100. Tour de France Halbgötter mit Kettenschaltung

100. Tour de France: Halbgötter mit Kettenschaltung Fotos

Es ist Frankreichs Sportspektakel Nummer eins: Zum hundertsten Mal findet in den kommenden Tagen die Tour de France statt. Nach der Dopingserie der letzten Jahre soll die Jubiläumsfahrt einen sauberen Neuanfang bringen. Doch ein Blick auf die Geschichte zeigt - wirklich fair war das Rennen nie. Von

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Zum Geburtstag werden Superlative aufgefahren: Wenn an diesem Wochenende die traditionsreiche Tour de France zum hundertsten Mal startet, können die Zuschauer mit einem opulenten Mix aus Sport, Show und Touristenspektakel rechnen. Die Rundfahrt in 21 Etappen orientiert sich an ihren Ursprüngen und führt durch die schönsten Regionen der Republik.

Zum Auftakt erstmals drei Etappen quer durch Korsika, dann die Mittelmeer-Metropolen Marseille und Nizza, Pyrenäen-Pässe, Atlantikküste, am Mont-Saint-Michel vorbei Richtung Loire-Tal. Dann das Zentralmassiv, die Provence am Mont Ventoux, gefolgt von einem doppelten Aufstieg nach Alpe-d'Huez. Zum krönenden Schluss eine Etappe von Versailles Richtung Hauptstadt mit nächtlicher Ankunft in Paris. Dazu Zeitfahren, Bergprüfungen, Sprints, Promi-Kommentatoren und Sterneköche, die neben der sportlichen Tradition das gastronomische Brauchtum hochhalten. Frankreich feiert nicht nur die Jubel-Tour und ihre Radsporthelden - sondern auch ein Stück weit sich selbst.

Die Mischung von Sport und Spektakel, von Puristen des Radrennens beklagt, gehört zur Tour seit ihrer Gründung vor über 100 Jahren. Und mehr noch - sie machte die Tour sogar erst möglich: Um das Anzeigengeschäft seiner Zeitung anzukurbeln, sann Henri Desgrange, selbst Ex-Radsportler und Herausgeber des Titels "L'Auto", über zugkräftige Werbung nach. Einer seiner Journalisten schlug ein Radrennen vor - 2500 Kilometer, quer durch Frankreich.

Am 1. Juli 1903 gingen 60 Pioniere der Pedale an den Start. Sie fuhren auf selbstgebastelten Maschinen, Ersatzschläuche um die Schultern geschlungen, Flickzeug im Gepäck. Damit die Tour verfolgt werden konnte, führte die Strecke entlang der großen Eisenbahnrouten, übernachtet wurde in Tavernen, die Rennsportler wuschen ihre Wäsche selbst und hielten für einen Imbiss auch gerne mal an einem Bistro an. Nach sechs Marathon-Etappen, darunter Strecken wie Nantes-Paris mit 471 Kilometern, erreichten nicht einmal zwei Dutzend das Ende: Ein Mythos war geboren. Und auch das wirtschaftliche Ziel war erreicht: "L'Auto" machte kräftig Auflage, die Einnahmen stiegen.

"Wir hoffen, dass der Sieger Franzose ist"

Radrennen waren damals ein riesiger Trend. Nach der Niederlage Frankreichs gegen Preußen im Krieg von 1870 bis 1871 bemühte die Dritte Französische Republik sich nach Kräften, mit Aufmärschen, Feiern und Festen den nationalen Zusammenhalt zu fördern. Und die Tagespresse entdeckte die Sportberichterstattung - vor allem den Auto- und Radsport - als beliebtes, volksnahes Sujet. Die Tour de France kam da wie gerufen. Während der folgenden Jahre wurde das Rennen zum geografisch-patriotischen Rund-Parcours, sogar unter Einschluss des von Deutschland annektierten Elsass-Lothringens - bis Willhelm II. den Patriotismus auf Rädern untersagte.

Die Zwangspause während des Ersten Weltkriegs dämpfte die Beliebtheit der Rundfahrt nur vorübergehend. 1919 ging es weiter - und als wichtige Neuerung wurde das gelbe Trikot eingeführt, um den Spitzenreiter im Staub der Radlermassen leichter auszumachen. Zugleich wurde Werbung ein wichtiger Teil der Tour: Als erste hängten sich die Lkw der Schokoladenmarke Menier an die Konvois, und die Schuhcremefirma Schwarzer Löwe verteilte Gratisproben.

Der politische Zeitgeist war indes verantwortlich für den Wechsel der Mannschaften: Statt für einzelne Sponsoren traten die Radler ab 1930 für ihre Nationen an - und statt Trikots mit Firmenwerbung trugen sie nun ihre jeweiligen Landesfarben. Entsprechend patriotisch fiel die Berichterstattung der Wochenschau aus: "Wir grüßen die Teilnehmer der Tour und hoffen, dass der Sieger ein Franzose ist." Unter der Volksfront-Regierung kam die Agitation mit deutlich linken Parolen daher, streikende Arbeiter grüßten am Rand der Rennstrecke mit erhobener Faust. Die Einführung des bezahlten Urlaubs machte die Tour schließlich zum populären Höhepunkt der Sommersaison: An den Stränden des Mittelmeers, beim Tanz mit Musette und Wein, mischten sich die Athleten mit den Badegästen.

