100 Jahre Oktoberrevolution "Wo ist jetzt die Freiheit?"

Fast problemlos eroberten die Bolschewisten am 7. November vor 100 Jahren die Macht. Nur der wichtigste Mann des alten Russlands entkam auf abenteuerliche Weise - und wagte Monate später die Rückkehr.

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Alexander Kerenski war bereit, sich zu erschießen, gleich hier, in den prunkvollen Gemächern des Schlosses von Gattschina südlich von Petrograd. Ausgerechnet eine einstige Zaren-Residenz war für den Sozialisten Kerenski, der in der Februarevolution so für den Sturz des Zaren gekämpft hatte, zur Falle geworden.

Der Lärm im Erdgeschoss nahm zu. Bald würden seine Verfolger kommen, um ihn, den flüchtigen Premier Russlands, an Lenins Bolschewisten auszuliefern.

Die Tür flog auf. Jetzt war es vorbei.

Doch auf der Schwelle standen nur zwei unbewaffnete Männer. Ein Zivilist, den Kerenski flüchtig kannte, und ein fremder Matrose. "Es ist keine Zeit zu verlieren", sagte der Matrose. "Innerhalb der nächsten halben Stunde wird ein wütender Mob Ihr Zimmer stürmen. Ziehen Sie die Uniformjacke aus - schnell!"

Groteske Verkleidung

Es war der Beginn einer abenteuerlichen Flucht, die Kerenski später in seinen Memoiren beschrieb. Aus dem wichtigsten Politiker Russlands, der in der kurzen demokratischen Zeit nach der Februarrevolution Justizminister, Kriegsminister und schließlich Premier war, wurde am Morgen des 14. Novembers 1917 ein erbärmlich verkleideter Matrose: Die Jackenärmel waren zu kurz. Die viel zu kleine Matrosenmütze rutschte vom Kopf. Und die feinen, braunen Schuhe und Wickelgamaschen passten nicht zu einem einfachen Seemann.

Die Palastanlage war von Wassergräben umgeben. Es gab nur einen Ausgang über eine Zugbrücke. Im Vorhof des Palasts sollte ein Fluchtwagen warten. "Wir gingen wie die Roboter, ohne Gedanken, ohne Bewusstsein der Gefahr", erinnerte sich Kerenski später. Unbemerkt gelangten sie in den Vorhof.

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100 Jahre Oktoberrevolution: "Wir dürfen nicht warten. Wir können alles verlieren!"

Kein Wagen zu sehen. "Verzweifelt kehrten wir zurück, ohne ein Wort miteinander zu wechseln."

Ein Fremder raunte ihnen zu, das Auto stehe weiter weg, am Chinesischen Tor des Schlosses. Als sie misstrauische Blicke trafen, mimte ein weiterer Verbündeter einen Ohnmachtsanfall. In der Verwirrung erreichten sie mit Glück den Fluchtwagen. Auf der Rückbank saßen Soldaten, bereit, Handgranaten auf die Verfolger zu werfen.

40 Tage im Wald

An einem Waldrand hielt das Auto. Der Matrose, der sich inzwischen als Wanja vorgestellt hatte, führte Kerenski nun stundenlang hinein in den Wald, in dem sein Onkel eine Hütte besaß.

40 Tage würde sich der letzte Premier Russlands in dieser Waldhütte verstecken, herzlich bewirtet von Wanjas Onkel und Tante. Es waren 40 Tage, in denen er hilflos miterleben musste, wie die Bolschewisten sein Land zielstrebig in ein immer totalitäreres Regime verwandeln würden.

"Tagsüber war alles friedlich und sonnig", schrieb Kerenski. "Aber nachts verfolgte mich, was geschehen war. Der volle Schrecken des Danse macabre, der nun im Land vollführt wurde, brach über mich herein."

Der Totentanz der russischen Demokratie hatte weltpolitische Folgen: Schon bald versank Russland in einem Bürgerkrieg zwischen der bolschewistischen Roten Armee und ihren politischen Gegnern, die sich in der Weißen Armee sammelten. Millionen starben. Am Ende etablierte sich der erste sozialistische Staat, der die Welt für Jahrzehnte in zwei waffenstarrende Lager aufspalten würde.

