100 Jahre Rallye Monte Carlo "Ein Fehler und du landest in der Schlucht"

100 Jahre Rallye Monte Carlo: "Ein Fehler und du landest in der Schlucht" Fotos
McKlein

Die Mutter aller Rallyes wird Hundert. Zum Jubiläum erklärt Ausnahmefahrer Walter Röhrl, warum die Rallye Monte Carlo die Liebe seines Lebens ist, obwohl sie ihn fast umgebracht hätte - und berichtet von spektakulären Momenten auf den Eispisten der Alpen. Von

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Ich habe als Rallyefahrer nur ein Ziel gehabt - die Rallye Monte Carlo zu gewinnen. Wer dort gewinnt, der ist der Größte. Die Monte ist wie keine andere Rallye. Sonst fährst du entweder auf Asphalt, auf Schnee oder auf Schotter. Bei der Rallye Monte Carlo gibt es alles - und je nach Wetter erwarten dich immer andere Bedingungen. Du musst also als Fahrer alles können, darfst kein Spezialist sein.

Die Monte ist aber nicht nur besonders anspruchsvoll - sie ist auch die populärste Rallye überhaupt. 1973 habe ich zum ersten Mal teilgenommen, in einem Opel Commodore, einem Serienauto. Wir sind in Oslo gestartet und haben auf dem Weg die Schweden-Rallye absolviert. Das war purer Stress, 2800 Kilometer, bis wir überhaupt in Monte Carlo angekommen sind, ohne richtige Pause, höchstens mal eine Stunde zwischen zwei Kontrollen, in denen wir dann in den Schalensitzen ein Nickerchen gemacht haben im kalten Auto. Da waren wir schon mal zermürbt, bevor wir bei der Monte überhaupt einen einzigen Kilometer gefahren sind.

Trotzdem lagen wir gut im Rennen, wir führten in der Gruppe 1 der Serienautos, in der Gesamtwertung standen wir auf dem 18. Platz - bis uns zwölf Kilometer vor dem Ziel ein Aufhängungsteil brach und wir aufgeben mussten. Zwölf Kilometer vor dem Ziel!

Beinahe-Absturz auf der Eispiste

Das war eine so bittere Enttäuschung - und es sollte nicht die letzte sein. In den nächsten Jahren fiel ich entweder mit technischem Defekt aus oder wurde Vierter. Dabei war der vierte Platz von 1976 wie ein gefühlter Sieg. Ich fuhr in einem Opel Kadett und beendete die Rallye hinter drei Lancia Stratos, die extra für die Monte gebaut worden-, und dem Opel in jeder Hinsicht technisch überlegen waren. Mein Kadett hatte nur 170 PS im Vergleich zu den mehr als 300 PS der Lancia. Ich war trotzdem am Ende nur sechs Minuten hinter dem Sieger zurück und drei Minuten hinter dem Drittplatzierten. Hinterher haben die Zeitungen alle geschrieben, ich sei der heimliche Gewinner der Rallye Monte Carlo.

Ich bin aber auch gefahren wie ein Bekloppter - so gewagt, dass mein Beifahrer hinterher gesagt hat. "Mir reicht's." Im Nachhinein kann ich es ihm nicht verdenken. Einmal war es nämlich wirklich eng: Ich komme ums Eck und dann ist da nur eine blanke Eisfläche. Ich bin voll in die Eisen gegangen und einfach nur auf den Abgrund zugerutscht. Ganz am Rand, bevor es in die Tiefe ging, war ein 30 Zentimeter breiter Schotterstreifen, der mir und meinem Beifahrer das Leben gerettet hat - in letzter Sekunde konnte ich das Auto abfangen.

Die Gefahr habe ich damals trotzdem nicht realisiert. Ich war jung, ich wollte es allen zeigen, ich hatte keine Angst. In meinem ersten Rallye-Wagen, einem Ford Capri, habe ich es nur krachen lassen. Den habe ich bei 180 in der Kurve quergestellt und zum Seitenfenster hinaus auf die Straße geguckt. Ich war damals ein Nobody, niemand kannte mich. Bestes Beispiel: Die Olympic-Rallye 1971. Wir starteten in Kiel. Im Headquarter gingen die Zeiten er einzelnen Prüfungen rein. Namen wie Mikkola, Waldegaard, die Stars eben, standen oben auf der Liste. Und plötzlich erschien da Startnummer 26 "Röhrl/Rothfuß" an der Spitze. Wir führten. Der Journalist, der das Pressebüro geleitet hat, dachte, das sei eine Fehlmeldung - und hat uns einfach rausgestrichen. Aber nachdem das ein paar Mal so gegangen war, die Startnummer 26 schneller als die ganze Weltelite, hat ihn jemand beiseite genommen und gesagt: "Sei mal vorsichtig, das ist so ein Verrückter aus dem Bayerischen Wald, es könnte tatsächlich sein, dass der so schnell ist." Bis zu unserem Ausfall führten wir das Feld an.

