Legendärer Nachtklub Moulin Rouge Wo die Sünde tanzt

Strumpfbänder, Cancan, Toulouse-Lautrec und die Schwäbin Doris Haug machten das Pariser Moulin Rouge unsterblich. Im Oktober 1889 wurde das wohl berühmteste Nachtlokal der Welt eröffnet.

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Ihre roten Haare rahmen ihr blasses Gesicht. Der tiefe Ausschnitt ihres Kleides reicht fast bis zum Bauch, um Haaresbreite lässt er einen Blick auf die Brüste erhaschen. Ihre Augen sind die einer Königin, doch ihre Blicke vulgär. "La Goulue", zu Deutsch: "die Gefräßige", schreitet ins Moulin Rouge. Es ist das Jahr 1892, im Paris der Belle Époque, und der Abend ist schon in vollem Gange: Champagnerkelche stehen auf den Tischen, der Saal funkelt mit Tausenden Spiegeln und Lichtern, überall roter Samt. Männer mit Zylindern strömen herein, auf der Bühne herrscht Zirkusatmosphäre.

"La Goulue", die bürgerlich Louise Weber heißt, ist als einfaches Wäschereimädchen aus Clichy ins Moulin Rouge des Fin de Siècle gekommen. Mit ihrem frivolen Charme und ihrer Jugendlichkeit steigt sie schnell zum Star auf. Paris liegt ihr zu Füßen, wenn sie hier an der Place Blanche, im heruntergekommenen Vergnügungsviertel Pigalle, auf der Bühne steht, johlt und jauchzt wie ein Tier, ihre wohlgeformten Beine mit rosa Strumpfband ausstellt, den Rock hebt und den Cancan und den Chahut tanzt. Wilde, verrufene Tänze, die erst polizeilich verboten worden waren, dann nur unter der Aufsicht von Ordnungshütern getanzt werden durften und inzwischen zähneknirschend von den Moralhütern geduldet werden.

Keine ist so wild wie Weber, die den Gästen bei Auftritten die Champagnergläser leertrinkt. Sie freundet sich mit dem kleinwüchsigen Maler Henri de Toulouse-Lautrec an, der auf der Butte Montmartre oberhalb des Pigalle wohnt. Er malt seit einiger Zeit die leichten Mädchen und Tänzerinnen vom Pigalle. Affären unterhält er nicht mit ihnen, man munkelt, dass er aufgrund seiner Größe von 1,52 Meter nie die Liebe erlebte. Dafür verliebt er sich in die dekadente Atmosphäre, die sein Freund, der Geschäftsmann Joseph Oller, gemeinsam mit Charles Zidler in dem neuen Tanztheater geschaffen hat. Sie sind die Schöpfer des Moulin Rouge, das am 6. Oktober 1889 seine Türen geöffnet hat.

Rüschenunterhosen und Kunstpupser

Toulouse-Lautrecs Plakate für das Moulin Rouge werden berühmt: Er zeigt "La Goulue" im Tanz mit ihrem mageren Partner Valentin le Désossé (deutsch: "der Knochenlose"), er kritzelt die Tänzerinnen beim Cancan, für den das Varieté schnell berühmt wird, aufs Papier. Wenn die Tänzerinnen ihre Beine mit den Strumpfbändern und der schwarzen Atlasseide bis zu den Ohren in die Luft werfen, kocht die Stimmung. Wenn sie am Ende des wilden Tanzes die Herzen auf ihren ausgestellten Rüschenunterhosen zeigen oder mit jauchzendem Sprung in einer kerzengeraden Grätsche landen, erfüllt Jubel das Moulin Rouge. Zwischen den Tänzerinnen entbrennt ein Wettstreit um den besten Cancan. Nicht nur "La Goulue", sondern auch Tänzerinnen wie "Mistinguett" oder "Nini Patt-en-l'Air" machen sich mit ihren Darbietungen unsterblich.

Die Herren des Moulin Rouge haben jedoch auch Gespür für andere Talente: Sie entdecken etwa so abwegige Künstler wie den Kunstpupser Joseph Pujol, der das Schlaflied "Au clair de la lune" oder die Marseillaise intonieren kann. Das begeistert sogar Prinz Edward, den späteren König von England, der das Moulin Rouge 1890 privat besucht. Auch er macht Bekanntschaft mit Goulues derbem Charme: "He, Prinz", ruft sie ihm spontan zu, das rechte Bein in der Luft, den Kopf mitten in den Rüschen ihrer Wäsche: "Der Champagner geht auf dich?"

In Paris ist man sich einig - das Moulin Rouge ist einfach "exceptionnel" mit seinen verrückten Attraktionen: Es gibt etwa einen Lustgarten, der von einem riesigen Elefanten aus Holz überragt wird, in dessen Bauch männliche Gäste über eine Wendeltreppe klettern dürfen. Drinnen ist eine Bühne, auf der Bauchtanz dargeboten wird, während die Frauen im Garten des Varietés auf Eseln reiten.

