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TV-Serie "Alf" Der Kartoffelsack, der unsere Herzen eroberte

20 Jahre "Alf": Der Kartoffelsack, der unsere Herzen eroberte Fotos
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Außerirdischer Katzenhunger und unterirdische Manieren: So platzte 1988 das Fellknäuel "Alf" in deutsche Wohnzimmer. Die TV-Serie war skurril, subversiv und ein bisschen wahnsinnig. Ihre wahren Fans erkennt man noch heute mit einem Trick. Von

"Packen Sie alles drauf außer Rote-Bete-Salat! Hören Sie? Keine Rote Bete!", röhrte die Krächzstimme, die den Rest meiner Kindheit verzaubern sollte. Das war im Januar 1988. Ich war gerade elf Jahre alt geworden, und im ZDF bestellte ein Zottelwesen von der Statur und Größe eines Kartoffelsacks Pizza. Und zwar am Telefon. Es war der Außerirdische "Alf". Der in der Vorwoche, in der ersten Folge der Serie, mit seinem Raumschiff in die Garage der Familie Tanner gekracht war. Vor Mutter Kate, Vater Willie und den Kindern Lynn und Brian lag ein Heimatloser, denn "Alfs" Planet Melmac war explodiert.

"Alf" - die Abkürzung stand im US-Original für "alien life form", was sich bei uns akronymneutral mit "außerirdische Lebensform" übersetzten ließ - war die vielleicht ikonografischste Figur, die das Fernsehen der achtziger Jahre hervorbrachte: Bäuchlein, Tapsfüße, Riesennase, Flügelohren und ganz viel orangebraunes Fell.

Penetrantes Gelächter vom Band

Aus Angst vor den Behörden hielten die Tanners das Pelzknäuel in ihrem Haus versteckt. Das kam mir schon von "E.T." bekannt vor - und bot Fläche für heimelig-exotische Projektionen. Unzählige Male nannte "Alf" im Laufe der Serie die Adresse "167 Hemdale Avenue", etwa beim Pizzabestellen - raus aus dem Haus kam er indes fast nie. Das schien mir plausibel. Spätestens seit Steven Spielbergs "E.T." von 1982 wussten Achtziger-Jahre-Kinder, dass Extraterrestrische nicht zwangsläufig bedrohlich sein müssen - und dass es manchmal gut ist, sie vor der Welt zu verstecken.

Dass dies auch etwas mit teuren Außenaufnahmen, sparsamen Kulissenbauern und dem Streben nach niedrigen Produktionskosten zu tun haben könnte, kam mir bei "Alf" nicht in den Sinn. Und auch das penetrant-gleichförmige Gelächter vom Band, die zweite wichtige Zutat der Sitcom, störte mich wenig. Von "Alf" lernte ich nicht nur dumme Sprüche für den Schulhof, mit "Alf" ging ich auf Entdeckungstour in die fremde Welt amerikanischer Durchschnittshaushalte.

Dass man dort wirklich alles per Telefon bestellen konnte, lernte "Alf" bald - und ich von ihm. Dass dort jedes Möbel in Rosa-, Flieder-, oder Beigetönen gehalten zu sein schien. Aber auch, dass die TV-Familie durch eine Zahnarztdiagnose in ein Dilemma geriet, dass für mich als westdeutsch rundumversorgtes Kind einfach unvorstellbar war: Soll man Tochter Lynn entweder jetzt eine Zahnspange kaufen oder später mit demselben Geld ihren College-Besuch finanzieren?

