15 Jahre Viva "Erst mal auf Sendung gehen, dann sehen wir weiter"

15 Jahre Viva: "Erst mal auf Sendung gehen, dann sehen wir weiter" Fotos
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Ein bißchen Blödelei, schon war er ein Star: Vor 15 Jahren startete mit Viva der erste deutsche Musiksender. Nilz Bokelberg war damals einer der drei Moderatoren. Auf einestages erzählt er von seinen ersten Wochen als TV-Pionier - und bizarren Szenen hinter den Kulissen. Von

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Ein früher Donnerstagmorgen in Köln-Ossendorf, dem vermutlich trostlosesten Industriegebiet Deutschlands. Es war der 11. November 1993, und ich saß im Konferenzraum eines neuen Musiksenders. Er sollte Viva heißen und das deutsche Pendant zu MTV werden. Außer mir hockten noch ein hibbeliges, wunderschönes Mädchen und ein durchtrainierter Typ mit Rastalocken dort. Er hieß Mola, sie hieß Heike. Wir wurden geschminkt, dann interviewt, zuletzt wurden Fotos von uns gemacht. Bei den Bildern ging ich davon aus, dass sie mal ein ordentliches von mir brauchten. Denn bei meiner Bewerbung lag eines bei, auf dem meine Augen mit schwarzem Filzstift übermalt waren. Ich hatte gerade kein anderes zur Hand.

Heike war aufgeregt und sagte: "Dass die Fotos machen, bedeutet, dass wir so gut wie genommen sind!" Mola lachte auf, ich guckte sie irritiert an - und fragte mich, ob sie wohl einen Freund hat. Als nächstes wurden wir in das Zimmer von Christoph Post gebeten, dem ersten Programmdirektor des Senders. Wir setzten uns vor seinen improvisierten Schreibtisch in seinem improvisierten Büro. Und alles, was er vor und nach dem Satz "Wir möchten gerne, dass ihr drei die ersten Gesichter von Viva seid!" sagte, habe ich vergessen. Ich war beim Fernsehen. Mit 17. Ich konnte es nicht fassen.

Wer hätte das schon geahnt? Nur zwei Tage zuvor war ich eigentlich ohne große Erwartungen zum Casting gegangen. Für mich ging es ja um nichts, ich war noch Schüler. Alle anderen Kandidaten waren supernervös. Und im Schnitt fünf Jahre älter als ich. Klar, die wollten den Job. Ich war froh, überhaupt mal ein Casting mitmachen zu dürfen. Ich kannte das ja nicht, Castingshows sollten erst Jahre später erfunden werden.

Für die Grönemeyers dieser Welt

Dementsprechend stand ich auch im Studio und zog meine Show ab, wie ich das immer machte. Frei nach Schnauze, vielleicht ein bisschen zu sehr von Helge Schneider beeinflusst, der zu der Zeit mein absoluter Held war. Ich machte mir einen Spaß aus der ganzen Situation. Dann gab es ein "Danke schön!" aus den Lautsprechern der Regie und das war's. Und nur 48 Stunden später war ich plötzlich Moderator bei einem brandneuen Fernsehsender.

Die Idee hinter Viva? Alles anders machen. Musikfernsehen auf deutsch. Jugendliche, die wegen ihres kümmerlichen Schulenglischs nur ein Drittel der Moderationen auf MTV verstanden, wollten wir glücklich machen. Und endlich sollte es auch eine ordentliche Plattform für deutsche Bands geben. Für die Ärzte, für die Fanta 4, für die Grönemeyers dieser Welt. Soweit der Plan, jetzt ging es an die Umsetzung.

Nur ein paar Tage später nahmen wir die ersten Shows auf. Die Eröffnungssendung wurde in einer schrecklichen Dachbodendeko aufgenommen. Kein Witz. Im Studio wurde ein kompletter Dachboden aufgebaut, der künstlich auf alt gemacht worden war. Ich weiß auch nicht, wer die Idee hatte, dass man mit so einem Set perfekt einen Jugendsender repräsentieren könnte. Immerhin: Die Dekos und Hintergründe waren zu Beginn von Viva eigentlich das einzige, woran man die unterschiedlichen Sendungen erkennen konnte. "Erst mal on air gehen, dann kann man ja noch was draus machen", war das Motto der ersten Monate. Wir haben also eigentlich öffentlich geprobt.

