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01. Juli 2009, 10:36 Uhr

Die erste Love Parade

"Wir donnerten unseren Sound in die Stadt"

150 Menschen tanzten um drei Pritschenwagen: Die erste Love Parade 1989 war alles andere als ein Mega-Event - und dennoch totale Anarchie für Organisator Dr. Motte. Auf einestages erzählt er von Kellerkindern auf dem Ku'damm und einem erstaunlichen Zusammentreffen mit der Polizei.

Es war der Sommer 1989, der letzte geteilte Sommer Berlins. Aber wenn ich heute daran zurückdenke, an die Stadt und unser Lebensgefühl, dann spielt die DDR, die Politik darin keine Rolle. Es waren andere Mauern, die wir zum Einstürzen brachten, andere Grenzen, die sich auflösten. Weil wir nächtelang zu einer Musik tanzten, die keine Grenzen mehr kannte, in der sich alles auflöste, Melodien, Beats, Baselines. Und wir hatten einen Traum: Dass diese Musik tatsächlich Menschen verbinden könnte, über alle Mauern hinweg, auf allen Kontinenten. Es war der Sommer der ersten Love Parade.

Ende der achtziger Jahre war ich Teilhaber und Discjockey in einem kleinen Club in Schöneberg, Turbine Rosenheim; 250 Mann und der Laden war voll. Wie am 21. September 1988, da fand hier die erste Acid-House-Party Deutschlands statt - das Ergebnis meiner ständigen Recherchen nach neuer Musik. Eigentlich hatte ich in Spandau Betonbauer gelernt und wollte Architekt werden. Moderne Häuser entwerfen, Gropius, Bauhaus, das hat mich fasziniert.

Aber dann gab es diesen neuen Sound. Der nirgendwo reinpasste, der sich unbegreiflich und neu anfühlte, ich war sofort infiziert. Ging in die Plattenläden, legte selbst auf, hörte Geschichten, die man sich aus London erzählte. Von illegalen Partys in leerstehenden Fabriken, die von der Polizei aufgelöst wurden, und die Leute feierten danach einfach auf der Straße weiter. Dieses Bild brannte sich in mein Gedächtnis ein, ganz oft fragte ich mich: Ginge so etwas nicht auch in Berlin? Eine Party unter freiem Himmel, mit dieser neuen Musik?

Demo für Frieden, Abrüstung - und Eierkuchen

Es hat noch ein halbes Jahr gedauert, dann machte es plötzlich "Pling". Wir hatten mal wieder durchgefeiert, eine Nacht lang, und standen im Morgengrauen mit Freunden vor einem Club. Ich hatte die Lösung: Ich melde einfach eine Demonstration an. Ganz kurz war es still, dann waren alle am Schreien. Denn das hatte was total Anarchisches, etwas, was noch nie zuvor jemand gemacht hat. Und jeder wollte helfen, damit diese Idee umgesetzt wird.

Eine Grafiker entwarf die Flyer, eine Freundin hat beim Bezirksamt Charlottenburg gearbeitet. Die hat uns mit dem ganzen Verwaltungskram geholfen, wir hatten ja keine Ahnung, wie das geht: eine Demo anzumelden. "Für Frieden, Abrüstung, Freude, Musik als neues Mittel der Verständigung und Eierkuchen für die gerechte Nahrungsmittel-Verteilung", stand als Motto auf dem Antragsbogen. Und ganz ehrlich: Das finde ich heute noch großartig.

Ja, und dann flatterte tatsächlich irgendwann die Bestätigung ins Haus. Unsere Demo war genehmigt, für den 1. Juli, ein Samstag, 16 Uhr. Wir trafen uns um schon um zwei, das Fischlabor in Schöneberg war unser Sammelpunkt; wir, das waren vier DJs aus Westberlin: Westbam, Kid Paul, Jonzon und meine Wenigkeit, Dr. Motte. Zusammen haben wir die Generatoren auf die Pritschenwagen gebaut - zwei alte VWs und eine Citroën Ariane. Die Musik hatten wir vorher aufgenommen. Drei Kassetten zu je 90 Minuten, auf allen exakt derselbe Mix. Und dann sind wir abgefahren.

"Woll'nwa denn ma los?"

Als wir am Wittenbergplatz ankamen, war es etwa halb vier. Wir waren zu früh. Teilnehmer waren keine zu sehen, besonders tolles Juli-Wetter hatten wir leider auch nicht. Der Himmel war bedeckt, es nieselte. Und so standen wir denn erst mal rum. Da fiel uns auf: Wir hatten uns im Vorfeld zwar eine Menge Gedanken um Organisation und Musik gemacht, aber jetzt, wo es soweit war, standen wir genauso ratlos da wie die ganzen Polizisten. Es waren unzählige da. Niemand hatte uns und unsere Sache einschätzen können, da wollte man wohl auf Nummer sicher gehen.

Als es dann halb fünf wurde, ist es der Polizei zu blöd geworden. Ich weiß noch wie heute, wie der Einsatzleiter auf mich zugeschlurft kam, und in breitestem Berlinerisch meinte: "Woll'nwa denn ma los?" Das war unser Startschuss. Wir schmissen die Generatoren an, liefen neben den drei Autos her, mit uns vielleicht 50 Teilnehmer. Die haben sich einfach um uns herum sortiert, und so sind wir dann den Ku'damm hoch.

