Weltkriegsende in Ostpreußen "Die Deutschen durften ja wenigstens was einpacken"

Januar 1945, russische Truppen rücken in Ostpreußen vor. Mitten im eisigen Winter versuchen sich verzweifelte Menschen mit Pferdetrecks gen Westen zu retten. In Olga Zmijewskas Heimatdorf beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.


Es ist ein glasklarer Sonntagmorgen Ende Dezember, als ich in der Pension meiner Eltern im masurischen Dorf Idzbark aus dem Fenster schaue. Es herrscht Windstille, der Schnee bedeckt alles. Ich beschließe, ein bisschen von dem, was bedeckt ist, ans Tageslicht zu holen, nämlich die jüngere Geschichte meines Heimatdorfes. Meine Zeitreise beginne ich mit dem Buch "Zwei Wege aus Ostpreußen" von Inge und Fritz Bonin, einem befreundeten Ehepaar, das heute in Zürich lebt.

Am 19. Januar 1945 saßen Fritz Bonin, sein Bruder Lothar und ihr Cousin Heinz in dem 6-Uhr-Zug von Hohenstein nach Osterode in Ostpreußen. Die drei Burschen wollten eigentlich gar nicht die Schule schwänzen. Tags zuvor hatten sie aber gesehen, dass das 30 Kilometer entfernte Neidenburg brannte. Das Feuer schien ein Gerücht zu bestätigen, das schon auf dem Postamt umging: Die Russen waren da.

Vielleicht saß oder stand in diesem Zug auch Hilde Butschkowski, eine junge Frau aus Steinfließ nahe Döhlau, die ihre Pflichtlehre bei einem Zahnarzt in Hohenstein machte. Ihr vorausschauender Arbeitgeber wollte seine Familie in Sicherheit bringen und nahm die Neunzehnjährige mit ins Rheinland.

Zögerliche Fluchtvorbereitungen

Meine Tante Edith, Hildes Schwester, erzählt mir die Geschichte am Küchentisch meiner Großmutter abwechselnd in polnischer und deutscher Sprache. Sie und ihre Schwester Christel waren in Steinfließ gerade auf dem Schulweg, als ihnen der Gutsverwalter hoch zu Ross entgegenkam. "Der sagte, wir sollten packen und müssten nicht zur Schule an diesem Tag. Das fand ich natürlich toll. Wir sollten also warten, sie würden uns am nächsten Tag oder den Tag darauf Bescheid geben. Wären wir gleich am nächsten Tag… ach…", sagt meine Tante Edith und macht eine abfällige Handbewegung, um mir die Sinnlosigkeit des Unterfangens klarzumachen.

"Damals sagte Mutter nur: Na ja, wir müssen packen." Die drei Frauen in Steinfließ packten also. Die Mutter schnitt den Wandteppich in zwei gleich große Teile und entfernte die Fransen, um aus dem Stoff Rucksäcke zu nähen. Proviant waren getrocknete Brotreste, die sie wochenlang gesammelt hatte. "Ich weiß noch, wie der Großvater zu meiner Mutter sagte, hier sei bald Krieg. Die in der Stadt wussten ja viel mehr als wir hier in diesem Nest. Er befahl ihr, das Nötigste von Zuhause herzubringen, aber Mutter hat sich nicht entscheiden können", fährt Tante Edith fort.

Während in Steinfließ gepackt wurde, stiegen die drei Schüler des Hohensteiner Jungengymnasiums in Osterode aus dem Zug und sahen ungläubig, dass dort niemand in Aufbruchstimmung war. Die Hirschberger wollten erst recht nichts von einer Flucht wissen. Erst Schüsse auf einer nahe gelegenen Chaussee bewegten am 20. Januar den Bürgermeister dazu, die Räumung des Dorfes anzuordnen. Es begann ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem sowohl die Bonins als auch die zwei jüngeren Butschkowski-Schwestern mit ihrer Mutter von Vornherein keine Chance hatten.

Odyssee über vereiste Straßen

Die Nächte waren lang und die Straßen vereist. Über die Felder wirbelte der Schnee. Damit breite Chausseen für Fahrzeuge der Wehrmacht frei blieben, wurden die Trecks auf Nebenstraßen umgeleitet, wo der Ostwind pfiff. Aus der Ferne hörte man Geschützdonner, und der Feuerschein brennender Dörfer war weit zu sehen. In von Kleidung und Bettzeug überquellenden Pferdewagen drängten sich zahlreiche Menschen. Andere waren zu Fuß unterwegs und schoben Handwagen oder Fahrräder.

Mitten in dem Getümmel schrien Säuglinge. Deutsche Kettenfahrzeuge bewegten sich rasselnd voran. Frauen bettelten darum, auf einem der hoffnungslos überladenen Wagen mitgenommen zu werden. Die Pferde kamen auf den eisglatten Straßen nicht vorwärts, fielen um oder stellten sich quer. Wagen krachten in die Straßengräben.

