Fahrrad-Event Sechstagerennen Fahren, feiern, umfallen

Radfahrer am Rande der Besinnungslosigkeit und exzessive Partys auf den Rängen: 1909 startete das erste Sechstagerennen in Berlin. Es war ein Sport-Event wie Sodom und Gomorrha, bei dem Fahrer und Zuschauer bis an die Grenzen gingen - und darüber hinaus.

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Ein winterlicher Abend im Dezember 1908. Im Zwielicht des Restaurants Dressel, zu dieser Zeit eine der ersten Adressen Berlins, halten Fredy Budzinski, Chefredakteur der "Rad-Welt", und zwei Geschäftsmänner ein konspiratives Treffen ab - und fassen einen ungeheuerlichen Plan. Sie wollen ein Sechstagerennen in Berlin veranstalten, einen "Zirkus des Irrsinns", wie die deutsche Presse prophezeiht, als die Idee wenig später publik wird.

Bereits seit 1891 finden im New Yorker Madison Square Garden jährlich die sogenannten Sixdays statt. Sechs Tage und sechs Nächte lang treten die Teilnehmer mit aller Kraft in die Pedale, immer im Kreis auf einer schmalen Holzbahn, oft bis sie völlig ausgelaugt vom Rad fallen. Die kurzen Ruhepausen, in denen die Fahrer schlafen dürfen, reichen kaum, um die Anstrengungen vergessen zu machen. Und sofort nach dem Aufwachen geht es zurück auf das Rad, zurück auf das Oval der Rennbahn, um weiter Runde um Runde zurückzulegen.

Diese Mischung aus konstanter kräftezehrender Belastung des Körpers, einlullender Monotonie und Schlafmangel lässt viele der Sportler im Laufe des Rennens unter Halluzinationen leiden. "Eine Veranstaltung, bei der die Teilnehmer verrückt werden und ihre Kräfte beanspruchen, bis ihre Gesichter abscheulich werden von den Qualen, die sie erfahren", kritisiert die New York Times dieses Gladiatorenschauspiel 1898, "ist kein Sport. Es ist Brutalität."

Menschenschinderei auf der Holzbahn

Im selben Jahr wird in den Staaten New York und Illinois ein Gesetz erlassen, das ein Zwölf-Stunden-Limit bei Sechstagerennen vorschreibt. Der Legende nach deshalb, weil Teddy Hale, der Sieger des Rennens 1897, vor Erschöpfung seinen eigenen Sieg verpasst hatte. Die Menge jubelte ihrem Champion zu, als dieser die Ziellinie passierte, Korken knallten - nur Hale kurbelte stumpf weiter. Zehn Runden soll er noch wie in Trance bestritten haben bis sein Manager ihn stoppte und vom Rad hob. Augenzeugen berichteten, er hätte ausgesehen "wie ein Geist, sein Gesicht weiß wie das einer Leiche, seine Augen nicht mehr sichtbar, weil sie in den Schädel zurückgetreten waren."

Um weiterhin ein Rund-um-die-Uhr-Rennen bieten zu können, fahren von da an zwei Fahrer abwechselnd in einem Team. Die Horrormeldungen von Sportlern, die beim Rennen sterben oder vor Erschöpfung den Verstand verlieren, reissen dennoch nicht ab und schockieren weiterhin die Radsportler Europas. In der alten Welt gelten Sechstagerennen als Menschenschinderei - bis 1907. In diesem Jahr gewinnt der deutsche Fahrer Walter Rütt unter weltweiter Aufmerksamkeit der Presse die New Yorker Sixdays und macht die wahnwitzige Disziplin auch für die Radsportfans des Kaiserreichs interessant. Fredy Budzinski überzeugt die Geschäftsmänner davon, dass ein solches Spektakel auch in Berlin ein grandioser finanzieller Erfolg werden könne. Und nur drei Monate später, am 15. März 1909 stehen 15 Teams an der Startlinie auf der 150 Meter langen Holzbahn in der zweiten Halle des Ausstellungsgeländes am Zoo in Berlin-Charlottenburg.