Wahnsinnsritte mit Wut im Bauch

Später bin ich meist abgeklärter gefahren, wobei mich die Wut immer wieder zu Wahnsinnsritten verleitet hat. So wie im Dezember 1979, vor meinem ersten Monte-Sieg. Ich fuhr damals für Fiat, wir hatten fünf Werksautos. Anfang Dezember hieß es, wir würden bald die neuen Reifen zu Testzwecken bekommen. Als die Reifen aber nicht geliefert wurden, beschlossen alle Fahrer, spätestens am 22. Dezember heimzufliegen. Über Weihnachten wollten alle zu Hause sein. Plötzlich hieß es, die Reifen würden am 23. kommen. Wir Fahrer haben uns erneut getroffen und beschlossen, dass die uns gernhaben können und wir am 22. nach Hause fliegen.

Am 21. kam der Teamchef und hat uns zum Abendessen eingeladen. Plötzlich ist einer nach dem anderen eingeknickt und hat gesagt, dass er zum Testen bliebe. Ich war der Einzige, der bei seiner Haltung blieb und sagte: "Ich fahre ab." Anschließend hat mich der Teamchef beiseite genommen: "Walter, du bist dann der Einzige, der die neuen Reifen nicht kennt bei der Rallye Monte Carlo!" Ich aber war so sauer, dass meine Kollegen, und ich meine, das waren Top-Fahrer wie Waldegaard, Darniche, Alenen, Adouix, der Reihe nach umgefallen sind, dass ich gesagt habe. "Ob ich den Reifen kenne oder nicht, die Herren hier am Tisch, die bekommen von mir alle zehn Minuten verpasst". Und ich hab die Rallye Monte Carlo mit zehn Minuten Vorsprung gewonnen.

So war ich damals - ein Gratwanderer zwischen Selbstzweifeln und Größenwahn. Das Blöde war: Wenn ich gewonnen hatte, habe ich mich fünf Minuten lang gefreut - danach fingen die Probleme schon an. Ich wollte nie auf die abendliche offizielle Siegerehrung gehen. Ich habe mich dort eigentlich immer geschämt, für mich war das stets eine Belastung. Ich wollte dann am liebsten zurück ins Auto steigen, einfach nur heim.

Freude und Leid, ungerecht verteilt

Zum Verständnis: Mir ging es ja nie um den Ruhm. Ich wollte allein für mich wissen, ob ich gut bin. Deshalb habe ich ja den Rallyesport gewählt, weil ich es vermeiden wollte, berühmt zu werden. In der Nacht, bei Nebel durch den Wald, da sind keine Zuschauer - so habe ich gedacht. Normalen Rennsport wollte ich nicht - da waren mir zu viele Leute.

Und so konnte ich mich nie wirklich freuen über meine Siege. Wenn ich dagegen ausgeschieden bin oder schlecht abgeschnitten habe, dann war ich zwei Wochen krank. Depressiv, total niedergeschlagen. Bei einem Sieg hatte ich fünf Minuten Freude, bei einer Niederlage war ich zwei Wochen krank. So gesehen war mein Leben meist ziemlich kompliziert.

Auch als ich endlich, endlich meinen ersten Monte-Sieg eingefahren habe, war die Freude nur von kurzer Dauer. Ich bin danach in ein tiefes Loch gefallen und wollte alles hinschmeißen. Ich fuhr, weil ich mir selber beweisen wollte, dass ich der Beste bin. Und als ich mein Lebensziel erreicht hatte, da habe ich mich gefragt - wofür mache ich es jetzt? Ich wollte kein Werbe-Heini werden, der einfach nur weiterfährt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich verrate, wenn ich weiterfahre.

