Kultobjekt Lippenstift Rausch in Rot

Verführer, Scheidungsgrund, Grünspan-Giftspritze: Alle bösen Nachreden konnten dem Lippenstift nichts anhaben. Katja Iken und Gesche Sager blicken auf die Geschichte der roten Lippen - und all die Frauen, die für die Farbe auf dem Mund ihr Leben lassen mussten.

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Mit diesem Stift zieht Frau die Blicke auf sich. Mal malt er ihr ein Highlight auf die Lippen, mal hinterlässt er verräterische rote Tupfer auf dem Weinglas, dem Hemdkragen oder gar einem Männerhals. Die Folgen: Ohrfeigen und Scheidungen, aber auch große Romanzen und heiße Affären. Seit genau 125 Jahren sorgt der Lippenstift für Verwirrung zwischen den Geschlechtern. Ein Parfümhersteller aus Paris präsentierte auf der Weltausstellung in Amsterdam 1883 den Prototypen, einen in Seidenpapier eingewickelten Stift aus Rizinusöl, Hirschtalg und Bienenwachs - kurz darauf eroberte das Schönheitsutensil die Welt. Wobei die Menschheit sich genau genommen schon seit Urzeiten die Lippen anpinselt. Und das aus den unterschiedlichsten Gründen.

Trugen die Ägypter - Männer wie Frauen - gelbrote Zinnoberpaste mit einem Schilfrohrzweig auf, um den Göttern ähnlicher zu werden, diente das Lippenrot im antiken Griechenland anfangs der gesellschaftlichen Abgrenzung. Die Hetären, gebildete Prostituierte, hatten die Pflicht, sich den Mund zu bemalen, damit man sie von weit her erkennen konnte und nicht mit den "anständigen" Damen verwechselte. In Rom dagegen färbten die Frauen der besseren Gesellschaft ihre Lippen rot, um sich vom einfachen Volk abzuheben.

Zerstampfte Läuse und schminkfeindliche Christen

"Seht her, wir sind was Besseres": Schon immer galt Rot als Signalfarbe, die Macht, Reichtum und Einfluss, Sinnlichkeit und Kampfbereitschaft demonstrieren sollte. So gab sich auch Queen Elisabeth I. im 16. Jahrhundert standesbewusst - und bestrich ihre Lippen mit einer Mixtur aus Gummi arabicum, Feigenmilch, Eiweiß und zerstampften roten Cochinelleläusen. Was herrlich mit ihrem alabasterfarbenen Teint kontrastierte und neue Schönheits-Standards setzte. Im Zeitalter des Rokoko schließlich kulminierte die Lust an der bunten Visage. Männer wie Frauen griffen in den Farbtopf, zogen sich die Lippen nach und pfiffen auf die Leib- und Schminkfeindlichkeit, die im Zuge der Christianisierung um sich griff.

Deren Verfechter neigten zu drastischen Statements: Es solle "jede Frau mit dem Tod bestraft werden, die ihr Gesicht schminkt, um schön zu wirken", schimpfte der italienische Philosoph Tommaso Campanella in seinem "Sonnenstaat"-Traktat von 1602. Nicht ganz so weit ging das britische Parlament, als es 1770 entschied, dass Frauen, die ihre Männer mit Lippenrot bezirzten und so vor den Traualtar lockten, sich strafbar machten und diese Ehen deshalb annulliert werden durften. Sogar auf der wissenschaftlichen Schiene versuchten die Aufklärer, den bunten Lippen beizukommen, und wollten nachweisen, wie schädlich die Kriegsbemalung für Leib und Seele sei.

Katharina die Große ließ dann auch die Finger vom Farbtopf und griff zu natürlicheren Methoden, um sich Farbe ins Gesicht zu holen. "Saugt an meinen Lippen", befahl sie ihren Hofdamen. Auch kleine Bisse nahm sie klaglos hin - wenn nur der Mund danach recht prächtig leuchtete. Mit der französischen Revolution war es dann erst einmal vollständig vorbei mit der Lippenmalerei. Denn wer sich den Mund rot nachzog, signalisierte, zur Aristokratie zu gehören, und wurde im schlimmsten Fall guillotiniert.

Der "Zauberstab des Eros"

Knapp hundert Jahre später hatten sich die Gemüter beruhigt. Kopf und Kragen riskierte der französische Parfümfabrikant nicht mehr, als er sein Lippenrot auf der Weltausstellung in Amsterdam feilbot. Doch so richtig begeistert zeigten sich die Menschen zunächst nicht von dem unhandlichen, als "saucisse" ("Würstchen") geschmähten Ding, das aussah wie ein Wachsmalstift für Kinder, aber so teuer war wie ein ganzer Kasten erstklassiger Ölfarben.