Nur wenige Stunden später marschierte die Rote Armee in Osterode ein und verwandelte die "Perle des Oberlands" in einen glühenden Feuerball. In den folgenden Tagen versperrten Rotarmisten den Fluchtweg in den Norden und schickten die Flüchtlinge zurück. Sie konnten nur noch in ihre Heimatdörfer zurückkehren, die mittlerweile von russischen Truppen besetzt waren.

"Hitler kaputt"

In den ersten Monaten des Jahres 1945 herrschte überall große Ungewissheit. Anfang Mai überbrachte einer der in Hirschberg stationierten sowjetischen Soldaten die Nachricht: "Hitler kaputt!" Zwei Monate später bezog dort der erste Pole das Haus, in dem die Familie Bonin wohnte. Kurze Zeit später reisten die Bonins aus. Ende und Neuanfang gingen fließend ineinander über.

Einer derjenigen, die voller Hoffnung einen Neubeginn wagten, war der junge Pole Marian Kamiski. Im Frühjahr 1946 kam er bei seiner Rückkehr aus Berlin an dem Dorf vorbei. Er war auf dem Weg nach Nirgendwo, denn sein Zuhause gab es nicht mehr. Rotarmisten hatten ihn, seine sieben Geschwister und die Eltern am 10. Februar 1940 um 2 Uhr früh in Rudki bei Lwów aus den Betten gezerrt und zusammen mit anderen Polen vertrieben. Nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurde die Stadt dann unter ihrem alten Namen Lemberg Teil des deutschen Generalgouvernements, bevor die Sowjets sie 1944 zurückeroberten. Heute heißt sie Lwiw und gehört zur Ukraine.

Apolonia Wojarska (Name auf Wunsch der Interviewten geändert) ist mittlerweile eine der Ältesten in Idzbark. Sie liefert mir weitere Puzzlestücke, mit denen ich die Vergangenheit meines Heimatdorfs rekonstruieren kann. "Die Deutschen durften ja wenigstens was einpacken. Wir durften nur das mitnehmen, was wir uns anziehen konnten", erzählt sie mir über ihre Vertreibung. "So hat man uns mit Schlitten auf den Bahnhof gebracht. Dort wartete schon der Transport. Bis zu 300 Menschen fasste so ein Viehwagen. Die Stehenden und Liegenden mussten sich abwechseln. Nach einem Monat und acht Tagen kamen wir in Krasnojarsk an."

Von Lemberg über Sibirien nach Masuren

Im sibirischen Omsk erreichte die Familie im April 1946 ein Brief aus Polen. "Mein Bruder war nach Idzbark gekommen und hatte beschlossen, dort zu bleiben. Er schickte uns seine Adresse. Da hatte Stalin uns deportierten Polen schon die Ausreise erlaubt. Anfang April 1946 haben wir Omsk verlassen."

Als die 19-jährige Apolonia in Idzbark eintraf, blühten dort die Kirschbäume. Die Wahlheimat empfand sie als "wunderschön". Die Familie zog in ein leer stehendes Haus am Ende des Ortes und machte sich mit den Dorfbewohnern bekannt, unter denen noch viele Hirschberger waren.

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"Wie haben Sie sich mit ihnen verständigt?", hake ich nach. "Die sprachen doch alle Polnisch!", erklärt mir die alte Dame. "Gajewski, Sadowski, Marchlewitz. Viele hatten polnische Nachnamen. Ihre Urgroßeltern waren noch Polen gewesen. Erst die jüngeren Generationen wuchsen mit der deutschen Kultur auf." Ob es keine Berührungsängste zwischen den Dagebliebenen und den Zugereisten gegeben habe, frage ich. "Nein, wir hatten keine Angst. Man hat sofort eine Kuh gekauft, ein Schwein. Es gab Arbeit zuhauf, Kinder wurden geboren." In letzter Zeit denke sie aber immer häufiger an ihre wahre Heimat, die jetzt zur Ukraine gehört: "Wenn ich sterbe, soll meine Seele nach Rudki fliegen."

Freundschaften fürs Leben entstanden

Der Schnee auf den Feldern blendet. Ich nehme den Heimweg durch die weiß glitzernde Ahornallee, vorbei am stillgelegten Friedhof. Die Inschrift auf der neuen Granittafel ist sehr gut erkennbar. In goldenen Lettern steht da in deutscher Sprache: "Zum Gedenken der Bürger von Hirschberg, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben und ihre Heimat verloren. Sie mahnen zum Frieden."