Das war nicht abzusehen, als Kerenski darüber nachdachte, woran dieser unglückliche "Sommer der Freiheit" gescheitert war, in dem die Russen erstmals Erfahrungen mit der Demokratie sammeln durften.

Eine neue Epoche

Die Februarrevolution 1917 hatte viel Euphorie freigesetzt. Die jahrhundertelange "Selbstherrschaft" der Zaren wurde weggefegt, die Dynastie der Romanows gestürzt: Russland schien vor einer besseren Ära zu stehen.

Doch die litt unter etlichen Geburtsfehlern. Da gab es etwa in der Hauptstadt Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, parallele Machtzentren: Die Regierung, die sich bis zur Wahl einer neuen Verfassung "provisorisch" nannte, war bürgerlich. Ohne den linken "Sowjet", den Rat der Arbeiter und Soldaten, konnte sie aber wenig durchsetzen. Damit war sie erpressbar.

Kerenski traute man als einem der wenigen die Rolle des politischen Dompteurs zu: In der Zarenzeit war er mutiger Anwalt politischer Revolutionäre, jetzt sollte er versöhnen, vermitteln, die revolutionäre Wucht bändigen.

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Februarrevolution: "Es wird viel Blutvergießen geben"

Nicht immer bewies er ein glückliches Händchen. Um Putschversuche der Bolschewisten niederschlagen zu können, stattete er General Lawr Kornilow mit diktatorischen Vollmachten aus. Kornilow aber putschte im September 1917 seinerseits, wenn auch erfolglos.

Die größte Belastung für die junge Demokratie aber war der Weltkrieg, der das Land auslaugte, hungern ließ. Mit einer Militäroffensive im Juli versuchte Kerenski, einen Waffenstillstand zu erzwingen. Doch die Offensive scheiterte und demoralisierte das Militär weiter. Lenin konnte Kerenski nun leicht als "Werkzeug der Imperialisten" verunglimpfen, weil der Premier am unbeliebten Bündnis mit den Alliierten festhielt.

Lenin hingegen bot radikale, einfache Lösungen an: Nein zum Krieg! Nein zum Ausgleich mit den alten Eliten. Dafür alle Macht den Arbeiter- und Bauernräten! Die Bolschewisten wussten, dass der verhasste Krieg ihnen in die Karten spielte. Lenin geriet daher in Panik, als Österreich die Bereitschaft signalisierte, Frieden mit Russland zu schließen. Am 6. November schrieb er:

"Genossen: Die Lage ist äußerst kritisch. Jetzt ist so klar, wie es nur sein kann, dass die Verzögerung des Aufstands wirklich Tod bedeutet. (...) Wir dürfen nicht warten! Wir können alles verlieren!"

Schon einen Tag zuvor hatte Leo Trotzki, Leiter des "militär-revolutionären Komitees" im Petrograder Sowjet, in dem die Bolschewisten inzwischen die Mehrheit stellten, Befehle für die Besetzung strategisch wichtiger Stellen in der Hauptstadt erlassen.

Apathie und Terror

Die Umsturzpläne waren kein Geheimnis - und doch schauten alle nur interessiert zu. Die Hauptstadt mit ihren 200.000 Deserteuren war zu apathisch, um aufzubegehren. Viele dachten: Es wird schon nicht so schlimm kommen!

Kerenski aber wehrte sich. Am 6. November hielt er eine letzte Rede:

"Wir stehen einem Versuch gegenüber, den Mob gegen die herrschende Ordnung aufzuhetzen. (...) Ich bin hergekommen, um an Ihre Wachsamkeit zu appellieren, die Freiheit des russischen Volkes zu verteidigen, die durch viele Generationen und durch viele Blut- und Menschenopfer errungen worden ist."

In dieser Schlacht sah Kerenski die "gesamte Nation" hinter sich. Die Realität war ernüchternder: Als die Bolschewisten am 7. November, dem 25. Oktober nach der damaligen russischen Zeitrechnung, die Revolution entfachten, standen kaum Soldaten in der Hauptstadt. "Wir warteten auf Truppen von der Front", erinnerte der Premier sich. "Aber an Stelle der Truppen bekamen wir nur Telefondurchsagen, dass die Eisenbahnlinien durch Sabotage lahmgelegt worden waren."

