"Baywatch" Brust raus, Bauch rein!

Was lief im Fernsehen, wenn Millionen Deutsche Rot sahen und trotzdem verzückt waren? "Baywatch"! Am 31. August 1990 startete die Strand-Operette im deutschen TV - und wurde mit einem kruden Mix aus flachen Bäuchen und flacher Story zur quotenstärksten Serie der TV-Geschichte.

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Im Mai 2007 brach für Millionen Menschen eine Welt zusammen: Auf YouTube war ein Video zu sehen, das einen halbnackerten, dafür volltrunkenen David Hasselhoff beim kläglichen Versuch zeigte, einen Cheeseburger zu verspeisen. Der Mann sabberte, lallte, fluchte und wand sich auf dem Boden des Hotelzimmers wie ein angeschossenes Tier. "Du schmeißt dein Leben weg!", zürnte seine Tochter Taylor-Ann dazu aus dem Off und forderte ihren Vater auf, endlich seine Finger vom Alkohol zu lassen. Was für ein dramatischer Fall!

Das Entsetzen war groß. The Hoff - ein außer Kontrolle geratener Suffkopp, dem die Fleischbröckchen aus dem Mund rieselten? Unerträglich! Besonders für das deutsche Publikum. Schließlich verehrte kaum jemand den singenden Schauspieler mit der Föhnfrisur über der hölzernen Miene so hartnäckig wie die Nation der Dichter und Denker.

Vor allem ihr ist es zu verdanken, dass ein US-amerikanisches Trash-Produkt namens "Baywatch" zur bis dahin quotenstärksten Serie überhaupt aufsteigen konnte. In der ARD zum ersten Mal am 31. August 1990 ausgestrahlt, verliebten sich die Deutschen so gründlich in die makellosen Gutmenschen von Malibu, dass die übrige Welt bald nachzog - und schließlich sogar die USA einlenkten. Dort hatte man von der Strandläufer-Soap zunächst rein gar nichts gehalten.

Vom Flop zum Exportschlager

Kopfschüttelnd schalteten die Amerikaner um, als Ende September 1989 erstmals die leichtbekleideten "Baywatch"-Beautys über die Mattscheibe tänzelten. Bereits nach 23 Episoden setzte NBC die Serie ab, die sich der Rettungsschwimmer Greg Bonnan aus Los Angeles ausgedacht hatte.

Doch Hauptdarsteller Hasselhoff gab so schnell nicht auf - schließlich war die Rolle des Lieutenant Mitch Buchannon seit dem Aus von "Knight Rider" sein erstes größeres Angebot. Kurzentschlossen stieg er selbst als Co-Produzent ein, drosselte das Budget, verabschiedete zu teure Darsteller wie etwa Parker Stevenson - und drehte weiter.

Nicht mehr für die undankbare Heimat wollte er "Baywatch" produzieren, sondern für den Export auf die andere Seite des großen Teichs: jene Region, wo er zuvor schon als Schlagerbarde groß rausgekommen war. Denn anders als in den USA, wo Hasselhoff nach seinen ersten beiden Flopalben nicht einmal mehr einen Plattenvertrag ergattern konnte, hatte der blauäugige Hüne in dem Kölner Jack White einen wohlgesonnenen Produzenten gefunden.

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"Baywatch": Brust raus, Bauch rein!

Mit "Looking for Freedom" donnerte Hasselhoff einen Uralt-Hit von 1978 - und die Deutschen gerieten ob der vermeintlichen Hymne an die deutsche Freiheit in Ekstase. Wenn schon der Gesang bei den Europäern so gut ankam, warum sollten sie nicht auch "Baywatch" mögen?

Offensichtliche Reize, versteckte Botschaften

Die Rechnung ging auf: "Baywatch" wurde Kult. Mittlerweile zum Privatsender Sat.1 gewechselt, sicherte sich die Serie 1994 jeden Nachmittag einen Marktanteil von 15 Prozent. Und nicht nur das: Weltweit versammelte sie Mitte der neunziger Jahre allwöchentlich mehr als eine Milliarde Menschen in 144 Ländern vor den Bildschirmen - selbst in Iran, wo sie wegen offiziellem Verbot nur via Satellit zu sehen war. Was hatte "Baywatch", was "Dallas" nicht hatte?

Am Plot allein konnte es nicht liegen, denn der geht so: Am Strand von Malibu aalt sich ein Team von jugendlich-knackigen, zumeist unglücklich verliebten Rettungsschwimmern. Droht ein Badegast zu ertrinken, rafft ein Baywatcher die orangefarbene Boje, hüpft in Zeitlupe am Strand entlang, wirft sich in die Fluten und zieht den in Not Geratenen aus dem Meer. Und das etwa zweimal pro Folge - keine wirklich elektrisierende Handlung. Zumal manche der Rettungsaktionen eher absurd anmuten, etwa die offene Herzoperation mit einem Taschenmesser. Auch an der richtig großen Liebe und Leidenschaft, an Tragik und Humor mangelt es der Serie.

