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Westfront 1939-1940 Sitzkrieg mit Schnaps

Westfront 1939-1940: Krieg - und keiner ging hin Fotos
IWM/ Keating G. (Lt), War Office

Die Wehrmacht hatte Polen angegriffen, Frankreich und England hatten dem Deutschen Reich den Krieg erklärt. Doch an der Westfront rührte sich im September 1939 wenig: Offiziere und Soldaten blieben einfach sitzen. Von

"Bitte nicht schießen!" Französische Truppen hatten das Plakat so hoch gehängt, dass der Spähposten der Deutschen es sofort sehen musste. "Wenn ihr nicht schießt, schießen wir auch nicht", pinselten die Deutschen umgehend eine Plakatantwort, die sie in einer Kleinstadt bei Saarbücken aufstellten. Damit war die Lage klar. Keiner hatte hier Lust auf Krieg.

Die Deutschen lagen hinter dem Westwall, die Franzosen hatten an der Maginot-Linie Position bezogen. Es war Krieg, aber kein Schuss fiel, nur ab und an wurde eine Salve in die Luft geballert, die auf beiden Seiten Heiterkeit auslöste. Manchmal trafen sich Deutsche und Franzosen am Fluss. Sie hoben die Hand zum Gruß und wuschen ihre Wäsche. Die Franzosen sprachen zwar von den Boches, hegten aber kaum Groll gegen ihren Feind.

"Drôle de guerre", seltsamer Krieg, heißt die weitgehend ereignislose Phase zwischen September 1939 und Mai 1940. Die Deutschen hatten Polen angegriffen, Franzosen und Engländer dem Deutschen Reich daraufhin den Krieg erklärt. Doch General Maurice-Gustave Gamelin, einst Jahrgangsbester der französischen Elite-Militärschule Saint Cyr, hatte sich weit optimistischer gezeigt, als er war. Insgeheim fürchtete er die deutsche Heeresstärke, er hielt den deutschen Westwall für uneinnehmbar und hoffte auf eine diplomatische Lösung. Das verdammte die Franzosen zur Defensive. Die Linie, hinter der sie lauerten, war ein System aus düsteren Bunkern. Milliarden hatten sie für die Festungen ausgegeben, man wäre blöd, würde man jetzt unnötig in Gefahr vorrücken.

Weinproben und Liebeleien

Kalt und glatt glänzte der Beton der Bunker in der Sonne. Die Franzosen saßen dahinter auf Gartenstühlen aus Plastik. Sie spielten Karten, tranken Kaffee, plauderten. Einige Soldaten joggten in den Wäldern, wanderten, ja sogar beim Blumenpflücken und Picknicken wurde mancher erwischt. Statt mit der Waffe schossen sie mit dem Fotoapparat Erinnerungsfotos.

Man versuchte den Krieg auszusitzen. Der Frontalltag hatte etwas von einer Pfadfinderfreizeit in reizender Gegend. Es kam zu spontanen Weinproben. Die Franzosen hatten von Gerüchten gehört, nach denen eine diplomatische Lösung ohne Krieg möglich sei. Sie hofften daher, gar nicht erst zum Einsatz zu kommen. Also tranken sie Wein und Cognac, der in der Region billig zu haben war, und begannen das eine oder andere Liebesabenteuer. Gemeinsam mit den Engländern, die zur Verstärkung in Frankreich eingetroffen waren, ließ man sich zu Späßen hinreißen: Die Engländer hatten die Idee, aus alten Autotüren einen Verschlag zu bauen und ihn mit der Adresse ihres Premierministers zu bepinseln: Downing Street No. 10. Gemeinsam mit Soldaten der französischen Luftstreitkräfte posierten sie davor.

Gelegentlich zogen auf beiden Seiten Spähtrupps in Tarnkleidung los, um den Feind zu belauern. Auch die Deutschen warteten. Sie bauten an ihren Befestigungsanlagen, pflegten ihre Waffen und Panzer. Wie Gamelin wollte auch Hitler keinen Krieg im Westen. Ausdrücklich hatte er einen Übertritt der Westgrenze, der sogenannten Siegfriedlinie untersagt. Also saßen auch die Deutschen im Bunker herum, lasen Zeitungen und Bücher.

Doch allmählich setzte Verdruss ein. Der eiskalte Winter kam. Die Weinproben waren vorbei, die heimlichen Liebesbriefe mit großen Mots d'amour geschrieben, der Tratsch unter den Stubenkollegen ausgetauscht. Die Deutschen hatten Polen besiegt und ihre Westgrenze verstärkt. Bei den Franzosen sank die Moral. Der Sitzkrieg wurde zum psychologischen Krieg.

Luxusbankette für die Offiziere

Die französischen Offiziere ließen Spitzenköche aus Paris einfliegen. Die besten Restaurants der Stadt tischten Raffinessen in der Feldküche auf. Es duftete nach Thymian und frischen Wachteln, nach Muscheln und zartem Filet, Champagner perlte in den Gläsern. Mit der gleichen Sorgfalt, mit der man sonst über Taktik diskutierte, philosophierte die Heeresspitze über den zartesten Steinbutt. Aus der Boulogne sollte er kommen, mais oui!

