100 Jahre Kopenhagener Kleine Meerjungfrau Kopflos am Kai

100 Jahre Kopenhagener Kleine Meerjungfrau: Kopflos am Kai Fotos
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Sie ist die Touristenattraktion von Kopenhagen, doch offensichtlich liebt nicht jeder das Wahrzeichen. Vor 100 Jahren wurde die Kleine Meerjungfrau installiert, heute blickt sie auf ein bewegtes Leben zurück. Denn immer wieder wurde die Bronzestatue zum Ziel von Attentaten - und gesprengt, geköpft und besudelt. Von Sarah Levy

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Michael Forsmark Poulsen erfuhr in den frühen Morgenstunden von der Köpfung. Gegen halb vier, am 6. Januar 1998, klingelte sein Telefon und riss den dänischen Kameramann aus den Träumen. Verschlafen nahm er den Hörer ab. "Sehen Sie nach der Kleinen Meerjungfrau", sagte eine junge Männerstimme am anderen Ende. Poulsen fragte nach dem Namen des Anrufers. Keine Antwort. Müde und verärgert legte er auf. Muss ein Telefonscherz gewesen sein, dachte er - doch dann klingelte es erneut. "Sehen Sie nach der Kleinen Meerjungfrau", wiederholte die Stimme. "Ihr fehlt etwas."

Jetzt wurde Poulsen hellhörig. Er packte seine Fotoausrüstung ein und fuhr an die Uferpromenade von Kopenhagen. Am Langelinie-Kai traf er zwei junge Männer auf Rollschuhen. "Höchste Zeit, dass Sie kommen", rief einer der beiden. Poulsens Blick schweifte über die Hafeneinfahrt - da sah er, wovon der Anrufer gesprochen hatte: Die Kleine Meerjungfrau, das Wahrzeichen der Stadt, war enthauptet worden! Kopflos saß die nackte Schönheit auf ihrem Felsen. Sofort wollte Poulsen seine Kamera auf die Rollschuhläufer richten, doch die waren schon auf der Flucht. Also fotografierte er die geköpfte Nixe. Dann rief er die Polizei.

Der mysteriöse Anruf machte den damals 31-jährigen Poulsen berühmt, mit dem Verkauf seiner Fotos verdiente er sich eine goldene Nase. Doch das Telefonat machte ihn auch zum Hauptverdächtigen im Fall des spektakulären Attentats auf das wohl am häufigsten geschändete Wahrzeichen in Europa.

Eine Ballerina wird zur Nixe

Vor 100 Jahren, am 23. August 1913, wurde die Kleine Meerjungfrau enthüllt. Inspirationsquelle für die gerade mal 1,25 Meter große und 175 Kilo schwere Bronzenixe, die von einem Felsen in Kopenhagens Hafeneinfahrt sehnsüchtig aufs Meer hinausblickt, war ein Märchen des Dänen Hans Christian Andersen gewesen. In seiner Geschichte "Den lille Havfrue" aus dem Jahr 1837 verliebt sich eine Meerjungfrau in einen Prinzen und will selbst ein Mensch werden, um ihrem Geliebten nah sein zu können. Doch um Beine zu bekommen, verliert sie ihre traumhafte Stimme an die böse Meerhexe - und muss letztendlich stumm zusehen, wie ihre große Liebe eine andere heiratet. Die todtraurige Nixe zerfällt zu Meerschaum, der fortan auf den Wellen tanzt.

Das tragische Schicksal der Nixe faszinierte auch den dänischen Bierbrauer Carl Jacobsen. Der Inhaber der Carlsberg-Brauerei sah 1909 eine Ballettaufführung des Märchens mit der Primaballerina Ellen Price. Bezaubert von Geschichte und Darstellerin beauftragte er den Bildhauer Edvard Eriksen, eine Skulptur zu schaffen, die nach Price modelliert werden sollte. Die Primaballerina erklärte sich bereit, Modell zu sitzen - allerdings nur für das Gesicht. Nackt wollte sie sich dem Künstler nicht präsentieren.

Und so saß für den Körper Eriksens Ehefrau Eline Vilhelmine Møller Modell. Mäzen, Künstler und die Stadt Kopenhagen einigten sich darauf, der Bronzeskulptur Beine zu verleihen, die statt in Füßen in Flossen mündeten. Am 23. August 1913 fand die fertige Figur schließlich ihren Platz am Langelinie-Kai und wurde zum meistfotografierten Wahrzeichen Dänemarks.

Aber die kleine Nixe hatte nicht nur Freunde.

Der erste Anschlag ereignete sich 1961. Unbekannte hatten sich mit bunter Farbe an der Statue zu schaffen gemacht, die nackten Bronzebrüste verdeckte plötzlich ein Büstenhalter, ihr bares Hinterteil verhüllte ein aufgemalter Schlüpfer. Doch es kam noch schlimmer: Drei Jahre später verlor die Meerjungfrau erstmals ihren Kopf. Die verstümmelte Figur erregte solches Aufsehen, dass sogar die Kopenhagener Mordkommission eingeschaltet wurde. Die Fahndung nach dem unbekannten Täter verlief jedoch erfolglos. Das Bronzehaupt blieb verschwunden, ein neues musste nach der Originalgussform modelliert werden.

