Britischer Geheimdienst Lizenz zum Spionieren

Überall deutsche Agenten! Getarnt als Frisöre, Kellner, Brieftaubenzüchter! Eine landesweite Spionagehysterie suchte vor hundert Jahren England heim - die Massenpanik wurde zur Geburtsstunde der beiden legendären britischen Geheimdienste MI5 und MI6.

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"Haben Sie irgendwelche Spione gesehen", fragte die englische Zeitung "Weekly News" im Jahre 1909 ihre Leser. Wenn ja, so würde die Redaktion gern davon erfahren - mit genauen Angaben zu Beruf und Nationalität der Verdächtigen. "Die Leser haben vielleicht einige dieser Spione bei der Arbeit gesehen und haben Abenteuer erlebt. Vielleicht haben sie Fotos, Karten und Pläne gesehen", führte die Zeitung aus. Als Belohnung bot die "Weekly News" zehn Pfund an.

Es war ein früher Versuch, Leser als Informanten einzuspannen. Ein eigens ernannter "Spionage-Redakteur" sichtete die Zuschriften. Ebenso wie die Mehrheit der britischen Bevölkerung waren die Londoner Blattmacher felsenfest überzeugt, dass es auf der Insel vor deutschen Agenten nur so wimmelte. Von Zehntausenden Spionen war die Rede. Wer Brieftauben züchtete, wurde scheel angesehen - die Vögel könnten schließlich geheime Botschaften über den Ärmelkanal bringen. Auch Friseure und Kellner waren besonders verdächtig als potentielle Verräter - wohl weil sie ihre Ohren überall haben. In der kollektiven Phantasie der Briten warteten die deutschen Schläfer nur darauf, Brücken zu sprengen, Häfen auszuspähen oder U-Boot-Baupläne ins Deutsche Reich zu schmuggeln.

"Es gab damals ein regelrechtes Spionagefieber", sagt Keith Jeffery, Historiker an der Queen's University im nordirischen Belfast. Geschürt wurde die antideutsche Hysterie von Journalisten und Romanautoren, allen voran dem Vielschreiber William Le Queux. Dessen Bücher trugen reißerische Titel wie "Die Spione des Kaisers" oder "Die Invasion von 1910". Die englischen Massenblätter druckten sie als Fortsetzungsromane - und trugen so zur allgemeinen Alarmstimmung bei. Selbst im Buckingham-Palast sollen Le Queuxs Schmöker verschlungen worden sein.

Legendäre Kürzel

Die Panikmache war weit übertrieben. Zwar rüstete Kaiser Wilhelm II. die deutsche Flotte auf, um der Royal Navy auf den Weltmeeren Paroli zu bieten. Und es gab durchaus den einen oder anderen Fotografen, der für den deutschen Geheimdienstchef Gustav Steinhauer arbeitete. Aber ein regelrechtes Spionagenetz der Deutschen in England gab es nur in den Köpfen der Zeitgenossen, sagt Jeffery.

Gleichwohl beschloss der Unterhaus-Ausschuss für die Verteidigung des Empires in dem aufgeheizten Klima im März 1909, einen Sonderausschuss einzusetzen. Dieser sollte das ganze Ausmaß der Spionagegefahr untersuchen. Am Ende des Sommers stand fest: Großbritannien würde ein Secret Intelligence Bureau bekommen. Die neue Behörde sollte ihre Arbeit am 1. Oktober aufnehmen und aus einer Inlands- sowie einer Auslandsabteilung bestehen. Es war die Geburtsstunde der beiden legendären Geheimdienste MI5 und MI6.

Die Kürzel stehen für Military Intelligence, Section 5 und 6. Die Bezeichnungen, unter denen sie berühmt werden sollten, erhielten die beiden Abteilungen erst 1916, doch die Rollenverteilung war von Anfang an klar: MI5 sollte das Land vor feindlichen Spionen schützen, MI6 - der offiziell Secret Intelligence Service heißt - selbst Spione ins Ausland schicken.

Ein M für ein C

Im August 1909 wurden Kandidaten für die Führungsposten sondiert. Konteradmiral A. E. Bethell von der Royal Navy wurde beauftragt, den ersten Chef des späteren MI6 zu finden. Am 10. August schrieb Bethell einen Brief an den "lieben Mansfield Cumming". Der 50-jährige Marineoffizier war zu diesem Zeitpunkt mit dem Aufbau der Küstenverteidigung in Southampton beschäftigt. Dieser Job müsse doch allmählich "ein bisschen schal" werden, schrieb Bethell an Cumming. "Sie würden daher vielleicht einer neuen Aufgabe zuneigen. Wenn ja, dann kann ich Ihnen etwas Gutes anbieten."

