Arbeiteraufstand in der DDR Klassenkampf in der Grundschule

Arbeiteraufstand in der DDR: Klassenkampf in der Grundschule Fotos
Ursula Bach-Puyplat

Mit Holunderbeeren gegen Panzer: Am 17. Juni 1953 gingen in der DDR nicht nur wütende Arbeiter auf die Barrikaden. Auch Ursula Bach-Puyplat probte den Aufstand gegen Ulbricht. Mit ihren Mitschülern zerstörte die Zehnjährige ihren Klassenraum. Dann griff die Sowjetarmee ein. Von

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Ich erinnere mich noch gut an diesen Sommer 1953. Wir wohnten damals in Helbra, im Mansfelder Land. Ich war zehn Jahre alt und spielte oft draußen mit meinen Freunden, als wir diese Flugblätter fanden. Stolz brachte ich eines dieser Blätter heim - ich war überzeugt, zu Hause würde ich damit allen eine Freude bereiten. Daheim konnten sie nun lesen, worüber sie sonst nur hinter vorgehaltener Hand im Flüsterton sprachen.

Tatsächlich zeigten zu Hause alle Interesse an "meinem" Flugblatt, doch überflogen sie den Text, der da in deutscher und russischer Sprache stand, so schnell, als befürchteten sie, beim Lesen bespitzelt zu werden. Nach der flüchtigen Lektüre verbrannten sie das Blatt unverzüglich im Ofen, und mir wurde verboten, je wieder ein Flugblatt auch nur aufzuheben, geschweige denn, es mit nach Hause zu bringen. Erst später wurde mir bewusst, dass es sich dabei um Appelle an die Bevölkerung handelte, sich von dem aufgedrängten sowjetisch-kommunistischen Regime zu befreien.

Etwas Großes bahnt sich an

Ich verstand wenig von Politik, doch am Vorabend des 17. Juni 1953 ahnte auch ich, dass sich ein gewaltiges politisches Ereignis anbahnen musste. Denn Unruhe, Spannung und freudige Erwartung auf Veränderung lagen in der Luft.

Am nächsten Tag erfuhren meine Familie und ich dann über den Sender RIAS-Berlin - stärker gestört als sonst - vom Beginn des Arbeiteraufstands in der Hauptstadt. Und gespannt verfolgten wir die Berichte über dessen Ausweitung auf das gesamte DDR-Gebiet. Unsere Kreisstadt Eisleben mit dem Mansfelder Kupferbergbaugebiet wurde im RIAS genannt, was mich in helle Aufregung und vor allem in Angst um meine Mutter versetzte, die sich zu geschäftlichen Besorgungen in Eisleben aufhielt.

Doch meine Mutter kam am Abend unversehrt nach Hause - acht Kilometer zu Fuß, weil der gesamte Busverkehr zusammengebrochen war - und berichtete aufgeregt von den Ereignissen. Oberschüler waren durch die Stadt marschiert und hatten ihre FDJ-Hemden ausgezogen und zerrissen. Bergleute waren von ihren Schächten aus zum Eislebener Marktplatz gezogen. In Sprechchören forderten sie: "Spitzbart muss raus!" und meinten damit den Rücktritt Ulbrichts. Meine Mutter bewunderte den Mut "dieser Leute" und war erstaunt, dass niemand eingriff, selbst die russischen Panzer, die sofort angerollt kamen, hielten sich zurück. Das Nichteingreifen deutete mein Großvater als ein gutes Zeichen. Er meinte: "Die wagen es nicht zu schießen, weil sie befürchten, dass dann die West-Alliierten intervenieren würden. Das ist unsere große Chance."

Angesteckt von der Hoffnung auf eine Annäherung an den Westen, ja sogar eine Wiedervereinigung, die ich aus den Gesprächen der Erwachsenen heraushörte, fragte ich am nächsten Morgen gleich nach dem Erwachen ganz aufgeregt, ob wir inzwischen schon zum Westen gehörten. Meine Mutter erklärte mir, dass weiter gestreikt und auch gekämpft würde. Tatsächlich war der Aufstand der Massen in einen spontanen, unorganisierten Kampf übergegangen.

Aufstand der Viertklässler

Es war mitten in der Woche, ich musste zur Schule. Ich ging in eine vierte Klasse der Pestalozzi-Grundschule in Helbra. Meine Mitschüler und ich waren außer Rand und Band. In unserem Klassenzimmer fand ein Aufstand im Kleinen statt. Die Jungen rissen die Fotos von Stalin, Pieck und Ulbricht von den Wänden. Einer hielt das Konterfei von Walter Ulbricht hoch und rief: "Das ist Spitzbarts Ende!" Daraufhin warf er es in den Papierkorb - samt Glas und Rahmen - und zertrat es mit seinen Füßen.

Auch wir Mädchen beteiligten uns an der Zerstörung - vor allem der Friedensecke. So eine Friedensecke durfte in keinem Klassenzimmer fehlen. Sie bestand aus einem Tisch mit rotem Fahnentuch, auf dem Zeitungsartikel über die "großen Errungenschaften des Sozialismus" sowie schriftliche Verpflichtungen der Arbeiter zur Planerfüllung und auch Verpflichtungen der "Jungen Pioniere" dekorativ ausgelegt waren.