Wir wurden immer mehr. Und immer lauter. Es war ein sonderbares Gefühl, das immer größer und stärker wurde, je länger wir fuhren. Denn bis zu diesem Punkt, als es am 1. Juli um halb fünf am Wittenbergplatz losging, hatte niemand gesagt: Das geht nicht, das dürft ihr nicht. Vielleicht hatten wir unbewusst damit gerechnet. Aber nichts geschah. Man ließ uns einfach machen. Und wir fühlten uns immer sicherer.

Kellerkinder blockieren den Ku'damm

Wir verstanden uns als Familie, je länger der Umzug dauerte, denn das Tolle war: Wir waren endlich aus unseren Kellern gekommen. Da lagen die meisten unserer Clubs, wir waren die Kellerkinder der Musik. Und nun konnte uns plötzlich jeder sehen und vor allem hören, und das fühlte sich irre an und sehr besonders. Ich werde den Moment nie vergessen, als wir auf der Rückfahrt auf dem Ku'damm stehenblieben mit unseren Wagen, einfach so. Aber die Polizei ließ uns, die hatten ja gemerkt, dass wir total harmlos waren. Eine Viertelstunde standen wir da und haben die Kreuzung blockiert. Es war frech und fühlte sich so frei an. Wir donnerten unseren Sound in eine Stadt, die bald das Zentrum Deutschlands werden sollte. So viel Euphorie habe ich selten in mir gespürt. Das war für uns ein Gefühl der Revolution, nichts anderes.

Unter freiem Himmel hatte die Musik nichts von ihrem Zauber verloren, im Gegenteil. Sie wurde immer größer, je mehr Leute hinzukamen, weil genau das unser Lebensgefühl war, gemeinsam in eine Art Trance zu fallen, als Einzelner in dieser zuckenden Masse unterzugehen, angetrieben von Stroboskop und Nebellicht. Dazu dieser neue Acid-Sound, der einen fast hypnotisch vorantrieb. Man fühlte sich elitär, und man machte etwas, das die Gesellschaft nicht verstand.

Elektronische Tanzmusik ist ja nichts anderes als die Weiterentwicklung des Punk. Denn jeder konnte sie produzieren, bei sich zu Hause, in der eigenen Garage. Man brauchte kein Tonstudio mehr und man musste kein Instrument beherrschen, man konnte einfach auf die Bühne und ab ging's. Das ist das Anarchische am Punk und am Techno, das ist, was mir daran so gefällt. Jeder kann.

"Schaut mal her, die Deutschen können feiern"

Der Tag der ersten Love Parade ging ziemlich unspektakulär zu Ende. Wir packten das Equipment ein und brachten die Wagen zurück, und dann ging ich arbeiten, also: Platten auflegen in der Turbine Rosenheim. Dabei hätte ich vielleicht lieber etwas ganz anderes gemacht. Den Moment genießen, die Bilder noch einmal an mir vorbeiziehen lassen. Denn uns war schon bewusst, dass da etwas Großes passiert war.

Im Jahr darauf kamen nicht 150, sondern 2000 Menschen zur Love Parade. Dann 10.000, 30.000, 100.000, 350.000, die Sprünge waren gewaltig. Im Jahr 1999 waren es anderthalb Millionen. Wo immer Freunde von mir in dieser Zeit in der Welt unterwegs waren, ob Rio de Janeiro, Seattle oder London, überall wurden sie mit Fragen nach der Love Parade gelöchert. Sie hat das Bild Deutschlands in der Welt verändert: "Schaut mal her, die Deutschen können zwanglos feiern, und man lässt sie. So frei ist dieses Land."

Darauf bin ich nicht stolz, das ist keine Kategorie, in der ich gern denke. Aber ich mag die Reaktionen, die ich noch heute auf eine Idee bekomme, die mir im Morgengrauen vor einem Berliner Club gekommen ist. Und ich bin traurig darüber, was aus der Love Parade geworden ist.

Von der Liebesparade zum Abschreibungsprojekt

Die Geschichte ist schnell erzählt: Irgendwelche Witzbolde hatten 2001 für das traditionelle Love-Parade-Datum bereits eine andere Demo angemeldet, und der Senat tauchte ab. Wir verloren unsere Sponsoren, innerhalb kürzester Zeit ging uns die Kohle aus, die Love Parade 2002 mussten wir bereits aus unseren Rücklagen finanzieren. In der guten Zeit haben wir uns nämlich keine Gewinne ausgezahlt, sondern gespart. Das kam uns erst mal zugute. Doch Ende 2003 hat es uns schließlich das Genick gebrochen. 2004 und 2005 gab es keine Love Parade, wir gingen insolvent.

Kurz vorm Niederlegen unserer GmbH kam ein Investor auf uns zu, eine westdeutsche Fitnesskette. Sie legten uns ein Angebot vor. Ich wollte nicht verkaufen. Ich habe zu den anderen Gesellschaftern gesagt: Ihr macht einen großen Fehler, weil ihr für kleines Geld eine Weltmarke verscherbelt, damit dieser neue Käufer Werbung für seine bescheuerte Fitnesskette machen kann. Sie taten es trotzdem.

Die Love Parade ist jetzt ein Marketing-Event, das der Inhaber steuerlich absetzen kann, also im Grunde: ein Abschreibungsprojekt. 2009, im Jahr des 20. Jubiläums, findet in Deutschland keine Love Parade statt. Ganz ehrlich: Ich bin nicht traurig drum.

Aufgezeichnet von Iris Hellmuth

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