Fußballklub BVB Wo Schwarz-Gelb noch wahre Freunde hat

Dieser Verein war die erste schwarz-gelbe Koalition: 2009 wurde Borussia Dortmund 100. In der Historie des Traditionsklubs ging es ziemlich bunt zu. Eigentlich ist er eine Abspaltung von der katholischen Kirche, spielte anfangs im feindlichen Blau-Weiß - und erst ein Schalker brachte den Durchbruch.

Archiv Gerd Kolbe

Von Ralf Klee und


Am vierten Advent 1909 herrscht ungewöhnlich viel Betrieb in Heinrich Trotts Wirtschaft in der Dortmunder Oesterholzstraße Nummer 60, unmittelbar am Borsigplatz. Es sind vorwiegend Arbeiter, die in der "Restauration zum Wildschütz" verkehren: Stahlstecher, Bergmänner und Kokser. Knapp 50 Personen diskutieren an diesem Sonntag angeregt in einem Hinterzimmer. Sie alle sind Mitglieder der Jugendgruppe ("Jünglingssodalität") der nahen katholischen Dreifaltigkeitskirche - doch nun liegen einige von ihnen im Clinch mit der Gemeinde.

Die Jugendlichen sind fest entschlossen, ihrem Kaplan Hubert Dewald einen Denkzettel verpassen. Der Geistliche nämlich hat von der Kanzel gerade einmal wieder gegen das "rohe Fußballspiel" gewettert. Seinen Zöglingen aus der Jünglingssodalität will er die sonntägliche "Fußlümmelei" gar verbieten. Doch die wollen sich das nicht bieten lassen - ein eigener Fußballverein soll her. Noch sind einige der Fußballvernarrten unsicher, wollen keinen offenen Bruch mit ihrer Gemeinde. Sie verlassen den "Wildschütz" und melden Kaplan Dewald die Verschwörung. Entrüstet macht der sich auf, um die ungebührliche Veranstaltung aufzulösen. Doch die Macht des Kirchenmannes endet an der Kneipentür - er muss draußen bleiben, während drinnen 18 Sportsfreunde die Gründung eines unabhängigen Fußballvereins beschließen.

Der Hüttenbeamte Franz Jacobi soll den Namen des neuen Clubs beim Blick auf das Emaille-Werbeschild einer nahegelegenen Dortmunder Brauerei ausgerufen haben: "Nennen wir unseren Verein doch Borussia!" So lautet der offizielle Gründungsmythos eines der renommiertesten und erfolgreichsten Fußballvereine der deutschen Sportgeschichte, des Ballspiel-Vereins Borussia 09 e. V. Dortmund, kurz Borussia Dortmund genannt oder, noch kürzer, einfach "BVB".

Wildes Buffen auf der "Weißen Wiese"

Mit der Namensgebung haben die Gründer eher unbewusst den Nerv der Zeit getroffen. Denn nicht nur die Kirche, auch die deutschnationalen Turner wettern gegen den immer populärer werdenden Sport-Import aus England. Um nicht als vaterlandslose Gesellen dazustehen, wählen viele neue Fußballvereine patriotisch klingende Namen wie "Westfalia", "Rhenania" oder "Hohenzollern", "Blücher" und eben "Borussia", die lateinische Form von "Preußen".

Anfangs sind die Dortmunder Preußen noch ziemlich unorganisiert und kicken auf verschiedenen Wiesen herum. Erst ein Jahr nach der Gründung wird der BVB in den Westdeutschen Spielverband aufgenommen. Die Mitgliederzahl ist mit 35 Personen zunächst noch überschaubar. Doch die Pioniere erhalten recht bald Zulauf, denn die "wilden" Vereine Rhenania, Britannia und Deutsche Flagge wollen auch organisiert spielen und schließen sich der Borussia an. Spielstätte wird die sogenannte Weiße Wiese, ein städtischer Ballspielplatz mit Laufbahn und Sprunggrube an der Wambeler Straße in unmittelbarer Nähe der Hoesch-Hüttenwerke im Dortmunder Norden. Der Platz verdankt seinen schönen Namen den zahlreichen hochaufragenden Pappeln, die seine Seitenlinien säumen und im Frühjahr das Spielfeld durch ihre Blüten in ein zartes Weiß tauchen. Die Tore bestehen zunächst nur aus Kanthölzern und werden nach Spielende aus Angst vor Diebstahl stets abgebaut.

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BVB-Gründung: Als Schwarz-Gelb noch Blau-Weiß war

Das erste Spiel, das die Clubchronik festhält, findet am 15. Januar 1911 statt. Die Kontrahenten vom VfB Dortmund werden auf der Weißen Wiese mit 9:3 überrollt. Aufgelaufen waren die Kicker des BVB in blau-weiß gestreiften Jerseys - ausgerechnet in den Farben des Erzrivalen Schalke 04 startet die Borussia. Verbundenheit mit der Arbeiterschaft dokumentiert der Verein mit einer roten Schärpe über den Trikots. Doch schon bald wird Gelb en vogue - im Tierreich eine Warnfarbe. In Kombination mit Schwarz signalisiert sie: Gefahr! Giftig! Doch in den Anfangsjahren ist das eher Mimikry.

Mettbrote, Bier und zwei Mark Handgeld

Überregional bekannt wird der Club erst 1936, als der Aufstieg in die Gauliga Westfalen glückt. Trainer der Mannschaft ist Fritz "Spölle" Thelen, langjähriges Schalke-Mitglied und Schwager des Nationalspielers Ernst Kuzorra. Thelen führt systematisches Training ein, und es gibt sogar erste Prämien: Zwei Mark Aufwandsentschädigung bekommen die Spieler in die Hand gedrückt, im "Wildschütz" können sie sich dazu noch drei Mettbrötchen und zwei halbe Liter Bier abholen.

