100 Jahre Dauerwelle Immer Locke bleiben


Die erste Versuchsperson hatte Brandblasen und verschmorte Haare: Vor hundert Jahren erfand ein Deutscher die Dauerwelle. Anfangs war vor allem die Apparatur gefürchtet, später verbreiteten die Träger Angst und Schrecken. Von Iris Hellmuth

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Er nannte sich Charles, denn wer wollte sich im Paris der Jahrhundertwende schon von Karl aus dem Schwarzwald frisieren lassen? Die Elektrizität war erfunden, ein Gebrüderpaar namens Wright erhob sich mit einem Flugapparat in die Lüfte. Alles schien machbar, die Monarchie fast vergessen. Niemand trug mehr Perücken, sie waren das Relikt einer Zeit, die so gestrig schien wie Barockmusik und Stehkragen. Nein, man zeigte sein Haar jetzt wieder offen - Locken waren gefragt, und ganz Paris träumte von den Wellen. Frisiert zu sein war schließlich ein soziales Privileg. Wer sich eine Frisur leisten konnte, zeigte, dass er zur Elite gehörte.

Zumindest bis zum nächsten Schauer. Denn eine Haarwelle, die diesen unbeschadet überstanden hätte, gab es noch nicht.

"Wäre es nicht großartig, ein Verfahren zu erfinden, dass die Locken im Haar dauerhaft hält?" Karl-Ludwig Nessler stand in einem Pariser Friseursalon. Er hatte Yvonne, seine spätere Frau überredet, ihm Modell zu sitzen. Yvonne hieß eigentlich Katharina und kam aus Ulm, auch sie war Friseurin.

Die Nacht war schon hereingebrochen, als Charles zum ersten Mal zur Tat schritt. Er drehte Yvonnes Haar um eiserne Wickler, strich es mit einer dunklen Paste ein, umfasste die Strähnen mit einer glühenden Zange. Es zischte und schmorte auf Yvonnes Kopf. Sie schrie vor Schmerzen. Die Hitze backte Wickler und Chemikalien zu dunklen Schnecken zusammen. Unter einer der Eisenrollen hatte sich eine große Brandblase gebildet. Charles wusch sein Werk mit Wasser aus - und obwohl das Haar nass war, blieb es gewellt. Charles stieß einen spitzen Schrei aus. Soeben war ihm die erste Dauerwelle der Geschichte gelungen.

Von der Locke verlockt

Damit trat der badische Schuhmachersohn Karl-Ludwig Nessler eine Revolution auf unseren Köpfen los, die nicht immer Hand in Hand ging mit gutem Geschmack. Was in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Friseurhandwerk veränderte und bald schon durch die Häupter von Hollywoods Diven berühmt wurde, führte spätestens Ende der Siebziger in der Männerwelt zu bösen Geschmacksverirrungen. Fußballstars wie Rudi Völler, Schlagerstars wie Tony Marshall und auch Schauspieler wie David Hasselhoff ließen sich in den siebziger und achtziger Jahren ohne Scham die Haare ringeln. Unterdessen bestimmten gelockte Frauen immer wieder das Schönheitsideal. Meg Ryan machte mit ihrer niedlichen Pudelfrisur in Filmen wie "Harry und Sally" die Welle wieder schick, Madonna nutzte in den achtziger Jahren die verdrehten Strähnen, um ihren Look zu verändern - und trug damit ihren Teil zum Locken-Hype bei.

Wer in den Achtzigern als Mädchen keine Dauerwelle trug, hatte seinen Initiationsritus in die Welt der Pubertierenden verpasst. Es waren die Auswüchse einer Mode, die zu Beginn des Jahrhunderts durchaus ihre Berechtigung hatte, weil Frisuren noch gesteckte Kunstwerke waren - und für die ein besessener Erfinder von Paris über London bis nach New York ziehen musste.

Schon als Kind hatte sich Karl-Ludwig Nessler für Locken interessiert. Stundenlang hatte er aus dieser Begeisterung heraus die Bergwiesen seiner Heimat studiert: "In der Frühe fand ich die gelockten Zweige voll von Feuchtigkeit, der Morgentau hatte sich in ihre Zellen geflüchtet, sie ausgefüllt; dann aber entzog die aufsteigende Sonne den Pflanzen ihre Feuchtigkeit, der Wuchs streckt sich gerade." Minutiös notierte er seine Beobachtungen und übertrug sie auf das Haar seiner Schwestern, das teils glatt war und teils gewellt. "Wenn man glattes Haar aufbrechen und porös machen könnte", fragte sich Nessler, "vielleicht könnte man es dann auch in Locken legen?" Das Studium der Haare sollte ihn für den Rest seines Lebens begleiten.

Gerät zur Gedankenkontrolle?

Mit Anfang 20 zog Karl-Ludwig nach Paris, ein kleiner Mann mit buschigen Augenbrauen und welligem Haar. Von den Perückenmachern des Ancien Régime lernte Nessler die Technik des Kunsthaar-Kräuselns: Auf Holz gewickelt wurde es vier Stunden gekocht, dann in Brotteig gehüllt und gebacken. Und er nahm Lehrstunden bei einem gewissen Monsieur Marcel: dem Coiffeur, dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Pariser Damenwelt zu Füßen lag - weil er es verstand, ihre Haare anhand eines heißen Eisenstabs zu Locken aufzudrehen. Deren Haltbarkeit war jedoch beschränkt.

Die neu gewonnenen Erkenntnisse übertrug Nessler auf die Entwicklung seines eigenen Apparats. Doch in Paris würde es schwer werden mit der Vermarktung der neuen Technik. Hier schwärmte alles von Monsieur Marcel und seiner Methode. Aber vielleicht ja in England? Nessler zog nach London. Dort war der neue Chef wenig begeistert. "Meine Kundschaft will Marcel-Ondulationen und keine mittelalterliche Folter mit Ihren glühenden Zangen", brüllte er Nessler an. Der antwortete: "Ich weiß, dass meine jetzigen Ondulationen die besten sind, die es in Europa gibt; das Marceleisen trocknet die Haare nur aus."

Doch auch Nesslers Methode war nicht ohne Makel. Des Öfteren schmorten seine glühenden Heizzangen die Haarsträhnen seiner Kundinnen oft direkt am Ansatz ab, anstatt sie zu wellen. Und auch für die empfindliche Kopfhaut war die Hitze nur schwer zu ertragen. Immer wieder zogen sich Kundinnen Brandblasen zu. Zudem hatte der selbstgebaute Apparat eine bizarre Optik. Das Gerät hing über dem Kopf der Frisierten, an langen Kabeln baumelten teleskopgroße Röhren herunter. Die Maschine sah aus wie ein Gerät zur Gedankenkontrolle aus einem abgedrehten Science-Fiction-Film. Alles in allem war die Herstellung einer Dauerwelle am Anfang noch eine recht furchteinflößende Prozedur.

Enteignet, eingesperrt - entflohen

Wie gut, dass Nessler auch von anderen Erfindungen lebte - er hielt Patente für künstliche Wimpern und Augenbrauen sowie für einen wunderlichen Hautverjüngungsroller. Das Patent für seine "Permanent Wave Machine" erhielt er im Februar 1910 und gründete ein Geschäft in der Londoner Oxford Street. Außerdem richtete er eine Fabrik ein, in der die Apparate produziert wurden, die Nessler unter dem Namen Nestlé bald nach ganz Europa exportierte. Es war die Zeit des Jugendstils, aufwendige, vor allem strenge Frisuren kamen aus der Mode. An deren Stelle traten einfache, wilde Frisuren - mit lockigen Haaren. Sie drückten das natürliche Lebensgefühl der Epoche aus. Bald schon kamen Friseure aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz nach London, um sich von Charles Nestlé in die Kunst des Dauerwellens einführen zu lassen.

Als der Erste Weltkrieg begann, war Nessler kurz davor, mit seiner Idee den Durchbruch zu schaffen. Doch in England war er ein Ausländer. Er wurde ins Internierungslager eingewiesen, sein Besitz in der Oxford Street enteignet. Nach wenigen Wochen im Lager gelang ihm die Flucht. Mit einem gefälschten Pass fuhr er mit dem Passagierdampfer von Southampton nach New York. Es waren die Adressköpfe der nesslerschen Geschäftskorrespondenz, die den Aufstieg des Unternehmens in den USA am eindrücklichsten erzählen: Es begann 1915 in der Nummer 12 der 49. Straße, sieben Jahre später belegte Nessler bereits die Häuser 12 und 14. Im Jahr 1929 war es schließlich die ganze Häuserfront. Fünf Telefonanschlüsse sind notwendig, um die eingehenden Bestellungen zu bewältigen. Dazu eröffnete Nessler noch ein Friseurgeschäft am Broadway und ein drittes an der Ecke 5th Avenue und 42. Straße.

Tag für Tag stand dort eine Traube von Menschen vor dem Schaufenster. Was es zu sehen gab? Ein großes Wasserbecken, in dem keine Fische schwammen, sondern eine dauergewellte Haarsträhne. Ganz New York staunte. Konnte es einen besseren Beweis für die Haltbarkeit der Nestlé-Wellen geben? So wurde Karl-Ludwig Nessler, der von Locken besessene Tüftler aus dem Schwarzwald, 30 Jahre nach seinem Weggang aus Deutschland zum Millionär.

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1.
Patrick Kreitz 04.02.2010
Nettes, buntes Thema. Aber bitte korrigieren Sie den Beginn. Sie schreiben: "ein Gebrüderpaar namens Wright hatte den Atlantik überquert." Das tat erst Charles Lindbergh, und erst recht nicht um die Jahrhundertwende. Sie meinen wohl den ersten motorisierten Flug.
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