"National Geographic" Neugier seit 1888

Expeditionen ins ewige Eis und in die Wildnis des Dschungels: Mit atemberaubenden Fotos lässt die National Geographic Society Monat für Monat Millionen Menschen daran teilhaben. 1888 wurden der Wissensclub und sein gleichnamiges Magazin gegründet. Eiserne Prinzipien machten es bekannt.

Brian Skerry / NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND

Von Sarah Levy


Um die Geheimnisse der Welt zu lüften, drängten sich an einem Winterabend 33 Männer um den Versammlungstisch im Cosmos Club. Geologen und Geografen, Natur- und Polarforscher, Bankiers, Kommandanten, Ingenieure, Lehrer und Anwälte, allesamt Teil der Elite Washingtons. Viele hatten die USA erkundet, einer die Rocky Mountains bestiegen, ein anderer den Grand Canyon erforscht. Sie alle träumten davon, die weißen Flecken der Erde zu erforschen. Ein Traum, der in Gefahr war: Vier Jahre zuvor waren bei einer missglückten Expedition in die Arktis 19 Menschen qualvoll ums Leben gekommen, daraufhin weigerte sich die amerikanische Regierung, weitere Expeditionen zu finanzieren. Der Abend des 13. Januar 1888 war die Geburtsstunde der "National Geographic Society" - eines exklusiven Wissensclubs mit dem Ziel, die Welt zu entdecken und Wissen zu verbreiten.

In den folgenden Jahrzehnten würde sich die National Geographic Society zu einer der größten gemeinnützigen Wissenschaftsorganisationen der Welt entwickeln, mit mehr als zehn Millionen Mitgliedern in 170 Ländern. Forscher, Weltenbummler und Fotografen würden an ihre Grenzen gehen, um im Auftrag der Society aus dem ewigen Eis, von unzugänglichen Küsten und wilden Dschungeln bahnbrechende Erkenntnisse zu gewinnen. Doch diese Erkenntnisse sollten nicht nur Wissenschaftlern vorbehalten bleiben, über eine Zeitschrift sollten die Menschen zu Hause am Kamin von den Abenteuern erfahren.

Neun Monate nach dem Abend im Cosmos Club erschien das National Geographic Magazin zum ersten Mal - und war furchtbar langweilig. Ein rot-brauner, nichtssagender Einband, Berichte über geografische Methoden, trockenes Fachchinesisch für wenige Leser, deren Zahl in den nächsten zehn Jahren nicht über 1400 stieg. Doch das sollte sich ändern.

"Alles Unangenehme ist zu vermeiden"

"Die Welt und alles, was in ihr ist, ist unser Thema", forderte Alexander Graham Bell, Erfinder und zweiter Präsident der Society. "Wenn wir nichts mehr finden können, um damit das Interesse einfacher Leute zu wecken, ist es besser, den Laden zu schließen..."

Der Mann, der Bells Vision in die Tat umsetzte, hieß Gilbert Hovey Grosvenor. 55 Jahre lang bestimmte der Chefredakteur den Kurs des Magazins wie kein anderer. Seine unumstößlichen Prinzipien lauteten: einfacher Stil und tolle Fotos. Schon 1905 füllten elf Seiten mit Fotografien das Magazin, fünf Jahre später sogar 24.

Doch das kam nicht bei allen gleichermaßen gut an. Als er 1906 die ersten Nachtaufnahmen von Stachelschweinen und Waschbären drucken ließ, traten zwei Mitglieder des Direktoriums zurück. Der Vorstand befürchtete, Grosvenor würde aus der Zeitschrift ein "Bilderbuch" machen und damit den finanziellen Ruin des Magazins provozieren. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Mitgliederzahlen der Gesellschaft explodierten. Unter Grosvenor, der später als "Vater des Fotojournalismus" in die Geschichte eingehen sollte, entwickelte sich "National Geographic" zum bekanntesten Fotoreportagemagazin der Welt.

Grosvenors inhaltliche Agenda jedoch war fragwürdig. "Über Länder und Leute wird nur Freundliches gedruckt", lautete ein weiteres seiner Prinzipien. "Alles Unangenehme oder unangemessene Kritik ist zu vermeiden." Noch 1937 lobte "National Geographic" das Berliner Verkehrssystem und die deutsche Jugend. In den Sechzigern lichtete das Magazin südafrikanische Minenarbeiter mit farbenprächtiger Körperbemalung ab, während im Text ein Regierungsmitglied die Apartheid anpries. Erst Ende der Sechziger, nach Grosvenors Tod, fanden Themen wie Umweltverschmutzung und politische Konflikte ihren Weg ins Hochglanz-Heft. Es sollte noch weitere Jahre dauern, bis das Magazin kontroverse Berichte aus Krisengebieten zu veröffentlichen wagte. Ganze 71 Jahre vergingen, bevor das Inhaltsverzeichnis auf dem Titelblatt erstmals einem Bild wich. Mit Veränderung taten sich die Herausgeber zumeist schwer.

