"Prawda" Als Hitler Russlands Wahrheit druckte

Der Zar fürchtete sie, Lenin schrieb für sie und Stalin ließ ihre Macher erschießen: 1912 wurde die "Prawda" gegründet. Russlands älteste Zeitung sah Revolutionen kommen, Diktatoren gehen - und galt im Zweiten Weltkrieg sogar kurzfristig als Verbündete Hitlers.

Getty Images

Von


Der Titel der neuen Zeitung, die auf den Straßen Sankt Petersburgs am 5. Mai 1912 für zwei Kopeken verkauft wird, ist geschickt gewählt: "Prawda", die Wahrheit. Für den Leser unter der Herrschaft des Zaren schwingt da mehr mit als nur die einfache Wahrheit. "Russkaja Prawda", die russische Wahrheit, hieß schon das erste Gesetzbuch um das Jahr 1000. "Prawda" bedeutet im Russischen auch Gerechtigkeit.

Die Macher der Zeitung aus der revolutionär-marxistischen Partei der Bolschewiki verstehen es von Anfang an meisterhaft, russische Leidenschaften zu entfachen. Die Blattmacher sind junge Leute. Die Redaktion leitet der 22-jährige Student Wjatscheslaw Skrjabin, bald bekannter unter seinem Pseudonym "Molotow", der Hammer. Fehlende journalistische Erfahrung ersetzen Skrjabin und seine Genossen durch Enthusiasmus.

Die russische Arbeiterbewegung, an die sich die Zeitung richtet, erlebt einen Aufschwung und den Terror des zaristischen Regimes. Im April 1912 erschießen Regierungstruppen 170 streikende Arbeiter an einer Goldmine nahe des Flusses Lena in Sibirien. Rund 200 Arbeiter werden verletzt. Die erste Ausgabe der "Prawda" beschwört das "Stöhnen der Verwundeten, das Wehklagen der Frauen der ermordeten Arbeiter."

Lenin sorgt für Polemik

Den verzweifelten und empörten Arbeitern verspricht die "Prawda" Erlösung. "Die Arbeiterklasse", verkündet das Blatt auf der Titelseite "ist die Schöpferin allen Reichtums und wird alle Früchte ihrer Mühen ernten."

Die härtesten Attacken auf das herrschende System führt ein Autor aus der Emigration. Fast täglich schickt Wladimir Uljanow aus einem Dorf bei Krakau in Österreich-Ungarn Manuskripte per Post an die Redaktion. In der Welt berühmt wird der Mann später unter seinem Pseudonym Lenin. Der führende Kopf der Bolschewiki verbindet geschliffene Polemik mit prägnanten Prognosen.

Lenin liebt es, "Prawda"-Leser zu provozieren, etwa im November 1912 mit einem Beitrag über "Die Krankheit des Reformismus". Darin wirft er den gemäßigten Sozialisten vor, sie hätten sich "mit der Modekrankheit der Niedergeschlagenheit, des Kleinmuts, der Verzweiflung und des Unglaubens infiziert". Lenin will die Revolution.

Und er prangert die "wahnsinnigen Rüstungen und die Politik des Imperialismus" an, die Europa in ein "Pulverfass" verwandelt habe. Im Oktober 1912 warnt Lenin in der "Prawda" vor einem kommenden Weltkrieg. Die Nationalisten, so der Führer der Bolschewiki, "führen die Völker um der Profite einiger weniger Geschäftsleute und Industrieller willen zur Schlachtbank." Im November 1912 erscheint Lenins Beitrag "Das erneuerte China". Darin geißelt der Autor die "Gleichgültigkeit Europas" gegenüber der Tatsache, dass "vierhundert Millionen Asiaten zum politischen Leben erwacht" seien.

Der Erste Weltkrieg macht Russland reif für die Revolution. Es nützt dem Zarenregime nichts, dass es mit Kriegsausbruch 1914 die "Prawda" verbietet. Nach der Abdankung des Zaren im März 1917 ist die Zeitung wieder da, geleitet von dem heimkehrenden Lenin. Mit der Machtergreifung der Bolschewiki wird die "Prawda" im November 1917 zum Staatsblatt.

