welles bezeichnete ihn als "One-man-Tango". Eine Urkraft schien ihn bei seinem einsamen Tanz durchs Leben zu treiben.

Rolle seines Lebens

1964 hatte dieser kompromisslose Tanz am Abgrund Quinn beinahe alles gekostet. Seine zahllosen Affären hatten die Ehe zu Katherine DeMille zerstört. Seine Frau fordert, Quinn solle sich in psychiatrische Behandlung begeben.

Mitten in dieser Krise empfahl ihm Regisseur Michael Cacoyannis bei einem Gespräch, den Roman "Alexis Sorbas" zu lesen. Die Figur des griechischen Lebemanns packte Quinn sofort. "Sorbas", so formulierte er es später, "hatte die Macht ergriffen".

Beim Dreh zu der Romanverfilmung auf Kreta wurde Quinn förmlich zu Sorbas, jener positiven griechischen Urenergie, die auch im Scheitern noch tanzt. Doch während der Drehtage brach der Schauspieler sich den Fuß. In seinen Erinnerungen beschrieb Quinn, der vor Schmerzen kaum auftreten konnte, die Entstehung der legendären Tanzszene: "Also erfand ich einen Tanz mit einem ungewöhnlichen Gleit- und Schleppschritt."

Er streckte die Arme in der traditionellen griechischen Stellung aus und schlurfte durch den Sand - die Geburtsstunde des Sirtaki. Sein Kollege Alan Bates passte sich der Bewegung an, "und schon wurden wir von Musik und Meer davongetragen. Wir waren wiedergeborene Griechen, die mit Freude das Leben feierten."

Cacoyannis ruft nach dem Take: "Was zum Teufel war das?" "Was daran ist falsch?", fragt Quinn unsicher. "Nichts. Es ist toll. Welcher Tanz ist das?" "Ein Sirtaki", tauft Quinn einer spontanen Eingebung folgend seine Kreation - so jedenfalls schildert es der Schauspieler später in seiner Autobiografie.

Die Rolle katapultierte ihn zurück nach oben. Bis zu seinem Tod spielte Quinn den Sorbas in vielen Variationen. Im Juni 2001 starb er an einer Lungenentzündung und wurde in seinem Garten begraben. Eines Tages, so hatte Quinn einst in seiner Autobiografie geschrieben, würden sich Geier über seine Überreste hermachen - doch "der Tanz geht weiter".



insgesamt 8 Beiträge
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Klaus Splinter, 21.04.2015
1. Sirtaki
Habe ich das richtig verstanden: Der Sirtaki ist eine Erfindung von Anthony Quinn?
Babac Babac Mazinani, 21.04.2015
2. Der Film
...sorgte unter Muslimen dieses Mal nicht für einen Skandal. Der Film ist äußerst beliebt - es gibt wohl kaum einen Muslim auf der Welt, der diesen Film nicht gesehen hat. Der Prophet wird übrigens nicht gezeigt. Ruhe in Frieden, A. Q.
Patrick M. Hausen, 21.04.2015
3.
Ob der Tanz wirklich auf Quinn persönlich zurückgeht, kann ich nicht sagen. Tatsache ist, dass der Sirtaki kein originärer Griechischer Volkstanz ist sondern mit/für den Film Alexis Sorbas erfunden wurde.
Hornblower, 21.04.2015
4. Der Tanz
kam mir ehrlicherweise damals ein bisschen merkwürdig vor. Jetzt habe ich die Erklärung. Da er mir kurz vor seinem Tod in Berlin über den Weg gelaufen ist kann ich nur sagen, dass er das hatte was man Grandezza nennt. Aber es war nie die Hoheit über andere, nie ein Bewußtsein von Größe oder Hoheit, er war es einfach und hatte es in allen Lebenslagen, in jeder Rolle und wohl so offen und "gierig" nach Leben. Schon ein bisschen wie Burt Lancaster, wenn man nach Ahnlichem sucht Ich freue mich durch diesen Artikel zu erkennen, dass Quinn gemerkt hat, dass ich atemlos vor Bewunderung war. Innerlich habe ich mich verbeugt, als er vorüberging. Er war über 80 Jahre alt und sah blendend aus.
Nick Burns, 21.04.2015
5. Sirtaki
M. Theodorakis, der die Musik für "Zorbas" komponierte, berichtete, dass ursprünglich ein Athener Tanz aus dem Metzgerviertel für diese Szene geplant war, der "Hasapiko". Für Quinn war der Tanz jedoch mit seiner Schrittfolge zu schwierig und man reduzierte ihn auf auf eine einfache Schrittfolge und nannte ihn Sirtaki. Ob Theodorakis oder Quinn diese Schrittfolge erfunden hat, bleibt offen. Egal...wir danken halt beiden für diesen Tanz, der allen Ungelenkigen die Möglichkeit gibt in seiner Lieblingstaverne "beim Griechen", nach der "Athen-Platte", also nach zwei Lammkoteletts, einem Souvlaki, Reis, Tzaziki und dem obgligatorischen Ouzo (der gemäß Dieter Nuhr anscheinend doch nicht umsonst war wie wir an der Finanzkrise sehen konnten:-)) sich der griechischen Seele hingeben zu können und mit 20 anderen zu tanzen.:-)
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