20 Jahre "Die Simpsons" Gelb regiert die Welt

20 Jahre "Die Simpsons": Gelb regiert die Welt Fotos
TM Twentieth Century Fox Film Corporation

Millionen TV-Zuschauer verehren "Die Simpsons", dabei waren sie anfangs nur eine fahrig hingekritzelte Notlösung. Im Laufe der Zeit änderten Homer, Bart und Co. ihren Charakter und ihr Aussehen. Nur die ungesunde Gesichtsfarbe blieb - der Grund ist umstritten. Von

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Am Anfang soll Sam Simon, Mitentwickler und Autor von den Simpsons, der Serie kein Jahr gegeben haben. Der erste Fernsehauftritt der Simpsons 1987 war ein Cartoon von weniger als zwei Minuten - ohne Flüche, ohne Donuts und ohne Ned Flanders.

Ein Elternpaar bringt seine Kinder ins Bett, der Vater den Jungen, die Mutter die beiden Mädchen. "Wir sind die besten Eltern, die man sich vorstellen kann", freut sich der Herr der Hauses und herzt seine Gattin. Sekunden später schlüpfen alle drei Kinder ins Bett ihrer Erzeuger - die Gute-Nacht-Storys von zwickenden Bettwanzen und abstürzenden Kinderbettchen haben die Kleinen schwer verstört. Das war's.

"Die Simpsons" ist damals noch weit entfernt von der Zeichentrick-Sitcom, die das Magazin "Time" gut zwölf Jahre später zur besten TV-Sendung des Jahrhunderts erklären wird. Die frühen Kurzfilme handeln von so banalen Dingen wie dem gemeinsamen Abendessen oder Rülpswettbewerben. Die ersten Folgen von 1987 zeigen die gelbe Familie als das, was sie am Anfang war: eine schnell hingekritzelte Notlösung.

Wilde Legenden um die Hautfarbe der Simpsons

1985 macht James L. Brooks, heute Co-Produzent der Simpsons, dem Zeichner Matt Groening ein Angebot: Er könne Cartoons für die neue Comedy-Sendung "The Tracey Ullman Show" zeichnen. Für den noch unbekannten Groening ist das die Chance. Ursprünglich will er dem Sender seinen halbwegs etablierten Hasen-Comic "Life in Hell" anbieten. Doch als klar ist, dass sämtliche Rechte dann an den Sender Fox gingen, muss er sich etwas Neues einfallen lassen - und zwar ziemlich schnell. Keine 15 Minuten, so die Legende, dauert die Geburt der Simpsons. Groening entwirft sie im Foyer vor Brooks Büro als schnell auf das Papier geworfenen Lückenbüßer für "Life in Hell". Der Rest ist Geschichte.

Insgesamt 48 dieser "Shorts" laufen ab dem 19. April 1987 in drei Staffeln, jeweils nach den Werbepausen der "Tracy Ullman Show". Die Figuren sind noch ziemlich grob gezeichnet - angeblich wegen eines Missverständnisses zwischen Groening und den Animatoren: Der Erfinder der Serie dachte, die Zeichner würden seinen Skizzen den nötigen Feinschliff geben. Stattdessen übernahmen sie seine Rohentwürfe eins zu eins.

Auch um die Wahl der Hautfarbe von Springfields Bewohnern ranken sich Legenden: Eine besagt, dass die Farbe den unvorbereiteten Fernsehzuschauer glauben lassen sollte, die Farbeinstellung seines TV-Geräts sei kaputt. Einer weniger rebellischen Geschichte nach hatte Groening das Simpsons-Gelb ganz einfach vorrätig und verwendete es nur deswegen. So oder so wird die gelbe Haut der Protagonisten zum Markenzeichen der Serie. Dass bis auf Bart alle Simpsons Namen aus Groenings Familie tragen, mag an der Zeitnot vor Brooks Büro 1985 gelegen haben - oder daran, dass Groening einfach ein Fan dieser Namen war.

Narrenfreiheit für die schrecklich gelbe Familie

Dank des Erfolgs der Kurzfilme hievt Fox sein hauseigenes Gewächs zwei Jahre später ins Primetime-Programm. Am 17. Dezember 1989 läuft "Die Simpsons" als eigenständige Serie, 22 Minuten pro Folge. Seither geht es steil bergauf. Die schrecklich gelbe Familie hat schrankweise Fernsehpreise abgeräumt - und einen Stern auf dem Walk of Fame. Auch ansonsten hat sie beinahe alle Superlative, die jemals von einer TV-Serie aufgestellt wurden, durchbrochen: Es ist die am längsten laufende Sitcom und Primetime-Serie, die Serie mit den meisten Emmy-Awards und die Serie mit den meisten Episoden. Diesen Winter werden die Simpsons als langlebigste Serie "Rauchende Colts" vom TV-Thron stürzen.

Die Fernsehfamilie der Superlative wirbt inzwischen für Burger King und Renault, Marge zog sich schon für den Playboy aus. Außerdem gibt es tonnenweise Merchandise-Artikel, darunter Videospiele, Comics und Briefmarken. 2006 kannten die Teilnehmer einer US-Umfrage mehr Simpsons-Figuren mit vollem Namen als Freiheiten, die ihnen von der Verfassung garantiert werden. Das Oxford English Dictionary führt seit 2001 Homers Ausspruch und Markenzeichen "D'oh!".