Terror gegen Redakteure

Das Parteiorgan aus Papier propagiert die Beseitigung der Opposition und ihrer Presse, rühmt die Industrialisierung, die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft und die Fünfjahrpläne. Es präsentiert wirtschaftliche Wachstumsmeldungen vorzugsweise in Prozenten. Vergessen ist, dass Lenin 1912 in der "Prawda" solche prozentualen Erfolgsmeldungen als "selbstzufrieden-prahlerische" Bemühungen geißelte. Damit, so Lenin, wolle das Zarenregime von der "unglaublichen Rückständigkeit und Armut Russlands" ablenken.

Zur Prahlerei gesellt sich der Personenkult um Josef Stalin. Den verbreitet auch "Prawda"-Gründer Molotow. Aufgestiegen zum sowjetischen Außenminister preist er in der Zeitung 1949 "das geniale Schöpfertum des großen Stalin" und rühmt ihn als "unseren Führer".

Die "große Stalinsche Epoche" ("Prawda"-Leitartikel 1937) fordert Opfer auch aus den Reihen der "Prawdisten", wie die Mitarbeiter des Blatts genannt werden. Stalin lässt den Ex-Chefredakteur Nikolai Bucharin 1938 hinrichten. Erschossen wird auch "Prawda"-Reporter Michail Kolzow, dessen "Spanisches Tagebuch" über den Bürgerkrieg auf der iberischen Halbinsel ein bleibendes Stück Literatur ist. Zu den leitenden Redakteuren des Blattes gehören neben brillanten Schreibern auch brachiale Gestalten wie der aus Odessa stammende Lew Mechlis, ein Einpeitscher der Terrors, über den selbst Stalin gesagt haben soll, er sei "ein schrecklicher Mensch".

Eine "Prawda" als Nazi-Blatt

Am 28. August 1941 halten viele Russen in den westlichen Gebieten der Sowjetunion eine "Prawda" in den Händen, die auf der Titelseite "glänzende Ergebnisse der deutschen Erfolge" meldet. Gemeint ist die deutsche Wehrmacht, deren "Propaganda-Abteilung Ostland" eine vierseitige Fälschung in Umlauf bringt, Hitler-Porträt auf dem Titel inklusive.

Die Fälschung für die Bewohner der besetzten Gebiete erscheint mit der Titelzeile "Arbeitende aller Länder, vereinigt Euch zum gemeinsamen Kampf gegen den Bolschewismus" in einer Auflage von zeitweise 275.000 Exemplaren. Mit Fotos neu gebauter deutscher Arbeitersiedlungen, die "keine Potjomkinschen Dörfer" seien, versucht das kostenlos verteilte NS-Blatt bei den in Armut lebenden Russen Eindruck zu schinden. Doch die begreifen bald, dass Hitler die Sowjetunion nicht überfallen hat, um deren Arbeitern Eigenheime zu bauen, sondern um das Land rücksichtslos zu plündern.

So kann das braune "Prawda"-Imitat, erstellt mit Hilfe von Überläufern aus der Sowjetpresse, über die brutale Besatzungspolitik der Nazis nicht hinwegtäuschen. Schon 1943, nach dem sowjetischen Sieg bei Stalingrad erscheint das Falsifikat nicht mehr.

Dennoch wirkt die echte "Prawda" in den Jahren nach dem Sieg über Hitler, als habe sie sich beim Feind ideologisch infiziert. Unter dem späteren KPdSU-Chefideologen Michail Suslow als Chefredakteur klingt manch Leitartikel gegen "wurzellose Kosmopoliten" (gemeint sind jüdische Intellektuelle) als habe man beim "Völkischen Beobachter" abgekupfert. Nach Stalins Tod hat die "Prawda" ihre Sturm- und Drangzeit hinter sich und degeneriert endgültig zum bürokratischen Verlautbarungsblatt - in einer Auflage von täglich 10,6 Millionen Exemplaren im Jahre 1975.