Duell in der Nacht der langen Messer

Mein Umfeld war natürlich schockiert. Christian Geistdörfer, mein Beifahrer, hat mich für verrückt erklärt. Und mein Manager, der die Verträge mit Fiat gemacht hatte, hat sich die Haare gerauft. "Jetzt, wo wir Geld verdienen können, willst du aufhören? Bist du nicht ganz dicht?" Sie konnten mich zum Glück umstimmen. Denn natürlich wäre ich daran zerbrochen, nicht mehr Auto zu fahren.

So war ich eben: Ich habe mich immer sehr unter Druck gesetzt. Sonst hätte ich aber auch nicht die Leistung bringen können - was sich auch immer wieder bei der Monte gezeigt hat. Zum Beispiel 1982, da war Hannu Mikkola im Audi Quattro unterwegs, ich fuhr auf einem Opel Ascona 400. Vor der letzten Nachtetappe, die die "Nacht der langen Messer" genannt wird, lag ich nur 2 Minuten und 30 Sekunden hinter Hannu, obwohl der dank seines Turbomotors locker 400 PS hatte - ich in meinem Opel nur 258.

Vor uns lagen nun 700 Kilometer, unterteilt in neun Sonderprüfungen. Ferdinand Piech, damals Teamchef bei Audi, hat dann verordnet, dass der Ladedruck des Turboladers auf das Maximum erhöht werden soll vor der letzten Prüfung, um noch mehr PS zu mobilisieren. Trotzdem habe ich Hannus Vorsprung gleich in der ersten Sonderprüfung um 28 Sekunden dezimiert. Danach ist Hannu gekommen und hat gesagt. "Walter, du musst dich jetzt gar nicht so anstrengen, ich gebe mich geschlagen, Du bist so viel schneller als ich, bevor ich mich von dir in einen Unfall hetzen lasse, nehme ich lieber den zweiten Platz und gönne dir den Sieg." Ich hab dann die Rallye Monte Carlo gewonnen, mein zweites Mal. Ferdinand Piech hat auf der anschließenden Pressekonferenz gesagt: "Mein Pilot ist mit den Kampf-PS nicht zurechtgekommen", das war sehr lustig.

Der Teamkollege - dein größter Feind

Ich bin dabei allerdings immer fair geblieben - meine Kollegen nicht immer. Am deutlichsten wurde mir das bei der Rallye Monte Carlo 1984. Als ich in dem Jahr neu zu Audi gekommen bin, habe ich vorher gesagt. "Ich stelle mich komplett in den Dienst des Teams. Ich helfe euch, dass ihr Markenweltmeister werdet und ich helfe auch einem Fahrer, Weltmeister zu werden, wenn es nötig ist. Meine einzige Bedingung ist, dass ich bei der Rallye Monte Carlo zeigen kann, wer der Chef ist."

Und dann haben mich meine Kollegen ausgerechnet dort betrogen. Ich konnte machen, was ich wollte, aber meine Teamkollegen waren schneller als ich. Nur durch Glück habe ich herausbekommen, warum. Einer meiner besten Freunde stand damals als Zuschauer auf der zweiten Prüfung bei der RMC und hat mir zugeschaut. Als ich am Servicepunkt ankam, rannte er mir freudestrahlend entgegen und sagte. "Walter, du bist der Größte." Und ich sagte: "Ja, da hast du recht. Ich bin der größte Idiot - ich habe gerade 1 Minute 30 Sekunden auf Blomquist verloren." Er aber sagte: "Walter, die Leute haben auf der Straße gelegen vor Begeisterung, als du vorbeigekommen bist, so viel schneller warst du als alle anderen."

Da bin ich ins Grübeln gekommen. Wir haben dann überlegt, wo er gestanden hat. Er stand oben auf der Passhöhe, wo eine richtig harte Schneedecke war, und da bin ich darauf gekommen, dass das eine der wenigen Stellen gewesen sein muss, wo mein Reifen wirklich gepasst hat. Da bin ich zu dem Mechaniker gegangen, der mit mir beim Training den Service gemacht hat, den kannte ich wenigstens ein bisschen. Ich sagte: "Hans, wenn du mich anlügst, bringe ich dich um. Sag mir, was hier läuft, irgendwas stimmt hier nicht." Und dann sagte er. "Die Reifenempfehlung deiner Kollegen ist falsch. Wenn du wegfährst, ziehen die die richtigen Reifen auf. Die schicken dich absichtlich mit den falschen Reifen los."

