Herrhausen-Attentat Tod in der Lichtschranke

Mordanschlag auf eine Symbolfigur: Im November 1989 wurde Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen Opfer eines Bombenattentats der RAF. Die Täter schienen gefunden, als ein Ex-Spitzel des Verfassungsschutzes auspackte - doch die Ermittlungen endeten in einem Debakel.

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DPA

Das Kinderfahrrad brachte den Tod. Am 30. November 1989 steigt Alfred Herrhausen, der mächtige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, pünktlich gegen 8.30 Uhr in seinen Dienst-Mercedes. Sein Chauffeur soll ihn, wie gewohnt, von seiner Privatwohnung in Bad Homburg zu seinem Büro in Frankfurt bringen. Doch die Fahrt dauert nur wenige Minuten. Dann ist Herrhausen, einer der bestgeschützten Männer Deutschlands, tot.

Eine gewaltige Explosion zerreißt um exakt Um 8.34 Uhr die Morgenruhe im Frankfurter Nobelvorort. Die Bombe detoniert genau neben Herrhausens gepanzerter Limousine. Die Druckwelle zertrümmert die Seitentür, hinter der Herrhausen sitzt; von Splittern an der Schlagader des Beines getroffen, verblutet der 59-jährige Wirtschaftslenker in Minuten. Sein Fahrer überlebt schwer verletzt. Ermittler finden später heraus, dass Herrhausens Wagen in eine Lichtschranke gefahren war, die eine TNT-Hohlladungsmine gezündet hatte. Versteckt war die Höllenmaschine in einem Paket auf einem Kinderfahrrad am Straßenrand.

Die Explosion tötete nicht nur einen einflussreichen Bankmanager. Die Bilder der ausgebrannten Limousine beendeten abrupt die Welle der Sorglosigkeit und Euphorie nach dem völlig unerwarteten Mauerfall in Berlin wenige Wochen zuvor. Die Rote Armee Fraktion (RAF), auf die der Verdacht sofort fiel, hatte sich in das Bewusstsein des freudetaumelnden Deutschlands zurückgebombt. Die Fahndung nach den Tätern begann mit Hochdruck - und sollte auf viele Widersprüche und unglaubwürdige Zeugen stoßen. Sie machen den Mord bis heute zu einem der rätselhaftesten Attentate der bundesdeutschen Geschichte.

Perfekte Planung

Allein die technische Präzision des Attentats war ungewöhnlich. Noch nie zuvor hatte die RAF derart exakt gearbeitet: Über Wochen müssen die Täter die unterschiedlichen Fahrtrouten ihres Opfers penibel überwacht und dokumentiert haben. Und nicht nur das: Vermutlich tarnten sich die Terroristen als Bauarbeiter, um die Lichtschranke mit Fotozelle zu installieren. Sie konnten dabei sogar ungestört unter der Asphaltdecke der Straße ein dünnes Kabel verlegen, welches mit der am Fahrrad befestigten Bombe verbunden war. Niemanden fiel etwas auf, obwohl die Straße direkt neben Bad Homburgs belebter Taunus-Therme lag.

An der Urheberschaft der RAF gab es kaum Zweifel. Zwei Tage nach dem Anschlag veröffentlichte ein "Kommando Wolfgang Beer" ein Bekennerschreiben im RAF-Duktus. Es verströmte einen abgrundtiefen Hass auf das "System" und versuchte zynisch, den kaltblütigen Mord als Akt der Befreiung zu legitimieren: "Durch die Geschichte der Deutschen Bank zieht sich die Blutspur zweier Weltkriege und millionenfacher Ausbeutung", schrieben die unbekannten Verfasser. Das Unternehmen stehe "an der Spitze der faschistischen Kapitalstruktur, gegen die sich jeder Widerstand durchsetzen muss".

Mit Herrhausen hatte sich die RAF erneut eine Symbolfigur des in ihren Augen repressiven und unmoralischen Kapitalismus ausgesucht. In ihrer Verblendung bestand für sie eine logische Verbindung zwischen dem Umstand, dass Herrhausen als Schüler während der NS-Herrschaft die "Reichsschule Feldafing" besucht hatte, eine Eliteschmiede der Nationalsozialisten, und dass er als Student Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung gewesen war. Dass jemand mit seiner Vita zum Lenker der größten deutschen Bank aufgestiegen war - für die Linksextremisten nur ein Beweis für die Verflechtung von Kapital und "rechter" Gesinnung in der Bundesrepublik.

Sensationelle Wende

Dabei bewies der scheinbar erzkonservative Bankenchef - der 1971 Vorstandsmitglied und 1988 alleiniger Vorstandssprecher der Deutschen Bank geworden war - durchaus Reformwille, sprach sich etwa zugunsten eines teilweisen Schuldenerlasses für Entwicklungsländer aus. Im RAF-Bekennerschreiben wird dies als reines Ablenkungsmanöver interpretiert, um "die bestehenden Herrschafts- und Ausplünderungsverhältnisse längerfristig zu sichern". In Wahrheit eckte Herrhausen aber intern mit solchen Ideen an. In dem Dokumentarfilm "Black Box BRD" deutete seine Witwe Traudl 2001 an, ihr Mann habe kurz vor seiner Ermordung gar vor dem Rücktritt gestanden.