Sarah Bernhardt jedoch erkannte das Potential der Pariser Kreation. "Zauberstab des Eros" taufte die französische Schauspielerin den senkrecht aufragenden Gegenstand und zog sich öffentlich die Lippen nach. Der Phallus im Verbund mit dem Lippenrot, das - so der Chor der Sexualforscher einmütig - auf die erregte weibliche Scham verweisen soll: ein Skandal, der selbst die moralinsauersten Männer wohlig erschauern ließ.

Um 1900 präsentierte Guerlain den Schönmacher in emaillierten Silberhülsen, was den Aufstieg des Lippenstiftes ebenso beförderte wie die Kino-Diven Clara Bow, Mae Murray und Co., deren knallige Kussmünder bald eine jede nachzuahmen trachtete - zumal Maybelline bald darauf den kusssicheren Lippenstift erfand.

"Patriot Red" gegen "überschminkte Leere"

Der Lippenstift konnte sein Schmuddel-Image abschütteln und avancierte zum Symbol für Selbstbestimmtheit und Emanzipation. Signalrot waren die Lippen der Suffragetten geschminkt, als diese 1912 durch New York zogen. Nur für kurze Zeit erstrahlten die Münder im Pariser Künstlermilieu auch mal in Giftgrün - nachdem jedoch mehrere Frauen verstarben, wurde das toxische Grünspanpulver schnell wieder verboten.

Im Zweiten Weltkrieg erhielt der Schönfärber sogar eine patriotische Funktion: "Victory Red" und "Patriot Red" ließen die Lippen der alliierten Damen erstrahlen, Schminken galt als vaterländische Pflicht, die den Durchhaltewillen an der Heimatfront beförderten. Nachdem die Engländer die Herstellung dekorativer Kosmetika 1939 zugunsten kriegswichtiger Produkte eingestellt hatten, fiel die Motivation der Arbeiterinnen jäh ab. Flugs besann man sich eines besseren und lies wieder Lippenstifte vom Band laufen. Ganz im Gegensatz zu den Nationalsozialisten, die gegen die "überschminkte Leere" zu Felde zogen und die Schminkerei als unnötigen Tand ablehnten.

Den Krieg gewann die alliierte Lippenstift-Front. Nachdem 1949 in den USA auch noch der Drehlippenstift erfunden wurde, ließ sich der globale Siegeszug des Farbröllchens nicht mehr aufhalten - weder von den Frauenbewegten der siebziger Jahre noch von der Öko-Fraktion, die sich gegen Tierversuche in der Kosmetik wehrte und auf die gesundheitsschädlichen Inhaltsstoffe der Lippenstifte hinwies.

Polymere und Pigmente

Inzwischen ist der Lippenstift zum High-Tech-Produkt avanciert, das mehr als lange Haltbarkeit und geschmeidiges Auftragen verspricht. Kosmetikfirmen werben mit "Netzwerken aus feuchtigkeitsspendenden Kapseln und Polymeren", "reflexgebenden Pigmenten" oder Kügelchen, die durch Aufeinanderpressen der Lippen automatisch neue Farbe freigeben. Auch die Farbpalette wurde ausgeweitet. Während es in den Fünfzigern noch Lippenstifte in Rot, Pink und Braun zu kaufen gab, locken heute Farben wie "Dance Floor Rouge", "Rum Kiss", "Walk the Catwalk Brown", "Pink in the Limo", "Strawbaby", "Deep Love", "Film Noir".

Nach gültigen Benimmregeln ist das Lippenstift-Auftragen im Übrigen die einzige Make-up-Tätigkeit, die öffentlich ausgeführt werden darf. Und das weltweit. Nur die Farbvorlieben der Frauen variieren von Land zu Land. Italienerinnen tragen gern Rotorange, Französinnen lieben Feuerrot, Engländerinnen bevorzugen Rosarot und Spanierinnen Braunrot. Deutsche Frauen küssen am liebsten in Korallenrot, während unsere Nachbarinnen in Holland mutig zu Orange greifen.

Verständlich. Denn der Lippenstift einer modernen Frau ist immer auch ihr Schutzschild. Er ist ein Signal und kann "Seht her, hier bin ich" genauso wie "Stop, bis hier und nicht weiter" sagen. Er ist aber auch die Uniform der berufstätigen Frauen. Zum Beispiel wird empfohlen, vor Präsentationen einen dunkelroten Lippenstift aufzutragen, da die Blicke der Zuhörer so auf den Mund der Rednerin fixiert werden.

Die 3 bis 50 Euro für einen Lippenstift sind also immer eine lohnende Investition, auch wenn 65 Prozent der Farbe an Krägen, Ohrläppchen oder Gläserrändern enden. Denn, so Bianca Jagger, Ex-Frau des Rolling-Stones-Sängers Mick Jagger: "Wenn du tagelang nicht geschlafen hast und aussiehst wie das Ungeheuer von Loch Ness, gibt es nur eines, was dafür sorgt, dass du dich wieder wie ein Mensch fühlst: Glanz auf deinen Lippen."



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