11. September Stell dir vor, es ist Krieg

Die Nachricht traf ihn mit aller Wucht: Nachdem zwei Flugzeuge die Twin Towers in New York zum Einsturz gebracht hatten, befürchtete Karl Wilhelm Meier einen Krieg, dem auch er nicht entkommen würde. Seine Angst bewahrheitete sich nicht, aber sein Glaube an die Menschheit war erschüttert.

Marcel Winterhalder

Der 11. September war ein Tag wie andere auch. Eine anstrengende Fortbildungsveranstaltung war endlich zu Ende, meine Kollegen und ich befanden uns auf dem Weg zum Bahnhof, wir waren guter Dinge. Bis sich uns ein Mann näherte und sagte: "Es ist Krieg. Seht, dass ihr heil nach Hause kommt!" So als würde uns die Apokalypse erwarten, wünschte er uns alles Gute. Dann verschwand er. Krieg? Unmöglich! Ein Betrunkener, ein Irrer, ein Spinner, dachten wir. Immerhin schrieben wir das Jahr 2001. Die Zeit der großen Kriege war vorbei. Aber was, wenn der Mann trotz allem recht gehabt hatte? Würden wir dann losmarschieren müssen? Auf andere Menschen schießen? Mit einem Mal überkam mich eine maßlose Panik. Ich will nicht sterben, dachte ich.

Der Mann hatte behauptet, George W. Bush habe in einer Rede irgendwem den Krieg erklärt. Aber wem? Und warum? Der Griff zum Handy brachte nur wenig Klärung. Ein Kollege hatte gehört, dass in New York etwas passiert war, irgendetwas im Zusammenhang mit zwei Flugzeugen. Als ich versuchte, meine Familie anzurufen und niemanden erreichte, kam mir die Nato-Doktrin in den Sinn. Besagte die nicht, dass ein Angriff auf einen Mitgliedsstaat als Angriff auf alle Nato-Staaten galt? War diese Doktrin noch gültig? Hieß es jetzt für uns: Mitgehangen, mitgefangen?

Am Bahnhof versuchte ich, an Informationen zu gelangen. Mir wurde erzählt, dass das World Trade Center eingestürzt sei und dass es viele Tote gegeben habe; Verrückte hätten die Hochhäuser mit Bomben in die Luft gesprengt. Ich war fassungslos. Aber durfte man wegen eines so ungeheuerlichen Verbrechens einen Krieg vom Zaun brechen? Kollektiv ein ganzes Land oder Volk für die Tat Einzelner zur Rechenschaft zu ziehen, erschien mir nicht richtig.

Die ersten Fahrgäste stiegen mit Zeitungssonderausgaben in den Zug. Zwei Flugzeuge waren in die Zwillingstürme geflogen, hieß es. Ein schrecklicher Unfall, Pilotenversagen. Aber wer wollte das glauben? Wie viele schreckliche Zufälle können zusammenkommen? Wir waren alle davon überzeugt, dass es sich um ein gezieltes Attentat handeln musste. Dass zwei Flugzeuge kurz hintereinander in die Wolkenkratzer flogen und schließlich auch noch ein drittes auf das Pentagon stürzte, konnte kein tragisches Menschenversagen gewesen sein. Aber wer hatte das getan, und wem hatte Bush den Krieg erklärt?

Bald war von einem Attentat radikaler Muslime die Rede und von einer Kriegserklärung gegen ein islamisches Land, das die Täter angeblich unterstützt hatte. Obwohl mir heute klar ist, dass diese Interpretation zum damaligen Zeitpunkt noch reine Spekulation war, sollte sie sich doch bewahrheiten. In der Rede, die George W. Bush nach den Anschlägen hielt, war von einer konkreten Kriegserklärung noch nicht die Rede gewesen. Aber die Menschen spürten, dass ein Land von großer politischer und historischer Überheblichkeit wie die USA - insbesondere mit einem Präsidenten wie Bush - diesem Vorfall nicht mit friedlichen Mitteln begegnen würde. Ich wurde zunehmend unruhiger. Es war zwar irrational, aber ich dachte: "Ich bin zu alt, um durch die Wüste zu marschieren." So, als liefe ich Gefahr, eingezogen und auf Gedeih und Verderb zum Kriegsdienst verdonnert zu werden.

Beim Bäcker an unserem Zielbahnhof Bremen liefen die Nachrichten. Die bruchstückhaften Informationen setzten sich zu einem Bild zusammen: Präsident Bush hatte keinem Land, sondern einem dubiosen Täter namens Terror eine Kampfansage gemacht: "Wir werden den Krieg gegen den Terrorismus gewinnen." Ich war erschüttert. Dreitausend Menschen waren von fanatischen Kriminellen ermordet worden, nur weil sie sich in einem symbolträchtigen, amerikanischen Gebäude aufgehalten hatten. Wenn wirklich radikale Muslime die Tat begangen hatten, hatten sie ihren Glauben und den Glauben der Menschheit an das Leben verraten. Meine Furcht um das Leben meiner Lieben und mein eigenes legte sich wieder. Mein Mitgefühl galt allen Opfern und Hinterbliebenen des Terroranschlags vom 11. September. Es gilt ihnen bis heute.



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Lidia Komatsova, 15.09.2018
1. Danke
Ich danke SPON dafür, dass die Erinnerung an die 3.000 Opfer dieses Tages aufrecht erhalten wird. Die Verantwortlichen für den anschließenden Krieg für den Terror sollten sich - oder die Angehörigen der Opfer - mal eines fragen: Würden die Ermordeten dieses Tages gutheißen, dass sie als Rechtfertigung für die inzwischen Millionen von Toten in Afghanistan, dem Irak, Pakistan, Jemen, Syrien, Libyen, Somalia, etc. herhalten müssen?
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