Regie-Legende Murnau Verfluchtes Genie

Einmal ließ er einen Baum mit tausend künstlichen Blättern bekleben: Friedrich Wilhelm Murnau zählt zu den pedantischsten Regisseuren der Filmgeschichte - und zu den genialsten. Doch mit seiner Detailversessenheit sprengte er jedes Budget und brachte berühmte Schauspieler zum Weinen.

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Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Es war kurz nach Mitternacht, als Emil Jannings spürte, dass er gleich losheulen würde. Einen ganzen Tag lang hatte der große deutsche Schauspieler im Potsdamer Filmstudio Babelsberg verbracht und die Hauptrolle im Stummfilm "Der letzte Mann" gespielt. Jetzt stand er immer noch im Scheinwerferlicht, mit seinem Kaiser-Wilhelm-Bart und einer Portiersuniform. Erschöpft, blamiert, umgeben von 200 Komparsen.

Draußen vor dem Studio standen vier Omnibusse, um die Filmcrew nach Hause zu fahren, notiert der Filmarchitekt Robert Herlth später in seinen Aufzeichnungen. Aber niemand durfte gehen in dieser Nacht im Spätsommer 1924: Jannings' Traumszene war noch nicht abgedreht. Wieder und wieder musste der Charaktermime überdimensionale Koffer in die Höhe werfen. Das Gepäck war an Stahlseilen befestigt und sollte in der Luft schweben. Doch Jannings hatte Angst, dass ihm die Koffer auf den Kopf fallen könnten. Er ließ den Griff zu spät los, und die Seile rissen.

Alle stöhnten, der Betriebschef blickte genervt auf die Uhr, Jannings schluchzte. Nur einer saß auf seinem Hocker und lächelte: der Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau. Geduldig wartete er, bis die Stahlseile gelötet waren - dann ließ er die Szene wiederholen. Murnau wusste, dass er im Begriff war, ein Meisterwerk zu drehen: einen Stummfilm, der so klar anhand der Bilder erzählt wird, dass er nur einen einzigen Zwischentitel benötigt. Wer würde da an Betriebszeiten denken? Um zwei Uhr nachts hatte Murnau die Szene im Kasten.

Friedrich Wilhelm Plumpe, Theaterfreund

Als "Der letzte Mann" im Dezember 1924 in die deutschen Kinos kam, war Friedrich Wilhelm Murnau bereits ein geachteter Regisseur in seinem Heimatland. Er hatte den "Nosferatu" gedreht, die erste Verfilmung des Vampir-Romans "Dracula". Zudem war ihm eine hochgelobte Version von "Phantom" gelungen, angelehnt an die Novelle des Literaturnobelpreisträgers Gerhard Hauptmann. Diese Stummfilme waren keine Kassenschlager, doch sie festigten Murnaus Ruf als Kinofachmann, der Wert auf Details legt. All das hatte er in Berlin als junger Schauspieler gelernt, als er noch Friedrich Wilhelm Plumpe hieß.

Unter diesem Namen wurde Murnau 1888 in Bielefeld geboren. Sein Vater, ein wohlhabender Tuchfabrikant, zog vier Jahre später mit der Familie in die Residenzstadt Kassel. Hier verbrachte Friedrich seine Kindheit. Im Hoftheater sah er die ersten Stücke von Goethe und Shakespeare, zu Hause spielte er sie mit seinen Geschwistern nach. Vater Heinrich, der für seinen Sohn den Lehrerberuf vorsah, zeigte sich wenig begeistert von den Talenten des jungen Knaben. Doch Friedrichs Mutter legte Wort ein: Die privaten Darbietungen durften weitergehen.

Weltfrieden durch Kinofilme

Nach dem Abitur ging Friedrich zum Philologiestudium nach Berlin, dann zog er nach Heidelberg, wo er sich einer Studentenbühne anschloss. Sein unrühmliches Hobby hielt er vor der Familie geheim - bis er bei einer Show von Max Reinhardt entdeckt wurde. Der österreichische Theaterregisseur hatte eine Schauspielschule in Berlin eröffnet und bot Friedrich ein Stipendium an. Der Student nahm an und wählte den Künstlernamen Murnau: in Anlehnung an den oberbayerischen Ort Murnau am Staffelsee, den er gerne mit seinem Lebensgefährten aufsuchte.

