Schulklassiker "Diercke-Atlas" Die Welt in deiner Hand

Daran haben Schüler schwer zu tragen: Der "Diercke-Weltatlas" bringt seit dem Jahr 1883 die große, weite Welt in Klassenzimmer und Kinderköpfe. Für SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Hans Michael Kloth war der großformatige Klassiker kein schlichtes Schulbuch - sondern ein bebilderter Abenteuerroman.

Westermann

Was von meiner Schulzeit in der BRD der siebziger Jahre geblieben ist? Die Klassenreisen nach Sylt oder in den Schwarzwald fallen mir ein, auch die erste unglückliche Liebe, natürlich heimliche Zigaretten auf dem Schulklo. Und dann noch ein Schulbuch. Es war so groß, dass es nicht in den Ranzen passte. Schon morgens auf dem Schulweg konnte man so erkennen, bei wem heute Erdkunde (man sagte noch nicht Geografie) auf dem Stundenplan stand: Die Schnallen der Ränzel mussten offenbleiben. Wer wollte, konnte das Ding auch in der Schule in einen hellen Holzschrank einschließen lassen, aber die meisten nahmen es trotzdem mit nach Hause. Denn dieses Buch war nicht nur doppelt so groß wie alle anderen, es war auch doppelt so gut: der "Weltatlas" von Diercke.

Die Sommerferien verbrachten die meisten Familien damals noch in heimischen Gefilden, im Bayrischen Wald oder an der Ostseeküste, und wenn jemand mit der Lufthansa (es gab nur die, und man nannte sie immer mit Artikel) ins Ausland düste, sprach man ehrfurchtsvoll von einem "Transkontinentalflug". In dieser sehr kleinen, sehr deutschen Welt, die sich für uns nur langsam, einer Auster gleich, Jahr für Jahr ein wenig weiter öffnete (der erste Italienurlaub!), war "der Diercke" eine Offenbarung und Verheißung, ein mächtiger Künder von Dingen, die da draußen auf uns warteten und die zu entdecken sein würden, wenn wir endlich erwachsen sein würden.

Der "Diercke" war weniger Schulbuch als die kongeniale Fortsetzung von Karl May, Jack London und Joseph Conrad mit den Mitteln der Kartografie. Hinter dem nüchternen, kackbraunen Einband mit den goldenen Prägedruckbuchstaben tat sich in Wirklichkeit ein Bilderbuch auf, prall gefüllt mit echten und imaginierten Abenteuern. Wir durchforsteten die gelb-bräunliche Darstellung des amerikanischen Südwestens nach dem Llano Estacado, von dem wir in "Unter Geiern" gelesen hatten, fegten am Steuer eines Robbenfängers über die in Hellblautönen abgestuften Tiefenlinien des Atlantik wie Humphrey van Weyden im "Seewolf" oder wurden, während wir mit dem Finger den Läufen des Sambesi oder des Schwarzen Nils folgten, zu einem strahlenden, tropenhelmbewehrten Stanley, der soeben den verschollenen Entdecker Dr. Livingston im dunklen Herz Afrikas aufgespürt hat.

Der Röntgenblick der Taschenlupe

Stundenlang lagen wir auf dem harten Kurzflorteppich des Kinderzimmers und schwelgten in frühpubertärem Fernweh. Auf der Suche nach unbekannten Orten, Flüssen, Regionen, deren Namen wir am Frühstückstisch oder in den Abendnachrichten aufgeschnappt hatten, glitten unsere Finger ungeduldig am Koordinatennetz entlang. Oder wir durchstöberten mit dem Röntgenblick unserer Taschenlupen mehr oder minder bekannte Gegenden, um ihnen doch noch einen unbekannten Berg, Nebenfluss oder Marktflecken abzutrotzen. Und wir suchten gierig nach exotischen Namen, deren purer Klang sie als Schauplatz künftiger Abenteuer geeignet erscheinen ließ - Timbuktu, Madagaskar, Alaska. Fanden wir irgendwo in einem fernen Hochgebirge oder Archipel so einen vielversprechenden, in seltsam altmodischer Serifenschrift schwungvoll in die Landschaft gedruckten Namen, fühlten wir uns wie echte Entdecker.

Das einzige, was uns am "Diercke" nicht sonderlich interessierte, war Deutschland. Gerade noch den Detailkarten meiner Heimatstadt konnte ich etwas abgewinnen, weil man an ihnen ablesen konnte, wie sich Hamburg über die Jahrhunderte ausgebreitet und das Umland vereinnahmt hatte. Ich ging von da an mit einem anderen Gefühl durch die Wallanlagen. Ansonsten: seitenweise kleine Kärtchen mit Siedlungsformen unterschiedlicher Regionen (Haufendörfer, Straßendörfer); abstrakte, weißgrundige Karten mit gelben, blauen, lila Tortendiagrammen und Bergwerkssymbolen, die den Ausstoß an Eisen, Stahl, Steinkohle an Saar und Ruhr immer in einem schon ziemlich lange zurückliegenden Referenzjahr illustrieren sollten.