So konnten die Bolschewisten auch den Winterpalast, den Sitz der Regierung, spielend leicht besetzen. So leicht sogar, dass die Sieger die Wahrheit später verbogen: Die Eroberung wurde in einem bildgewaltigen Propagandafilm zu einem heroischen Sturm stilisiert, vergleichbar mit dem auf die Bastille 1789. Tatsächlich verteidigten den Palast nur ein paar Kosaken, Offiziersschüler und Frauen.

War die Februarrevolution ein Aufstand der Massen, entpuppte sich die Oktoberrevolution als Staatsstreich von Wenigen. "Was ist das für eine Revolution, wenn alle ins Theater gehen als wäre nichts gewesen!" empörte sich ein Bolschewist.

Derweil hatte Kerenski schon am 7. November erkannt, dass in Petrograd nichts zu gewinnen war. Er schlug sich nach Pskow durch, dem Hauptquartier des Oberkommandos der Nordfront. Mit seinen "erbärmlich schwachen Menschen- und Artilleriekräften" wollte er "sofort einen Durchbruchversuch nach Petrograd unternehmen".

Doch die Armee zersetzte sich bereits. Mehr als eine Funkstation konnten die Männer nicht erobern. Nach einer Niederlage am 12. November floh der Premier ins Schloss Gattschina - und danach in die Waldhütte.

"Nagende Furcht"

Dort litt er unter "Verzweiflungsanfällen" und einer "nagenden Furcht", auch um seine selbstlosen Gastgeber. "Immer wenn sich der Nachtwind erhob und die Hunde im Nachbardorf bellten, sprangen wir aus unseren Betten und hielten Wache auf der Veranda, die Handgranaten griffbereit." Fassungslos wandte sich Kerenski ans Volk. Den Artikel ließ seine Partei, die Sozialrevolutionäre, drucken:

"Kommt zur Vernunft! Merkt ihr nicht, dass ihr belogen und betrogen worden seid? Euch wurde Frieden mit Deutschland versprochen. Jetzt aber wird jeder, der für den Frieden eintritt, als Verräter gebrandmarkt. (...) Man hat euch Brot versprochen, aber über das Land bereitet sich eine grauenhafte Hungersnot aus. Man hat euch Freiheit versprochen. Wo ist denn diese Freiheit? Eine Bande von Verrückten, Schuften und Verrätern hat die Freiheit erstickt, die Revolution verraten und ruiniert jetzt unser Land."

Im Dezember hielt den meistgesuchten Mann Russlands nichts mehr in seinem Versteck. Er sei "besessen" gewesen von der Idee, nach Petrograd zu fahren, schrieb er später. Dort sollte die Verfassungsgebende Versammlung tagen, vielleicht Russlands letzte Chance auf Freiheit. Und er wollte heimlich teilnehmen.

Gefährliche Rückkehr

Mit verändertem Aussehen - wilden Haaren und langem Bart - tafelte Kerenski nun sogar unerkannt in einer Gaststube, in der ein großes Porträt von ihm selbst hing. Im Januar 1918 erreichte er, nachdem er lange auf einem einsamen Landgut untergekommen war, Petrograd.

Doch was konnte die im November noch frei gewählte Verfassungsgebende Versammlung daran ändern, dass sich Russland auf dem Weg zur Diktatur befand? War das Ganze nicht nur eine Farce? Lenin hatte die Versammlung nie etwas bedeutet.

Alexander Kerenski, 1917
Getty Images/Keystone

Alexander Kerenski, 1917

Kerenski wollte unter falschem Namen trotzdem reden, aufrütteln, zum Widerstand anstacheln. Seine Parteifreude aber verboten ihm eine Teilnahme an der Versammlung: Das sei selbstmörderisch.

Am 18. und 19. Januar tagten 703 Abgeordneten insgesamt 13 Stunden im Taurischen Palais. Die Bolschewisten waren hier in der Minderheit. Draußen ließen sie auf demonstrierende Anhänger der Versammlung schießen. Drinnen berieten die Delegierten über eine demokratisch-föderale Republik. Als sie den Palast am 19. Januar frühmorgens für eine halbtägige Pause verließen, beendete Lenin alle Diskussionen auf seine Art: Er ließ alle Türen des Palastes verriegeln.