Die Jagd nach den Mördern Herrhausens verlief zunächst erfolglos - bis sich 1991 plötzlich ein vermeintlicher Komplize selbst belastete: Er hieß Siegfried Nonne und hatte bis 1986 als Spitzel des hessischen Verfassungsschutzes die Frankfurter linke Szene ausgehorcht. Der einstige V-Mann lieferte den Fahndern die Details, nach denen sie so lange vergeblich gesucht hatten - und denen sie nun umso bereitwilliger Glauben schenkten.

Nonne behauptete, er habe seine in Tatortnähe gelegene Wohnung den Attentätern wochenlang zur Verfügung gestellt. Besser noch: Er kenne sogar zwei der vier RAF-Täter namentlich - es handele sich um Christoph Seidler und Andrea Klump. Als Experten des Bundeskriminalamts (BKA) in Nonnes Wohnung auch noch Sprengstoffspuren fanden, war der offenbar perfekte Kronzeuge gefunden. Gegen Klump und Seidler ergingen Haftbefehle.

Dubioser Kronzeuge

Doch die sensationelle Wende wurde zur Justizposse, die sich über Jahre hinzog und für die Bundesanwaltschaft in einem Desaster endete. Bald wurde bekannt, dass der Kronzeuge Nonne als drogenabhängig und geltungssüchtig galt und bereits mehrmals in psychiatrischer Behandlung gewesen war. In einem ARD-Interview widerrief Nonne zudem seine erste Aussage, die er nur auf Drängen der Ermittler gemacht habe. Dann widerrief er den Widerruf. Außerdem konnte nicht nachgewiesen werden, dass die gefundenen Sprengstoffspuren in Nonnes Wohnung mit dem beim Anschlag verwendeten TNT identisch waren.

Es entbrannte ein Krieg der Gutachter: Ein Psychiater befand Nonne für "uneingeschränkt aussagefähig", ein zweiter urteilte, es sei "nicht menschenmöglich", dass der Kronzeuge die in sich stimmige Geschichte frei erfunden habe. Dabei hatte Nonne genau das schon einmal nachweislich getan und den hessischen Verfassungsschützern in einem anderen Fall eine opulente Lügengeschichte aufgetischt. Erst im Jahr 1999 fällte ein dritter Psychiater in einem 92-seitigem Gutachten ein vernichtendes Urteil: Nonne sei ein "in sich gekehrter Sonderling" und eine "tief gestörte Persönlichkeit" - vermutlich leide er unter einer "schizoaffektiven Psychose".

Nach und nach brachen die Vorwürfe in sich zusammen: Schon 1996 hatte sich der von Nonne beschuldigte Christoph Seidler freiwillig gemeldet und behauptet, er sei nie Mitglied der RAF gewesen. Zudem habe er sich zur Tatzeit im Libanon aufgehalten. Nach nur eintägiger Vernehmung kam Seidler wieder frei. Die zweite Beschuldigte, Andrea Klump, wurde 1999 festgenommen. Sie bestritt ihre RAF-Mitgliedschaft, gab aber zu, eine paramilitärische Ausbildung bei der "Volksfront für die Befreiung Palästinas" absolviert zu haben. Der Mordverdacht gegen sie musste aber schon bald fallengelassen werden. Dennoch konnte Klump 2004 zu zwölf Jahren Haft verurteilt werden - allerdings nicht wegen des Herrhausen-Mordes, sondern aufgrund eines gescheiterten Attentats in Spanien und der Beihilfe zum versuchten Mord.

Ungeklärte Fälle

Auch die letzte spektakuläre These, die die US-Wirtschaftszeitung "Wall Street Journal" 2007 verbreitete, konnte niemals belegt werden: Das Blatt hatte gemutmaßt, hinter dem Anschlag stecke möglicherweise gar nicht die RAF, sondern die DDR-Staatssicherheit. Bis heute gibt so die sogenannte dritte Generation der RAF, die zwischen 1984 und 1998 insgesamt zehn Menschen tötete, die meisten Rätsel auf. Neben dem Fall Herrhausen sind auch die Morde an Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder, Siemens-Vorstandsmitglied Karl Heinz Beckurts, Manager Ernst Zimmermann oder an dem Diplomaten Gerold von Braunmühl weiterhin nicht abschließend aufgeklärt.

Der 30. November 1989 ist aber nicht nur der Tag, an dem die RAF Alfred Herrhausen "hinrichtete", wie sie es in ihrem zynischen Bekennerschreiben ausdrückte. Just an diesem Tag wurde auch, von der Öffentlichkeit wenig beachtet, die RAF-Terroristin Verena Becker aus der Justizvollzugsanstalt im nordrhein-westfälischen Willich entlassen. Sie war 1977 wegen versuchten Mordes in sechs Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden, doch Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte sie begnadigt. Ein Sprecher Weizsäckers gab später zu, der Zeitpunkt von Beckers Entlassung sei "unglücklich" gewesen.

Fast genau zwanzig Jahre konnte Verena Becker ihr Leben in Freiheit genießen, bis sie Ende August 2009 wegen neuer Indizien im Fall des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback erneut festgenommen wurde - Ausgang offen. Die Akte Herrhausen zählt hingegen nur noch aus formalen Gründen zu den "laufenden Verfahren".



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Ole Stolte, 29.11.2014
1.
Wer glaubt denn noch an das Märchen dass gerade Morde wie an Herrhausen und Rohwedder von der RAF begangen wurden.
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