In den ersten zehn Jahren des Varietétheaters jagt ein Spektakel das nächste. Die Menschen haben unersättlichen Hunger auf Revuen, Exotik und Skandale - wie etwa jenen, den eine besonders gewagte historische Darbietung mit einer nackten Kleopatra auslöst. Doch mit der Jahrhundertwende ebbt die Begeisterung für den frivolen Tanz ab, im Moulin Rouge werden Operetten gezeigt, zeitweilig fungiert der Saal sogar als schnödes Kino.

Während des Zweiten Weltkriegs schließlich ist an Amüsement nicht mehr zu denken. Als einziger Glanzpunkt dieser düsteren Zeit wird der Auftritt der Piaf im Gedächtnis bleiben, die 1944 wenige Tage nach der Befreiung von Paris auf der Bühne strahlt.

Miss Doris und ihre Girls

Ausgerechnet eine Deutsche soll es sein, die dem Moulin Rouge nach dem Krieg den Glanz zurückgibt: Die Schwäbin Dorothea "Doris" Haug.

Haug stammt aus Heilbronn und hat schon als junges Mädchen bei einer Aufführung des dortigen Stadttheaters beschlossen, Tänzerin zu werden. Heimlich hat sie Tanzunterricht genommen, finanziert durch das Schreiben von Artikeln. Mit 25 Jahren ist Haug nach Paris gekommen - und beim Vortanzen im Moulin Rouge abgeblitzt. Ihre Muskeln sind dem Cancan noch nicht gewachsen gewesen. Dafür ist sie auf der Bühne des "Nouvelle Eve" gelandet - ohne dass ihre Eltern zu Hause ahnten, in welchem Sündenpfuhl ihre Tochter arbeitet.

1957 avanciert "Miss Doris", die inzwischen einen erstklassigen Ruf hat, schließlich zur Mutter der Cancan-Truppe des Moulin Rouge. Sie drückt allen Cancan-Revuen des Hauses ihren ganz eigenen Stempel auf - ihre Tänzerinnen werden fortan die "Doriss Girls" genannt. 40 Jahre lang wird Haug hier über Straußenfedern und Pailletten herrschen, über Puderquasten, glitzernden Strass und Boas aus Marabuflaum. Es gelingt ihr immer wieder, Stars auf ihre Bühne zu holen. Mal steht der Chansonnier Charles Aznavour auf der Bühne, mal Jean-Claude Brialy oder Frank Sinatra. Im Saal sitzen sie sowieso alle irgendwann einmal: Elvis Presley und Ringo Starr, George Michael und Elton John, sogar Salvador Dalí starrt eines Tages auf die schönen Mädchen auf der Bühne.

Miss Doris führt ihre Truppe mit schwäbischer Präzision: Ihre Girls müssen 1,77 Meter plus/minus zwei Zentimeter groß sein und sich vertraglich verpflichten, ihr Gewicht innerhalb eines Toleranzbereiches von zwei Kilogramm zu halten. Wer zunimmt, bekommt eine Rüge. Wer abnimmt, auch. Und so wurde mit System gegessen: Bis heute sorgen die Tänzerinnen mit einer Portion Pasta um Punkt 17 Uhr dafür, dass sie das Programm durchstehen. Und auch nackte Busen unterlagen im Moulin Rouge der Schwäbin Doris Haug strengen Reglements: Neulinge mussten im ersten Jahr einen BH tragen, bevor sie die Erlaubnis erhielten, barbusig auftreten zu dürfen.

Im August 2014 starb Doris Haug, die Mutter des Cancan, im Alter von 87 Jahren. Ihr Vermächtnis lebt jedoch fort: Noch immer präsentieren die Tänzerinnen den wilden Cancan auf der Bühne des Moulin Rouge. Das Publikum im Saal mit den pinkfarbenen Tischlampen trinkt dabei Champagner und stellt sich vor, dies wäre die Belle Époque, jenes vergangene Paris der Lebensfreude und des Sinnenrausches. Die Faszination des verruchten Varietétheaters scheint bis heute ungebrochen: Das Moulin Rouge lässt verlauten, dass pro Abend an die 800 Flaschen Champagner geleert werden.



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uwe-jens peter, 06.10.2014
1. Verstaubt und ungastlich
Ich war vor vier Jahren das erste und ganz sicher einzige Mal dort. Es begann mit einem endlosen Schlangestehen auf der Straße bei Minusgraden und urchsichtiger Platzzuweisung durch unfreundliches Personal. Der im Eintrittspreis enthaltene Champagner, Kaufzwang von einer halben Flasche pro Person, war billigster Schaumwein und wurde auch erst auf Nachfragen serviert. Das Programm war mehr als sprachlastig und von Sinnesrausch konnte keine Rede sein.
Anatol Porak, 06.10.2014
2. Danke!
für diese Information. Ich Lebe seit langem in Paris, gehe alle paar Jahre ins Crazy und wollte immer mal ins Moulin Rouge. Das werde ich nun definitiv nicht tun!
Hannah Herbst, 08.10.2014
3.
Noch nie eine schlechtere Show gesehen!
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