18 Jahre nach dem Mauerfall Deutschland wird volljährig

18 Jahre nach dem Mauerfall: Deutschland wird volljährig Fotos
Christian Bollert Marcus Engert

Tom aus Leipzig, Julia aus Frankfurt am Main und Maria aus Grimmen haben eines gemeinsam: Sie wurden alle am 9. November 1989 geboren. 18 Jahre nach dem Mauerfall werden sie volljährig - und haben ganz unterschiedliche Vorstellungen von ihrem Heimatland. Was ist Ihr Bild von Deutschland? Zeigen Sie es einestages!

Von Christian Bollert und Marcus Engert

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Barbara Günther und ihre Zimmergenossin schauen ungläubig aus dem Fenster des Waschraums im Volkspolizei-Krankenhaus in Berlin - nur wenige Meter vom Checkpoint Charly entfernt. Es ist der 10. November 1989. Die beiden schütteln den Kopf. Die Eishalle, auf die sie schauen, war für sie noch vor 24 Stunden unerreichbar. Das Krankenhaus ist fast leer, kaum einer der Ärzte ist heute zum Dienst erschienen. Am Abend zuvor ist in Berlin die Mauer gefallen. Barbara Günther realisiert das erst jetzt. Denn am Abend des 9. November lag sie im Kreißsaal.

Ihr Sohn Tom Günther erblickt um 18:06 Uhr das Licht der Welt. Günther Schabowski hat gerade erst auf der legendären Pressekonferenz Platz genommen. Eigentlich soll er als Sprecher des SED-Zentralkomitees lediglich eine Ministerrats-Beschlussvorlage der Öffentlichkeit vortragen. Es geht um die Ausreise von DDR-Bürgern. Was Schabowski in diesem Moment noch nicht ahnt: Nur wenige Stunden später tanzen DDR-Bürger auf dem Ku'damm.

Tom in Leipzig

Heute wohnt Tom Günther in einem kleinen Ort im Süden Leipzigs. Seine Ausbildung zum Ergotherapeuten hat er gerade abgebrochen. Er interessiert sich für Kalligraphie und für Israel. "Ich bin faul", sagt er mit einem schelmischen Lächeln und schaut auf das Poster seiner Freundin. Sie macht gerade eine Ausbildung zur Optikerin - in Marburg. Tom will hier bleiben. Hier in Belgershain: "Eine Kirche, ein Bäcker und vier Zigarettenautomaten - für jeden Ortsausgang einen." Er und seine Freunde nennen Belgershain liebevoll das "Inzestdorf". "Hier ist es viel herzlicher als in Berlin", sagt er "Hier kennt wirklich jeder jeden. Ich finde das einfach sehr angenehm. Außerdem liebe ich diese Ruhe." Ruhe ist auch das, was Tom sich für sein Leben wünscht. Er will alles "gediegen" angehen. Grundsätzlich sollten die Deutschen aus seiner Sicht entspannter sein.

Julia in Frankfurt/Main

Das findet auch Julia. Julia ist ebenfalls am 9. November 1989 geboren worden - allerdings auf der anderen Seite der Mauer, 500 km von Tom entfernt in Frankfurt am Main. Heute wohnt sie mit ihrer Familie in einer Altbauwohnung in Rödelheim, direkt am Park. Beim Stichwort "Deutschland" denkt sie vor allem an die WM 2006. "Ich fand, dieser Sommer war was Schönes. Die Lehrer waren viel netter, haben nicht so viele Hausaufgaben aufgegeben. Es war 'ne ganz andere Stimmung. Jeder war gut drauf." Julia sieht heute die Zeit während der WM als Skizze: "Das war ein Ansatz, wie man in ein paar Jahren leben könnte." Julia freute sich auch über die Deutschlandfahnen an allen Häusern, während ihre Eltern da eher Bauchschmerzen hatten. Sie haben ein anderes Verhältnis zu Deutschland. Sie haben es anders erlebt.

