Sturz des russischen Zaren "Und mir hat keiner gesagt, dass es eine Revolution gibt!"

Erst flogen Schneebälle, dann wurden Polizisten gelyncht: Rasend schnell fegte vor 100 Jahren die Februarrevolution die Herrschaft des Zaren weg. Eine Chronik der acht Tage, die die Welt veränderten.

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"Genossen, bewaffnet euch mit allem, was ihr habt - Bolzen, Schrauben, Pflastersteine. Kommt aus der Fabrik und schlagt dem erstbesten Geschäft die Scheiben ein."

Auf einmal ist es mild, vergleichsweise jedenfalls. Die Temperaturen in Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, sind um zehn Grad geklettert, auf fünf Grad unter null.

Mit der Wärme steigt bei den Arbeitern der russischen Hauptstadt der Mut. Und der Zorn.

Zorn auf die selbstherrliche Herrschaft der Romanow-Dynastie. Zorn auf die verheerenden Verluste im Weltkrieg, auf die dadurch ausgelösten Preisexplosionen für Lebensmittel, den Mangel an Brot, den Hunger.

Wochenlang war Petrograd von klirrender Kälte gefangen. Jahrhundertelang waren die Menschen Gefangene der Zaren-Diktatur. Nun reichen ein paar milde Tage, die nach dem in Russland verwendeten julianischen Kalender in den Februar, bei uns aber in den März fallen, um alles zu ändern.

Donnerstag, 23. Februar

Den Anfang machen die Frauen, die sich am Morgen weigern, in ihre Textilfabriken zu gehen. "Massen der Arbeiterinnen füllten die Straße und ihre Stimmung war militant", erinnert sich ein Augenzeuge später, auch er ein Arbeiter, der die Szene aus dem Fenster seiner Fabrik beobachtet.

Die Stimmen unten werden lauter: "Nieder mit dem Krieg!" rufen sie. Und: "Brot für die Arbeiter!"

Dann fliegen Schneebälle. Hoch zu den gaffenden Männern an den Fenstern. Die Arbeiterinnen fordern: "Kommt runter! Hört auf zu arbeiten!"

Der 23. Februar ist der Internationale Frauentag. Zar Nikolai II. interessiert dieser Tag nicht. Zudem ist er 700 Kilometer entfernt im weißrussischen Hauptquartier seiner schwächelnden Armee. Zu weit weg, um die Gefahr zu spüren.

Auch so haben sich Volk und Zar längst entfremdet: Das liegt etwa an Rasputin, dem Wunderheiler der Zarenfamilie, der mit Intrigen und Sexorgien das Ansehen der Dynastie beschädigt. Zudem hat sich durch die Industrialisierung eine neue, selbstbewusste Schicht gebildet: Viele Fabrikarbeiter sind streiklustig, wenig autoritätsgläubig, dafür gebildet. Einige träumen von einem Umsturz, die Sozialdemokraten etwa, die gespalten sind in radikale Bolschewiki und gemäßigte Menschewiki.

Der Zar hat bereits etliche ihrer Führer vertrieben oder inhaftiert. Nun fordern ihn in Petrograd sogar Frauen heraus: Die Arbeiterinnen mobilisieren die Männer. Die Geheimpolizei zählt genau mit: 87.534 Streikende aus 50 Fabriken.

Straßensperre in Petrograd
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Straßensperre in Petrograd

Die Unzufriedenheit wurzelt zwar in einem Außenbezirk, doch schon strömen Hunderte zur Litejny-Brücke, die über die Newa ins Zentrum führt. Soldaten sperren die Brücke, doch viele Streikende wagen sich über das Eis des zugefrorenen Flusses.

Alarmiert schickt die Regierung die Armee. Doch die Männer, Kosaken, sind ortsfremde und unerfahrene Reservisten. Sie vergessen, ihre Peitschen mitzunehmen, mit denen die Armee sonst das Volk züchtigt. Und so demonstrieren bald einige Streikende auf dem Newski-Prospekt, der größten Prachtallee der Stadt.