Um mit großen Namen aufwarten zu können, werden Floyd Mac Farland und James Moran für 1000 Goldmark pro Abend verpflichtet. Die beiden Fahrer haben schon einige Sechstagerennen in den USA gewonnen und gelten als absolute Favoriten. Allerdings nur deshalb, weil einer fehlt: Walter Rütt, die deutsche Radsportlegende, die mit ihrem Sieg in New York den Sportreporter Budzinski erst auf die Idee zu den Berliner Sixdays gebracht hatte. Doch als der Startschuss fällt, sitzt Publikumsliebling Rütt in Paris fest. Er war einem Befehl zur Musterung für die Armee des Kaiserreichs nicht nachgekommen und gilt nun als fahnenflüchtig. Die Einreise nach Deutschland würde ihm eine Inhaftierung einbringen.

Champagner auf den Rängen, Tränen in den Fahrerlagern

Das Rennen wird trotzdem ein voller Erfolg, wenn auch nicht unbedingt ein sportlicher. "Die Logen der Ausstellungshallen", berichtet Budzinski, "waren Tag und Nacht von einem Publikum mit Beschlag belegt, das sich mehr durch Eleganz und Zahlungsfähigkeit, als durch großes sportliches Interesse auszeichnete." Die Herren tragen Frack und der "von der Damenwelt entfaltete Toilettenluxus ließ nach keiner Richtung hin zu wünschen übrig". Aus der Sportveranstaltung wird eine exzessive Sechs-Tage-Party der Berliner Lebewelt. Während die Fahrer unter Auferbietung all ihrer Kräfte ihre Runden kurbeln, werden auf den Rängen Zigarren und Champagner gereicht.

Als dann auch noch am zweiten Abend mit Fanfaren und großem Gefolge Kronprinz Wilhelm von Preußen erscheint, ist die Veranstaltung endgültig gesellschaftsfähig. Gleich dreimal erscheint der Kronprinz und lässt sich sogar einige der Fahrer vorstellen.

Während aber in den Rängen ausgelassene Stimmung herrscht, spielen sich in den Fahrerlagern dramatische Szenen ab. Immer dabei Budzinski, der mit seinem Bericht "Ernstes und heiteres vom Sechstagerennen", der wenige Tage nach dem Rennen in der "Rad-Welt" erscheint, einen Einblick hinter die Kulissen gibt. Der Sportreporter berichtet von Fahrern, die bis an den Rand der Bewusstlosigkeit erschöpft vom Rad gehoben, gefüttert und gebadet werden müssen, bevor sie mit einem Sauerstoffinhalationsgerät wieder fürs Rennen fitgemacht werden. Viele Helden der Bahn brechen in ihren behelfsmäßigen Kojen in Tränen aus und können nur mit Engelszungen dazu gebracht werden, überhaupt weiterzufahren. "Wir wollen keine Namen nennen", schreibt Budzinski damals, "aber wir haben Männer weinen sehen, die selbst bei einem schweren Sturze keine Miene verziehen."

Exzess und Koks im Kaiserreich

Angesichts solcher Strapazen ist es kaum verwunderlich, dass versucht wird, den Leistungseinbrüchen der Fahrer mit Doping zu begegnen - oftmals ohne Einverständnis der Sportler. Viele Fahrer haben Angst, dass ihnen ihre Manager aufputschende Substanzen ins Essen mischen. Die freiwillige und unfreiwillige Einnahme von konzentriertem Koffein oder auch Kokain gehört zur Tagesordnung. Einer der Fahrer, Willi Techmer, sorgt für Heiterkeit unter seinen Konkurrenten, als er verrät, wie er sich vor unfreiwilliger Aufputschmitteleinnahme schützt: "Ick habe sechs Schrippen, eene Pulle mit Milch und zwei Pfund Weintrauben mitjebracht", berlinerte er, "Ick fahre los und wenn det alle is, dann heere ick uff."

Am Ende gewinnen die amerikanischen Favoriten Mac Farlane und Moran die 144-Stunden-Jagd nach 3865,7 Kilometern. Das erste Sechstagerennen Europas ist ein voller Erfolg. Am Ende ist der frischgebackene Sechstage-Fan Kronprinz Wilhelm sogar so begeistert, dass er seinen Vater überzeugt, Walter Rütt zu rehabilitieren. Der Fahnenflüchtige wird sich dafür bedanken, indem er die Berliner Sixdays viermal in Folge gewinnt und als "Sechstagekaiser" in die Radsportgeschichte eingeht.