Ab und zu schauten Lehrer ins Klassenzimmer, aber auch sie griffen nicht ein, verhielten sich abwartend. Ich konnte mit anhören, wie zwei Lehrerinnen beratschlagten, ob sie das Treiben ihrer Schüler unterbinden sollten oder nicht. Sie beschlossen, es laufen zu lassen, weil man ja nicht wüsste, wie's ausgehen würde. Unterricht fand an diesem Tag nicht statt.

Wir Kinder fühlten uns bei unseren gemeinsamen Zerstörungsaktionen stark und erwachsen. Die gesamte politische Tragweite der Ereignisse des 17. Juni 1953 war uns in unserer kindlichen Naivität nicht bewusst, dennoch war uns klar, dass da etwas Großes passiert, an dem wir teilhaben wollten.

Bautzen statt Wiedervereinigung

Das sowjetische Militär verhängte unterdessen den Ausnahmezustand über zahlreiche Landkreise unter Androhung von Waffengewalt gegen sich widersetzende Demonstranten. Sowjetische Panzer standen den Aufständischen nun vielerorts gegenüber. Am Nachmittag des 18. Juni wurde dann schließlich auch für uns jede Illusion eines vereinigten Deutschland zunichtegemacht. Lastwagen brachten sowjetische Soldaten in unseren Ort. Sie schwärmten aus, um sich in den Straßen und Gärten zu verteilen und wieder für Ordnung zu sorgen.

Angst und Unsicherheit machten sich breit - in einem Ausmaß, das schlimmer war als je zuvor. Auch die Soldaten wirkten zum Teil unsicher - freilich nicht deshalb, weil wir Kinder sie übermütig vom Dachboden des Hauses einer Freundin durch Pusterohre mit Holunderbeeren bombardierten.

In unserer Familie und im engsten Freundeskreis wurden die Gespräche nun wieder im Flüsterton geführt und ich erlauschte, dass der eine oder andere Bekannte nachts abgeholt wurde. Wie sich herausstellte, wurden sie in die berüchtigte Haftanstalt Bautzen gebracht. Selbst wir Kinder verstanden, dass dies ein Ort des Schreckens, der Angst und Hoffnungslosigkeit war. Damit war besiegelt, was mit der Niederschlagung der Aufstände vom 17. Juni 1953 deutlich wurde - unsere Hoffnung auf eine Wende war zerstört.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
Karli Mehra, 18.06.2012
Hatte das Zerstoeren der Bilder etc. in der Schule Konsequenzen nach der Niederschlagung des Aufstands?
2.
Gerd Weghorn, 19.06.2012
1953 befand sich Deutschland quasi im Kriegszustand: es gab nur einen Waffenstillstandsvertrag, keine deutsche Souveränität und die Strategie der westdeutschen und der US-Eliten, (auch) das "sozialistische Lager" zur bedingungslosen Kapitulation zu zwingen, also dem SU-Prinzip der "friedlichen Koexistenz" unterschiedlicher Staats- und Gesellschaftssysteme keine Chance einzuräumen. Sehr informativ dazu ist das Interview mit Egon Bahr (SPD) http://das-blaettchen.de/2012/06/im-gespraech-mit-egon-bahr-12607.html
3.
Georg Schmidt, 10.06.2013
naja, schon letztes Jahr war das Echo in den Medien zur Erinnerung an dieses Ereignis nicht besonders gross, Herr Gauck war in hamburg und erwähnte diesen Volkaufstand in einer Rede so nebenbei !
4.
Georg Schmidt, 10.06.2013
klarname Schmidt Georg, also nochmal, der Aufstand 1953 ist praktisch niemanden in Erinnerung, selbst Herr Gauck fand ihn nicht gross erinnerungswert, wie üblich haben Arbeiter den Kopf hingehalten-Leute, wie Berthold Brecht, schauten erst mal aus den Kulissen, wer denn dei Oberhand gewann, dem Sieger wurde zugejubelt!
5.
Albert Aczél, 10.06.2013
Tut mir leid, aber ich kann die - auch nachträgliche - Glorifizierung des Arbeiteraufstands nicht nachvollziehen. Der Auslöser war ganz klar materieller Natur: eine Normenerhöhung bedeutete im Juni 1953 weniger Geld im Portemonnaie. Es war wohl weniger der unbändige Freiheitswille der damaligen Bewohner der SBZ - Deutschland und Revolution passt irgendwie nicht zueinander. Anders als in Polen, Ungarn und in der Tschechoslowakei, wo es regelrechte Volksaufstände gegen das kommunistische Regime gab. Trotzdem wurde der 17. Juni, der in der alten BRD ein offizieller Feiertag war, immer als ein heldenhafter Aufstand eines ganzen Volkes gegen den Kommunismus zelebriert. Das half dann wohl eher der Nachkriegs-CDU in den Wahlkämpfen.
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