30.000 Fotos pro Auftrag

Schon 1903 wurde ein Foto zweier philippinischer Frauen gedruckt, die mit nackten Brüsten in einem Reisfeld stehen. Das Heft galt als modern, seine Interessen als offenkundig anthropologisch. Im prüden Amerika des frühen 20. Jahrhunderts wurden die Bilder zugelassen - allerdings nur, solange die Nackten keine weiße Haut hatten. Ein anderes Mal half man sogar im Fotolabor nach, um die bare Haut eines polynesischen Mädchens zeigen zu können. "Wir haben sie dunkler gemacht", erzählte der damalige Präsident der Society, Melville M. Payne, "damit sie mehr wie eine Ureinwohnerin aussah und somit zulässig war."

Auch wegen dieser Bilder wuchs die Leserschaft des "National Geographic" in die Millionen. Das Geld für die Expeditionen war da - und wurde eingesetzt. 1909 reisen Robert E. Peary und Matthew Henson als zwei der ersten Menschen zum Nordpol, 1915 legt Hiram Binghams Team die Inka-Stadt Machu Picchu frei, 1929 fliegt Richard E. Byrd als erster über die Antarktis, 1953 entdeckt Luis Marden das Wrack der 167 Jahre verschollenen Bounty, 1961 beginnt Jane Goodall eine bahnbrechende Schimpansen-Studie in Tansania und 2011 besteigt Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner als erste Frau 14 Berge von 8000 Metern Höhe ohne zusätzlichen Sauerstoff - alle gefördert durch die Society, anschaulich dokumentiert in deren Magazin.

Was mit zwei Fotografen und den Berichten von Diplomaten, Geschäftsleuten und reisenden Akademikern begann, dokumentieren heute rund 80 Bildjournalisten auf bis zu 30.000 Fotos pro Auftrag. Nur ein Bruchteil schafft es letztendlich ins Heft. Inzwischen arbeiten 140 Forscher in fast 90 Ländern an wissenschaftlichen Projekten der Society, sogar auf dem Mond wurde die Flagge der legendären Wissensgesellschaft schon gehisst. Die National Geographic Society, die an jenem Winterabend mit der Vision von 33 Männern begann, zählt heute mehr als neun Millionen Mitglieder auf der ganzen Welt.

In deren Haushalten in 170 Ländern der Erde stapeln sich die Hochglanz-Hefte mit dem charakteristischen gelben Rand, Wegwerfen gilt als Schande. Das hochwertige Papier des Magazins, so heißt es, soll bis zu 200 Jahre nicht verblassen.

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insgesamt 7 Beiträge
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Ingo Petzke, 10.10.2013
1.
Na ja, dieses sponsoring durch die NGS hatte auch Schattenseiten. So wurde zB auch in der - noch immer nicht abschliessend geklärte - Streitfrage, wer denn als Erster am Nordpol war (Cook oder Peary) massiv durch die NGS für "ihren" Forscher Stellung genommen und damit Massen-Publicity erreicht. Und eine "National Society" hört sich eher nach etwas Öffentlich-Rechtlichem als einem Club von Millionären an...
Wolf - Dieter Böhrendt, 10.10.2013
2.
Nicht vergessen: Das National Geographic Magazine erscheint in vielen Ländern! Als ich meine spätere Frau in Ungarn kennen lernte, bat sie mich, ihr ein Zeitschriften-Abo zu schenken - ich war sehr erstaunt, als ich hörte welche Zeitschrift sie haben wollte ... Danke an die Society!
Siegfried Wittenburg, 10.10.2013
3.
30.000 Fotos pro Auftrag? Das hört sich gewaltig an. Eine moderne Digitalkamara schafft dieses in 50 Minuten. Na gut, die Zeit für den Wechsel des Chips nicht mitgerechnet.
Oliver Rautenberg, 10.10.2013
4.
>30.000 Fotos pro Auftrag? Das hört sich gewaltig an. Eine moderne Digitalkamara schafft dieses in 50 Minuten. Na gut, die Zeit für den Wechsel des Chips nicht mitgerechnet. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber was ist das denn für ein Beitrag??? Um 30000 Bilder in 50 Minuten zu machen (was nicht funktioniert, da auch Hochleistungs-DSLRs nach ca. 75 Bildern in Folge "nachdenken" müssen) müssten Sie ständig im "Dauerfeuer" fotografieren. Und was hätten Sie dann? Ein Motiv in 50000 Bildern. Toll, da freut sich die Redaktion. 30000 Bilder pro Auftrag ist schon eine Menge; auch unter dem Aspekt, dass die Verschlüsse der Profikameras für ca. 400000 Auslösungen ausgelegt sind. Heisst: 13 Aufträge und die Kamera ist "durch" bzw. wartungs- oder reparaturbedürftig. Dazu kommt dann noch das nicht unerhebliche Problem, aus diesen 30000 Bilder maximal 10, vielleicht auch 20 Bilder für den Artikel auszuwählen.
Herbert Sturm, 10.10.2013
5.
>>30.000 Fotos pro Auftrag? Das hört sich gewaltig an. Eine moderne Digitalkamara schafft dieses in 50 Minuten.
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