150 Jahre Alpine Club Wer steigt, der bleibt

150 Jahre Alpine Club: Wer steigt, der bleibt Fotos
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Er zählt zu den exklusivsten Clubs der Welt: Wer im Alpine Club Mitglied werden will, muss 20 schwere Berggipfel erklommen haben. Exzentrische Briten gründeten den Verein vor 150 Jahren - noch heute umgibt ihn ein Geheimnis: Seine Mitglieder leben angeblich länger als andere Menschen. Von

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Dass der Mann sich angeseilt hat, wirkt wie ein Zugeständnis - ansonsten ist er gekleidet wie zu einem Sonntagsspaziergang: roter Rollkragenpullover, grüne Barbourjacke, Stoffhut mit breiter Krempe und Lederband. So steht Doug Scott, 66 Jahre alt, auf dem Gipfel des Breithorns, 4164 Meter hoch. Der Wind jagt Graupelschauer über das ewige Eis, die Kälte schmerzt im Gesicht wie Nadelstiche. "Ich komme aus Nottingham", sagt Scott. "Wir frieren nicht."

Die undurchdringlich grauen Wolken haben das Matterhorn verschluckt, das im Nordwesten in den Himmel ragt. Vom Monte-Rosa-Massiv ist ebenso wenig zu sehen wie von den Häusern von Zermatt, die 2500 Meter unter uns liegen. Nur so viel ist zu erkennen: Auf dem Breithorn steht ein halbes Dutzend Männer.

Alle in der Gruppe stammen aus dem Hochadel des britischen Alpinismus -.und sie sind in die Schweizer Alpen gekommen, um sich selbst zu feiern: 150 Jahre ist es her, seit am 4. Dezember 1857 elf Briten den ältesten Bergsteigerverein der Welt gründeten.

Ein Bürge und zwanzig Berge

Der Name des Clubs entsprach dem Selbstbewusstsein der damaligen Weltmacht England: Er heißt schlicht und allumfassend "Alpine Club", eine nationale Beschränkung in Anspruch und Emblem hielt man nicht für nötig.

Das blieb den anderen vorbehalten, die mit einiger Verzögerung das britische Vorbild nachahmten: Sieben Jahre später wurde der "Schweizer Alpen-Club" gegründet, der "Deutsche Alpenverein" folgte erst 1869. Heute hat der Alpine Club 1200 Mitglieder, der Jahresbeitrag beträgt 35 Pfund - bescheidene 54 Euro.

Doch in sportlicher Hinsicht ist der Club bis heute elitär geblieben. Wer Mitglied werden will, muss einen Bürgen benennen - und eine Liste von zwanzig anspruchsvollen Bergen vorweisen, die er bereits bestiegen hat.

Doug Scott etwa hat 1975 als erster Engländer den Mount Everest bestiegen. Er wählte die schwierige Route durch die Südwestwand, und weil er im schweren Schnee langsamer vorankam als geplant, legte er eine ungewollte Premiere hin: Er musste bei 40 Grad unter Null auf dem Gipfel übernachten. Zelt oder Schlafsack hatte er nicht dabei, lediglich einen kleinen Ofen. "Mit dem haben wir Schnee geschmolzen", sagt er."Zum Schlafen haben wir uns halt einen Tunnel gegraben." Auf den Fotos von damals trägt Scott schwarzes Haar und einen wilden Vollbart. Heute ist er rasiert, und weiße Strähnen hängen nachlässig um ein Gesicht, das sich erstaunlich glatt gehalten hat.

Alpine-Club-Mitglieder leben länger

"Unsere Mitglieder leben im Schnitt sieben Jahre länger als der normale Engländer - wenn sie nicht abstürzen, bevor sie 40 geworden sind", sagt der Sekretär des Clubs. Er heißt auch Scott, Martin Scott, und steht neben dem Haudegen vom Everest auf dem Breithorn. Der zweite Scott passt weit besser ins Bild eines zeitgemäß ausgerüsteten Bergsteigers: Gletscherbrille und Gamaschen, rote Jacke aus wasserdichter Kunstfaser.

Doch auch er legt dem Wetter gegenüber einen gewissen Trotz an den Tag und verzichtet auf eine Mütze. Weißer Graupel bedeckt sein zerzaustes graues Haar. "Doug war schon immer eine Persönlichkeit", sagt der Sekretär mit bewunderndem Unterton über seinen Clubkameraden. Ihren Jubiläumsausflug ins Wallis nennen sie "Alpine Extravaganza".