Die Simpsons genießen zudem Narrenfreiheit. Ihr Heimatsender Fox lässt seinem Erfolgsgaranten jede Menge gemeine Witze auf Kosten des konservativen US-Kanals durchgehen. Prominente verstehen einen Gastauftritt in der Zeichentrickserie als intellektuellen Ritterschlag der Popkultur. Hochkarätige Stars stehen laut Groening seit Jahren Schlange, um in die Sendung zu kommen. Doch solche Initiativbewerbungen laufen ins Leere, eine Rolle bei den Simpsons gibt's nur auf Einladung - und die schlägt fast niemand aus: Tony Blair war da, Jonathan Franzen, alle lebenden Beatles, Tom Jones, Al Gore - die Liste ist endlos.

Idol für Kinder, Kiffer und Kulturschaffende

An ihrem 20. Geburtstag werden die Simpsons von Kindern, Kiffern und Kulturschaffenden gleichermaßen geliebt, verehrt und gefeiert. Bestsellerautor Daniel Kehlmann nannte sie eines "der intelligentesten Kunstwerke unserer Zeit", die Feuilletons betrachten sie als Gipfel der Hochkultur. Sogar der Astrophysiker Stephen Hawking und der öffentlichkeitsscheue Ausnahmeschriftsteller Thomas Pynchon sind bekennende Simpsons-Fans und traten schon mehrfach in Gastrollen auf - Pynchon immer mit einer Papiertüte maskiert.

Der Weg zu dieser breiten Akzeptanz war steinig: In den ersten Jahren schimpften Konservative, religiöse Eiferer und Lehrer die Simpsons noch einen Angriff auf den guten Geschmack, die Moral, die Jugend und überhaupt auf die gesamte Nation und die amerikanische Familie als Grundstein der Gesellschaft. Der damalige US-Präsident George Bush Senior ließ sich 1992 gar dazu hinreißen, in einer Ansprache zu fordern: "We need a nation closer to 'The Waltons' than 'The Simpsons'."

In Deutschland übernahm 1991 das ZDF die Ausstrahlung, musste aber bald erste Folgen zensieren und war - so wurde gemunkelt - erleichtert, als 1994 der Privatsender ProSieben die Verantwortung für die Problemfamilie Simpson übernahm. Doch die Zeiten der Provokation sind lang vorbei und die Simpsons vermutlich die letzte Fernsehfamilie, die den sonntäglichen Kirchgang pflegt und ohne Scheidung und größere Skandale seit zwanzig Jahren für Stabilität steht.

Fangesang vom King Of Pop

Dabei waren die ersten Staffeln nicht gerade ein Synonym für Kontinuität: Mal lautete die Adresse der Simpsons "94 Evergreen Terrace", mal "430 Spalding Way", bis schließlich "742 Evergreen Terrace" zu einer der berühmtesten Anschriften der Welt avancierte. Und auch die Figuren wandelten sich mit der Zeit. Die Glubschaugen kommen erst später, der anfängliche Überbiss geht zurück und Marges Frisur türmt sich erst mit der Zeit zu einem blauen Haarkaktus auf.

In den ersten drei Staffeln steht Bart noch im Zentrum der Serie und der TV-Westen erlebt eine regelrechte Bartmania. 1990 ruft "Entertainment Weekly" den verhaltensgestörten Zehnjährigen zum "Entertainer of the Year" aus. Der verstorbene Michael Jackson war einer seiner größten Fans. Die 1990 erschienene Single "Do The Bartman", performt von Barts englischer Originalstimme Nancy Cartwright, hat der King of Pop selbst geschrieben. Als Urheber taucht er allerdings nicht auf, da er zu diesem Zeitpunkt bei einer anderen Plattenfirma unter Vertrag stand.

In Japan hingegen wird Lisa, achtjährige Nervensäge und Weltverbesserin, als Superstar der Serie gefeiert. Zum intellektuellen Schwergewicht und moralischem Gewissen Springfields mausert sie sich allerdings erst mit der Zeit. Frühe Folgen zeigen sie als eine Art weiblichen Bart. Später ist Lisa der erste vegetarische Charakter einer Primetime-Serie und wird 2001 von der Tierrechtsorganisation Peta zu einer der tierliebsten TV-Figuren aller Zeiten erklärt.

Am auffälligsten wird der Gegensatz von alten und neuen Simpsons-Folgen jedoch am Familienoberhaupt: Homer Simpson - Vater, Ehemann, Trunkenbold und liebenswerter Idiot - war anfangs dünner, aggressiver und klüger. Mit der Zeit spielt sich sein Charakter immer mehr in den Vordergrund und löst Bart schließlich als Hauptperson ab. Allein in den ersten Jahren nimmt Homer etwa 70 Kilo zu und verliert gefühlte 80 IQ-Punkte. Da erschreckt es beinahe, dass ihn die Zeitung "USA Today" 2007 unter die 25 einflussreichsten Menschen der vergangenen 25 Jahre gewählt hat. Damit stand Homer in einer Reihe mit Bill Gates, Bono und Stephen Hawking.

Für die hingekritzelte Notlösung, die er einst war, eine erstaunliche Karriere.

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1.
Ralf Bülow 12.11.2009
Matt Groenings "Life is Hell"-Comics erschienen auch auf Deutsch, im Krüger Verlag, als "Liebe...", "Schule...", "Arbeit...", "Jugend ist die Hölle". Viele Exemplare scheinen aber nicht überlebt zu haben.
2.
kevin maas 12.11.2009
so weit ich weis hat stephen hawking nie einen nobelpreis gewonnen
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