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100 Jahre Futuristisches Manifest "Wir wollen den Krieg verherrlichen"

100 Jahre Futuristisches Manifest: "Wir wollen den Krieg verherrlichen" Fotos
Corbis

Sie waren Prediger einer brutalen Avantgarde: Vor 100 Jahren veröffentlichten die Futuristen ihr Manifest - sie liebten den Tod, das Tempo, Maschinen. Sie hassten Frauen und das Establishment. Wortführer Tommaso Marinetti wurde Mussolinis Kulturminister - und kämpfte für Hitler vor Stalingrad. Von

Für die italienischen Fischer, die das Automobil fanden, war es ein simpler Verkehrsunfall: Mehrere junge Trunkenbolde, offensichtlich aus besseren Kreisen, waren bei einer frühmorgendlichen Spritztour von der Straße abgekommen und kopfüber in einen Graben gestürzt. Keiner der Insassen war ernsthaft verletzt, den Wagen stemmten die Fischer mit Stangen auf die Straße zurück.

Für den Fahrer hingegen, den blutjungen Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti, wurde der Unfall zur Zäsur seines Lebens. Der scheinbar banale Sturz in den nassen Graben bescherte ihm eine persönliche Grenzerfahrung, in der all das zusammenkam, an dem er sich so gern berauschte: die Faszination von Maschinen, der Rausch der Geschwindigkeit und das Tempo von Veränderung, die fixe Idee einer neuen Ordnung durch die Zerstörung des Alten.

"Mit dem Dreck im Gesicht, bedeckt von Schrammen, Schweiß und himmlischem Ruß, inmitten der Anklagen von bedächtigen Fischern und aufgeregten Naturalisten, diktierten wir unseren letzten Willen und Nachlass an alle lebendigen Männer dieser Welt: das Futuristische Manifest", beschrieb Marinetti die Geburtsstunde eines der einflussreichsten Pamphlete des 20. Jahrhunderts.

"Vibrierende Glut

Als der Aufruf des feurigen Millionärssohns am 20. Februar 1909, wenige Monate nach dem Unfall, tatsächlich veröffentlicht wurde, hatte noch niemand von Marinetti und den "Futuristen" gehört. Dafür allerdings erschien das Dokument, das Geschichte machen sollte, an prominenter Stelle und in hoher Auflage - als Aufmacher auf der Titelseite der angesehenen Pariser Tageszeitung "Le Figaro".

Das selbstverliebte Traktat, nicht mehr als elf knappe Thesen, war starker Tobak für die Zeitgenossen des Autors. "Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag", postulierte Marinetti und verkündete, "dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit."

Der jugendliche Schwärmer, finanziell auf Rosen gebettet, besang einen neuen Menschen, der eine neue Welt schafft, getragen von einer "vielfarbigen, vielstimmigen Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten" mit ihrer "nächtlichen, vibrierenden Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden." Die Maxime, die Marinetti seinen zerstörerische Superhelden mitgab, lautete: "Schönheit gibt es nur noch im Kampf." Ein Werk "ohne aggressiven Charakter", so Marinetti, "kann kein Meisterwerk sein". Am Vorabend des Ersten Weltkriegs und des Faschismus wirkten seine Thesen wie ein dunkles Orakel: "Wir wollen den Krieg verherrlichen - diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes."

Die Versatzstücke zu seiner kruden Ideologie hatte sich Marinetti, 1876 als Sohn eines Rechtsanwalts im ägyptischen Alexandria geboren, bei nächtlichen Diskussionen mit Symbolisten und Anarchisten angeeignet, mit denen er während seines Jurastudiums in Paris verkehrte. Dort machte er sich Notizen nach unerfreulichen Besuchen bei Prostituierten und las Friedrich Nietzsche. Marinettis Forderung mit allem zu brechen, Museen und Akademien zu schleifen, fiel bei vielen italienischen Künstlern auf fruchtbaren Boden - sie hassten den etablierten Kunstbetrieb und die erstarrten Strukturen der konservativen Monarchie. Maler wie Giacomo Balla, der Bildhauer Ferruccio Vecchi, Musiker und Literaten gründeten bald eigene Schulen des Futurismus, in denen die Jugend, Geschwindigkeit, Gewalt und Krieg verherrlicht wurden.