Desillusioniert floh Kerenski nach Finnland, wo Lenin noch ein paar Monate zuvor im Exil gewesen war. Er überlebte seinen Widersacher um Jahrzehnte und starb erst 1970 hochbetagt in New York. Das einzige Andenken, das er in den Westen retten konnte, war eine kleine Ikone, die ihm seine Gastfamilie in der Waldhütte geschenkt hatte.

Symbol des alten Russlands, das es nicht mehr gab.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Dieter Münch, 07.11.2017
1. Ein gelungener Aufstand inmitten der Wirrnis
Es war die Wirrnis, die dem fanatisierten Uljanow ermöglichte, sich zu einem Lenin zuverballhornt wird. mausern. Ein rabiater Ritt im "plombierten" Waggon unter mithilfe wilhelminischer Untergangsstrategen führte zu dem was heute als kommunitische/bolschewistische Revolution verballhornt wird. bis heute in unsere postkapitalistische Denkungsart hinein, wird dem großen Karl Marx dafür die Schuld in die Schuhe geschoben. Der hat nie vorgeschlagen, den Untergang des Kapitalismus in einem rückständigen Agrarstaat beginnen zu lassen. Industrie hatte dort erst rudimentär begonnen und ist heute noch nicht ausgegoren! Der Kapitalismus würde sich selbst zu Grunde richten - so die Theorie und erst dann sollte die Expropriation der Expropriateure erfolgen. Es deucht einem, dass unser Planet aber doch so langsam diesem Zustand entgegenstrebt. Man lese, was geschrieben steht.
Ralph Tegtmeier, 07.11.2017
2. Propaganda
"Am Ende etablierte sich der erste sozialistische Staat, der die Welt für Jahrzehnte in zwei waffenstarrende Lager aufspalten würde." Der Sowjetunion allein die Verursachung des Ost-West-Konflikts in die Schuhe schieben zu wollen, ist nichts als wohlfeile westliche Propaganda. Man denke nur an die jahrelange Umzingelung und teilweise Besatzung des revolutionären Russland durch diverse ausländische Truppen ...
Patricia Jessen, 07.11.2017
3. Vielleicht einmal nicht alles schlecht reden
"Lenin hingegen bot radikale, einfache Lösungen an: Nein zum Krieg! Nein zum Ausgleich mit den alten Eliten. Dafür alle Macht den Arbeiter- und Bauernräten! " Das waren keine einfachen Lösungen. Das waren radikale Forderungen. Ich finde es sehr seltsam, dass die Idee der Revolution schlecht geredet wird. Kann man nicht vielleicht annehmen, dass die Bolschewisten gute Ideen hatten, es aber nicht umgesetzt werden konnte bzw. es durch den Bürgerkrieg, die Bürokratisierung, die Folgen der NEP und spätestens das Terrorregime eines Stalins den Bach runter ging? Und Kerenski war nicht nur ein Held, nicht zu vergessen, dass die alten Eliten wieder kräftig nach der Macht griffen während seiner Regierungszeit und außerdem die Regierung den Krieg nicht beenden, sondern weiter führen wollte... Lenin und die Bolschwisten kritisch sehen - ja, sie gleich in Bausch und Bogen verdammen - nein!
Manfred Aerger, 07.11.2017
4. Wir leben Gott sei Dank in anderen Zeiten ...
... mit anderen Zuständen der "Volksbildung", anderer Aufteilung und Grösse gesellschaftlicher Gruppen, anderen zivilisatorischen Umgebungsbedingungen. Trotzdem eignen sich die "GSOR" in Russland 1917 ebenso wie die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 gleichermassen als warnendes Fanal dafür, was passieren könnte, wenn man linken wie rechten Extremisten nicht frühzeitig und sehr schmerzhaft auf die Finger klopft ...
Drazen Kostelac, 07.11.2017
5.
soso...westliche Propaganda...Es entstand hier ein diktatorisches System, das einen der größten Massenmörder der Weltgeschichte hervorbrachte, danach in eine sozialistische Ein-Parteien-Diktatur lief, die - sagen wir berechtigterweise - im Westen nicht sehr viele Befürworter hatte. Ich würde mal sagen, dass hier nicht sehr viel westliche Propaganda dazu gehört, um zu erkennen, wo hier die Wurzel des Übels lag. Man braucht schon einiges an sozialistischer Verklärtheit, um in der Oktoberrevolution etwas Gutes zu sehen...
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