"Ich fühl mich wohl hier in Frankfurt und lebe gerne hier", sagt Julia. "Aber es ist nie wieder so geworden wie es damals als Kind war." Als Kind lebte Julias Mutter zehn Jahre lang in der DDR. Die Familie floh 1961 aus der Bundesrepublik. Der Grund: Der Großvater war Mitglied in der verbotenen KPD. Die DDR war für viele ein Gefängnis. Doch für Julias Familie wurde der Staat, den Julia nie erlebt hat, zum Zufluchtsort. Julias Mutter Renate Marquardt erinnert sich deshalb gern zurück: "DDR war für mich zu dem Zeitpunkt Heimat und ist es auch danach sehr lange noch gewesen. Und das ist nie wirklich ersetzt worden."

Maria in Grimmen

Heimat ist die DDR auch für Familie Seidel. Regina und Leonhard Seidel sind in diesem Staat aufgewachsen. Als Regina Seidel mit ihrer frischgeborenen Tochter Maria in Grimmen, Mecklenburg-Vorpommern, im Kreißsaal lag, stand die Mauer noch: "Die Geburt lief ganz entspannt, mein Mann war schon wieder weg. Da kam die Schwester ganz aufgeregt in den Kreißsaal. Ich hatte Maria noch im Arm, und die Schwester sagte: 'Frau Seidel, wissen Sie was passiert ist? Die Mauer ist gefallen!' 'Das glaub ich nicht', antwortete ich. 'Doch', sagte sie, 'das ist so, das kam eben gerade im Fernsehen.'"

Die Seidels waren anfangs voller Euphorie, wie so viele. Zwei Jahre später verlor Regina Seidel ihren Job. Arbeitslos ist sie bis heute. Leonhard Seidel schlägt sich seit der Wende mit diversen Jobs durch. Er arbeitete als Heizungsbauer, verputzte Fassaden, sortierte Baustoffe. Momentan fährt er für eine Spedition Lkw. Drei Kinder, ein Verdiener - die Familie lebt nur knapp über dem Existenzminimum. Sie machen trotzdem weiter.

Mittlerweile wohnt Maria nicht mehr mit ihren zwei Brüdern in einem Zimmer. Sie hat jetzt ein eigenes. Und die Polsterecke, die sie sich immer gewünscht hat. Seit sieben Jahren werkeln die Seidels nach Feierabend an ihrem Haus. Während draußen Papa die Fassade verputzt, übt Maria drinnen auf ihrer Querflöte. Das Musikinstrument hat ihr Reisen nach Littauen, Estland, Lettland und Bayern ermöglicht. Sie spielt im Orchester, Musikerin werden will sie aber nicht. "Ich würde gern irgendwas mit Fotografie machen", sagt sie. "Irgendwo in der Nähe." Auf jeden Fall will sie hier bleiben, vielleicht eine Ausbildung bei einem Fotografen machen. Ihre Eltern unterstützen sie dabei, aber eines ist klar: "Studieren kommt leider nicht in Frage. Das können wir uns nicht leisten."

"Heute muss man flexibel sein

Julia in Frankfurt am Main dagegen wird studieren, so wie auch ihre Eltern: "Studieren gibt einem eine größere Sicherheit, dass man später mal was findet und fest angestellt wird, als wenn man nur eine Ausbildung hat", sagt Julia. "Heutzutage musst du ständig flexibel sein und darfst dich nicht groß beklagen, dass du so lange arbeiten musst. Oder wenn man mal heute nach Peking fliegen muss und morgen nach New York. Das hat schon einen gewissen Reiz, aber irgendwann hat man vielleicht die Schnauze voll. Man hat kein zu Hause, wo man hingehört, weil man ständig auf Achse ist."

Das beobachtet Julia auch schon bei ihren Eltern: Beide kommen in den letzten Jahren immer später nach Hause. Ihr Vater arbeitet bei der Deutschen Bank, ihre Mutter beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Julia hat Angst, dass sie irgendwann noch mehr arbeiten muss. Ihren Freundinnen geht es nicht anders: "Wir reden schon darüber, was die Politiker einführen", sagt sie. "Was sie von uns verlangen oder einführen werden, was uns dann betrifft. Rente mit 70 zum Beispiel. Da sind wir diejenigen, die es dann ausbaden müssen." Dabei träumt Julia von einem Jetset-Leben: "Ich würde gern die kurzen Sommer in Schweden verbringen und die Winter vielleicht in Kanada. Auf jeden Fall möchte ich mich nicht auf einen Ort festlegen wollen, das wäre viel zu langweilig. Vielleicht so zwei bis drei Orte im Jahr, wo man immer ist. Aber das ist nur ein Wunschtraum."