Die Monte mit neuen Augen sehen

Ich bin zum Teamchef gegangen und habe gesagt: "Wenn ich so etwas noch ein einziges Mal erlebe, dann fahre ich dein Auto an den Abgrund, steige aus und schiebe es runter." Auf der nächsten Prüfung war ich dann 1 Minute 10 schneller als die anderen. Meine Kollegen haben sich das ganz Jahr dafür geschämt - und ich habe es vor diesem Hintergrund natürlich genossen, sie zu demütigen.

Bei der Rallye San Remo beispielsweise gab es nur einen wirklich schnellen Satz Reifen - und den, das war abgemacht, sollte immer der Fahrer bekommen, der die Rallye anführte. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Chance mehr auf die Weltmeisterschaft, führte aber die Rallye an. Stig Blomquist, mein Teamkollege, lag zurück, hatte aber die Chance auf die Weltmeisterschaft. Als mir mein Mechaniker die schnellen Reifen aufziehen wollte, sagte ich: "Nicht ich, Stig muss Weltmeister werde. Stig, nimm du die schnellen Reifen." Ich bin dann mit meinen alten, harten, langsamen Reifen weitergefahren. Und war trotzdem 25 Sekunden schneller als der Stig auf der nächsten Prüfung. So habe ich die gedemütigt. Mein Antrieb war, zu zeigen, es gibt auch Leute, die sind fair - und trotzdem schneller als ihr. Das hat mich ungeheuer motiviert.

Heute beschäftigt mich die Monte zum Glück nicht mehr ganz so arg. Zwar vergeht im Januar, dem Monte-Monat, selbst nach 24 Jahren Abstinenz kein Tag, an dem ich nicht irgendwie an die Monte denke. Aber selber mitfahren? Nein. Ich weiß inzwischen, dass ich mir das nicht erlauben kann. Wenn ich jetzt irgendwo mitfahre und sage, "ich fahr' langsam", dann würden alle Leute sagen "Was will denn der alte Depp" und das würde ich nicht vertragen. Da bleibe ich lieber gleich zu Hause.

Vor zwei Jahren bin ich aber im Sommer mit einer Reisegruppe nach Monte Carlo gefahren. "Auf den Spuren der Rallye Monte Carlo" hieß die Reise. Da fuhren wir mit zehn, zwölf Autos über die Prüfungen, blieben immer wieder stehen und stiegen aus. Ich erzählte dann von meinen Erlebnissen. Da habe ich zum ersten Mal Augen gehabt dafür, wie schön es dort eigentlich ist. Vorher habe ich das nie gesehen.

Aufgezeichnet von Michail Hengstenberg

Zum Weiterlesen:

Reinhard Klein, Wilfried Müller, Thomas Senn: "Walter Röhrl - Rückspiegel". Reinhard Verlag, Köln 2007, 256 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Bodo von Bitz 20.01.2011
Na, so ganz "serienmäßig" war der 1973er Rallye-Commodore wohl doch nicht: Waiblinger Kennzeichen, also ein von Irmscher vorbereitetes Auto ...
2.
Claus Better 20.01.2011
Ich durfte damals einiges/weniges aus dem direkten Umfeld miterleben. Walter strickte damals (und scheinbar auch noch heute) gerne an seiner eigenen Legende. Hatte er gar nicht noetig! Ist bis heute der groesste Rallyefahrer aller Zeiten! (Sebastien Loeb - den aktuellen 7-fachen Weltmeister - eingeschlossen) Tolle Zeiten damals!!
3.
Michael Habersaath 20.01.2011
ja, der Röhrl Walter war schon ein echter Kerl mit Benzin im Blut. Von dem stammt übrigens die sehr einleuchtende Erklärung von Untersteuern und Übersteuern: "Wennst den Baum siehst, in den Du reinfährst, hast "untersteuern", wennst ihn nur hörst, hast "übersteuern".
4.
Ralf Glücks 04.02.2011
Für mich der beste Rallyfahrer aller Zeiten. Ein absolutes Genie wie er mit den verschiedenen Autos die WRC damals gefahren war. Eine wahre Augenweide wenn Walter durch die Kurven gedriftet war. Ja lang, lang ist es her. Da waren noch richtige Fahrer unterwegs die nicht viel technische Hilfsmittel hatten. Ich wünschte man könnte die Zeit noch einmal erleben.
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