Kommunistischer Kummerkasten

In einem Regime ohne freie Presse und Opposition ist die "Prawda"-Leserbriefabteilung der Kummerkasten des größten Flächenlandes. Die Redaktion erhält täglich mehr als 1300 Zusendungen, häufig Beschwerden über Missstände und Willkür örtlicher Chefs.

Daher wissen "Prawda"-Redakteure über den Zustand der sowjetischen Gesellschaft in den achtziger Jahren weit mehr als sie veröffentlichen können. Hinter der Fassade der Parteipropaganda sitzen Ende der achtziger Jahre auch Systemkritiker. So geht aus der Redaktion auch ein Jegor Gaidar hervor, der erste nachkommunistische Premierminister Russlands.


einestages gefällt Ihnen? Verpassen Sie keinen Artikel mehr und werden Sie Fan bei Facebook .


Auch der letzte sowjetische Chefredakteur der "Prawda", Gennadi Selesnjow, erweist sich als Mann des Wandels. Unter dem antikommunistischen russischen Präsidenten Boris Jelzin avanciert der führenden KP-Politiker zum Parlamentschef. Er sorgt mit einer geschmeidigen Verhandlungsführung dafür, dass die zeitweilige rote Mehrheit in der Duma Jelzins Macht nicht gefährdet. Als Dank darf der Ex-"Prawda"-Chef ab 2009 den Aufsichtsrat einer staatsnahen Bank leiten.

In den nachsowjetischen Wirren überlebt die "Prawda" als Organ der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, der stärksten russischen Oppositionspartei. Die überalterte Redaktion lässt die Ära Lenins und Stalins hochleben, als sei die Sowjetunion nie untergegangen. Lebensnäher ist das Blatt, das angeblich in einer Auflage von 100.000 erscheint, in den Berichten seiner örtlichen Korrespondenten. Wer etwas über Machtmißbrauch und Korruption in den Weiten Russlands sucht, kann in der "Prawda" fündig werden. Wie schon 1912.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Horst Jungsbluth, 05.05.2012
1.
Ein sehr interessanter Beitrag über eine Zeitung, die sich "Wahrheit" nannte und die über Jahrzehnte überwiegend Lügen verbreitete. Das ermuntert mich, auf die von der SED im ehemaligen Westberlin vertriebene Zeitung "Die Wahrheit" hinzuweisen, die nach der Volkszählung 1987 aufgrund einer puren statistischen Bereiningung ohne jeglichen Grund eine Wohnungsnotkampagne in Gang setzte, die die Wahl 1989 beeinflusste und mit der der rot-grüne Senat mit verfälschten Gesetzestexten und dem Missbrauch der Verwaltungsgesetze ungeniert die Vernichtung von Existenzen, Arbeits- und Ausbildungsplätzen betrieb.
Heiko Deutsch, 05.05.2012
2.
Presseneutralität ist besser als Pressefreiheit. Bei einer Pressefreiheit kann der Journalist schreiben was immer er will, bei der Presseneutralität ist er zur Neutralität gezwungen und ist damit sehr viel objektiver. Besser wäre auch eine Pro- und Kontradarstellung bei allen Themen.
T. Rogge, 07.05.2012
3.
Nun ja ... Jelzin war aber Funktionär der KPDSU... wie kann man da auf die Idee kommen, er sei "Antikommunist"?
Jürgen Gallinat, 07.05.2012
4.
Pressefreiheit ist notwendig für Neutralität. Ihrer Einschätzung kan ich nicht zustimmen. Ein Zwang zur Neutralität ist ein Mittel, unbequeme Journalisten zum Schweigen zu bringen. In einer Gesellschaft, die Presse- und Meinungsfreiheit in ihren Grundsätzen verankert hat ergibt sich die Neutralität bereits aus der Summe der verschiedenen veröffentlichten Stimmen. Außerdem stellt sich die Frage, wer die Neutralität festlegt und bewertet. An Tatsachen, soweit sie dem Journalisten zugänglich sind, gibt es nichts zu neutralisieren und Meinungen, die keinen Standpunkt kennen, sind in einer Debatte wertlos. Und vor Manipulationen von Tatsachen bewahrt uns hoffentlich dann die Freiheit der Journalisten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.