100 Jahre Jugendherbergen Zum Schlafen in den Keller

100 Jahre Jugendherbergen: Zum Schlafen in den Keller Fotos
Getty Images

Bed and Breakfast für zwei Groschen: Vor hundert Jahren erfand ein Lehrer im Sauerland die Jugendherberge. In der ersten schlief man wortwörtlich unterirdisch - auf Strohsäcken im Keller. Und wer mit dem Auto anreiste, musste noch in den fünfziger Jahren draußen bleiben. Von Thomas Thiel

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
  • Zur Startseite
    4.3 (36 Bewertungen)

Der Alte war misstrauisch. Zimmer für Zimmer nahm sich der Herbergsvater vor und schnüffelte an jeder Jacke, die auf den Etagenbetten in seiner Jugendherberge in der hessischen Provinz lag. Schließlich wurde er fündig: Eine Jacke roch nach Benzin. Ihr Besitzer klappte im Verhör dann auch schnell ein. Ja, er sei mit dem Motorrad unterwegs, gestand der junge Mann. Das war zuviel für den prinzipientreuen Hausherrn. Schimpfend schmiss er den als Wanderer getarnten Biker aus der Herberge.

Diese aus heutiger Sicht skurril anmutende Begebenheit beobachtete eine Herbergsbesucherin in den fünfziger Jahren. Sie selbst war per Anhalter angereist und musste das Haus ebenso verlassen wie der Mann, der per Kraftrad angekommen war. Szenen wie diese waren keine Seltenheit. Denn Motorrad- und Autofahrer hatten in allen Häusern des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) nichts zu suchen, das war strikte Verbandspolitik. Dort durfte nur günstig absteigen, wer zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Paddelboot reiste. Erst Ende der fünfziger Jahre kippte der DJH die Beschränkung, und das nur widerwillig.

Denn Autotourismus war so ziemlich das Letzte, was die Jugendherbergsbewegung unterstützen wollte. Ihr Gründer Richard Schirrmann - ein Volksschullehrer aus dem Sauerland - war ein erbitterter Gegner des Amüsiertourismus, der mondänen Vergnügungsfahrt aufs Land. Schirrmann war ein Idealist und Romantiker, der eine naturbewegte, asketisch lebende Jugend heranziehen wollte. Sein Allheilmittel: lange Wanderungen, auf denen die Jugendlichen die Natur kennenlernen, ihre Körper stählen und ihren Verstand schärfen sollten. Vor hundert Jahren entwickelte er einen kühnen Plan: Er wollte ein landesweites Netz billiger Nachtunterkünfte für jugendliche Wanderer aufbauen.

Schirrmanns Idee veränderte den Jugendtourismus für immer: Sie machte Reisen für junge Menschen erschwinglich. Heute gibt es mehr als 4000 Jugendherbergen auf fünf Kontinenten, allein in Deutschland verzeichnen die rund 550 Herbergen mit ihren 75.000 Betten mehr als zehn Millionen Übernachtungen pro Jahr. Die Wiege dieses weltumspannenden Konzepts liegt in den Kellerräumen der Burg Altena im Sauerland. 1912 eröffnete Schirrmann dort die erste ständige Jugendherberge der Welt. Doch fast wäre er mit seinem Projekt schon gescheitert, bevor es richtig anfing.

Kampf gegen die "Unnatur der Großstadt"

Kinder, raus aus den Städten, rein in die Natur! Dieses Programm verfolgte der junge Lehrer Schirrmann von Anfang an mit missionarischem Eifer. Prägend war für ihn seine Zeit an einer Schule im Ruhrgebiet. 1901 bekam der 27-jährige Schirrmann dort eine Stelle im Gelsenkirchener Vorort Bulmke. Der im ländlichen Ostpreußen aufgewachsene Naturfreund erlitt in der Kohlenkammer des Reiches einen immensen Kulturschock. Er war entsetzt vom Kinderelend und der grassierenden Zerstörung der Natur in ihrem Umfeld, der "Unnatur der Großstadt", wie er es nannte. Nur die wenigsten seiner Schüler hätten jemals eine Lerche singen, einen Bach plätschern oder die Sonne auf- oder untergehen sehen, berichtete er später.