Mit 18 im globalen Wettbewerb

Träume haben auch Maria und Tom: Maria will gern einmal nach Australien, Tom schon mit 35 in den Ruhestand. Mag auch manches nicht realisierbar sein, fest steht: Dieser Generation stehen unendlich viele Wege offen. Keine Generation vor ihnen hatte je so viele Möglichkeiten. Doch diese Masse an Chancen verwirrt sie auch. Kaum einer dieser jungen Deutschen weiß, was er später einmal machen will. Sie haben sie - die Qual der Wahl. Schon mit 18 stehen sie im globalen Wettbewerb und sie wissen das. Julia denkt deshalb manchmal wehmutsvoll an die unbeschwerten Jahre zurück: " Ich erinnere mich gern zurück, an die Zeit, als ich sechs Jahre alt war, kurz vor der Schule. Die ganze Zeit nur bei den Großeltern, Kekse gebacken oder im Sand gespielt. Aber die Kindheit ist auf jeden Fall vorbei."

Im Jahr 2007 leben die jungen Deutschen in einem wiedervereinigten Land mitten in Europa. Sie lesen in ihren Schulbüchern von den Achtundsechzigern, vom Sozialismus, vom Mauerfall. Erlebt haben sie das alles nicht. Ost und West - das sind für sie Himmelsrichtungen. Weder Julia noch Tom noch Maria unterscheiden zwischen Ossis und Wessis. Nicht einmal Stereotype fallen ihnen ein. Die Kinder des Mauerfalls werden erwachsen. Politik interessiert viele von ihnen nicht besonders, aber wählen wollen sie alle. Dabei erscheinen ihnen die Parteien als diffuse Gebilde. "Ich find's erschreckend, dass da so ein Hickhack zwischen den Parteien abläuft", schimpft Julia aus Frankfurt am Main. Dass da nicht an einem Strang gezogen wird, das kann auch nicht sein. Die sollten eigentlich ein Ziel haben, nämlich Probleme in Deutschland zu lösen. Und nicht sich gegenseitig fertig zu machen. Die stehen sich doch nur selbst im Weg." Aus ihrer Sicht können die Erwachsenen eine ganze Menge von den jetzt 18-Jährigen lernen: "Wir haben so eine gewisse Leichtigkeit. Die sind immer nur negativ. Die sehen immer nur das Schlechte."

"Ich will alles besser machen"

Leichtigkeit und Lebensfreude - das will sich auch Tom aus Belgershain bei Leipzig bewahren. Er will in den Tag hinein leben. Das hat er aus seiner persönlichen Familiengeschichte gelernt, aus dem Zoff seiner Eltern. Denn als seine Mutter am 10. November 1989 im Waschraum des VP-Krankenhauses stand und ungläubig auf die Eishalle im Westen blickte, war ihr noch nicht klar, dass am 9. November nicht nur ihr Sohn geboren wurde - der 9. November 1989 hat das Leben der Familie Günther grundlegend verändert. So wurde Toms Vater, der in Leipzig Journalistik studiert hatte, zum Gebäudereiniger. In den Wendejahren hat sich die Familie auseinander gelebt. Tom erinnert sich an lauten Streit im Wohnzimmer. Die Ehe hat nicht gehalten. "Dieser dauernde Stress zu Hause hat mich echt genervt. Deshalb bin ich wohl auch so ein Kuscheltyp. Ich bin harmoniebedürftig. Auf jeden Fall will ich das alles besser machen."

Bald fährt Tom wieder nach Marburg, um seine Freundin zu besuchen. Sie wollen zwei Kinder haben, ihre eigene Familie gründen. Wo - das ist ihnen egal.