Leider faszinierten genau diese Aspekte unseren Erdkundelehrer am "Diercke" besonders. Er hieß Doktor Hoog, trug eine strenge Brille und im Nacken sehr kurz geschorenes Haar. Doktor Hoog bestand darauf, dass wir aufstanden, wenn er die Klasse betrat, und während der Unterrichtsstunden trug er in einem kleinen schwarzen Heft fortwährend kleine Plus- und Minuszeichen hinter die Namen seiner Schüler ein. Für richtige Antworten und gutes Betragen ein kleines Plus, für falsche Antworten und Unbotmäßigkeiten ein Minus. Ich sammelte ziemlich viele Minuspunkte, weil mich Doktor Hoog fortwährend ertappte, wie ich im Diercke ganz andere Stellen aufgeschlagen hatte, als die von ihm in strengem Ton annoncierten - die Doppelseite mit Australien statt die mit der suburbanen Agglomeration im Großraum Stuttgart oder die Fidji-Inseln anstelle des Harz.

Verwirrendes "Diercke"-Deutschland

Vielleicht fiel mir deshalb auch erst ziemlich spät auf, dass das politische Deutschland im "Diercke" so ganz anders aussah als auf der vertrauten Wetterkarte der "Tagesschau". Es war viel ausladender nach Osten hin. Besonders verwirrend war, dass das "Diercke"-Deutschland sogar noch größer war, als Bundesrepublik und DDR zusammen - entlang der Ostseeküste zog sich ein breiter, daumenförmiger Streifen bis an die Danziger Bucht, im Südosten ein langer Finger bis kurz vor Kattowitz. Und völlig abgetrennt davon sollte ein großer Klecks Landschaft an zwei Buchten namens Frischem Haff und Kurischer Nehrung herum auch noch Deutschland sein - seltsam.

Die rotgedruckten Hinweise "unter polnischer Verwaltung" und "unter sowjetischer Verwaltung" verstärkten die Verwirrung noch. Wir kannten nur Wroclaw, nicht Breslau, Kaliningrad, nicht Königsberg, und wir hatten das ziemlich sichere Gefühl, dass Polen und Russen diese Landstriche nicht nur für uns Deutsche verwalteten. Die politisch Frühreifen erklärten uns Unbedarften die Zusammenhänge: Der "Diercke" war ein revanchistisches Machwerk, das uns Schüler mit den Gebietsansprüchen der konservativen Stahlhelmer und Entspannungsgegner indoktrinieren sollte. War nicht schließlich der Einband tiefbraun? Für eine Weile lag ein Schatten auf dem geliebten "Weltatlas", selbst wenn man politisch indifferent war. Denn wenn die deutschen Grenzen im "Diercke" gar nicht so gezeigt wurden, wie sie in Wirklichkeit verliefen - waren dann auch andere Karten manipuliert? Gab es vielleicht gar kein Timbuktu und kein Madagaskar?

Die Reise mit der Maus

Vor kurzem ist mir ein "Diercke" von 1948 in die Hände gefallen, er gehörte dem Vater meiner Frau. Der Atlas ist grün, nicht braun, und im Impressum steht der Vermerk: "Zugelassen zum Gebrauch an Schulen durch Office of Military Government for Germany". Die deutschen Grenzen sind dort genau wie in meinem Exemplar eingezeichnet - wenigstens waren die Alliierten also auch Revanchisten. Ganz hinten drin habe ich ein Blatt vergilbtes Papier gefunden, mit dem durchgepausten Umriss des Peloponnes und der griechischen Ägäis. Auch damals träumten Schüler in langweiligen Schulstunden wohl schon von der Ferne und südlicher Wärme.

Der schlanke, grüne Band von 1948 steht im Regal jetzt neben meinem braunen aus den siebziger Jahren. Und bald kommt ein weiterer dazu, in blau. Zum 125. Jubiläum der "Diercke" hat der altehrwürdige Westermann-Verlag 2008 eine rundum überarbeitet Ausgabe herausgebracht, und wenn meine älteste Tochter nächstes Jahr in die 5. Klasse kommt, wird sie ihren eigenen "Diercke" bekommen. Für sie ist die Welt jetzt schon wie ein offenes Buch, nicht wie eine Auster, die sich ihr langsam öffnet. Schon als Kleinkind ist sie das erste Mal geflogen, und längst surft sie per Google Earth zu den entlegensten Winkeln unseres Planeten - statt wie ich mit dem Zeigefinger reist sie mit der Maus.