Meine Mütter, die Weather Girls

Am Tag des Sendestarts standen wir vor dem Studio, vor dem ein kleiner Monitor hing und starrten auf den Bildschirm, als das Programm losging. Unsere erste Sendung war natürlich das hölzernste, was man seit Pinocchio gesehen hat. Aber das war egal, wir hatten endlich angefangen! Es gab Sekt, es war trostlos, aber wir haben alle angestoßen. Christoph Post, Heike Makatsch, Mola Adebisi, Dieter Gorny, ein paar Redakteure und ich. Jetzt sollte es losgehen, der Anfang war gemacht, und das erste Musikvideo sollte Bände sprechen: Die Fantastischen Vier mit "Zu geil für diese Welt".

In den Redaktionsräumen ging es zu dem Zeitpunkt noch drunter und drüber. Überall standen Umzugskisten. Unser Programmdirektor saß lange Zeit hinter einer riesigen Wand aus Kartons. Alle anderen stürmten zwischen den Tischen hin und her. Es gab schon einzelne Sendungen, wie die News zum Beispiel, nur Aufgabengebiete gab es noch keine. Jeder hat alles gemacht. Und abends saßen wir oft bis tief in die Nacht im Büro und quatschten oder hörten uns die neuen Promo-CDs an, die reingekommen waren.

Es war eine Pionierstimmung: Wir machen hier etwas Neues, wir machen hier etwas Besonderes. Und das Schönste war: Wir konnten machen, was wir wollen. Das erste Jahr bei Viva war die Zeit des großen Ausprobierens. Wie weit kann man gehen? Wir drehten zum Beispiel einen total absurden Beitrag über die Weather Girls. Dessen Geschichte war, dass die Sängerinnen meine Mütter seien und ich nach der Schule nach Hause kam, wo sie mir erst mal etwas vorsingen.

Ich durfte auch meine Lieblingsband "Throw that beat" interviewen, die auch damals kaum jemand kannte, und lernte die Fantastischen Vier kennen. Dass in den Anfangstagen von "Interaktiv", einer Show mit Zuschauerbeteiligung, die Redakteure selber oder deren Freunde im Studio anriefen, damit man überhaupt irgendwen in der Leitung hatte - geschenkt. Wir hatten unglaublichen Spaß.

Ein Knallergag mit Harald Juhnke

Ich erinnere mich noch, dass ich mal mit einem Redakteur den Piloten für eine Kinosendung gedreht habe. Für die Moderationen sind wir dann extra auf eine Filmpremiere gefahren, ich glaube es war "Alles auf Anfang" mit Harald Juhnke. Ich jung, flippig, mit dicker Pudelmütze auf dem Kopf. Juhnke im Mantel, schicker Schal und mit elegantem Hut. Ich muss auf ihn gewirkt haben wie Schlupp vom grünen Stern.

Jugendlicher Übermut brachte mich natürlich dazu, in das Interview erst mal mit einem Knallergag einzusteigen oder zumindest das, was ich dafür hielt. Ich ging also mit der gelben Viva-Handgurke zu Deutschlands größtem Entertainer und sagte: "Harald, du bist ja schon ein alter Showhase. Sind solche Premierenfeiern überhaupt noch interessant für dich?" Und er sagte mit der Eleganz, die nur dieser deutschen Mischung aus Dean Martin und Berliner Schnauze zu eigen war: "Du bist ein alter Showhase, ich nicht!"

Und dann kam die Außenwahrnehmung. Das Magazin "Tempo" ließ einen Redakteur 24 Stunden Viva gucken. Er war nicht so wirklich begeistert. Ein "Bild am Sonntag"-Redakteur lud mich abends in Hamburg auf eine Party ein, um mich in der folgenden Ausgabe in die Pfanne zu hauen. Nach dem Motto: "Er ist erst 17 und trinkt schon. Macht das Fernsehen ihn kaputt?" Als ich ihn wiedertraf, sagte er, er habe das nur gemacht, um mir zu zeigen, wie sehr man aufpassen muss. Ist klar.