Während Offiziere Luxusbankette feierten, sich den Frisör an die Front bestellten und Maurice Gamelin in Paris auf eine diplomatische Lösung hoffte, nahmen Faulheit und Ungehorsam in der Truppe zu. Prominenter Besuch sollte die Soldaten ablenken: Ministerpräsident Edouard Daladier und sein Luftfahrtminister Guy La Chambre kamen vorbei, auch Filmstars aus Paris. Die sich bessernde Laune der Soldaten führt dazu, dass sie nun ihrerseits ihre Talente bei spontanen Hitlerparodien zeigten.

Auch die Deutschen versuchten, sich bei Laune zu halten: In der 15. Infanteriedivision an der Saar trank man Glühwein gegen den Frost, spielte Skat im örtlichen Gasthof - und verstand sich mittlerweile gut mit Wirtin Erna. Gerne bereitete die ein Stück Fleisch aus der Feldküche zu. Die Division fungierte im Gegenzug als Treiber bei der örtlichen Jagd. Abendliches Halali mit Wein und Braten im Gasthof folgten.

Gelegentlich konnten sich die Soldaten bei der Landbevölkerung nützlich machen - zum Dank gab's von den Hausfrauen ein Schlückchen Apfelwein. Zum Amüsement der Division fanden Rennspiele statt, von denen man sich im Wirtshaus erholte. Wären nicht die zahlreiche Verlegungen gewesen, die einzig dem Zweck dienten, die Division in Form zu halten - man hätte den Krieg fast vergessen können.

Propagandabomber

Doch ganz ohne Aggressionen lief es an der Westfront nicht: Aus Lautsprechern schallten blechern Parolen ins Dorf zu den Franzosen. Dieser Krieg sei doch sinnlos, dröhnten die Deutschen. "Warum für Danzig sterben?" stand auf Plakaten, die die Spähposten der Franzosen auf großen Tafeln lasen. Mit Karikaturen versuchten die Deutschen bei den Franzosen Misstrauen gegenüber den Engländern zu schüren: Sie zeigten englische Soldaten, die sich mit Französinnen amüsierten. Als Flugblätter regneten die Zeichnungen über dem französischen Lager ab. Die Deutschen glaubten, dass die Franzosen in der Liebe keinen Spaß verstünden. Die Engländer revanchierten sich ihrerseits mit Flugblättern bei den Deutschen.

Ewig aber konnte dieser Zustand nicht anhalten. Nach acht Monaten Herumgesitze wurde aus dem Sitzkrieg am 10. Mai 1940 ein Blitzkrieg. Es waren die Deutschen, die die Passivität durchbrachen und zur Operation "Sichelschnitt" ansetzen: Hitler ließ die Franzosen einkreisen und der überraschte General Maurice Gamelin hatte dem nichts entgegenzusetzen. Seine Offiziere waren noch nicht aus ihrer Luxusbankett-Lethargie erwacht, da war die Lage bereits verloren.

Erst fünf Tage war der britische Premier Winston Churchill im Amt, da bekam er einen Anruf seines französischen Kollegen. Der sprach radebrechend Englisch und jammerte: "Wir sind geschlagen, die Front bei Sedan ist durchbrochen." Tags darauf traf Churchill in Paris ein. Wo die militärische Reserve sei, fragte er Gamelin. "Aucune" lautete die Antwort. "Es gibt keine." Der Sitzkrieg war für die Franzosen zum Fiasko geworden und Beginn des Zweiten Weltkriegs.

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1. Anekdoten
Alexander Schetter, 29.09.2014
Was ist denn das für eine Aneinderreihung von Anekdoten? Natürlich gab es Feuerüberfälle, gewaltsame Stoßtrupps und Bombardements. Aus ein paar Anekdötchen wird hier ein Gesamtbild gezimmert, unseriös! Dass dies alles stattgefunden hat, mag niemand bezweifeln, aber da geht es doch zu sehr um die journalistische Pointe.....
2. Gartenstühle aus Plastik
Georg Ritter, 29.09.2014
"Die Franzosen saßen dahinter auf Gartenstühlen aus Plastik." Über diese Gartenmöbel aus Plastik wüsste ich gerne Näheres. - "Einige Soldaten joggten in den Wäldern." Laufen gab es zwar "schon immer", aber der Begriff des Joggens ist erst seit den 60er-Jahren üblich. - Praktikanten sollte ein erfahrener Redakteur zur Seite gestellt werden, lieber Spon. Danke.
3. ???
top troll, 29.09.2014
"Die" Boulogne?
4. naja
Claus Nagel, 29.09.2014
...auf den Friedhöfen kann man sie sehen, diejenigen, die beim Joggen gestorben sind. Ja, gabs alles - vorsichtige Kontakte, gewisse Absprachen. Keine großangelegten Aktionen. Es gab aber Spähtrupps, Gefechte um Bergkuppen, Tote durch Minen usw usw - und zu jeder Zeit das Leid der Vertriebenen Zivilbevölkerung in den "roten Zonen" sowohl im Elsaß als auch in der Pfalz.
5. Bei uns...
Mathias Völlinger, 29.09.2014
...sollen sie sogar zusammen Schweine schwarz geschlachtet haben im kalten Winter. Die französische Zivilbevölkerung war ja hinter die Maginotlinie evakuiert worden. Hier unten im Badischen gibts noch so manche Anekdoten diesbezüglich.
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