1911 wird das sportliche und gesellschaftliche Großereignis in den 1909 erbauten Berliner Sportpalast verlegt. An diesem Ort werden die Sixdays endgültig zur Legende - und zu einer der exzessivsten Partys des Kaiserreichs. Die einfachen Leute feiern ihre Helden auf den billigen Plätzen in der zweiten Galerie, dem sogenannten Heuboden. Die feine Gesellschaft tummelt sich unten in den Logen und auf dem Parkett mitten im Rund der Radrennbahn. "Nackte Damen in Abendtoilette sitzen da, Verbrecher in Berufsanzug (Frack und Ballschuhe)", kommentiert der rasende Reporter Egon Erwin Kisch das dekadente Treiben. "Wenn der Spurt vorbei ist, wendet man die Aufmerksamkeit nicht mehr auf die Kurve, sondern auf die Nachbarin, die auch eine bildet."

Vier Pfiffe für die Ewigkeit

Max Schmeling kommt, Hans Albers ist dabei und auch Intellektuelle sind von dem Spektakel angetan. Berthold Brecht findet in den Sixdays gar ein Spiegelbild seiner Theatertheorie, in der das Publikum am Stück partizipiert und Teil der Aufführung wird. Und so feiert die Berliner Zwei-Klassen-Gesellschaft im Dunst aus Tabakqualm, Bier und Bratwurstgeruch, Fahrerschweiß und teurem Parfüm sich selbst. Und manchmal, nach einem besonders beeindruckenden Spurt, auch die Fahrer.

Betuchtere Besucher lassen sich in besonders spektakulären Momenten des Rennens immer wieder dazu hinreißen, großzügige Geschenke für die Sieger zu stiften. So kommt es mitunter zu ganz erstaunlichen Anhäufungen von Sachpreisen, die die Gewinner des Pedalistenmarathons mit nach Hause nehmen können. "Nach unserem Weltrekord 1924 haben wir drei Lastwagen voll Prämien nach Hause gekarrt", weiß etwa Richard Huschke nach seinem spektakulären Sieg der 12. Berliner Sixdays zu berichten. Mit seinem Teamkameraden hat er die bis heute ungeschlagene Rekordstrecke von 4544,2 Kilometern während eines Sechstagerennens zurücklegt. Nachdem sie die Konkurrenz in Grund und Boden gestrampelt haben, schaffen sie neben der Siegerprämie unter anderem 80 Zentner Mehl, Hunderte Flaschen Sekt, Wein, Schnaps und Likör, ein paar tausend Zigaretten sowie ein Boot und ein Motorrad nach Hause.

Doch nicht nur gesellschaftliche Größen und Radsportstars können sich bei den Sixdays ein Denkmal setzen. Ein Besucher des Heubodens gelangt mit nur vier scharfen Pfiffen zu Ruhm und Ehre. Als 1923 das erste Mal der Walzer "Wiener Praterleben" von Siegfried Translateur gespielt wird, würzt Reinhold Habisch, genannt Krücke, spontan jeden dritten Takt der Komposition mit vier schrillen Pfiffen. Das Berliner Original Krücke ist als Jugendlicher selbst begeistert Rennrad gefahren, verlor allerdings nach einem schweren Sturz ein Bein. Doch in seiner Version wird der "Sportpalastwalzer" zur Hymne aller Sechstagerennen rund um den Globus - und Krücke bringt es mit seiner musikalischen Einlage trotz seiner Behinderung zu Ruhm im Rennzirkus.

Auch heute, 97 Rennen und 100 Jahre nach dem ersten Sechstagerennen in Berlin, haben die Sixdays nichts von ihrer Faszination verloren. Zwar sind die Regeln komplexer, das Material und die Betreuung der Fahrer besser. Trotzdem hat das Sechstagerennen immer noch das Zeug, Helden zu gebären. Erst im letzten Jahr lieferte das 144-Stunden-Rennen wieder eine Sensation: Der Schweizer Franco Marvulli trat als Partner der Bahnradlegende Bruno Risi an. Kurz zuvor hatte sich der 28-Jährige allerdings einen Bänderriss zugezogen. Er ging trotzdem an den Start, bestieg sein Rad auf Krücken - und gewann das Rennen.

Zum Weitersehen:

"Sechs Tage - sechs Nächte, 100 Jahre Berliner Sechs-Tage-Rennen". RBB Media GmbH, Berlin 2009.



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