Publikumsbeschimpfung, Tumulte, Fahnenverbrennung

Ein Künstler, der sofort nach der Veröffentlichung des Futuristischen Manifests einen begeisterten Brief an Marinetti schrieb, war der Dichter Gabriele D'Annunzio, ein Dandy mit Spielschulden und notorischer Frauenheld. D'Annunzios amouröse Eskapaden und die Dauerliaison mit der berühmten Schauspielerin Eleonora Duse waren das Skandalthema in der besseren Gesellschaft Italiens. Wie Marinetti liebte der Literat schnelle Autos, aber auch Motorräder und Sportboote, er war ein begeisterter Flieger und genoss das ganz große Spektakel. Die Futuristischen Abende, die Marinetti inszenierte, waren ganz nach seinem Geschmack - Publikumsbeschimpfungen, Tumulte und handgreifliche Auseinandersetzungen mit Kritikern als Konzept und fester Bestandteil des absurden Programms.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs machte Marinetti und D'Annunzio endgültig zu politischen Weggefährten - der verklemmte Hohenpriester des Futurismus und der zwanghafte Erotomane (der angeblich seidene Nachthemden mit einem kreisrunden Ausschnitt unter dem Nabel trug) wurden Unterstützer Benito Mussolinis. Der hatte sich gerade von den Sozialisten abgewandt und agitierte dafür, Österreich-Ungarn den Krieg zu erklären. Als überzeugter Interventionist schloss sich D'Annunzio dem Duce an, auch Marinetti war von der Aussicht auf Krieg begeistert und lud Mussolini als Redner zu Futuristischen Abenden ein. Nachdem Marinetti im September 1914 in Mailand bei einer Veranstaltung von Kriegsbefürwortern österreichische Flaggen auf der Bühne verbrannt hatte, wurde er mit zwei Gesinnungsgenossen gar inhaftiert.

Als Italien im Mai 1915 in den Krieg eintrat, war Marinetti wieder auf freiem Fuß und meldete sich freiwillig. Die meisten Futuristen taten es ihm nach. D'Annunzio, der begeisterte Pilot, obwohl bereits älter als 50 Jahre, ging zur Luftwaffe; Marinetti diente erst bei den Freiwilligen Radfahrern und Automobilsten und später bei den Gebirgsjägern. Beide gehörten zu den wenigen ihrer futuristischen Schar, die den Krieg überlebten - dass der Futurismus ein kurzlebiges Phänomen blieb, lag auch daran, dass sich seine Vorkämpfer mit Lust in den Kampf stürzten und viele ihr Leben ließen.

Toscanini spielt für die Operettenrepublik

Den Krieg begriffen die beiden "Kämpfer-Dichter" als konsequente Fortsetzung ihres Futuristischen Aktionismus, sich selbst verstanden sie - nach dem Wortlaut ihres Manifests - als "angriffslustige Bewegung". Der alternde Hasardeur D'Annunzio etwa unternahm eigenmächtig tollkühne Torpedobootattacken auf der Adria und warf aus dem Flugzeug Flugblätter über "unerlösten" Städten wie Triest und sogar dem fernen Wien ab.

Auch nach dem großen europäischen Blutbad blieben die beiden beseelt von ihrer Vision einer neuen Gesellschaftsordnung. Nach Kriegsende besetzte D'Annunzio im September 1919 mit einer Privatarmee von 2500 Söldnern die 50.000-Einwohner-Stadt Fiume, das heutige Rijeka. Die Freischärler unter Führung der Futuristen errichteten eine 470 Tage währende Operettenrepublik. An eigens errichteten Altären wurde Ares, der Gott des Krieges, angebetet, in selbstentworfenen Uniformen Schlachten nachgespielt, von Dirigentenlegende Arturo Toscanini mitsamt Orchester musikalisch begleitet. Wenigstens drei italienische Regierungen stürzten wegen D'Annunzios verrückter Eskapade. Erst an Weihnachten 1920 machte das Schlachtschiff "Andrea Doria" mit einigen gezielten Schüssen auf D'Annunzios Regierungspalast ein Ende.