Alf war vulgär, "Alf" war subversiv

Mag die Figur "Alf" laut, vulgär und taktlos gewesen sein und mit ihrem ständigen Appetit auf Hauskater Lucky und dem dummen Spruch "Null Problemo" noch so genervt haben - die Serie war einfach so subversiv, wie Fellknäuel-zentrierte Massenware fürs Vorabendprogramm (mehr...) nur sein kann. Der Schriftsteller und Pop-Kritiker Martin Compart sah in "Alf" gar die erste Mainstream-Familienserie, die die Misere der US-Mittelschicht in den achtziger Jahren verarbeitete. Suburbia, die blitzblanke Vorstadtwelt, musste in den Regierungsjahren von Ronald Reagan und Bush Senior viel einstecken: Das Geld wurde knapper, die Sicherheit kleiner, der drohende sozial Abstieg realer. "'Alf' war die erste Familienkomödie, die das ausschlachtete", schrieb Compart 1997 in seiner kleinen Kulturgeschichte des englisch-amerikanischen Kult-TV "Von Alf bis U.N.C.L.E.".

Familienvater Willie war es, der diese gesellschaftliche Sorge verkörperte. Selbst ein liebenswertes Weichei mit Sechziger-Jahre-Sozialisation, war Willies Haltung zur neuen Gegenwart da draußen ein einziges Hadern. In der kleine Welt von 167 Hemdale Ave. trieb der gestrandete Außerirdische währenddessen den Konsumwahnsinn auf die Spitze: Er schickte alternden Showstars wie Bob Hope Schinken zu Erntedank, häufte per Telefon Wettschulden auf und kaufte mit dem Platin aus seinem Raumschiffwrack einen Ferrari für Lynn.

Außerirdischer Merchandising-Wahnsinn

Von 1988 bis 1990 wurden in Deutschland Hundert Folgen ausgestrahlt, die "Alf" zum allgegenwärtigen Anarcho-Kuscheltier und mich zum Merchandising-Opfer machten: Ich hatte "Alf"-Kissen, "Alf"-Bettwäsche, "Alf" als Stofftier, auf Schulheften, Ansteckern und Aufklebern, "Alf"-Hörspielkassetten und -Bücher und - dafür kann es keine Entschuldigung geben - sogar eine "Alf"-Unterhose! "Früher war es die Biene Maja, dann waren es die Schlümpfe, jetzt ist es der 'Alf'", kommentierte meine Omi damals. Natürlich hatte sie Recht.

Im Herkunftsland USA war "Alf" eine der erfolgreicheren Achtziger-Jahre-Serien, auch wegen des Geschäfts mit Spin-Offs: Es gab einen Ausflug in die Plattencharts, zwei Zeichentrickserien (1987: "Erinnerungen an Melmac", 1988: "Alf im Märchenland") und ab 1987 ein monatliches "Alf"-Heft des renommierten Comic-Verlags Marvel. 1996 kehrte der Zottel in einem unsäglichen TV-Movie zurück, in dem kein einziger der Tanners mehr mitspielte. Die Kritik zerriss den Streifen, dennoch schaffte er es in Deutschland sogar in die Kinos. "Alf" tauchte in Johnny Carsons "Tonight Show" auf und bekam 2004 sogar eine eigene Talkshow ("Alfs Hit Talk Show") - lange nach seiner großen Zeit. Denn nur vier Staffeln lang hielt "Alfs" Glück, dann reichten dem Fernsehsender NBC die Quoten nicht mehr.

Für uns Fans auf dem Schulhof war es ein Ende mit Ansage gewesen. Schließlich kündigte sich schon Mitte der dritten Staffel an, dass es mit "Alf" bergab ging. Als Kate verkündete, sie erwarte ein Baby, und damit eine weitere Hauptfigur für die Tanner-Familie ins Haus stand, war uns klar: Denen gingen langsam die Ideen aus - auf dem Höhepunkt von "Alfs" Popularität.

Alf als Volltext im Gedächtnis meiner Generation

Die "Rhein-Zeitung" beschrieb damals die kuriosen Folgen dieser Popularität an der Mosel: Ein Örtchen zwischen Cochem und Zell heißt, abgeleitet von der römischen Siedlung Albis, mittlerweile Alf. Und wegen meiner Lieblingsserie begannen "Alf"-Fans in Alf ab 1988 die Ortseingangsschilder abzuschrauben. Der Bürgermeister behalf sich mit Spezialschrauben und einem Schildershop für Souvenirjäger.