"Übergang zum industriellen Doping"

Der Zweite Weltkrieg sorgte zwischen 1940 und 1945 für eine Zäsur. Erst zwei Jahre später wurde die Tradition von der Zeitung "Le Parisien libéré" wiederaufgenommen - trotz Not, Lebensmittelknappheit und Rationierung. Die erste Nachkriegsrundfahrt führte durch eine von Krieg und Besetzung zerstörte Kulisse, inszeniert als "Botschaft des Friedens und der Brüderlichkeit". Die Tour wurde ein enormer Erfolg, Millionen feierten die Wiederauferstehung ihres Landes - und den Sieg des Franzosen Jean Robic.

Die Giganten der Straße beflügelten die kollektiv gelebte Emotion, unterstützt vom neuen Massenmedium Fernsehen: Jacques Anquetil und Raymond Poulidor wurden als bodenständige Söhne der Nation gefeiert. Doch ab 1969 gingen die Sportler wieder nur als Firmenteams an den Start. Die Sponsoren übernahmen die Führung der Tour, während der "30 Glorreichen" - den drei Jahrzehnten von Frankreichs Wirtschaftswunder - wurde die Rundfahrt zur ökonomischen Größe. Der Radsport wandelte sich damit zum organisierten Hightech-Wettkampf mit Tour-Legenden wie dem Belgier Eddy Merckx, dem Franzosen Bernard Hinault und dem US-Amerikaner Lance Armstrong.

Mit der Globalisierung verlor das Werbespektakel auch seine Unschuld: Die Affäre Festina, bei der ein Begleiter des Teams mit einer Wagenladung verbotener Substanzen entdeckt wird - EPO, Amphetamine, Testosteron - markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der illegalen Aufputschmittel. "Es ist der Übergang vom handwerklichen zum industriellen Doping", so die Tour-Historiker Jean-Luc Boeuf und Yves Léonard in ihrem Buch "Die Republik der Tour de France".

Nägel auf der Straße

Zu den Dopingsündern zählten die großen Namen der Radsport-Elite: Floyd Landis, Alberto Contador oder Jan Ullrich. Besonders aufsehenerregend wurde der Fall von Lance Armstrong: Die Geschichte des Amerikaners, der, vom Krebs geheilt, zum Rekordsieger der Tour aufstieg, verkörperte wie keine andere die Prinzipien von Effizienz, Rentabilität und Profit. US-Präsident George W. Bush feierte ihn als erfolgreichen Sohn Amerikas und brach mit dem Sportler zur gemeinsamen Radtour auf. Und dann das: 2012 wurde er als Dopingbetrüger überführt, Armstrong verlor Olympiamedaille und Tour-Titel.

Neue, strengere Kontrollen, mühen sich nun, das angeschlagene Image des Sport-Events zu retten - zumal jetzt, nur Tage vor dem Auftakt der Jubiläumstour, Ex-Radprofi Laurent Jalabert positiv auf EPO getestet wurde. Die Probe stammte aus dem Jahr 1998. Der Sportler beteuerte, die verbotenen Substanzen seien ihm "ohne sein Wissen" verabreicht worden. Seinen Job als TV- und Radio-Kommentator gab er dennoch auf, um nicht "das Fest der hundertsten Tour de France zu trüben".

Vielleicht gehört das Doping einfach zur Radrundfahrt, so wie Werbung, Politik und Promis. Der Erfolg der Tour, die sich von der holprigen Fahrt über ungeteerte Straßen zum Wettkampf der stromlinienförmigen Rennmaschinen wandelte, ist jedenfalls trotz allem ungebrochen - gerade jetzt zur Jubiläumstour.

Getrickst wurde schon seit den Anfängen: Man warf früher etwa Nägel auf die Fahrbahn, um Gegner auszuschalten. Und bereits 1924 prangerten die erfolgreichen Brüder Henri und Francis Pellisier den Gebrauch von Aufputschmittel an. Doch anders als heute beließen es die aufrechten Radpioniere damals nicht beim Outing des Dopingskandals: Sie brachen die Tour ab.

Zum Weiterlesen:

"Tour de France: 100 Rennen - 100 Momente". Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2013, 415 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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1.
Joachim Holstein 30.06.2013
Im Gegensatz zur Überschrift fuhren die »Halbgötter« in den ersten Jahrzehnten übrigens ohne Kettenschaltung. Die war nämlich bei der Tour bis 1936 verboten. Stattdessen benutzte man Hinterräder, die auf jeder Seite einen Zahnkranz hatten, und zwar mit unterschiedlicher Anzahl von Ritzeln. Zum Gangwechsel musste der Radler anhalten, das Hinterrad aus- und anders herum wieder einbauen. Dieser Zeitverlust lohnte sich natürlich nur bei längeren oder drastischen Änderungen des Streckenprofils.
2.
liquimoly 30.06.2013
Schade, daß man nur noch gegen gedopte Konkurrenten ansprinten kann!
3.
chriss graf 01.07.2013
Der Profiradsport sollte mindestens 10 Jahre Pause machen. Nur so könnte ein wirklicher Neuanfang glaubhaft sein.
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