Zur Jubiläums-Seilschaft gehört auch der Schriftführer Stephen Goodwin. Er gibt das Jahrbuch des Clubs heraus, von dem er mit heruntergespieltem Stolz berichtet, dass es ein Jahr länger existiert als das legendäre Cricket-Journal "Wisden". In der 111. Ausgabe hat er die 18 Viertausender rund um Zermatt aufgelistet, deren Erstbesteigung Clubmitgliedern gelang ist.

Gipfelsturm und Todessturz

Die letzte davon trug - auf verquere Weise - wohl am meisten zur Verbreitung des Alpinismus bei: Das Matterhorn galt als unbezwingbar, bis das Clubmitglied Edward Whymper am 14. Juli 1865 schließlich auf dem Gipfel stand. "Um 13.40 Uhr lag die Welt zu unseren Füßen", notierte er später, "das Matterhorn war erobert. Hurra!" Doch beim Abstieg stürzten vier Seilkameraden in den Tod. Ganz Europa diskutierte das Unglück. Drei Wochen später beschuldigte eine Wiener Zeitung Whymper, er habe das Seil durchgeschnitten, um sein eigenes Leben zu retten. In London wetterte die "Times" gegen das sinnlose Vergießen von "Englands bestem Blut".

Die Pioniere des Alpine Club gehörten im viktorianischen England zur oberen Mittelschicht, Juristen und Geistliche waren überdurchschnittlich vertreten. "Sie hatten die Zeit und das Geld, um auf dem Kontinent zu reisen", sagt Goodwin, "die Gentlemen folgten der Devise 'Play now, work later'" - erst das Vergnügen, dann die Arbeit.

Ehrgeizige Briten, mutige Walliser

Mit dem gemästeten Selbstbewusstsein der Angehörigen einer Weltmacht entwickelten sie ein ganz anderes Verhältnis zum Hochgebirge als es die Schweizer Bergbauern hatten. Die wären nicht auf die Idee gekommen, ihre Kraft mit dem Besteigen irgendwelcher Gipfel zu vergeuden - das Heuen und Holzfällen an den steilen Hängen war anstrengend und gefährlich genug. Bei den Müßiggängern von der Insel dagegen weckten die abweisend schroffen Berge sportlichen Ehrgeiz - sie lechzten geradezu danach, sie bezwingen.

Die Einheimischen mieteten die Sporttouristen aus Britannien als Führer und Träger. Für den Alpinismus-Pionier Sir Leslie Stephen war es gerade "Können und Mut der Schweizer Führer und der Ehrgeiz ihrer Arbeitgeber" die gemeinsam den erfolgreichen Gipfelsturm möglich machten. Bei einer Tour aufs 4274 Meter hohe Finsteraarhorn im Berner Oberland reifte 1857 die Idee, den Alpine Club zu gründen. Im "Ashley's Hotel" in London wurde sie am 22. Dezember 1857 in die Tat umgesetzt.

Die britischen Pioniere standen am Anfang des alpinen Massentourismus. Einen Meilenstein auf diesem Weg setzte der Unternehmer Thomas Cook, der 1863 die erste organisierte Reise in die Schweiz anbot - schnell wurde das kleine Alpenland für betuchte Briten zum Ferienziel par excellence.

So ist es nur konsequent, dass die Schweiz in diesen Tagen ihrerseits den Alpinisten von der Insel ihre Reverenz erweist. Heute, am 4. Dezember findet die Reihe der Feiern zum 150-jährigen Jubiläum des Alpine Club ihren Abschluss mit einem Empfang der Schweizer Botschaft in London.

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1.
Thilo Weitzel, 05.12.2007
Du sollst nicht Statistik missbrauchen .... ! NATÜRLICH leben dieses Leute im Mittel länger als der Bevölkerungsdurchschnitt, "wenn Sie nicht abstürzen". Die Mitglieder sind vermutlich eher wohlhabend und der Anteil chronisch kranker oder schwer übergewichtihtiger Menschen ist in dieser Gruppe vermutlich eher gering. Es ist damit eher verwunderlich, dass die Alpinisten im Mittel _nur_ 7 Jahre älter werden als der Bevölkerungsdurchschnitt....
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