Ich bin gespannt, ob der Kartenzauber des "Diercke" sie trotzdem packen wird.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Benjamin Riedl, 28.08.2008
1.
Ich war auch atlassüchtig (und bin es noch immer). Auch mein erster Zugang war der Diercke. Allerdings hat sich meine Liebe eher zum "Alexander" entwickelt und ist im "Haak" zu einem vorläufigen Höhepunkt gekommen. Meine persönliche Meinung ist, dass man im "Haak" noch schöner schmökern kann. Allerdings hat auch der "Diercke" mit der Jubiläumsausgabe schön nachgezogen.
Stefan Esser, 08.09.2008
2.
Anmerkung zu Herrn Riedl bezugnehmend auf den Screenshot vom Diercke Globus mit physischer Karte: Die Jubiläumsausgabe aus diesem Jahr beinhaltet jetzt auch einen sogenannten Online Schlüssel, mit dem man z. B. diesen schönen Online Globus benutzen kann. Davon waren meine Schüler absolut begeistert. Nicht nur, dass man sich hier alle Atlaskarten angezeigen lassen kann, der eigentliche "Aha-Effekt" ist der, dass man auch eine Reliefdarstellung mit unterschiedlichen Überhöhungsstufen anschalten kann. Dreht man dann die Kugel um den Mittelpunkt, so erlangen die Schüler ein ganz neues räumliches Verständnis. Nicht nur das der Atlas meine Erwartungen bestätigte, mit dieser Onlineanbindung übertraf er sie noch. Für den Unterricht ist die Mischung aus Atlas und Globus unschlagbar.
Ernst Pelzing, 19.01.2010
3.
Er- und gelebte Erdkunde und Naturwissenschaften Der Urahn eines interessanten Mixes aus Erdkunde und sämtlichen naturwissenschaftlichen Bereichen war für mich sozusagen der Vorläufer dessen, was man in den Nachkriegsjahren als die weite Welt draußen erschließen wollte: das REALIENBUCH. Eine unerschöpfliche Quelle an interessanten Dingen, sozusagen querbeet. Die Klebealben mit Bildern aus den deutschen Schutzgebieten in Afrika waren eine hochwillkommene Ergänzung. Schilderten sie doch konkrete Abeuteuer in Verbindung mit Namen wie Lettow-Vorbeck, Peters und Lüderitz. In den 50er Jahren gehörte der Kombi-Besuch der sauerländischen Dechenhöhle bei Iserlohn-Letmathe und des Felsenmeers bei Hemer-Deilinghofen zum Standardprogramm von Schulausflügen. Erdkunde und Biologie im engeren und weiteren Sinne erlebten wir über die Bildung von Tropfstein, den Höhlenbären der Eiszeit und die verkarstete Felslandschaft unmittelbar. Da war man ganz bei der Sache. Tom Prox und Tom Mix mit ihren Wildwestromanen waren in den 50ern Standardliteratur. Bei Karl May waren es neben den Winnetou- und Old-Shatterhand-Klassikern insbesondere geheimnisvoll klingende Titel wie "Das Vermächtnis des Inka", "Schloß Rodriganda" und "Am Rio de la Plata", die es mir angetan hatten. Von den von Hans Michael Kloth erwähnten "Llanos Estacados" ganz zu schweigen. Diese spanischen Namen sollten für mich später eine besondere Bedeutung bekommen.
Wilfried Huthmacher, 15.04.2017
4. Die Zugehörigkeit war vielleicht auch eine Frsge des Völkerrechts
Unabhängig von den Fakten galten bis zu einem Friedensvertrag - der "2+4"-Vertrag von 1990 gilt wohl auch als Solcher - zumindest juristisch Ansprüche gemacht werden konnten. Im Jahr 2008 konnte der Autor sicher nicht wissen, dass solche Fragen bei anderen Staaten wieder aufleben könnten wie derzeit in der Ukraine und der Krim bzw. auch Türkei und Syrien und Irak. Das zum Großteil wohl gleichgeschaltete türkische Fernsehen hat laut SPON bereits einige Randgebiete seiner Nachbarn annektiert, Erdogahn macht nationalistische Stimmung wenn er darauf verweist, das man auf einigen griechischen Inseln die Stimmen der türkischen Nachbarn auf dem Festland hören kann und die Krim wird wohl für die nächsten Generationen de facto Russisch bleiben, egal wie (un)berechtig die Ansprüche Russlands oder der Ukraine sind. Die Streitigkeiten China mit Taiwan und Argentinien mit Großbritannein wegen der Falklandinseln sind da noch (!) ruhige Dauerbrenner.
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