Der endgültige Schritt vom lokalen Quartierclub zum städtischen Repräsentationsverein vollzieht sich dann im folgenden Jahr, als die Borussia ihre Anlage verlassen muss. Der NS-"Reichsarbeitsdienst" besetzt die inzwischen durch eine Mauer umgrenzte, mit Umkleidekabinen, Kassenhäuschen und Zuschauerwällen für etwa 10.000 Besucher zum Stadion ausgebaute Weiße Wiese und legt dort den Hoeschpark an. Der BVB muss in den bürgerlichen Südwesten ausweichen. Dort liegt das riesige Stadion "Rote Erde" - laut zeitgenössischem Kicker-Almanach "ab Hauptbahnhof mit Straßenbahnlinie 3 und 8 in zwölf Minuten zu erreichen; Fassungsvermögen: 50.000 (Tribüne 2200)". Hier tritt die Borussia nun gegen Vereine wie VfB Bielefeld, VfL Bochum, Westfalia Herne und natürlich den FC Schalke 04 an.

Als Spielführer der jungen Mannschaft fungiert der semmelblonde August Lenz. Der 26-Jährige ist ein begnadeter Stürmer, stets torgefährlich. Er wird der erste Dortmunder Nationalspieler und von "Reichstrainer" Dr. Otto Nerz insgesamt 14-mal in die Ländermannschaft berufen. Neun Tore gelingen Lenz, doch nach dem 0:2-Debakel beim Olympischen Fußballturnier fällt der Stürmer in Ungnade und wird nicht mehr berufen. Im Verein ist er jedoch unverzichtbar und hat an den vorderen Platzierungen des BVB (Dritter der Gauliga Westfalen 1937 und 1939, Zweiter 1938) maßgeblichen Anteil.

"Ball, Heil, Hurra! Borussia!"

Der BVB ist klar im Kommen. Doch der Machtwechsel auf dem Fußballplatz wird an Rhein und Ruhr erst nach dem Zweiten Weltkrieg vollzogen. Als die Borussen 1945 wieder ihre zitronengelben Schnürtrikots überstreifen, liegt überall Trümmerschutt. Das Stadion Rote Erde ist durch Luftangriffe schwer getroffen, die Geschäftsstelle im alliierten Bombenhagel ausgebrannt. Das Hoesch-Viertel, die Wiege des Clubs, ist fast vollständig zerstört, dazu sind Dutzende Mitglieder im Krieg gefallen. Manchem versagen beim Vereinslied vor Kummer die Stimmbänder:

"Solang' die Kehl noch singen kann, soll klingen unser Lied / So lange, bis der letzte Mann noch einen Fußball spielt. / Und sinkt auch einer in das Grab, der Mann kann untergeh'n / ein and'rer löst ihn sofort ab, Borussia bleibt besteh'n. / Wir halten fest und treu zusammen / Ball, Heil, Hurra! Borussia!"

Borussia bleibt tatsächlich bestehen. Auf dem Land tritt man für einige Zentner Kartoffeln, Mehl und Speckseiten zu Freundschaftsspielen an - und wird, derart gestärkt, 1947 erstmals die Nummer eins im Westen. Am 18. Mai schlagen die Gelb-Schwarzen in Herne vor 30.000 Zuschauern die überalterte Mannschaft von Schalke 04 mit 3:2. Bei der folgenden "Meisterschaft der britischen Besatzungszone" dringt die Elf des inzwischen 37-jährigen August Lenz dann sogar bis ins Finale vor. Erst dort unterliegt die Mannschaft im Düsseldorfer Rheinstadion mit 0:1 gegen den HSV. "Borussia Dortmund ist die Mannschaft von morgen", kommentiert das Fachblatt "Sport-Echo" weitsichtig, "es ist gutes Material vorhanden. Sie ist ihrer Mittel nur noch nicht sicher."

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Doppelmeister Dortmund

1949 erreicht der BVB dann erstmals das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Vor 93.000 Zuschauern in Stuttgart unterliegt die Borussia nur sehr unglücklich gegen den VfR Mannheim mit 2:3 Toren nach Verlängerung. Sieben Jahre später sind die Dortmunder endlich am Ziel: Im Endspiel von Berlin besiegen sie den Karlsruher SC mit 4:2. Kapitän Alfred "Adi" Preißler darf erstmals die begehrte "Salatschüssel" als Insignie für den Deutschen Meister in die Höhe recken. Es war ein weiter und steiniger Weg von der Weißen Wiese bis ins große Berliner Olympiastadion - aber jetzt ist die Borussia ganz oben.

Im Folgejahr verteidigt sie den Meistertitel in der exakten Formation wie beim Vorjahrestriumph durch ein ungefährdetes 4:1 im Finale über den Hamburger SV. Franz Jacobi, der Hüttenbeamte, dem die Borussia ihren Namen verdankt, ist da längst Ehrenvorsitzender der BVB. Seinem Verein schreibt er aus Anlass des größten Triumphs der Vereinsgeschichte etwas in das Stammbuch: "In der Stunde dieses großen Erfolges", so Jacobi, " muss es daher für uns alle Verpflichtung sein, sich die Hände zu reichen zum Gelöbnis, miteinander den weiteren Weg zu beschreiten, damit unserem Ballspielverein Borussia 09 die Achtung im deutschen Fußballsport für alle Zeiten erhalten bleibt."

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Hans Luehring, 20.12.2009
1.
Der erste Satz ist falsch. Alemannia Aachen spielt seit 1900 in schwarz-gelb. Insofern ist der BVB höchstens die 2. schwarz-gelbe Koalition.
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