Verzweifelte Suche

Erst mehr als 30 Jahre später bekannte sich Aktionskünstler Jørgen Nash in seiner Biografie mit dem unheilvollen Titel "Ein Meerjungfrauen-Mörder kreuzte seinen Weg" zur Entführung des Kopfes. Der Rummel um das Wahrzeichen habe ihn genervt, so Nash, deshalb habe er sie geköpft und das Corpus Delicti in einen Tümpel geworfen. Weil Nash aber über die Jahre immer neue, abenteuerliche Geschichten über den Verbleib des Kopfes erzählte, hielt niemand seine Aussagen für glaubwürdig.

Dennoch war der Künstler nach der erneuten Enthauptung 1998 der Erste, auf den der Verdacht fiel. Der inzwischen 77-Jährige konnte jedoch beweisen, dass er zur Tatzeit in seinem Bett geschlafen hatte. In den folgenden Tagen ging die Geschichte um die Welt, die geköpfte Meerjungfrau beschäftigte Fernsehsender, Radiostationen und Zeitungen. Eine Belohnung von 25.000 Dänischen Kronen, rund 3300 Euro, wurde auf den verschwundenen Kopf ausgesetzt. Im Hafenbecken suchten Marinetaucher nach dem vermissten Körperteil, während Hunderte Hinweise bei der Polizei eingingen. Vergebens. Selbst von den Rollschuhläufern, die Poulsen am Tatort gesehen hatte, fehlte jede Spur.

Geliebte Ungeliebte

Am Morgen des 9. Januar 1998, drei Tage nach dem Verbrechen, klingelte Michael Forsmark Poulsens Telefon erneut. Ein anonymer Anrufer bestellte den Kameramann auf den Parkplatz eines Fernsehsenders in Herlev, nordwestlich von Kopenhagen. Dort filmte Poulsen eine vermummte Gestalt, die den Kopf der Statue auf den Asphalt legte und verschwand. Der Sender rief die Polizei - und Poulsen war erneut im Besitz exklusiver Aufnahmen. Inzwischen war die Öffentlichkeit misstrauisch: Wieso gerade Poulsen? Kannte er den Täter und wollte ihn decken? Poulsen stritt jede Komplizenschaft ab. Er verstehe nicht, dass der Täter ihn offensichtlich bevorzuge. Inzwischen hatte Poulsen mit den Fotos 100.000 Dänische Kronen verdient, etwa 13.000 Euro.

Als am 4. Februar 1998 der Kopf wieder auf den Körper geschweißt wurde, stand auch Poulsen unter den Schaulustigen und beobachtete das Geschehen - bis zwei Polizisten an ihn herantraten und ihn festnahmen. Die Beamten warfen ihm vor, die Enthauptung initiiert zu haben, um sich mit den Aufnahmen eine Einnahmequelle zu sichern. Ein Gericht verhängte eine 13-tägige Untersuchungshaft.

Zwei Wochen später wurde er wieder freigelassen. Die Beweise für seine Mittäterschaft reichten nicht aus. Die Enthauptung von 1998 wurde nie aufgeklärt, bis heute ist unbekannt, wer in jener Nacht wirklich den Bronzekopf amputierte und entführte.

Die Anschläge auf das dänische Wahrzeichen aber nahmen damit kein Ende: 2003 wurde die Nixe brutal von ihrem Felsen gesprengt, am Weltfrauentag 2006 statteten Unbekannte sie mit einem Plastikpenis aus, vier Jahre später wurde sie von Kopf bis Fischschwanz mit rosa Farbe besprüht. Dennoch bewiesen die Kopenhagener am Ende stets, dass ihre Liebe zu der Nixe nicht nachgelassen hat: Denn was auch passierte - Dutzende Male repariert und restauriert sitzt die Hundertjährige bis heute auf ihrem Felsen im Hafenbecken und blickt sehnsüchtig in die Ferne.

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1.
Otto Rühle 26.08.2013
Meeresjungfrau ohne Kopf? Eigentlich ein gutes "Warnmal" davor, war einer nackt am Strand sitzenden Frau in Afghanistan oder Saudi-Arabien drohen würde.
2.
Calinda Bauer 25.08.2013
Es war und ist nur eine Kopie. "Am 23. August 1913 wurde eine Kopie der 175 kg schweren Figur an ihrem heutigen Platz, der von Henrik August Flindt und Vilhelm Dahlerup geschaffenen, 1900 fertiggestellten Uferpromenade Langelinie aufgestellt. Das Original wird von den Nachfahren Eriksens an einem unbekannten Ort aufbewahrt." WP
3.
Henk Tenhain 26.08.2013
Über die Geschichte der Menschheit hinweg scheint es nicht möglich das Verbrechen endgültig zu elemenieren. Eins davon ist die Sachebschädigung, insbesondere der Sachen mit ideellem Wert. Das trifft dann die kleine Meerjungfrau. Man könnte allerdings versuchen das umzuleiten nach Deutschland, zu diesen Hohnzollernreiterdenkmälern. In jedem Kaff steht so ein Kackteil, in den das Kaff mal wieder rund 10.000 Euro reingesteckt hat. nicht wegen Vandalismus, nur weil es von vorneherein Kack war, der morsch geworden ist.
4.
Simon Pasch 27.08.2013
@ Calinda Bauer Jede Bronzefigur ist eine Kopie. Solche Figuren werden von den Künstlern meist aus Gips oder Ton geschaffen. Von diesem Original werden dann Abgüsse erstellt.
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