Schulkindern und einigen Dorfbewohnern pflegen regelmäßig den Friedhof. Ehemalige Hirschberger oder ihre Nachfahren kommen heute noch nach Idzbark, auch in unsere Pension, und halten den Kontakt zu den Nachbesitzern ihrer alten Häuser aufrecht. Nicht selten sind Freundschaften fürs Leben entstanden. Man lädt sich gegenseitig ein, schreibt sich Briefe, die ich manchmal übersetze, und führt Skype-Gespräche. Der Vertriebenendiskurs, unterschiedliche Nationalitäten und die Unkenntnis der Sprache des Anderen sind keine Hindernisse. In meinem Dorf treffen sich Menschen auf einer Ebene, die auf tiefgehendem Mitgefühl und Verständnis beruht. Auch ich bin Teil dieser Geschichte.



insgesamt 21 Beiträge
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Christel Selig, 25.01.2015
1. Soll das ein Trost sein?
Meine Mutter mit 4 Kindern, 6, 4, 2 Jahre und ein Baby mit 4 Wochen. Ich kann mich nur noch daran erinnern, daß wir Mädchen 4 Kleider übereinander angezogen haben. Ich kann mich an eine größere Kanne mit Schweineschmalz erinnern, an meine Großmutter und meinen Großvater, der im Lager verhungerte, weil er immer sagte, er hätte keinen Hunger. Er wollte das Essen den Kindern überlassen. Wir gehörten zu den Donauschwaben, die unter Maria Theresia in Jugoslawien, in der Batschka an der Donau angesiedelt wurden. Ich kann mich nicht an viel erinnern, an manches Schlimme im Lager und an eine Maggisuppe, die schrecklich schmeckte. Seitdem mag ich kein Maggi mehr.
herr kategorien, 25.01.2015
2. Ja, tragisch
Wie schade, dass dieser Teil des Zweiten Weltkriegs zu alt ist, dass es noch großes Aufsehen erregt. Meine Familie gehört zu denen, die von den Russen erst vertrieben wurden, um dann "leerstehende" Häuser zu beziehen. Während des eigene Haus 1939 von Russen besetzt wird und man in ein russ. Lager umgesiedelt wird, nur um 1945 in ein neues Haus in einer anderen Region "zurück-umgesiedelt" zu werden -- die Geschichte wird dadurch unweit komplexer als manche Nachkriegsromantiker es darstellen. Und so werden die meisten von uns die Wirren solcher Zeiten nie begreifen, sondern ihr Verständnis auf Kartographie und Wikipedia-Geschichtswissen reduzieren. Meine Urgroßeltern waren im Nachhinein nur noch dankbar, dass sie den Krieg überlebt haben. Die meisten ihrer Nachbarn und Jugendfreunden haben es nicht geschafft, außerdem ein paar ihrer Kinder. Ich kann mir solche Lebensumstände von meinem bequemen Schreibtisch aus nicht einmal vorstellen. Übrigens kam es in den 90er und 00er Jahren vor, dass Nachfahren vertriebener Deutschen mitunter in die alten Dörfter fuhren, um sich dort in den Häusern ihrer Vorfahren "umzusehen". Es soll zu recht respektlosen Szenen gekommen sein. Die meisten Besucher waren höflich, aber nicht alle.
Gunther Roos, 25.01.2015
3.
Eine Frau in unserem Dorf ist als 5-jähriges Kind mit ihrer Familie aus Masuren übers Eis Richtung Westen geflohen. Noch immer sieht sie vor sich ins Eis eingebrochene Pferde - und kann deswegen bis heute keinen Fisch essen.
Eva Lengsfeld, 25.01.2015
4. ja, tragisch war die Flucht für viele mit Sicherheit...
um nicht zu sagen sehr grausam! Genau deswegen wundert es mich immer wie warum so wenig für den Frieden getan wird und sich die Spirale der angespannten Lage immer weiter dreht. Eben genau dieses Dramas sollten wir uns immer wieder vor Augen halten wenn Flüchtlinge um Aufnahme bitten. Für mich ist dies ein Akt der Menschlichkeit den Menschen zu helfen!
Dieter Germann, 25.01.2015
5. Die Deutschen durften ja wenigstens was einpacken
'Die Deutschen durften ja wenigstens was einpacken.' Naja, dafür haben sie aber ihren Besitz (Haus, Grundstück, Möbel, etc.) verloren. Die Polen konnten vielleicht nichts einpacken, aber dafür haben sie den Besitz der Vertriebenen Deutschen bekommen. Gelitten hatten alle, aber die Deutschen kamen im Westen nur mit dem an was sie tragen konnten, wenn sie denn die Flucht überlebt hatten. Die Polen konnten die Häuser und Felder der Deutschen übernehmen und die dürften um einiges besser gewesen sein, als das was sie in Galizien und Ost-Polen zurück lassen mussten.
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