Top 3: Was ich an Deutschland mag und was nicht

Tom mag:

die Musikszene

die Sicherheit

die Geschichte

Tom mag nicht:

das Sozialsystem

den noch immer existenten Nationalsozialismus

die Gesetze (z.B. NichtraucherschutzG)

Julia mag:

deutsche Wälder

die Asylpolitik

deutsche Pünktlichkeit

Julia mag nicht:

deutsche Politiker

Atomkraftwerke

das deutsche Bildungssystem

Maria mag

die Ostsee

das NichtraucherschutzG

deutsche Innenstädte

Maria mag nicht:

Ausländerfeinde

Arbeitslosigkeit

Kriegseinsätze

Was sind Ihre positiven und negativen Top 3 in Deutschland? Nennen Sie sie in der Debatte!

Für mehr Erfahrungsberichte lesen Sie auch die Titelgeschichte im aktuellen SPIEGEL 45/2007:

"Geboren am 9. November '89

Die Kinder des Mauerfalls werden volljährig"

Lesen Sie auch:

Leben mit der deutschen Geschichte: Geboren am 9. November

Mauerfall und westfälisches Temperament: Nachricht für Musculus

Deutsche Erinnerungsorte: Welches Denkmal für die deutsche Einheit?

Deutsche Dramen: Ein Leben wie ein Thriller

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1.
Michael Koenig 06.11.2007
Top 3: Was ich an Deutschland mag und was nicht ich mag: das Gesundheitssystem deutsche Zuverlaessigkeit deutsche Weihnachten ich mag nicht: -das unfaire Bildungssystem -das staendige Beschweren und Unzufriedensein vieler deutscher Mitbuerger -die teilweise chaotische Aufgabenverteilung Bund/Laender
2.
Stephanie Marx 06.11.2007
Nun werden also auch die letzten Born in DDR 18! Ich möchte als "Mitglied" der Generation 89 erwähnen, dass ich Deutschland in Ost und West teile, entgegen aller Artikel (seis in diesem oder dem Titel). Nur weil es nun 18 Jahre ein Land ist wachsen die Menschen nicht so schnell zusammen, vorallem auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene! Meine Top 3: ich mag an Deutschland: stabile Wirtschaft (West) Ungezwungenheit (Ost) Umgang mit techn. Fortschritt ich mag an Deutschland night: Bildungssystem (von der Kindergrippe bis zur Uni) wirt. Verhältnis zwischen Ost und West (inkl. Arbeitslosigkeit) mangelnder polit. Einfluss des Volkes (Vorbild ist die Schweiz)
3.
Philipp Rock 06.11.2007
Der Satz "Die Familie floh 1961 aus der Bundesrepublik." ist mal ein schwerer sprachlicher Faux-Pas. Aus der Bundesrepublik musste man nicht fliehen, man konnte auswandern. Das war einer der wesentlichen Unterschiede zwischen der Bundesrepublik und der DDR.
4.
jayne-ann igel 07.11.2007
In Ihrem Beitrag ist zu lesen, daß es für junge Leute noch nie soviele Möglichkeiten resp. Chancen für die persönliche/berufliche Entwicklung gegeben habe wie heute - quasi "mit 18 im globalen Wettbewerb", wie Sie es formulieren. Allein die Tatsache, daß jene junge Frau aus Grimmen nicht studieren wird, weil die Eltern in äußerst prekären Verhältnissen, sprich auch: Arbeitsverhältnissen leben, spricht doch der eingangs zitierten Aussage Hohn. Und das geht doch weiter mit der Frage, welche Ausbildungsplätze oder Lehrstellen wirklich zur Verfügung stehen, welche Qualität die Bildung hat usw. Meines Erachtens geht die Darstellung in ihren kommentierenden Teilen an der Wirklichkeit vorbei.
5.
Fabian Schwarz 08.11.2007
Im Gegensatz zur Mehrheit finde ich das Bildungssystem an sich nicht schlecht, auch, wenn natürlich viel zu wenig darin investiert wird. Ich bin einfach nicht davon überzeugt, dass ein Systemwechsel gezwungenermaßen Besserung mit sich bringen und Deutschland konkurrenzfähig machen wird, da gehört mehr dazu....
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