Nach seinem ersten Tag im Büro notierte der neue Geheimdienstchef im Oktober 1909 in sein Tagebuch: "Bin ins Büro gegangen und den ganzen Tag geblieben, habe weder jemanden gesehen noch gab es was zu tun". Aber Cumming enttäuschte die Erwartungen seiner Vorgesetzten nicht. Er blieb 14 Jahre an der Spitze des MI6 und baute ihn zu so etwas wie dem ersten modernen Geheimdienst aus. Und er schuf mit seinem Initial ein weltberühmtes Markenzeichen: Sämtliche Nachfolger übernahmen seine Gewohnheit, Geheimdokumente mit einem "C" in grüner Tinte abzuzeichnen - "C" wurde zum allgemeinen Codenamen für den Chef der britischen Auslandsspionage. Auf diese Tradition geht auch die Obsession der James-Bond-Filme mit Initialen zurück: In der fiktionalen Welt des Autors Ian Fleming heißt der MI6-Chef "M".

Cummings Alter Ego beim MI5 hieß Vernon Kell. Der damals 36-jährige Armeeoffizier, ein Schulfreund Churchills, sprach fließend deutsch und engagierte für seine Sprößlinge sogar ein deutsches Kindermädchen. Das hinderte ihn nicht daran, vor allem auf der Insel lebende Deutsche ins Visier zu nehmen. Mit großem Eifer machte sich Kell an die Arbeit und ließ Dossiers über verdächtige Personen anlegen. Bei Kriegsausbruch 1914 soll er 16.000 Karteikarten beisammen gehabt haben, die meisten davon über Deutsche. Die Klassifikation "AA" stand für "absolutely anglicized", also harmlos. "D" hingegen stand für "dangerous", gefährlich. Rund zwei Dutzend deutsche Spione konnte Kell vor dem Krieg enttarnen. Einer der ersten war 1911 Karl Gustav Ernst - ein Friseur aus Islington in Nord-London.

Gern genutzt, lange verleugnet

Der Erste Weltkrieg ließ MI5 und MI6 rasant wachsen. Zehn Jahre nach seiner Gründung hatte der Inlandsgeheimdienst bereits 800 Mitarbeiter. Die ersten Büros von Cumming und Kell waren geheim, genau wie die zahlreichen Adressen, in die MI5 und MI6 in den nächsten Jahren ziehen sollten. Die Arbeit der beiden Dienste galt als schmutzig, und über Jahrzehnte hinweg leugneten britische Politiker, dass es sie überhaupt gab. Erst 1992 räumte die Regierung offiziell die Existenz des MI5 ein, als mit Stella Rimington die erste Frau an die Spitze des einstigen Männerclubs rückte. Die Existenz des MI6 wurde sogar bis 1994 negiert, als der Dienst seine neu errichtete, nicht mehr zu übersehende Zentrale am Südufer der Themse bezog.

Wie radikal sich die Welt der beiden Geheimdienste in den vergangenen hundert Jahren gewandelt hat, zeigt die Transparenzoffensive der Schlapphüte der vergangenen Jahre. Der MI5 hat zwar immer noch keine Pressestelle, aber immerhin eine Website. Unter der Überschrift "Mythen und Missverständnisse" ist hier unter anderem zu lesen: "Wir töten keine Menschen und arrangieren keine Attentate." Das gleiche gilt für den MI6. "Ich weiß nichts von einer Lizenz zum Töten", sagt Historiker Jeffery, der gerade an der offiziellen Geschichte des Auslandsgeheimdiensts arbeitet: "Außer bei James Bond habe ich noch nie etwas davon gehört."

Die neue Offenheit soll auch helfen, dringend benötigten Nachwuchs zu rekrutieren. 1999 erteilte der MI6 für den 19. Bond-Streifen "Die Welt ist nicht genug" gar zum ersten Mal eine Drehgenehmigung für Aufnahmen im Allerheiligsten, seinem Hauptquartier. 2006 gab es das erste Radiointerview eines MI6-Agenten, im Januar 2009 die erste Pressekonferenz eines MI5-Chefs.

Etwas zu freizügig für Geheimdienst-Standards zeigte sich jedoch der künftige MI6-Chef John Sawers, der sein Amt im September 2009 antritt: Er war kürzlich auf der öffentlich zugänglichen Facebook-Seite seiner Frau beim Frisbee-Spielen in Badehose zu sehen. Sofort nach Bekanntwerden wurde die Seite eiligst gelöscht. Wie sehr der Mythos von "C" inzwischen verblasst ist, zeigte die gelassene Reaktion von Sawers' oberstem Vorgesetzten. "Es ist kein Staatsgeheimnis, dass er eine Speedo-Badehose trägt", sagte der britische Außenminister David Miliband. "Lasst uns endlich erwachsen werden."



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