SOS Drei kurz, drei lang ...

Lange war es der Universalcode für's Überleben: S-O-S. 1908 trat das internationale Notfallsignal in Kraft, seither rettete es Tausenden von Menschen das Leben. Auf See ist das SOS in Rente - in Pop- und Protestkultur lebt das knackige Kürzel fort.

Von Alexandra Eul


Es ist wohl die bekannteste Buchstabenfolge der Welt: SOS. Und sie bedeutet: nichts. Einfachheit und Einprägsamkeit machten die drei Großbuchstaben 1908 zum wichtigsten Hilferuf der Geschichte - denn im Piep-Sound des Morse-Alphabets waren drei kurze Töne (für "S") und drei lange (für "O") einfach nur eine leicht zu merkende Kombination. "Save our souls" oder "Sure of sinking" sind phantasievolle Andichtungen, mit denen man im Nachhinein versuchte, den Buchstaben Sinn zu geben. Nach Hundert Jahre ist klar: SOS muss auch gar nichts heißen. Es hat viele Leben gerettet und so trotz seines Mangels an Bedeutungsschwere Geschichte geschrieben.

Als sich im Oktober 1906 Delegierte aus 27 Staaten in Berlin zur Internationalen Funkkonferenz trafen, wollten sie Kommunikationspioniere vor allem eines: einen unmissverständlichen Standard in Sachen Notfallsignal, damit die teuren Schiffe nicht mehr unbemerkt und ohne Aussicht auf Hilfe einfach so untergingen. Bis dato hatten sich die Fernmelder aus den unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen technischen Standards gegenseitig lahmgelegt. Entsprechend gab es in Berlin viele rivalisierende Meinungen hinsichtlich eines allgemeingültigen Notsignals. In Deutschland etwa wurde bei Problemen an Bord bereits seit 1904 SOS gemorst. Der italienische Funkpionier Guglielmo Marconi dagegen plädierte für die Zeichenfolge CQD als Notsignal, ausgesprochen als "Seek you" und "Distress" - eine Variante, die sich etwa in den USA als Standard etabliert hatte.

Doch das SOS entschied den telegrafischen Konkurrenzkampf schließlich für sich. Die einprägsame Buchstabenfolge des Morse-Codes - das charakteristische "Dididi-dahdahdah-dididit" - ließ sich gut im Rauschen des Äthers identifizieren. Die Zeichenfolge kam zudem in keinem gebräuchlichen Wort vor und war deshalb unmissverständlich: Wer "Dididi-dahdahdah-dididit" sendete, steckte eindeutig in Schwierigkeiten.

Die "Titanic" wurde Legende, die "Slavonia"-Passagiere wurden gerettet

Als der Luxusdampfer "Titanic" 1912 auf seiner ersten und letzten Fahrt sowohl das ausrangierte Notfallsignal CQD als auch SOS funkte, reagierte trotzdem niemand. Der Legende nach hielten die Funker auf den Schiffen in der Umgebung das hilfesuchende Morse-Signal für einen Partyscherz. Klar, die Titanic konnte ja nicht sinken. Dabei hatte das SOS sich ein paar Jahre zuvor in seiner Eindeutigkeit schon bewährt. Als das britische Kreuzfahrtschiff "Slavonia" 1909 vor den Azoren in Seenot geriet, und der Funkoffizier dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz morste, war bald Hilfe zur Stelle. Die "Titanic" ist heute eine Legende - die Passagiere der "Slavonia" wurden dafür alle gerettet.

Dann kam der Sprechfunk mitsamt des modernen Notrufs "Mayday" auf. Der hat mit dem Wonnemonat Mai genauso wenig zu tun wie das SOS mit hilfsbedürftigen Seelen - es handelt sich um eine Ableitung vom französischen "m'aidez", helft mir. Es folgten Satellitentechnik und digitale Funksysteme. Seit 1999 hat es sich offiziell ausgemorst auf hoher See - und damit ist auch das SOS ein Stück Geschichte geworden. Im Notfall senden heute automatisierte Systeme die Schiffsidentifikation, die genauen Positionsdaten, die Uhrzeit und Informationen zum Unfall.

Dafür lebt das SOS nach wie vor in Politik und Popkultur fort. Wer auf einen gesellschaftlichen Notstand aufmerksam machen will, malt ein großes SOS auf sein Demo-Plakat. Das lässt sich beliebig kombinieren mit Begriffen wie Studiengebühren, Sozialabbau oder Umwelt. "SOS Kinderdorf" nennt sich eine der größten gemeinnützigen Organisationen für Kinder. Die schwedische Popgruppe Abba landete in den siebziger Jahren mit ihrem Song "S.O.S." genauso einen Hit wie die Band The Police mit "Message in a Bottle" und der einprägsamen Songzeile "I'll send an SOS to the world". Die Internationale Filmdatenbank IMDB wirft 17 Filmtitel aus, die schlicht "SOS" heißen und 116, die das Notfallsignal im Untertitel oder in der Titelübersetzung tragen. "Herz an Herz, hörst du mich / SOS ich liebe dich" trällerte das One-Hit-Wonder Blümchen in den Neunzigern. Und der Song "SOS (Rescue me)" verschaffte der Sängerin Rihanna 2006 eine Chartplazierung. Textprobe: "Oh, you know, it never felt like this before ...".

Viel mehr Bedeutung als "Dididi-dahdahdah-dididit" hat das auch nicht.



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Sven Böcker, 03.07.2008
1.
"'Herz an Herz, hörst du mich / SOS ich liebe dich' trällerte das One-Hit-Wonder Blümchen in den Neunzigern." So weit nicht falsch, allerdings hat Blümchen nur gecovert. Das Original "Herz an Herz" ist von Paso Doble und aus dem Jahr 1985.
Ingo Pletschen, 05.07.2008
2.
SOS lebt nicht nur in Politik und Popkultur fort, sondern weiterhin in der Bergrettung. Jeder in Not geratene Bergsteiger wird sich im Funkloch freuen seine gute, alte Trillerpfeife nicht vergessen zu haben.
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