Immerhin bietet sie die Illusion einer hübscheren Welt: Wogende Silikonbrüste und hauchzarte Wespentaillen, straffe Six-Packs und breite Schultern sahen nicht nur traumhaft aus - ihre Besitzer taten auch noch Gutes. Angesichts der ständig durchs Bild wedelnden Knack-Popos mag es kaum aufgefallen sein, doch die Baywatcher retteten nicht nur Menschenleben, sondern kämpften auch gegen die Umweltzerstörung und kümmerten sich obendrein um Behinderte, Kleinwüchsige und Blinde.

In ihrer politisch und moralisch korrekten Makellosigkeit transportierten die Rettungsschwimmer den optimistischen Zeitgeist der neunziger Jahre: "Don't you worry. It’s gonna be alright", lautete die sonnige Botschaft von "Baywatch", wie es im Titelsong hieß. Nach dem Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus stiegen die wohlgeformten Hohlkörper aus dem Meer, um aller Welt zu verkünden: Das Böse ist tot, es lebe das Schöne, Seichte, Supergute!

Rund 600 Verehrerbriefe pro Tag

Die Botschaft kam gut an: Während Muttis, Omis, Muckibudenbesucher und Schwule für Mitch, den muskulösesten aller alleinerziehenden Bademeister, schwärmten, geriet die übrige Männerwelt in Wallung, sobald Pamela Anderson ihre Schmolllippen und den rettungsbojengroßen Vorbau ins Bild schob. Seit sie sich im Oktober 1989 erstmals für den "Playboy" ausgezogen hatte, eroberte die Sexbombe mit "Baywatch" endgültig die Herzen und Hosen der Herren.

Und das beinahe ausnahmslos, wie der "Daily Mirror" erstaunt anmerkte: "Unter den begeisterten Zuschauern sind sogar Akademiker mit himmelhohem IQ", schrieb die britische Zeitung 1995. "Nach einer Stunde 'Baywatch' kehren sie, von Pamela Andersons Dekolleté gebührend inspiriert, an ihren Arbeitsplatz zurück und arbeiten weiter an der Atomspaltung oder an dem großen britischen Roman."

In kaum einem Jugendzimmer durfte in den neunziger Jahren der "Bravo"-Starschnitt von Mitch, Casey Jean und Konsorten fehlen. Sunnyboy Hasselhoff erhielt in dieser Zeit allein von deutschen Fans rund 600 Verehrerbriefe pro Tag - laut SPIEGEL vor allem von blutjungen Mädels wie etwa Nina (10), die Hasselhoff um "fileicht drei Autogramme" bat, oder Conny (11), "weil ich schwerme von dir".

Viele der pubertierenden Girls wollten aussehen wie Pam - was ihnen dank des Wonderbra zumindest ansatzweise gelang. Der Wunder-Büstenpuscher avancierte auf dem Höhepunkt der "Baywatch"-Euphorie zum Must-have-Accessoire aller schmalbrüstigen Teenager.

"Zu alt für die Badehose"

Etwa zur gleichen Zeit erhielt die Serie ihre wohl höchste Anerkennung: 1995 kam die "Baywatch"-Barbie auf den Markt. "Plastik trifft plastische Chirurgie", lästerte das Wochenblatt "Weekly" über die Atombusen-Puppe. David Hasselhoff hingegen fühlte sich endlich auch im eigenen Land bestätigt: "Das ist ein Schlag gegen all die Idioten, die sagen, 'Baywatch' sei eine frauenfeindliche Titten- und Arsch-Show." Die neue Barbie "hebt uns in die vorderste Reihe der amerikanischen Kultur", sagte er in einem Interview.

Vom Erfolg beflügelt zog sich Mitch nach Feierabend nun den Designer-Anzug über die Badehose und ging 1995 mit "Baywatch Nights" auf Verbrecherjagd.

Doch der Eifer erlahmte bald. Nach zwei Staffeln wurde die Nachtversion des Strandmärchens wieder aus dem Programm genommen. Obernixe Pamela Anderson quittierte 1997 ihren Dienst, zwei Jahre später stiegt auch Hasselhoff aus der im Quoten-Sinkflug befindlichen Serie aus. Offizielle Begründung: "Ich bin zu alt für die Badehose." Der Versuch, der Serie mit dem Umzug von Kalifornien nach Hawaii neues Leben einzuhauchen, schlug fehl - im Mai 2001, nach 243 Episoden, drehte NBC den Geldhahn zu.

Statt mit Filmen macht der Star von einst in den Folgejahren mit Negativschlagzeilen von sich reden, etwa als er sich 2004 darüber beschwerte, dass sein Konterfei nicht im Berliner Mauer-Museum hänge - schließlich habe er mit "Looking for Freedom" damals den Freiheitsdrang der DDR-Bürger befördert und also eigentlich den Kalten Krieg beendet.

Die Deutschen indes verziehen ihrem Hoff nicht nur seine historische Unbelecktheit, sondern auch dessen Scheidungsdramen, Prügelattacken und Saufeskapaden. Im April 2010 durfte der Ex-Star zum "Musikantenstadl". Vor fünf Millionen TV-Zuschauern fiel ihm dabei ein lederbehoster Fan von hinten so enthusiastisch um den Hals, dass sich der alternde Beau mit Gewalt befreien musste, um nicht am Boden zu enden - wie weiland im Burger-Video.



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