So begann Schirrmann, mit seinen Klassen ausgedehnte Wanderungen im grünen Umland des Ruhrgebiets zu unternehmen. Doch seine Idee der "wandernden Schule" missfiel seinen Vorgesetzten. Sie sahen in ihr nur eine Marotte eines "wanderdollen Lehrers", wie der Giessener Professor Jürgen Reulecke im Buch "100 Jahre Jugendherbergen" schreibt. Erst nach zwei Schulwechseln fand der sture Ostpreuße im sauerländischen Städtchen Altena 1905 endlich einen Schulleiter, der sein Wanderkonzept unterstützte.

left false custom

Doch erst 1909 kam ihm der Einfall seines Lebens. Auf einem seiner zahlreichen Klassenausflüge wurden Schirrmann und seine Schützlinge von einem schweren Gewitter überrascht. Es schien, als wären sie dem Unwetter schutzlos ausgeliefert, da kein Bauer bereit war, die Wanderer in seine Scheune zu lassen. Erst im letzten Moment kamen sie in einer leerstehenden Schule unter. Während Schirrmann wegen der lauten Donnerhalle und der ängstlichen Kinder die Nacht durchwachte, soll ihm sein "Heureka"-Moment gekommen sein: Ein reichsweites Netz von Übernachtungsmöglichkeiten müsse her, wobei die Herbergen jeweils maximal einen Tagesmarsch voneinander entfernt sein dürften. Schirrmanns Devise: "Gleich wie Schule und Turnhalle, jedem Ort seine Jugendherberge!"

Schulhäuser zu Herbergen

Noch im gleichen Jahr schrieb er einen Artikel, in dem er dafür warb, dass Lehrer in den Ferien Wandergruppen in ihren Schulhäusern übernachten lassen sollten. Das hörten viele seiner Kollegen überhaupt nicht gern. Sie sahen ihren gesellschaftlichen Status in Gefahr: "Der heutige Lehrer hat die Universität erobert, kann Reserveoffizier werden und gehört zur 'Oberschicht des Volkes' [...] Unmöglich, ihn zum simplen Herbergsvater zu degradieren!" Doch Schirrmann kämpfte weiter hartnäckig für seine Idee. So gewann er langsam Unterstützung in der Politik, der Wirtschaft und dem örtlichen Wanderverein. Der Essener Schriftsteller Julius Schult gründete sogar ein eigenes Presseamt für die entstehende Herbergsbewegung.

Nutzte es seiner Sache, waren Schirrmann sogar zweifelhafte Mitstreiter recht wie der deutschnationale Jungdeutschlandbund. Die halbstaatliche Jugendorganisation unter der Führung von Generalfeldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz hatte mehrere hunderttausend Mitglieder. Ihr erklärtes Ziel war es, durch Kriegsspiele "die deutsche Jugend wehrtüchtig [zu] machen" und so "auf den Charakter der Knaben einzuwirken", so von der Goltz. Der Jungdeutschlandbund förderte die Herbergsbewegung mit einem jährlichen Zuschuss von 30.000 Mark, weil das Wandern seiner Meinung nach den Patriotismus und die Heimatverbundenheit der Jugendlichen stärke.

Richard Schirrmanns beharrliches Werben machte sich bald bezahlt. 1914 hatte das offizielle Herbergsverzeichnis bereits 535 Einträge. Auch das Militär war mit von der Partie. Jugendliche auf Reisen konnten während der Ferien immer häufiger in Kasernen übernachten, oft inklusive Verpflegung in den Kantinen.

Strohlager in Kellerlöchern

Das Privileg, die erste richtige Jugendherberge der Welt zu besitzen, gebührte jedoch Schirrmanns Heimatstadt Altena. Anfangs 15, später 48 Betten warteten dort ab 1912 auf junge Wandersleute. Mit den Herbergen von heute hatte diese Unterkunft freilich noch wenig gemein: Die Gäste mussten sich in bedrückend eng übereinander geschichteten Schlafkojen zwängen, sich mit kratzigen Wolldecken zudecken, miefige Kellerluft atmen - und doch galt die Herberge in den drei Kellerräumen der frisch restaurierten Burg des Ortes als absoluter Vorzeigebetrieb.

Denn der Standard der meisten anderen Unterkünfte war noch viel schlechter. Bis in die zwanziger Jahre hinein gab es oft nur Strohlager statt Betten, nur Pumpen vor dem Haus statt Waschräumen. Noch 1923 beklagte sich der Gründer Schirrmann selbst über den Zustand vieler Jugendherbergen: Oft seien es immer noch nur "Dachkämmerchen, Scheunenböden und Kellerlöcher", in denen die "wanderfrohe Jugend" hausen müsse. Deshalb wurden auf Betreiben Schirrmanns hin viele Häuser ab Mitte der zwanziger Jahre modernisiert und erweitert.