Freitag, 24. Februar

Die Sonne scheint und 150.000 Arbeiter streiken. Viele bewaffnen sich mit Eisenstangen, Messern, Schraubenschlüssel. Um zu plündern, um sich Respekt zu verschaffen.

Die Liteiny-Brücke ist plötzlich kein Hindernis mehr. 40.000 Arbeiter erstürmen sie und verjagen eine überforderte Kosakenbrigade. "Und mir hat niemand gesagt, dass es eine Revolution gibt!", soll ein Polizist gerufen haben, als die Masse auf ihn zurollt.

Die Regierung aber schätzt die Lage falsch ein. Dem Zaren teilt sie mit, alles sei unter Kontrolle, das alles sei nur eine Hungerrevolte. Dabei rufen die Menschen auch: "Nieder mit den Zaren!" Die Stimmung sei "ziemlich bedrohlich erregt", schreibt ein britischer Reporter.

Samstag, 25. Februar

In der Stadt herrscht ein Generalstreik - und im Taurischen Palais, Sitz der Staatsduma, Ratlosigkeit. Auch bei Pawel Miljukow, dem Führer der Konstitutionell-Demokratischen Partei, die im Parlament mit anderen liberalen Kräften einen "Progressiven Block" bildet. Miljukow ist Geschichtsprofessor und unumstrittener Führer der Bürgerlichen. Nun hat er die einmalige Chance, selbst Weltgeschichte zu schreiben.

Er könnte versuchen, das Zarentum zu schützen, das er nicht stürzen, sondern in einer konstitutionellen Monarchie reformieren will. Er könnte sich aber auch auf die Seite der Arbeiter schlagen, um endlich die Bildung einer neuen "Regierung des Vertrauens" zu erzwingen, die er schon lange fordert. Eine Regierung, die nicht der Zar alleine bestimmt, sondern das Parlament.

Demonstration in Moskau
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Demonstration in Moskau

Die Chance ist da, und Miljukow hat schon Monate zuvor Scharfzüngigkeit bewiesen: "Ist das Dummheit oder Verrat?", rief er am 1. November 1916 im Parlament, Missstände aufzählend. Und viele Abgeordneten brüllten: "Verrat!" Dem Premierminister unterstellte er sogar zu Unrecht, Agent der Deutschen zu sein. "Verrat!" schallte es durch die Duma.

Später schreibt der Historiker Miljukow über den Politiker Miljukow, seine Rede hätte einen "gewaltigen Widerhall" erzeugt, seine Worte seien sogar das "Sturmsignal" für die Revolution gewesen.

Damals aber zögert er lange. Zu lange.

Denn die Lage eskaliert. Der verhasste Polizeichef wird ermordet, unter Mithilfe kosakischer Soldaten. Viele Kosaken verbrüdern sich mit den Aufständischen, die in ihnen Bauern und Arbeiter in Uniform sehen. Jubel brandet auf, als ein Kosakenoffizier von den Arbeitern rote Rosen entgegennimmt.

Sonntag, 26. Februar

Jeder gegen jeden, nachdem der Zar befohlen hat, "die Unruhen bis morgen zu unterdrücken". Miljukow berichtet:

Das Zentrum wurde mit Patrouillen umzingelt, Maschinengewehre wurden aufgestellt und Militärtelefondrähte überall gezogen. Das alles ängstigte die Menge nicht. Unzählige Menschenmengen zogen mit Fahnen durch die Straßen, … riefen Zusammenstöße hervor, bei denen die Regierung mit Gewehrfeuer antwortete.

Russlands Blutsonntag: Regierungstreue Soldaten schießen wild in die Menge und töten etwa 150 Menschen. Immer mehr Soldaten aber weigern sich, "auf unsere Mütter und Schwestern" zu schießen. Sie meutern, stürmen Kasernen und Gefängnisse, befreien Häftlinge, erbeuten aus Waffenlagern Unmengen an Gewehren.

Opfer des Aufstands
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Opfer des Aufstands

Loyale Soldaten kämpfen von nun an gegen Rebellensoldaten und Sozialrevolutionäre. Polizeiwachen brennen, Akten werden vernichtet, der Justizpalast geht in Flammen auf. Entlassene Kriminelle plündern Schnapsläden und Stadtpaläste, überfallen und vergewaltigen alle, die sie für Gutbetuchte halten.

Allein in Petrograd sterben während der Revolution, die später als "unblutig" mystifiziert wird, vermutlich 1500 Menschen. Angewidert schreibt Schriftsteller Maxim Gorki, Zeitzeuge der Revolution:

Zu viele Menschen halten für revolutionär, was in Wahrheit nichts anderes ist als ein Mangel an Disziplin und Ordnung bei den Massen. Das alles ist hier eher absurd als heroisch. … Es wird viel Blutvergießen geben, viel mehr als je zuvor.

Die Regierung hat alle Autorität verloren. Doch wer füllt das Vakuum?

Montag, 27. Februar

Die Parteien der Duma sind immer noch unentschlossen, auch wenn sie nicht mehr wegschauen können: Vor dem Taurischen Palais demonstrieren 25.000 Menschen, rote Fahnen schwenkend, die Marseillaise singend. Etliche sind an den Wachen vorbei in den Palast eingedrungen und diskutieren dort erregt.

Der Aufstand ist zu schnell gekommen und hat alle Parteimitglieder "im tiefen Schlaf" überrascht, wie ein führender Sozialrevolutionär später schreibt. Zudem mangelt es an charismatischen Anführern, von denen viele im Exil sind. Hilflos bitten die Parlamentarier den fernen Zaren immer wieder, endlich eine neue "Regierung des Vertrauens" bilden zu dürfen. Erst am fünften Tag ist der Tonfall ultimativ:

Es müssen sofort Maßnahmen getroffen werden, weil es morgen schon zu spät sein wird. Es schlägt bereits die letzte Stunde, wann die Geschicke des Vaterlandes und der Dynastie sich entscheiden.

Miljukow will immer noch die Spielregeln des Parlaments wahren. Mühsam ringt sich die Duma zur Bildung eines provisorischen Verwaltungskomitees durch. Sie gibt dem Gremium einen endlos langen Namen, damit es bloß nicht so wirkt, als sei das eine neue Regierung.

So verliert die Duma Einfluss an diejenigen, die die Straße kontrollieren: Bolschewiki und Menschewiki wollen einen Arbeiter- und Soldatenrat, einen Sowjet, bilden. Deren Delegierte tagen nun ebenfalls im Taurischen Palais und wählen ein Exekutivkomitee. Ganz demokratisch geht es dabei nicht zu: In dem Gremium sitzt kein einziger Fabrikarbeiter, sondern nur sozialistische Intellektuelle.

Russlands hat nun zwei Komitees, die beide nicht regieren wollen. Am Abend aber treten die Minister der Regierung zurück. Das Chaos ist perfekt.

Donnerstag, 2. März

Er hat sich noch tagelang an die Macht geklammert, eine Militärdiktatur gefordert, die Duma aufgelöst, doch die Befehle des Zaren setzt niemand mehr um. Auf dem Weg in die Hauptstadt strandet Nikolais umgeleiteter Zug in Pskow. Dort wollen ihn Duma-Delegierte und Generäle zum Rücktritt zugunsten seines Sohnes Alexej bewegen.

In seinem Salonwagen lauscht der Zar dauerrauchend seinen Militärs. Minutenlang schweigt er. Dann verkündet er emotionslos seinen Rücktritt zugunsten seines Sohnes. Stunden später widerruft er. Er will seinen zwölfjährigen, kränklichen Sohn, einen Bluter, schützen. Statt Alexej soll nun - entgegen der Thronfolge - Nikolais Bruder Michail regieren.

Zar Nikolai und Sohn
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Zar Nikolai und Sohn

Ein Rechtsbruch, der zum Todesstoß für die 300-jährige Dynastie wird. Die Arbeiter wittern eine Konterrevolution, für sie sind die Romanows nur noch ausbeuterische "Vampire". Miljukow ist allein mit seinem Versuch, das Zarentum zu bewahren. Am 3. März drängt die Duma erfolgreich Michail zum Thronverzicht.

Miljukows Scheitern

Es folgt eine seltsame Doppelherrschaft. Miljukow bildet eine "provisorische Regierung", in der er Außenminister wird. Die Regierung aber ist abhängig von der Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat, der jederzeit die Massen mobilisieren kann. Und der Sowjet wartet nur auf das Scheitern der bürgerlichen Regierung: Denn das ist nach marxistischer Lehre Voraussetzung für eine sozialistische Revolution.

Die Regierung garantiert den Russen zwar Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Doch alte Probleme bleiben. Außenminister Miljukow weigert sich, einen Separatfrieden mit Österreich und Deutschland zu vereinbaren. Doch genau das wünscht das Volk. Als Miljukow in einer bald berühmten Note den Alliierten versichert, Russland werde weiter an ihrer Seite den Krieg "bis zum entscheidenden Siege" führen, protestieren Tausende. Miljukow tritt zurück.

Fast gleichzeitig erobert ein Mann die Bühne, der anders als der Geschichtsprofessor die Massen sofort zu lenken und begeistern weiß: Lenin, ins Land geschleust mit Hilfe der Deutschen. Mit ihm verschärft sich der Konflikt zwischen Radikalen und Gemäßigten. So folgt der Februarrevolution bald die nächste Revolution, die Miljukow erfolglos aus dem Exil bekämpft - bevor er sie wieder als bald vergessener Historiker analysiert.

insgesamt 5 Beiträge
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Klaus Pupke, 08.03.2017
1. Wichtiges wird weggelassen
Dass es der deutsche Kaiser Wilhelm II war, der Cousin des Zaren Nikolaus, der nicht den sog. Lenin aus der Schweiz nach Russland bringen ließ, um seinen Cousin zu stürzen u. den 1. WK beenden zu kõnnen, sondern dass es Deutschland war, was Millionen Goldmark für die dann folgende Oktoberrevolution bereitstellte für Lenin und diese Revolution. Das gehört m.E. zu den am längsten verschwiegenen Umständen; in den letzten Jahren wurden allerdings die Archive geõffnet. Es gibt zu diesem wichtigen Punkt aussagekräftige Dokus. M.E. gehõrte der Spiegl Print zu den ersten, die aufzeigten, was wirklich einst geschah.
Dirk Kern, 08.03.2017
2. Tage, die die Welt erschütterten
Der amerikanische Journalist John Reed hat ein cooles und immer noch spannedes Buch über die Oktoberrevolution geschrieben. Die englische Originalversion kann man als kostenloses Hörbuch bei Librivox herunterladen.
Karl-Heinz Opel, 08.03.2017
3. Ach, Mensch
Wäre es nicht schön, wenn alle Mächtigen aller Länder dieser Erde sich einmal mit der Frage befassen würden: "Könnte es uns nicht auch einmal so ergehen?" und vielleicht mal etwas Respekt vor der grauen Masse, die man gelegentlich "Volk" nennt, bekommen? Irgendwie hat man schon den Eindruck, dass es langsam an der Zeit ist, auch den über uns Regierenden die Grenzen aufzuzeigen.
fastlander, 08.03.2017
4. Pskov...
...ist eine alte Russische Stadt nahe der Estnischen Grenze, aber gehörte nie zu Lettland.
Siegfried Wittenburg, 09.03.2017
5. @ Karl-Heinz Opel
Die beschriebene Revolution, die eine sozialistische wurde, richtete sich gegen eine Monarchie, wie in Frankreich 1789 und in Deutschland 1918 ebenso, die im Ergebnis allerdings bürgerlich wurden. Alle Mächtigen der Erde kann man nicht ein einen Topf werfen. Zu einer Demokratie, wo man die Masse ebenfalls "Volk" nennt, gehören auch die Regierenden. Denn, im Gegensatz zu den Monarchen oder in Diktaturen, werden sie gewählt. Und so grau, wie Sie beschreiben, ist die "Masse" in einer Demokratie nicht.
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