Als Friedrichs Vater vernahm, dass sein Sohn in Berlin auf der Bühne stand, kam es zum Streit: "Ich habe ihn studieren lassen, damit er ein guter Schulmeister und nicht ein brotloser Schauspieler wird", tobte Plumpe. Murnau erhielt kein Geld mehr, doch die Familie seines heimlichen Lebensgefährten, des Dichters Hans Ehrenbaum-Degele, nahm ihn auf.

Der Erste Weltkrieg beendete Murnaus Liebe: Sein Freund fiel an der Front, er selbst kam zur Luftwaffe. Achtmal stürzte er ab - ohne sich zu verletzen. Als er nach Kriegsende nach Berlin zurückkehrte, hatte er genug vom Theater. Statt Illusionen zu schaffen, wollte er wertvolle Geschichten erzählen. Das Kino, so glaubte Murnau, würde die Völker dank seiner für alle verständlichen Bilder näher zusammenbringen: "Es könnte den Kriegen ein Ende setzen, weil Männer nicht kämpfen, wenn sie ein anderes Herz verstehen", schrieb er.

Die Kamera entfesseln

"Der letzte Mann" mit Emil Jannings gilt bis heute als eine der bedeutendsten Arbeiten der Stummfilmzeit. Das Drama über einen Hotelportier, der aus Altersgründen zum Toilettenputzer degradiert wird, begeisterte vor allem durch eine neue Kameratechnik.

In den zwanziger Jahren wurde die Kamera noch immer vermehrt an festen Orten aufgestellt oder - um eine Fahrt zu filmen - auf einen Zug montiert. Murnau und sein Kameramann Karl Freund wollten aber, dass der Apparat sich frei im Raum bewegt: mal durch die Luft fliegt, dann wieder einer Figur folgt. "Entfesselt" sollte er sein.

Dafür stellten die beiden Männer das Aufnahmegerät auf ein Fahrrad, banden es an eine Feuerleiter oder setzten es in einen Korb, der durch die Luft schwang. Die "entfesselte Kamera" machte Murnau berühmt - und brachte ihm ein Jahr später eine Einladung nach Hollywood.

Prestigefilm für die Fox-Studios

Das Studio Fox, bekannt für seine B-Movies und Western-Serien, war 1925 auf der Suche nach einem Prestigefilm. Studioleiter William Fox wollte nicht mehr als Macher niederer Stummfilme verlacht werden. Die Lösung: Ein Regiemeister musste her. Am besten aus Europa, das für intelligente, technisch eindrucksvolle Filme bekannt war. Als Fox bei einer Sondersichtung den "Letzten Mann" sah, hatte er seinen Regisseur gefunden.

Im Juni 1926 unterschrieb er einen Vertrag mit Murnau und erklärte ihm: "Machen Sie mir einen großartigen Film, was immer es kosten mag." Murnau wurde damit der erste Regisseur überhaupt, der völlige künstlerische Freiheit erhielt. Und diese nutzte er aus: Für sein Erstlingswerk in Hollywood, das Bauerndrama "Sunrise", ließ er das größte Filmset bauen, das jemals in einem Studio entstand.

Die Handlung hatte er einer Kurzgeschichte von Hermann Sudermann entnommen und für das amerikanische Publikum angepasst. Es ging um einen jungen Bauern, der aus Liebe zu einem Vamp überlegte, seine Frau im nahegelegenen See zu ertränken. Auf der Bootsfahrt besann er sich, reiste mit ihr weiter in die Stadt und verliebte sich erneut in sie. Ein einfaches Melodrama, das der Regisseur mithilfe der "entfesselten Kamera" einfing. Und für das er Unmengen an Geld ausgab.

Künstliche Blätter für den kahlen Baum

Das Bauerndorf ließ Murnau an einem Bergsee über den Hollywood-Hügeln erbauen. In der Anfangsszene sollte ein Dampfer die Verführerin ins Dorf bringen. Doch als die Ankunft gedreht wurde, fehlte Murnau ein Baum im Bild. Das stattliche Exemplar wurde am anderen Ufer des Sees gefällt, per Schlepper über das Wasser gebracht und mit Hilfe eines Krans an Land gezogen. Als der Baum ankam, war er kahl.

Murnau befahl deshalb, 1000 künstliche Blätter herbeizuschaffen. Er engagierte 300 Mexikaner - damals die billigsten Arbeitskräfte - die jedes Blättchen einzeln am Baum befestigen mussten. Doch die Kunstblätter konnten dem Sonnenlicht nicht standhalten und rollten sich zusammen. Murnau ließ hitzeresistente Blätter kommen und ersetzte die alten. Es dauerte 14 Tage, bis die Szene gedreht werden konnte. In der Zwischenzeit saß die Crew am See - und wurde trotz ihrer Untätigkeit bezahlt.

Für William Fox rentierten sich diese Ausgaben: Bei der ersten Oscar-Verleihung 1929 erhielt "Sunrise" gleich drei Preise, darunter als bester Film in der Kategorie Künstlerische Produktion. Das Publikum blieb dem Film allerdings fern: Ein paar Wochen nach Veröffentlichung war "The Jazz Singer" angelaufen, der erste Tonfilm der Welt. Die Ära des Stummfilms neigte sich dem Ende zu.

Flucht nach Tahiti

Von diesen Neuerungen wollte Murnau nichts wissen. Ihm schwebten weitere Stummfilm-Werke vor. Er wollte ein Filmgedicht erschaffen "über die Heiligkeit des Brotes". Ein Getreidefilm, für den er bereits ein Stück Land in Oregon kaufen ließ - um mit der Kamera durch die Felder gleiten zu können.

Dieser Tatendrang war zu viel für William Fox. Der Filmproduzent befahl Murnau, Änderungen am Drehbuch durchzuführen: "Pathetisches, Thrills und komische Situationen" sollten eingebaut werden. Als Fox den Titel umänderte, kündigte Murnau seinen Vertrag. Mit dem Geld aus Hollywood kaufte er sich eine Yacht und reiste nach Tahiti - um dort seinen letzten Film zu drehen. Als "Tabu" im August 1931 seine US-Premiere feierte, war Murnau bereits tot.

Auf der Südseeinsel hatte der Filmemacher seine Vorliebe für junge Männer aus Polynesien entdeckt. Zurück in den USA, nahm Murnau den Polynesier Garcia Stevenson als Butler auf. Bei einer Fahrt von Los Angeles nach Monterey am 11. März 1931 ließ er Stevenson erstmals ans Lenkrad. Der Diener verlor die Kontrolle über das Fahrzeug, der Wagen stürzte eine Böschung herunter.

Im Krankenhaus von Santa Barbara konnte nur noch Murnaus Tod festgestellt werden. Er wurde 42 Jahre alt. Sein Sarg kam mit dem Schiff nach Hamburg. Das Ticket für die Überfahrt hatte Murnau kurz zuvor gebucht, um seine Mutter in Deutschland zu besuchen.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Kurt Mueller, 29.12.2013
1.
"Ein paar Wochen nach Veröffentlichung war "The Jazz Singer" angelaufen, der erste Tonfilm der Welt." "The Jazz Singer" war sicher der erste kommerzielle Spielfilm mit Ton, aber nicht "der erste Tonfilm der Welt". http://en.wikipedia.org/wiki/Sound_film Schon 1909 hatte Eugene Lauste die Lichttonspur entwickelt, Alan Blumlein nutzte 1923 Film für Stereo-Versuche, in Deutschland gab's 1919 Tri-Ergon.
Michael Ladisch, 30.12.2013
2.
Anzumerken waere noch, dass in Deutschland das Erbe Murnaus (und anderer Regisseure der Weimarer Zeit) straeflich vernachlassigt wird. Waehrend man in den USA und in GB so ziemlich alle erhaltenen Murnau Filme in hervorragenden DVD- und zum Teil Blu-Ray-Editionen bekommt (mit Kommentaren von Filmwissenschaftlern ueber die volle Laenge des Films, Dokus zum Film und zum Regisseur, oder zur Restaurierung, etc.), sind in Dtl. einige Filme gar nicht ("Die Finanzen des Grossherzogs", "Schloss Vogeloed", "City Girl") oder nur in billigen Ausgaben verlegt. Da sollte die Stiftung, welche Murnaus Namen traegt, noch Einiges nachholen.
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