Ob all die Schilderdiebe und Merchandising-Bettwäscheschläfer der Achtziger die subtilen Details in der brachialen Sitcom zu würdigen wussten? Ich zumindest nicht. Nicht die vielen Popkultur-Zitate. Nicht, dass jede Episode den Titel eines Popsongs trug, zu dem es einen dezenten inhaltlichen Bezug gab. In der zweiten Folge, "Die Nacht, in der die Pizza kam", war das Frank Sinatras "Strangers in the night". Die Beatles und Elvis, Roy Orbison, Bob Dylan und die Surpremes, Led Zeppelin und Marvin Gaye waren auch dabei.

Einzig den Außerirdischen noch einmal anzuschauen und auf all das zu achten, was ich mit kindlicher Begeisterung damals übersehen habe, fällt schwer: Nach jahrelangem Tingeltangel (Wiederholungen sendeten unter anderem Sat 1, Pro 7, Kabel 1 und RTL 2) läuft "Alf" gegenwärtig nicht im Free-TV. Und es ist eine der wenigen Serien, die in Deutschland nicht auf DVD erhältlich ist: Angeblich sind ausgerechnet Streitigkeiten über das Urheberrecht an der ohrwurmigen Titelmelodie Schuld daran. Englische Fassungen aller vier Episoden erschienen in Übersee - zum Teil allerdings stark gekürzt.

So etwas merkt jedes ehemalige "Alf"-Kind sofort. Auch ich habe Freunde - erwachsene Menschen mit humanistischer Bildung - die nur eine halbe Dialogszene aus einer beliebigen Episode hören müssen, um wie auswendig gelernt weiter zu plappern. Wer das nicht glaubt, sage einfach zu einem in den späten Siebzigern Geborenen: "Wayne Schlegel, Columbia Lebens- und Unfallversicherung..." oder "Du wirst ganz müde Lucky, Deine Beine schlafen ein..." - Null Problemo!

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insgesamt 36 Beiträge
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1.
Steffen Glomb, 20.01.2008
> Wer das nicht glaubt, sage einfach zu einem in den späten > Siebzigern Geborenen: "Wayne Schlegel, Columbia Lebens- und Unfallversicherung..." naja fast, Columbia -> Michigan http://www.youtube.com/watch?v=3V0EIKmizH0
2.
Daniel Unger, 20.01.2008
Netter Artikel, schöne Erinnerungen! Aber eins muss doch mal klar gestellt werden. Als echten Fan wird man mit "Wayne Schlegel, Columbia Lebens- und Unfallversicherung..." wohl niemanden indentifizieren! Mit Michigan würd ich das schon eher versuchen...
3.
Thomas Osterhold, 20.01.2008
ich bin ja schon über 50;aber bei Wayne Schlegel war das nicht "Michigan" Leben- und Unfallversicherung? Grüße
4.
Dirk Siemer, 20.01.2008
Sehr schön zu sehen, dass man nicht allein auf der Welt ist. :-) Eine Korrektur sollte aber noch vorgenommen werden: Wayne Schlegel arbeitete bei der "Michigan Lebens- und Unfallversicherung", nicht bei der "Columbia...".
5.
Matthias Berkhahn, 20.01.2008
Ich würde sagen, der Autor hat sich vertan! Zitat: "Wer das nicht glaubt, sage einfach zu einem in den späten Siebzigern Geborenen: "Wayne Schlegel, Columbia Lebens- und Unfallversicherung..." oder "Du wirst ganz müde Lucky, Deine Beine schlafen ein..." - Null Problemo!" Ich bin fest davon überzeugt, dass Wayne Schlegel bei der Michigan Lebens- und Unfallversicherung gearbeitet hat! Und furchtbare Polyesteranzüge getragen hat! ;-) Gruß, Matthias
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