Marinetti gründete 1918 seine eigene Futuristische Partei, in deren politischem Manifest er ein Loblied auf den Anarchismus und die Oktoberrevolution sang und die "Kunst an die Macht" forderte. Die Partei ging bald in Mussolinis neuer faschistischer Bewegung auf - doch die theatralische Liebe zum Faschismus blieb weder bei Marinetti noch bei D'Annunzio ungetrübt. Mussolinis Ansatz, das bürgerliche Lager zu vereinnahmen, behagte den Futuristen nicht - sie waren keine politischen Strategen, sondern sprunghafte Aktionisten. Schon 1920 warf Marinetti, der immerhin die Nummer zwei nach Mussolini gewesen war, hin. Er sei ein "extravaganter Clown" rief ihm der wütenden Duce hinterher.

Futuristen mit faschistischem Segen

D'Annunzio wiederum träumte von der Macht - als "Held von Fiume" rechnete er sich ernsthaft Chancen aus, Mussolini als Volkstribun abzulösen. Der Phantast, der sich die Zerschlagung jeglicher Institutionen auf die Fahnen geschrieben hatte, antichambrierte 1922 um eine Regierung bilden zu dürfen, doch der Duce kam ihm mit dem "Marsch auf Rom", seinem De-facto-Staatsstreich Ende Oktober 1922, zuvor. Beleidigt zog sich D'Annunzio zurück in seine Villa an den Gardasee, wo er 1938 starb - von den faschistischen Machthabern mit Titeln und anderen Ehren wie einer Gesamtausgabe seiner Werke bis zuletzt hofiert.

Marinetti dagegen erlebte noch ein politisches Comeback. Nachdem er öffentlich dem politischen Anspruch des Futurismus abgeschworen und seine Freundschaft zu Mussolini beschworen hatte, machte ihn der Duce 1924 zum faschistischen Kultusminister. Auch seinem Frauenhass hatte Marinetti inzwischen abgeschworen und geheiratet - das Eheverbot, das er in seinem eigenen "Futuristischen Manifest der Lust" propagiert hatte, hin oder her.

Kampf und Krieg dagegen verherrlichte Marinetti weiter, und er liebte ihn wohl wirklich. Als italienische Truppen 1935 in Äthiopien einmarschierten und dort mit Giftgas und Massenerschießungen Furchtbares anrichteten, war Marinetti mit dabei. Und noch 1942, im Alter von 66 Jahren, zog der Futurist mit einem italienischen Expeditionskorps in Russland bis vor Stalingrad. Schwerkrank zurückgekehrt, diktierte er noch kurz vor seinem Tod im Dezember 1944 Gedanken, die im Duktus denen seiner wirren Jugendjahre glichen: "Der Krieg ist schön, weil er neue Architekturen, wie die der großen Tanks, der geometrischen Fliegergeschwader, der Rauchspiralen aus brennenden Dörfern und vieles andere schafft."

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Ralf Bülow, 20.02.2009
Der Futurismus war wohl etwas mehr als Marinetti. So gab es ab 1929 in der Malerei die "Aeropittura", die einerseits Stukas feierte, aber auch die träumerischen Bilder von http://www.gerardodottori.net hervorbrachte. Und das malerische Werk unseres Computerpioniers Konrad Zuse ist ebenfalls futuristisch angehaucht.
2.
Georg Gerleigner, 22.02.2009
In Jochen Vorfelders Artikel "100 Jahre Futuristisches Manifest"/"Wir wollen den Krieg verherrlichen" hat sich offenbar ein Fehler eingeschlichen: Der letzte Satz, der dort zitiert wird, kann nicht, wie im Artikel angegeben, von Marinetti "kurz vor seinem Tod im Dezember 1944" diktiert worden sein, denn er wird bereits in dem 1935/36 entstanden berühmten Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" von Walter Benjamin zitiert (im dortigen "Epilog"). Damit wird auch der Vergleich Vorfelders mit dem "Duktus" von Marinettis "wirren Jugendjahre[n]" größtenteils hinfällig.
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