An der spartanischen Einrichtung der Herbergen sollte sich aber nichts ändern - sie war von Schirrmann ausdrücklich erwünscht. Das sahen viele seiner Gäste genauso. Die Pioniere der deutschen Jugendreisen, die "Wandervögel", propagierten wie Schirrmann eine Rückbesinnung auf die Natur und romantisierten die einfache Lebensweise vor der Industrialisierung.

Schlafplätze für 20 Pfennig

Gegründet 1901 in Steglitz bei Berlin, breitete sich die Bewegung in den nächsten Jahren über ganz Deutschland aus. Die jungen Asketen auf Reisen, meist bürgerliche Gymnasiasten und Studenten, verachteten die Luxusgesellschaft und mieden die "Zivilisationsgifte" Tabak und Alkohol. Für sie war Wandern mit der Gitarre oder dem Waldhorn im Gepäck das höchste der Gefühle, Komfort war verpönt. So verstand es sich von selbst, dass die Gäste in den Herbergen auch Kartoffeln schälten und Geschirr spülten oder den Schlafsaal jeden Morgen ausfegten.

In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre änderte sich die Klientel der Herbergen jedoch merklich. Viele normale Touristen entdeckten die Herbergen als billige Alternative zu Hotels. Plötzlich häuften sich die Klagen über vergnügungssüchtige Ausflügler, die per Bus und Motorrad ankamen und nachts in ihren Zimmern laut feierten. Um den Partytourismus zu unterbinden, griff der DJH 1927 zu dem drakonischen Mittel, das auch noch dreißig Jahre später dem jungen Motorradfahrer in Hessen zum Verhängnis wurde: Alle, die per Auto oder Motorrad an den Herbergen ankamen, mussten draußen bleiben.

Trotzdem gingen die Zahlen des Jugendtourismus durch die Decke: 1932 gab es im Deutschen Reich sagenhafte 2123 Jugendherbergen mit mehr als viereinhalb Millionen Übernachtungen. Richard Schirrmanns Idee revolutionierte die Urlaubskultur der Jugend, dank der spottbilligen Preise der Herbergen - in den zwanziger Jahren zahlte man für eine Nacht 20 Pfennig pro Person - wurde Reisen zu einem Massenphänomen, das sich jeder leisten konnte. Schnell machte das deutsche Modell Schule. 1932 gab es bereits in elf Ländern rund um den Globus - darunter auch Chile und Neuseeland - Jugendherbergsverbände nach deutschem Vorbild. Heute sind es mehr als 80.

Zum Weiterlesen:

Jürgen Reulecke, Barbara Stambolis (Hrsg.): "100 Jahre Jugendherbergen, Anfänge - Wandlungen - Rück- und Ausblicke". Klartext Verlag, Essen 2009, 443 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im Verlags-Shop.

Artikel bewerten
4.3 (36 Bewertungen)
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Christian Briest 05.03.2009
Kleiner Hinweis zu der Zeichnung mit der Erbswurst. Bei der Erbswurst handelt es sich nicht um eine Wurst im herkömmlichen Sinne. Die Erbswurst besteht aus Trockentabletten die, wie der Name schon vermuten lässt, nach lösen und aufkochen in Wasser eine mehr oder weniger leckere Erbsensuppe zur Folge haben. Die Erbswurst ist noch heute unter diesem Namen im Handel erhältlich.
2.
Peter Panter 05.03.2009
Eine "Erbswurst" (Bild 7) ist natürlich keine Wurst, sondern (tataaa!) ein Suppenwürfel. Na, ja, besser wohl "Suppenzylinder". Es handelt sich um Erbsensuppenpulver, das in Zylinderform gepreßt wurde und in Alufolienpapier eingeschlagen ist. Das gibt es heute noch so! Sogar die Unaussprechliche kennt die Erbswurst: http://de.wikipedia.org/wiki/Erbswurst Dabei heißt es doch immer, der Journalist von heute recherchiere hauptsächlich dort. :-(
3.
Björn Czeschick 05.03.2009
Mich wundert es ein bisschen, dass bei der Betrachtung von Jugendherbergen nicht mehr Kritik aufkommt: Jugendherbergen sind Teil des Systems des Zivildienstes, zu großen Teilen beruht die Möglichkeit zur günstigen Übernachtung also auf staatlicher Ausbeutung. Insbesondere in heutiger Zeit, wo Jugendherbergen versuchen, sich in Richtung Hotel zu entwickeln (allen voran der Landesverband Rheinland-Pfalz/Saarland mit seinem selbstherrlichen Vorsitzenden Jacob Geditz) ist der Einsatz von Zivildienstleistenden in Jugendherbergen kaum noch zu rechtfertigen und bedürfte der Überprüfung.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH