125 Jahre Coca-Cola Auf sie mit Gebräu!

125 Jahre Coca-Cola: Auf sie mit Gebräu! Fotos

D-Day ohne Cola? Undenkbar! Wo immer amerikanische Soldaten während des Zweiten Weltkriegs ihren Fuß hinsetzten: Das braune Zuckerwasser schwappte hinterher. Riesige Coke-Fabriken direkt hinter der Front und tragbare Zapfhähne hielten die Moral der GIs rund um den Globus hoch - nach 1945 verfiel selbst der bierseligste Feind der Besatzerbrause. Von

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Die Männer der Coca-Cola-Fabrik bei Neapel verrichteten ihren Job unter Lebensgefahr. Jede Nacht, gegen null Uhr, flogen die deutschen Bomber ihre todbringenden Angriffe, die gesamte Belegschaft musste in Deckung gehen. Denn die Fabrik befand sich nur wenige Meilen südlich von jener Front, an der sich Alliierte und deutsche Wehrmacht Anfang 1944 eine der grausamsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs lieferten.

Doch die Bizzelbrause musste weiter fließen, um jeden Preis - gerade jetzt, wo die Kämpfe um Monte Cassino ihren blutigen Höhepunkt erreichten. Schließlich galt es, den Durchhaltewillen der erschöpften amerikanischen Soldaten zu stählen. Und das funktionierte am besten mit Coca-Cola: "Wenn uns jemand fragte, wofür wir kämpfen, würde vermutlich die Hälfte von uns antworten, für das Recht, wieder Coca-Cola zu trinken", schrieb einer der GIs von den Trümmerfeldern nach Hause - und brachte damit das Gefühl einer ganzen Generation auf den Punkt.

Das einst von John S. Pemberton gemixte Gebräu gegen Kopfschmerz, Müdigkeit und Frauenleiden, das heute vor genau 125 Jahren erstmals über die Ladentheke ging, avancierte im Zweiten Weltkrieg zum Symbol der amerikanischen Heimat par excellence. "Unserer Ansicht nach kann Coca-Cola als eins der grundlegenden, die Moral hebenden Produkte für die Jungs eingestuft werden", schrieb ein Offizier im Januar 1942 an die Coca-Cola-Company. Die sich fortan mit einem gigantischen Werbefeldzug daran machte, Coke und Patriotismus in ein und dieselbe Flasche zu pressen.

"Männer arbeiten erfrischt besser"

Nur drei Wochen nach dem Angriff der Japaner auf den US-amerikanischen Flottenstützpunkt in Pearl Harbour vom 7. Dezember 1941 erklärte Coca-Cola-Boss Robert Woodruff öffentlich: "Sorgt dafür, dass jeder Mann in Uniform seine Flasche Coca-Cola für fünf Cent erhält, egal, wo er ist und was immer es kostet." Die Amerikaner zogen in den Krieg - und das Zuckerwasser zog hinterher. Dabei zählte Zucker, genau wie etwa Treibstoff, Konserven und Kaffee, seit Kriegseintritt zu den kriegswichtigen Gütern und musste rationiert werden.

Wie der amerikanische Wirtschaftsjournalist Mark Pendergrast in den neunziger Jahren recherchiert hat, schleuste die Coca-Cola-Company einen ihrer Lobbyisten ins Amt für Zuckerrationierung und erreichte, dass das für die Kampftruppen produzierte Getränk Anfang 1942 von der Rationierung ausgenommen wurde. Mit dem Argument "Männer arbeiten erfrischt besser" überzeugte Coca-Cola das Pentagon von der kriegswichtigen Kraft des Soft-Drinks.

Allerdings nahmen die Kisten, die die Armee zu Zehntausenden per Schiff zu den Kriegsschauplätzen des Zweiten Weltkriegs brachte, einen Großteil des wertvollen Frachtraums weg, wie der Journalist Martin Agronsky im Mai 1942 kritisierte. Es ginge nicht an, so der erboste Australier in einer NBC-Rundfunksendung, dass andere Militärgüter zu spät an den alliierten Stützpunkten einträfen, nur weil die USA ständig ihre Coca-Cola vorzögen.

Geheimer Coke-Befehl von Eisenhower

Die Company in Atlanta lenkte ein und begann damit, komplette, in ihre Einzelteile zerlegte Abfüllstationen zu verschiffen, um die koffeinhaltige Brause direkt hinter der Front auf Flaschen ziehen zu können. Zudem entsandte der Konzern 248 "Technical Observers", die mit Hilfe der Armee die Abfüllstationen vor Ort aufbauen und den "Real Taste" überwachen sollten. Im Volksmund alsbald "Coca-Cola Colonels" getauft, zogen die Coke-Repräsentanten in Armeeuniform, mit dem Abzeichen "T.O." auf der Schulter, hinter den Soldaten her, um ihnen das harte Kampfleben zu versüßen.

Von der Militärhierarchie standen die "Technischen Beobachter" auf einer Ebene mit jenen Technikern, die Flugzeuge oder Panzer zusammensetzten - schließlich geriet der Nachschub an Coke zur militärischen Dringlichkeit, wie aus einem bis 1966 geheim gehaltenen Telegramm General Dwight D. Eisenhowers an das Coke-Nachschubquartier hervorgeht. Eisenhower, der sich zu diesem Zeitpunkt in Nordafrika befand, orderte per Kabel vom 29. Juni 1943 "drei Millionen Flaschen Coca-Cola (gefüllt)", "zehn Abfüllanlagen" sowie "ausreichend Sirup und Korken für sechs Millionen Nachfüllungen".

Kurz vor Weihnachten 1943 rollte in der algerischen Küstenstadt Oran die erste außerhalb der USA produzierte Soldaten-Cola vom Band, in den kommenden Monaten sollten 63 weitere Abfüllanlagen in Afrika, Australien, Europa, Asien, Südamerika und im Nahen Osten dazu kommen. Casablanca, Perth, Nizza, Venedig, Kalkutta, Manila, Fulda - mit jedem neuen US-Brückenkopf im Zweiten Weltkrieg verleibte sich Coca-Cola ein weiteres Stückchen vom Globus ein.

Gottesgeschenk und Schützenhilfe

Einzig im pazifischen Raum standen die Coca-Cola-Colonels vor echten Problemen: Der Krieg spielte sich hier vor allem in der Luft sowie auf See ab, Abfüllstationen hinter der Frontlinie, so wie in Europa und Afrika, konnten hier nicht aufgebaut werden. Die Cola-Männer behalfen sich mit in Australien gebauten, tragbaren Zapfanlagen, den legendären "Dschungel-Dispensern" - und die GIs kippten ihren geliebten Soft-Drink statt aus Flaschen eben aus Bechern.

Mit Fortschreiten des Krieges erhielt das Sprudelgetränk einen quasi religiösen Status: "Ich glaube, diese Flasche hält meine Moral hoch, nur weil sie um mich ist und ich sie ansehen kann", schrieb etwa ein GI in einem von Autor Ulf Biedermann zitierten Brief an seine Mutter.

Ein anderer fabulierte über die Brause: "Ich habe sie schon immer für ein wunderbares Getränk gehalten, doch auf einer Insel, auf die bislang nur ganz wenige Weiße einen Fuß gesetzt haben, ist sie ein Gottesgeschenk." Dem US-Colonel Robert L. Scott wiederum half der Gedanke an "Amerika, Demokratie und Coca-Cola", seinen "ersten Japsen abzuschießen", wie er seinem Bestseller "Gott ist mein Co-Pilot" schrieb.

Keine Besatzerbrause für Kriegsverbrecher

Nach Kriegsende zogen sich die amerikanischen Militärs sukzessive aus den von ihnen besetzten Gebieten zurück - die Abfüllfabriken jedoch, vor allem aber der Durst der Menschen auf die Koffein-Brause, blieben bestehen. Eine Woche nach der deutschen Kapitulation vom 8. Mai 1945 wurde im ausgebombten Deutschland schon wieder die erste Flasche Coca-Cola nach dem Krieg abgefüllt - zunächst jedoch nur für die GIs vor Ort.

Um ihnen die Zeit fern der Heimat zu versüßen, verstieg sich ein besonders engagierter Coca-Cola-Colonel namens Jim Nash gar zu der Idee, einen Cola-Automaten im Verhandlungssaal der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse aufzustellen. Doch seine Idee "wurde leider abgelehnt", wie er im Mai 1946 an den Mutterkonzern in den USA schrieb.

An weniger symbolträchtigen Orten indes eroberte das Zuckerwasser die Erde im Handumdrehen: "Coca-Cola" avancierte, gemeinsam mit "o.k.", zur bekanntesten Vokabel der Welt, überall leckten sich die Menschen, Sieger ebenso wie Besiegte, die Finger danach. Der Zweite Weltkrieg hatte die Koffein-Brause so beliebt gemacht, dass nach 1945 auch die furiosesten Anti-Cola-Attacken nichts gegen das Getränk ausrichten konnten.

Cola aus Schweineblut

Mit Beginn des Kalten Krieges bäumte sich in verschiedenen Ländern der Erde eine kuriose Allianz aus Kommunisten, Winzern, Saftverkäufern und arabischen Fanatikern auf, um dem Verkauf des flüssigen "American Way of Life" Einhalt zu gebieten. In Frankreich etwa paktierten Kommunisten mit der Wein- und Wasserindustrie und brachten einen Gesetzesentwurf ein, der Coca-Cola als "Gift" verbieten sollte.