Sachen wie Image

Plötzlich musste man sich auch Gedanken um Sachen wie "Image" machen. Als ich einmal in einer Moderation sagte, Genesis seien ja irgendwie Scheiße, musste ich nach der Ausstrahlung ins Büro des Geschäftsführers. Die Autoren stellten sich vor mich, sie hatten den Text immerhin geschrieben, ich hatte ihn nur vom Teleprompter abgelesen. Aber ich war ja verantwortlich für das, was ich in den Shows sagte. "Wir finden nichts scheiße, was bei uns stattfindet", bekam ich zu hören. Damit war klar: Der Kindergeburtstag ist vorbei, ab jetzt soll hier professionelles Fernsehen gemacht werden.

Und damit ging der Spaß erst richtig los. Der "Comet", der Musikpreis von Viva, wurde eingeführt, ich bekam eine Art Late-Night-Sendung und Heike ihre erste Rolle in Bucks "Männerpension". Es war eine wunderbare Zeit. Ich habe viel gelernt und gesehen, Menschen getroffen und Freunde gewonnen. Und: Ich bin ein klitzekleines Stückchen der großen deutschen Fernsehgeschichte. Das ist doch irgendwie cool.

Nach vier Jahren hat es mich aber trotzdem weitergezogen. Wenn ich heute gefragt werde, warum ich damals bei Viva weggegangen bin, dann antworte ich immer: "Weil ich dachte, es gibt sicher auch noch andere Dinge auf der Welt, als DJ Bobo anzusagen." Aber damit tu ich der Zeit unrecht. Denn mit Viva zu starten war viel mehr. Ein riesengroßes Medienlabor. Das mittlerweile so glattgebügelt ist, dass man wieder auf etwas Neues wartet. Und wenn meine Kindeskinder mich mal fragen, warum ich Viva denn nicht verhindert hätte, dann werde ich sagen: "Es war nicht alles DJ Bobo."


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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Bert Huber 01.12.2008
Aber der erste deutsche Musiksender war Viva nicht. Das war schon 10 Jahre vorher Musicbox (später Tele 5).
2.
Phil Winter 01.12.2008
Böse ausgedrückt: Viva verkörpert auf grausamste Weise die Auswüchse der 90er Jahre. Viel interessanter wäre doch mal ein Artikel über Viva 2. Denn das war WIRKLICH eine Revolution! Ein Programm, dass sich jahrelang fast ausschließlich auf kleine Sparten kozentrieren konnte.
3.
Björn Peinemann 01.12.2008
Rückblickend muss man sagen: Viva war in den ersten Tagen peinlich, aber authentisch - und: teilweise sogar grandios. Man denke nur an den sogenannten Zuschauer der Woche in Stefan Raabs TV-Debut Vivasion. Und für mich als Heranwachsender zur damaligen Zeit ein wunderbares Mittel der sozialen Distinktion: Allein schon, weil meine Eltern diesen Sender hassten (insbesondere Stefan Raab), wurde er für mich zum Pflichtprogramm.
4.
Christian Matzen 01.12.2008
Wer hat denn behauptet, der Comet gehe ausschließlich an nationale Künstler? (Text zu Foto 9/12) Schon in der ersten Verleihung waren unter den Preisträgern Briten (Massive Attac), Iren (The Kelly Family) und Italiener (das Modelabel Diesel). In der zweiten Verleihung kamen dann auch schon die Kategorien "Newcomer International", Act International", "Video International" und "Dance Act International" dazu. Dies soll in keinster Weise rassistisch gemeint sein, es soll lediglich eine Falschaussage richtig stellen!
5.
Turkish Deelite 01.12.2008
VIVA hat damals das verkörpert, was youtube & Co. heute im Geiste fortgesetzt haben. Erst mal machen, den vielen guten Ideen einen Nährboden geben und schauen, welche zierliche Pflanze zu einem kräftigen Stamm erwächst. Auch wenn ein klares Nutzungskonzept nicht direkt ersichtbar war. Als Aussenstehender kann man kaum ermessen, gegen welche Widerstände so ein Projekt durchgesetzt werden musste. Bedenkenträger und Nörgler gab es zuhauf. Aber ein Haufen Pioniere, Visionäre, Kreative, Verrückte, Geschäftsleute usw. hat es geschafft einen Meilenstein in die TV Geschichte zu rammen.
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