In Italien verbreiteten antiamerikanische Genossen, dass der Cola-Konsum über Nacht die Haare schlohweiß werden lässt, in Japan wiederum kursierte das Gerücht, Cola würde die Frauen unfruchtbar machen. Und während ein muslimischer Demagoge in Ägypten aus Wut über die Unterstützung Israels durch die USA die Theorie aufstellte, Cola sei aus Schweineblut gebraut, beschimpfte Mao das Prickelwasser gar als "Opium für die Rennhunde des revanchistischen Kapitalismus".

Auch in Deutschland liefen die Cola-Feinde Sturm: Die bierselige Bayernpartei wagte 1950 einen juristischen Vorstoß, um Cola und andere "aus Drogen hergestellte Getränke" zu verbieten. Die Mineralwasserindustrie verbündete sich in einem "Koordinations-Büro für deutsche Getränke", um mit Pamphleten wie etwa "Coca-Cola, Karl Marx und die Geistesschwäche der Massen" gegen den Siegeszug der Besatzerbrause mobil zu machen.

"CC, das hat drei Gifte"

Ein vermögender Hamburger Cola-Hasser namens Helmut Bickel schließlich setzte dem Ganzen Mitte der sechziger Jahre die Krone auf, indem er Schwarzwälder Volksmusikanten beauftrage, eine Anti-Coke-Platte aufzunehmen: Der mit Zitherklängen unterlegte Schlager "CC, das hat drei Gifte" (basierend auf der Melodie von "Mein Hut, der hat drei Ecken") schepperte fortan aus den Musikboxen deutscher Kneipen - vergeblich. Die Deutschen waren der Besatzerbrause ebenso verfallen wie der Rest der Welt.

Die Coca-Cola-Company ging nicht nur als geheimer Gewinner aus dem Zweiten Weltkrieg hervor - sie gewann auch die Marketing-Schlacht um die Vormachtstellung in Europa, Asien und der arabischen Welt. Einzig in dem Kampf jenseits des Eisernen Vorhangs unterlag der kommunistenphobische Konzern seinem Gegner Pepsi: 1959 machte US-Präsident Richard Nixon dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow die Konkurrenzplörre schmackhaft, kurz darauf tranken die Genossen Pepsi-Cola.

Dies jedoch nur solange, bis die Sowjetunion auseinander brach und die "Muttermilch des Kapitalismus" auch die letzten noch Cola-freien Bastionen der Welt überschwemmte. Einzig auf Kuba, in Burma und Nordkorea darf bis heute offiziell keine Coca-Cola verkauft werden. Ansonsten hat sich die prophetische Vision Robert W. Woodruffs bewahrheitet: "Es darf auf der Erde keine geographischen und kulturellen Breitengrade geben, die nicht an den Segnungen von Coca-Cola teilhaben", hatte der legendäre Big Boss von Coca-Cola einst gepredigt.

Zum Weiterlesen:

Mark Pendergrast: Für Gott, Vaterland und Coca-Cola. München: Heyne 1995.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

Ulf Biedermann: Ein amerikanischer Traum: Coca-Cola: die unglaubliche Geschichte eines 100-jährigen Erfolges. Hamburg: Rasch und Röhring 1985.

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1.
Jürgen Schiffmann 08.05.2011
"- nach 1945 verfiel selbst der bierseligste Feind der Besatzerbrause." Immer wieder diese urban legends! Coca-Cola gab es seit 1929 in Deutschland. Selbst nach dem Kriegsausbruch 1939 wurde bis 1942 weiterpoduziert...
2.
Gert Salewsky 08.05.2011
Was für die Krauts das Pervitin war für die Amis das Cocain.
3.
Joachim Hiller 08.05.2011
Keine Coca-Cola auf Kuba? Schön wär?s: Dort (Stand April 2011) wird in staatlichen Restaurants in Mexiko abgefüllte Dosen-Coca Cola ausgeschenkt, obwohl die Kuba-Cola geschmacklich klar überlegen ist.
4.
Heinz Friedewitz 08.05.2011
Na das liest sich zwar sehr nett, enthält aber gravierende Lücken. So wurde Coca Cola schon vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland (Essen) hergestellt und der Durchbruch erfolgte hier unter den Nazis. Cola wurde im "Stürmer" beworben und Cola war Sponsor so mancher brauner Sportereignisse etc. Also auch bitte dieses Kapitel nicht unter den Tisch kehren.
5.
Susanne Modeski 09.05.2011
Für die Cola zu kämpfen, wäre gar nicht nötig gewesen. Coca Cola war durchaus in Nazi-Deutschland erhältlich; Cola hat sogar die Olympischen Spiele 1936 in Berlin gesponsert.
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